
Joh 15: Weinstock und Reben
Woher kommt unsere innere Kraft, wenn der Alltag an uns zehrt? Die Predigt fragt nach den Quellen, aus denen wir Hoffnung, Mut und neue Energie schöpfen. Wer mit Jesus verbunden bleibt, bekommt nicht nur Halt für sich selbst, sondern kann auch Früchte von Liebe, Freude und Frieden weitergeben.
Liebe Gemeinde,
wo bekommen Sie eigentlich Ihre Energie her?
Nein! Ich will nicht von Erdöl, Gas, Pellets oder Strom reden, sondern von der Energie, die wir als Menschen irgendwie brauchen. Diese Kraftquellen, die uns mit dem versorgen, was unser Leben ausmacht. Optimismus, Tatkraft, Durchhaltevermögen … jeder hat ja mal mehr oder weniger Power im Tank. Und ich denke, wir haben da auch sehr unterschiedlich große Energiespeicher in uns drin.
Aber irgendwann müssen die ja mal aufgefüllt werden. Sonst wird’s schwierig – wenn die inneren Akkus leer sind, und man sich nur noch durchs Leben schleppt, weil diese Welt uns herum manchmal so nervt, so belastet, so aussaugt.
Was sind unsere Kraftquellen? Ich vermute, dass das sehr unterschiedlich sein wird. Bei vielen wird die Familie eine wichtige Rolle spielen, Freizeitbeschäftigungen, eine Aufgabe, die mir Sinn im Leben gibt. Wahrscheinlich hat da jeder mehrere Kraftquellen, die er anzapft.
Jesus hat seinen Jüngern gegenüber auch einmal von diesem Thema gesprochen. Und dazu hat er ein recht eingängiges Bild gebraucht, nämlich das vom Weinstock und seinen Reben. Ich lese einmal aus dem Johannesevangelium, aus dem 15. Kapitel:
1 Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. 2 Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. 3 Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. 4 Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. 5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. 6 Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. 7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. 8 Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.
(Johannes 15, 1-8)
Am Weinstock bleiben
Ein gut überschaubares Bild. Gott ist der Weingärtner, Jesus ist der Weinstock, und an ihm hängen die verschiedenen Weinreben. Jede Rebe bekommt über den Weinstock ihre Energie: Wasser, Mineralien, so dass sie gut versorgt wird. Und der Weingärtner als Chef über Allem schaut darauf, dass das alles gut läuft. Und im Laufe der Zeit werden die Reben wachsen und gedeihen und prächtige Früchte, also Weintrauben hervorbringen.
Als Jesus seinen Jüngern das mit dem Weinstock und den Reben sagte, haben sie sicher schnell gemerkt, dass es um sie geht, dass sie die Weinreben sind, die darauf angewiesen sind, vom Weinstock gut versorgt zu werden. Und manche werden sich schon überlegt haben: Wie wird das klappen, wenn Jesus mal nicht mehr da sein wird? Er hatte da ja schon hie und da seinen Tod angekündigt. Wird das dann klappen, mit dieser Verbindung? Wenn wir ihn nicht mehr sichtbar und spürbar und als Gesprächspartner neben uns haben?
Die Verbindung mit dem auferstandenen Jesus ist anders. Erst als es soweit war, haben sie allmählich gemerkt, dass der Glaube an ihn, das Vertrauen auf Gott, tatsächlich eine Kraftquelle sind kann.Also ein Bild, das ihnen Mut machen konnte.
Und auch die Sätze über Gott als den Weingärtner, der die Reben reinigt, also vertrocknete und vom Schimmel befallene Trauben entfernt, haben ihnen wahrscheinlich eingeleuchtet. Denn sie wussten, dass sie nicht perfekt waren. Und die Hoffnung, dass Gott sich darum kümmert, dass manche Fehler oder Fehlentwicklungen wieder korrigiert werden. Dass ihnen Schuld vergeben wird. Das klingt doch auch gut! Bis heute!
Und da könnten wir immer wieder was lernen, von diesem Bild: Gott als der, der mich nicht wegen meiner Fehler verdammt, sondern sagt: „Schau, da ist was schief gelaufen, das war echt nicht gut – aber lass mich machen: Ich tu´s einfach weg – und dann soll es besser weitergehen.“
Früchte wachsen
Liebe Gemeinde, am Anfang habe ich gefragt: „Wo sind meine Kraftquellen?“ und wahrscheinlich haben viele von uns im Kopf erstmal gedacht: „Ja, Energie brauch ich! Kraftquellen, um durch mein Leben irgendwie gut durchzukommen“. Und jetzt kommt das diese Bibelstelle um die Ecke und spricht plötzlich von „Früchten“, die produziert werden!
