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Predigt am 17. Juli 2005 zu Jesaja 2, 1-5 :
Schwerter zu Pflugscharen ... auch im globalen Sandkasten
Pfarrer Alexander Seidel, Gollhofen
Liebe Gemeinde unser Predigttext zum heutiges Sonntag steht beim Propheten Jesaja im 2. Kapitel:
Dies ist's, was Jesaja, der Sohn des Amoz, geschaut hat über Juda und Jerusalem:
2 Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen,
höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle
Heiden werden herzulaufen,
3 und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, laßt uns
auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, daß er uns
lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion
wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem.
4 Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker.
Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln
machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und
sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.
5 Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, laßt uns wandeln im Licht des HERRN!
Liebe Gemeinde,
bei diesen Worten tut sich, allein von den Stichworten her, die ich höre, ein ganzer Kosmos auf.
Zuallererst: “Schwerter zu Pflugscharen” - dieses Wort des Propheten hat
die Friedensbewegung geprägt. Es lässt mich an die Zeit der Ostermärsche
und des Wettrüstens zwischen West und Ost denken. An ein Lebensgefühl,
das so etwas apokalyptisches hatte. Als Schüler haben wir damals bei
verschiedenen militärischen Konflikten, beim Falkland-Krieg oder bei
der Bombardierung von Tripolis in Lybien, immer gedacht: “Jetzt kommt der
dritte Weltkrieg!”
Der fremde Text
Ein zweites: Der Prophet schreibt von der “letzten Zeit”, in der das alles
passieren wird. Und er beschreibt ein Szenario, das fast schon nach einem
Fahrplan abzulaufen scheint: Da strömen die heidnischen Völker
zum Berg Zion, der unverändert fest da steht. Und von dort aus wird
eine Botschaft, eine Weisung ausgehen, die das Verhalten der Völker
verändern wird.
Da merke ich: Das ist für mich weit weit weg; räumlich,
um die 4000 Kilometer und zeitlich sowieso, weil ja das “Ende der Zeit” ein
ganz schlecht fassbarer Begriff ist.
Was ich da lese klingt attraktiv... das mit den umgeschmiedeten Schwertern
und zugleich aber auch so unwirklich und fern.
Ich überlege mir: Als der Prophet Jesaja etwa 700 Jahre vor Christus
das zu den Israeliten gesagt hat, war ihnen das auch ziemlich fremd, und
sie haben sich gefragt, was dieser Gottesmann von ihnen will. Jesaja, der
immer für schlechte Laune gesorgt hat, weil er die Großen
im Volk auf ihre Verantwortung vor Gott und für das Volk hingewiesen
hat.
Sandkasten
Vielleicht ist es hilfreich, wenn man dieses große Geschehen nicht
im Ganzen betrachtet, sondern aus einer ganz kleinen und begrenzten Perspektive:
Wie wäre es zum Beispiel mit den 2 Quadratmetern eines Sandkastens, in dem einige Kinder spielen.
Wer da genau hinschaut, merkt, dass dort die gleichen Spiele gespielt werden,
wie rund um unseren Globus in den Königshäusern vor 2700 Jahren
oder den Regierungsgebäuden und Konzernleitungen heute.
Auf der Erde wie auch im Sandkasten haben wir ein begrenztes Spielfeld und
begrenzte Ressourcen: Da gibt nicht endlos viel Sand, Platz , Bagger und
Schaufeln.
Und je nach Situation wird mehr oder weniger konfliktfrei im Sandkasten gespielt.
Aber irgendwann ist Schluss mit lustig: Zum Beispiel hat die Johanna der
Verena ein Kuchenförmchen weggenommen. Vielleicht hat die das gar nicht
gebraucht, aber jetzt, wo die andere es genommen hat, regt sich die Unzufriedenheit
und der Konflikt entzündet sich. Wie das dann weiterläuft ist nicht
immer vorhersehbar; aber oftmals kommt es dann zum bewaffneten Konflikt:
Man wirft sich Sand in die Augen, schlägt mit der Plastikschaufel dem
Andern auf die Finger oder reißt das begehrte Stück mit Gewalt
an sich.
Ja, der Sandkasten ist manchmal das Abbild des Verhaltens der Großen,
nur die Wahl der Waffen und die Art der Folgen unterscheiden sich.
“Schwerter zu Pflugscharen” - das wäre ja auch ein Ansatz für unseren
kleinen Sandkasten. Alles, womit sich die Kleinen wehtun könnten, wird
aus dem Sandkasten verbannt. Schaufel, Stecken und sonstige mögliche
Waffen werden weggesperrt. Eltern, die so etwas versucht haben, wissen, wie
wenig erfolgversprechend diese Methode ist: Bein nächsten Streit schmeißen
sie sich dann eben mit bloßen Händen den Sand gegenseitig in die
Augen und gehen zum Schlagen, Zwicken und Beißen über.
