Was macht mein Pfarrer eigentlich in Zeiten von Corona?

Keine Gottesdienste, kein Reliunterricht, Konfirmation auf unbestimmte Zeit verschoben. Auf dem ersten Blick sieht es aus, als stünde die Kirchenwelt zur Zeit still.
Aber genau das Gegenteil ist der Fall: In Kirchenleitungen als auch in den Gemeinden vor Ort wird an unglaublich vielen neuen Formaten und Ideen gewerkelt, damit Kirche weiterhin den Menschen nahe sein kann. Allein auf Yotube finden sich hunderte Videos von Gottesdiensten, die in den leeren Kirchen aufgenommen wurden.
Und nebenher läuft vieles vom sowieso unsichtbaren Alltagsgeschäft der Pfarrerinnen und Pfarrer weiter. Und weil es viele nicht sehen können (und manche nicht sehen wollen), hab ich mal ein bisschen versucht, es sichtbar zu machen:


Radioandachten im März 2020 auf Charivari 98,6

Mit-Fühlen

Langsam drückt Fiona mit der Spitze des Brieföffners immer stärker auf ihren Handrücken. Die Haut bildet eine tiefe Delle – dann erhöht sie den Druck, die Spitze bohrt tiefer in die Haut der Schmerz wird immer stärker … unbewusst beißt sie sich auf die Lippe
Na! Hat es bei ihnen auch schon wehgetan, allein beim Zuhören. Keine Sorge, sie können wieder entspannen – ich wollte bloß mal ausprobieren, ob es ihnen auch so geht. Denn wir Menschen haben die Fähigkeit, selber Schmerz zu mit-zu-empfinden, den wir bei anderen sehen.

Komisch, dass wir das können – was hat sich da unser Schöpfer bloß dabei gedacht? Wahrscheinlich wollte er, dass wir mit-fühlende Wesen sind, die das Leid der Anderen nachempfinden können. Ich denke, wir sollten dieses Talent auch nutzen. Mitfühlen, uns in den anderen einfühlen und dann einander beistehen, wenn es jemanden schlecht geht.Nur mit der Schulter zucken und weitergehen – dafür sind wir Menschen eigentlich nicht gemacht.

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Predigt: Wenn die PR-Abteilung versagt, kommt raus, wie ernst er es meint (Lukas 9, 57-62) 15. März 2020

Lk 9,57-62

Drei Menschen, die Jesus eigentlich nachfolgen wollten, erhalten von ihm eine barsche Abfuhr. Es ist ihm ernst, bei dem, was er vor hat: Wenn große Herausforderungen anstehen, ist es wichtig, auch konsequent die Komfortzone zu verlassen.

Predigttext:  Lk 9, 57.62
Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu Jesus: Ich will dir folgen, wohin du gehst. 58 Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. 59 Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. 60 Er aber sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! 61 Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind. 62 Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

 Was passiert, wenn man keinen PR-Berater hat

Liebe Gemeinde,
Jesus hatte keinen PR-Berater,
keine Werbefachfrau hat seine Reden vorher durchgelesen,
und kein persönlicher Referent hat darauf geschaut, was er so “twittert” und ihn davor gewarnt, dass der eine oder andere Satz falsch verstanden werden kann.

Und so hören wir hier drei Sätze Jesu, die jedem dieser Beratungsmenschen das Blut in den Adern gefrieren lassen würden.
“Jesus! Das kannst du doch so nicht sagen! Da kommen Menschen, die dich verehren, die dir nachfolgen wollen; die wollen etwas von dir, das ist doch wunderbar! Und dann klatscht du denen diese ablehnenden Sätze wie einen nassen Lappen um die Ohren. Da brauchst du dich nicht wundern, wenn sie sich enttäuscht und verletzt zurückziehen. Denn es dumm geht, hast du dir eben Fans zu Feinden gemacht.” ich will weiterlesen