Ja: So ist das mit Jesus: Es geht nicht nur um mich, um mein Wohlbefinden und meine Wellness. Es soll auch was dabei rauskommen. Moment! Was heißt da „soll“? Ist es nicht das Normalste auf der Welt, dass eine Weinrebe Trauben hervorbringt? Weil es in der Natur dieser Pflanze liegt? So ist sie geschaffen“
Heute reden wir von Ökosystemen, wo alles miteinander im Zusammenhang seht. Alles hat seine Sinn, die Weinrebe, die Amsel und die Brennnessel. Sind wir als christliche Reben dann nicht auch Teil eines Ökosystems? Ein wichtiger Baustein, der dieser Welt etwas geben kann, was es nirgends anders so gibt?
Der Apostel Paulus hat später häufiger das Bild der „Früchte“ aufgenommen und davon geschrieben, was unsere Früchte sind, unser Beitrag für diese Welt: Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte … Wahrheit, Gerechtigkeit…
Jesus sagt: Das alles braucht diese Welt, und durch euch werden diese Früchte diesen Planeten bereichern. Ihr werdet diese Welt verändern. Und habt keine Angst, dass ihr nur die seid, die geben, aber davon nichts zurückbekommen. Ihr seid Teil dieses Ökosystems, dieses Reiches Gottes, ihr lebt in und von dieser Welt, die ihr mit euren Früchten entscheidend mitprägt.
Auch wenn du dir manchmal vorkommst, wie der letzte Depp der Nation, weil du dich für das Gute reinhängst und mehr Widerstand als Lob zurückbekommst: Du bist eine lebendige Rebe am Weinstock Jesu und unglaublich wertvoll für diese Welt.
Und wenn’s nicht klappt?
Liebe Gemeinde, jetzt bin ich ganz schön in Schwärmen gekommen. Aber ich muss zugeben: Jesus hat seinen Jüngern gegenüber auch ein paar Sätze gesagt, die mir schwer im Magen liegen:
Denn er spricht mit recht drastischen Worten von den Reben, die nicht an ihm als Weinstock bleiben: Die werden vertrocknen, ihnen fehlt ja der Zugang zum Wasser und den Nährstoffen, und der Weingärtner wird sie einsammeln und wegwerfen. Sogar vom Verbrennen ist die Rede.
Das klingt sehr bedrohlich. Und da entsteht ein Bild von Gott, bei dem es mir schwerfällt, es einzusortieren. Wie bekomme ist das mit dem fürsorglichen Weingärtner zusammen, der sich um mich kleine Rebe kümmert und sorgsam die paar vertrockneten Träubchen meiner Fehler weg zupft?
Naja … aber vielleicht gehört das auch zum Weingärtner-Dasein: Dass er erleben muss, dass es passiert, dass Weinreben abknicken. Warum auch immer das geschehen ist, sie haben die Verbindung zum Weinstock verloren. Waren es tragische Einflüsse von außen, oder eine eigene Entscheidung? Wer will das beurteilen?
Aber es ist zu sehen, was passiert: Die Reben verlieren ihre Lebensader, vielleicht geht es noch eine Zeitlang ganz gut, aber irgendwann verändert sich diese Rebe, sie vertrocknet allmählich. Wo vielleicht schöne Früchte schon im Wachsen waren, wird es hässlich. Statt dass Hoffnung, Liebe, Visionen wachsen, macht sich Frust, Hass, Lieblosigkeit breit.
Und der Weingärtner, der seinen Reben ja auch den freien Willen gegeben hat, muss zuschauen, und wird schließlich mit schweren traurigen Herzen die Reste aufsammeln müssen.
Krisensituationen
Kann es sein, dass manches, was wir in unserem Land und darüber hinaus wahrnehmen, diesem Bild entspricht?
Das gerade in Krisensituationen – und die haben wir ja global irgendwie – bei vielen Menschen selbst die größten die inneren Akkus leerlaufen? Dass Hoffnung vertrocknet, weil ihnen eine der wichtigsten Energiequellen, dieser Weinstock fehlt? Und dass dann im Prozess des Vertrocknens so vieles kippt?
Oft habe ich als Pfarrer den einen Satz von Menschen gehört: „Ich weiß nicht, wie ich das alles ohne meinen Glauben überstanden hätte“. Und ich gebe zu: Ich habe diesen Satz verstanden, und zugleich auch nicht. Denn solche Krisen, von denen mir da erzählt wurde, kannte ich halt nicht aus eigener Erfahrung.
Bis es mich dann halt mit meiner unheilbaren Krebserkrankung auch erwischt hat, und plötzlich der Boden unter den Füßen weg war. Da habe ich gemerkt, dass diese kleine Geschichte vom Weinstock und den Reben, den Nagel auf den Kopf trifft:
Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.
Da habe ich gelernt, wie diese Energiequelle einen nicht vertrocknen lässt.
Dass man anderen Menschen ihr Leben und Glück von Herzen gönnen kann, auch wenn das eigene Haus brennt.
Das man keine Angst hat, Leben zu verpassen, nur weil es verdammt kurz sein wird.
Ja, es gibt für uns Weintrauben-Menschen Früchte, die tun einem selber gut, und es gibt welche, da haben vor allem die anderen etwas davon.
Jeder hat andere – und wir wollen uns freuen über alles was da wächst, wenn unser Leben mit Jesus Christus verbunden ist.
Amen