Und wieder ist der globale Sandkasten nicht viel anders: Die Großmächte
haben zwar ihre Atomwaffenarsenale abgebaut, aber weiterhin ist man dabei
mit konventionellen Waffen fleißig Kriege zu führen. Und selbst
wenn diese Waffen zu Pflugscharen und Sensen umgeschmiedet würden, ist
zu befürchten, dass man dann eben wie im Bauernkrieg 1525 einst mit
der Sichel und dem Dreschflegel aufeinander los geht.
“Schwerter zu Pflugscharen” ist anscheinend nicht die Lösung des Problems.
Ich glaube, der Prophet Jesaja sieht das auch so. Er beschreibt es ja:
viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, laßt uns auf den
Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, daß er uns lehre
seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung
ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem.
4 Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker
Und dann, liebe Gemeinde, erst dann werden sie anfangen, ihre Waffen zu sinnvolleren
und friedlicheren Gerätschaften umzubauen.
Da sind also zwei Schritte erkennbar, die nacheinander kommen: Zuerst einen
Weg zu haben, der der richtige ist, um miteinander friedvoll leben zu können,
und dann erst kann man die Waffen verschrotten.
Interessant in dieser Perspektive: Die Waffen werden entsorgt, nicht weil
sie so gefährlich wären, sondern, weil man sie schlicht und einfach
nicht mehr benötigt.
Das ist bedenkenswert:
Der Friede entsteht nicht aufgrund von Verbot oder Bedrohung, sondern deshalb,
weil die Menschen den Frieden als guten und lohnenden Weg erkennen und ihn
auch gehen.
Dialektik der real existierenden Menschen
Zurück zu meinem Sandkasten:
Ich glaube, wir als Eltern - so wie sie sicher auch - bemühen uns aufs
Beste unseren Kindern (oder Enkeln) deutlich zu machen, wie gut es ist, seine
Probleme friedvoll und gewaltfrei zu lösen, und zugleich das selber
auch vorzuleben. (Denn wir wissen ja auch, dass Kinder in solchen Fällen
weniger auf unsere guten Worte hören als vielmehr nachmachen, was wir
ihnen in unserem eigenen Leben vormachen.)
Also eigentlich beste Bedingungen im Sinne von Jesaja: Denn es wird kein
Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr
lernen, Krieg zu führen.
Tja, und dann kracht es trotzdem und die lieben Kinder dreschen im Sandkasten wieder aufeinander ein.
- so sieht unsere reale Erfahrung häufig aus.
Wir haben eben leider keine ideale Welt. Da läuft nicht alles nach Plan,
nach Wunsch oder nach dem, was richtig und vernünftig wäre. Zwangsläufig
bleiben unsere Bestrebungen nach einem friedvollen Miteinander Stückwerk.
Das wird nie ganz klappen; dazu stehen wir Menschen uns selber viel zu oft
im Weg.
Vor dem UNO-Hauptquartier in News York steht eine Skulptur, die einen Menschen
darstellt, der ein Schwert zur Pflugschar umschmiedet.
Dieses Bild ist eine Vision, die die Vereinten Nationen stets vor Augen haben.
Aber in ihren Bemühen um Frieden stoßen sie immer wieder an Grenzen,
sind sich bewusst, dass dieses Ziel nicht erreichbar ist.
Beim Propheten Jesaja wird deutlich, dass er auch gar nicht damit rechnet,
dass wir Menschen das verwirklichen. Es spricht davon, dass das ein Ziel
am Ende der Zeit sein wird; ein Zustand, den Gott allein herstellen kann
und auch wird.
Darauf macht Jesaja seinen Zuhörern und uns als Lesern seiner Worte
Hoffnung ... und zugleich bremst er unsere Erwartungen, dass wir die Welt
grundlegend verändern könnten oder müssten.
Unser Anteil?
Bleibt uns nur noch abwarten und auf bessere Zeit hoffen?
Hände in den Schoß legen, weil es sowieso nur Gott regeln kann?
Beileibe nicht. Am Ende unseres Abschnitts von heute trägt uns der Prophet
unsere Hausaufgabe auf:
Kommt nun, (ihr vom Hause Jakob), laßt uns wandeln im Licht des HERRN.
Schon jetzt kann ich für mich beschließen, statt der Schwerter
lieber Pflüge anzuschaffen, und Sicheln statt Speere. Meinen Teil dazu
beizutragen, dass ich selber auch nicht mehr Lust habe Krieg zu spielen ...
weder im Sandkasten,
noch in meiner Familie, oder meinem Dorf.
Denn soweit wir einem Teil zum Frieden beizutragen haben, wird es wohl genau da sein.
Amen
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