Radioandachten auf Charivari 98,6 im Februar 2020

Verlorene Kaffeebohne

Wer hat denn eigentlich diese Kaffeebohnen-Verpackungen erfunden?
Egal, von welchem Hersteller sie sind: Ich schaffe es nie auf Anhieb, alle Bohnen herauszuschütteln. Immer bleibt irgendwo eine hängen. Wenn ich die vermeintlich leere Tüte schüttle, höre ich das verlorene Böhnchen klappern … irgendwo in einer Falte der Packung muss sie ja sein! Aber das blöde Ding will da einfach nicht raus!
Klar, ich könnte jetzt die Tüte auch mit der Bohne in den gelben Sack werfen … die eine Bohne … aber ich bringe es nicht übers Herz. Da wächst sie ein Leben lang am Kaffeestrauch, wird geerntet, reist um die halbe Welt nach Deutschland, wird geröstet … dann kann ich sie doch nicht so einfach  wegschmeißen!
Also hole ich eine Schere, schneide die Tüte großzügig auf und … irgendwann finde ich sie, und das Böhnchen wandert  in meine Kaffeemaschine.
Ein bisschen hat mich das an die Geschichte vom guten Hirten erinnert: Da lässt der Hirte seine ganze Herde erst mal allein, um das eine verlorene Schaf zu finden. Der einzelne zählt! Wir sollten keinen verloren geben, keiner sollte sich abgehängt und zurückgelassen fühlen. Der Blick auf den einzelnen – das macht uns zu Menschen.

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Predigt: Im Weinberg Gottes gibts kein Controlling (Matthäus 20, 1-16) 9. Februar 2020

Mt 20, 1-16

Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg. Wir messen für unser Leben gern: Gelaufene Schritte, verdientes Geld, besuchte Gottesdienste. Und ganz schnell basteln wir uns daraus ein Ranking: Wer verdient welche Anerkennung? Aber Jesu Gleichnis macht uns da einen fetten Strich durch die Rechnung.

Die Liebe zum Messen

Liebe Gemeinde,
haben sie auch so eine Uhr mit Schrittzähler, Pulsmesser und sonstwas? Ist schon toll, wenn man weiß, wie viele Meter man im Laufe des Tages gegangen ist, wieviel Kalorien man verbraucht hat und wie hoch der aktuelle Ruhepuls ist. Meiner liegt bei 63 Schlägen – ist Ihrer niedriger? Und schon geht es los: Wir messen, wir vergleichen und wir denken uns dann unseren Teil: “Oh, ich habe einen Puls von 60 – na, da schauste, was?”

Nicht anders ist es beim Geld: Offen spricht man ja nicht drüber, aber dann überlegt man schon: “Wie kann sich der Nachbar bloß dieses Auto leisten? – Und bei mir reichts bloß zum gebrauchten Golf.” Oder eher ein Frauenthema: “Was hast denn du beim letzten Buffet vom Singverein mitgebracht? Aha nur eine Bisquitrolle … naja …jeder wie ers kann”

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Radioandachten im Januar 2020 auf Charivari 98,6

Freiheit für die Füße

Manchmal könnte ich wahnsinnig werden … wenn ich irgendwo rumsitzen muss, und meine Beine fangen langsam zu kribbeln an. Erst ein bisschen, und dann immer schlimmer. Die wollen laufen – aber ich muss hier herumsitzen.
Wenn ich die wegschrauben könnte … ihnen sagen: Geht schon mal raus, ich komme später hinterher …

Aber das geht ja dummerweise nicht. Meine Füße wissen anscheinend besser als ich, was ich manchmal brauche:
Einfach mal weg!
Raus aus dem, was mich festhält.
„Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ heißt in einem Psalm der Bibel.
Ja, das wünsche ich mir öfter: Spielraum für meine Füße – und für meine Gedanken. Auslauf … eigene Wege gehen können, statt vorgezeichneter Pfade.
„Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ –  das wünsche ich mir. Hmmm  aber vielleicht stehen sie da ja schon … auf dem weiten Raum … aber ich traue mich bloß nicht, auch mal weite Schritte zu gehen.
Tja, ich müsste es eigentlich nur mal versuchen.

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Predigt zur Jahreslosung 2020: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben“ (Markus 9,24) Glaube kennt keine Prozentzahlen!

Jahreslosung 2020

„Ich glaube; hilf meinem Unglauben“! Wieviel Prozent Glauben stecken in so einem Satz? 40%, 20% oder nur 0,1%?
Glaube kennt keine Prozentzahlen, und kann doch Berge versetzen.
Diese Predigt setzt beim „Bilanz ziehen“ zum Jahreswechsel an und entdeckt, wie Glaube und Zweifel im gleichen Herzen Platz haben können.
( Bild: Eva Jung, https://godnews.de/goodie/ich_glaube/)


Bilanz ziehen

Sind Sie ein Bilanz-Typ? Es gibt ja Menschen die gerne zum Jahreswechsel Bilanz ziehen.
– Man schaut auf das vergangene Jahr zurück.
– Man überlegt, was da so alles passiert ist im Jahr 2019.
– Was habe ich geschafft? Was ist unerledigt geblieben – was habe ich auf die lange Bank geschoben oder sogar gänzlich aufgegeben?

Bilanz ziehen weckt auch Emotionen: Ich habe mich über Menschen und Dinge gefreut und geärgert. Es gab Enttäuschungen und Überraschungen. Dabei bin ich nicht nur Zuschauer gewesen; ich selbst habe dieses Jahr gestaltet, war aktiv, oder manchmal auch zu passiv.

An manchen Stellen nagt die Frage: Was wäre gewesen, wenn ich in diesem oder jenem Moment anders entschieden, anders gehandelt hätte?
Wenn ich am Bilanz ziehen bin, dann stehe ich selbst auf dem Prüfstand. Dann stehe ich zwischen Soll und Haben.
Wie weit bin ich zufrieden mit dem, was da alles war?
War es ein gelungenes Jahr – zu 100% in Ordnung?
Oder doch eher so zwei Drittel OK – und ein Drittel war nicht so toll?
Vielleicht nur 50:50?
Möglicherweise sieht die Bilanz noch schlechter aus.

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Symbolpredigt: Der Strohstern – Aus dem Stroh alter Erzählungen den Stern des eigenen Glaubens flechten – 25. Dezember 2019

Strohsterne

Sie sind aus Stroh, das manche für wertlos halten, und verweisen doch auf die Größe Gottes, der den Kosmos schuf und Jesus gesandt hat.
Die Symbolpredigt zu den Strohsternen greift dazu alt- und neutestamentliche Aspekte auf.

Liebe Gemeinde,

was wäre ein Weihnachtsbaum, was wäre Weihnachten, ohne Strohsterne? Überall hängen sie. Nicht nur am Baum, auch in den Fenstern. Sie lassen sich überall dazulegen. Strohsterne sind irgendwie die Allzweckwaffe der Weihnachtsdekoration

Der Stern als Wegweiser

Aber sie sind natürlich mehr als nur Deko-Schnickschnack. Denn sie erinnern an den Stern von Bethlehem, der die Weisen aus dem Morgenland auf Jesu Spur gelockt hat:

Matthäus 2, 1-3
Da Jesus geboren war zu Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen: 2 Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten.

Der Stern von Bethlehem – ein Wegweiser! Naja, vielleicht auch ein Wegweiser für uns? Ein Hinweis auf das Jesuskind in der Krippe – damit man es nicht übersieht, bei all dem Weihnachtszauber, den wir so veranstalten: Geschenke, Festessen, Besuche machen, Besucher empfangen, sich freuen, sich streiten, Plätzchen naschen, wieder Essen und und und.

Der Stern, der sagt: Achtung! Da geht es zum Kind – hier ist derjenige, um den es bei diesem Fest geht. ich will weiterlesen