
Jesaja 61
Die mutmachenden Worte aus Jesaja sind auf der Wanderschaft: Zunächst geben sie den Israeliten Mut beim Wiederaufbau ihres Landes. Bei Jesu Predigt in Nazareth markieren sie eine neue Zeit. Und auch zum Jahreswechsel in schwieriger Weltlage haben sie großes Potential.
Liebe Gemeinde, unseren Predigttext habe ich heute in einem Koffer dabei. Denn die Worte, um die es geht, sind ganz schön weit herumgekommen. Zeitlich und geografisch. Immer wieder ist dieser Koffer aufgegangen, und dann waren sie da, diese Worte von Gott. – Und dann mussten die Menschen schauen, was sie damit machen.
Text-Heimat Nummer 1 – Der Aufbau Jerusalems
Fangen wir bei der ersten Station an. Da weiß ich nicht so genau, wann und wo das war. Vielleicht schon um 539 vor Christus, als das Volk Israel in Babylonien lebte, oder vielleicht auch 20 Jahre später schon in der Gegend um Jesusalem.
Egal, wann es war: Die Situation war damals schwierig. 40 Jahre lang lebten sie fern der Heimat, die nach dem vorherigen Krieg in Trümmern lag. Und nun war es endlich so weit, dass sie zurück durften in ihr eigenes Land. „Heimkehr“ klingt gut – aber wenn man daran denkt, dass man in einer seit 40 Jahren brachliegenden Ruinenlandschaft wieder neu anfangen soll? Aus dem Nichts im Nichts mit fast Nichts seine Stadt und sein Land wieder aufbauen? Blühende Landschaften aus dem Hut zaubern?
Das verpufft die anfängliche Euphorie schnell.
Da kommt mein Text aus dem Koffer ins Spiel: Es sind gar nicht so viele Worte. Aber welche, die den Menschen damals Mut gemacht haben: Ich lese aus dem Prophetenbuch Jesaja aus dem 61. Kapitel:
1 Der Geist Gottes des HERRN ist auf mir, weil der HERR mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen; 2 zu verkündigen ein gnädiges Jahr des HERRN und einen Tag der Rache unsres Gottes, zu trösten alle Trauernden, 3 zu schaffen den Trauernden zu Zion, dass ihnen Schmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauer, schöne Kleider statt eines betrübten Geistes gegeben werden, dass sie genannt werden »Bäume der Gerechtigkeit«, »Pflanzung des HERRN«, ihm zum Preise. 4 Sie werden die alten Trümmer wieder aufbauen und, was vorzeiten zerstört worden ist, wieder aufrichten; sie werden die verwüsteten Städte erneuern, die von Geschlecht zu Geschlecht zerstört gelegen haben. (…)
10 Ich freue mich im HERRN, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Kopfschmuck geziert und wie eine Braut, die in ihrem Geschmeide prangt. 11 Denn gleichwie Gewächs aus der Erde wächst und Same im Garten aufgeht, so lässt Gott der HERR Gerechtigkeit aufgehen und Ruhm vor allen Völkern.
Liebe Gemeinde, das ist schon eine ganz schön vollmundige Ansage! Da werden ja wirklich „blühende Landschaften“ angekündigt. Und es geht nicht allein um die Infrastruktur. Da steht auch viel von Freiheit – ja das ist wichtig nach 40 Jahren Fremdherrschaft. Und viele Verse beschäftigen sich damit, dass die seelischen Verletzungen heilen. Traurigkeit, Frustration, Erschöpfung und Verzweiflung – alles, was diese belastende Situation mit sich bringt. Gerade, wenn man an Rand einer Trümmerwüste steht, und eigentlich bei Null anfangen soll.
Dieser Koffer stand da in einer schwierigen Zeit herum. Wir wissen nicht, wie die Leute auf diese Worte reagiert haben. Es ist ja ein Mutmacher-Text. Einer, der schon sehr ambitioniert daherkommt. Mit hohen Zielen, die wunderbar klingen, aber den Weg dorthin mussten die Menschen natürlich selber zurücklegen. Das steht nichts von einem Schlaraffenland, das Gott über Nacht ihnen hinstellen wird.
Gott sagt ihnen:
Das werdet ihr schaffen! Ihr werdet die Stadt Jerusalem und den Tempel wieder aufbauen, die Äcker wieder erfolgreich bebauen. Ihr werdet lernen, mit euren Traumata zu leben und manche Ängste und Alpträume hinter euch lassen.
Das wird euch gelingen, nicht immer sofort und perfekt. Aber es wird weitergehen. Das sage ich euch, denn ich – euer Gott – bin bei euch und werde immer dabei sein. Und ich werde öfter, als ihr denkt, meine Finger dabei im Spiel haben. Manchmal werdet ihr es spüren, und manchmal werdet ihr gar nichts davon merken.
Text-Heimat Nummer 2 – Jesus in Nazareth
Unser Text im Koffer wandert weiter. Viele hundert Jahre. Tatsächlich haben die Menschen das Land wieder aufgebaut. Der Tempel entsteht neu. So etwas wie Wohlstand entwickelt sich.
Jahrhunderte mit guten und schlechten Zeiten, über die wir wenig wissen. Noch weniger wissen wir, wie, wann und wo und wie oft diese Worte in meinem Koffer für Menschen mal wieder eine Hilfe waren.
Die zweite Station, wie wir wirklich kennen, war an einem Samstag in der Stadt Nazareth. Ein normaler jüdischer Synagogengottesdienst. Da saß auch Jesus drin. Es war ja seine Heimatstadt. Alle wussten schon, dass Jesus in der Gegend um Nazareth als Prediger so seine Fans hatte. Aber das war es dann auch schon.
Und an diesem Tag sollte Jesus aus der Bibel vorlesen. Und da war – welch ein Zufall – der Text aus meinem Koffer aufgeschlagen. Jesus liest ihn vor. Danach setzt er sich und sagt: „Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren.“
Schock:
Was? Du? Zimmermanns-Sohn von Josef und Maria? Du willst uns erzählen, dass mit dir jetzt alles besser wird? Ja, unserem Land geht es nicht gut. Wir haben Probleme mit der Unterdrückung durch die römische Besatzung. Wir werden von denen finanziell ausgesaugt. Unsere religiöse Gesellschaft bröselt. Die einen sind total abgehoben bis zur Scheinheiligkeit, die anderen radikalisieren sich, dass einem Angst und bange wird.
Ja, wir bräuchten so einen Neuanfang – wir wünschen uns so einem Knopf: Einmal draufhauen und alles wird wieder gut. Aber du … Jesus … merkst du nicht, dass das Projekt ein paar Nummern zu groß für dich ist?
Liebe Gemeinde, andere Zeiten, aber doch eine ähnliche Situation: Da fallen diese Worte in einen Moment hinein, wo Menschen Angst vor der Zukunft haben, weil die Aufgaben so groß sind und man kaum weiß, wie man das anpacken könnte.
Und Gott sagt wieder:
Das werdet ihr schaffen. Ihr werdet lernen mit euren Ängsten umzugehen und auf Gott zu vertrauen. Aber anders als vor 500 Jahren werde ich euch dabei selber bei der Hand nehmen. In meinem Sohn, der in Bethlehem zu Welt gekommen ist, werde ich euch die Augen öffnen für meine Liebe, und ich werde den Graben zwischen Mensch und Gott überbrücken.
Mit Jesus werde ich meine Finger im Spiel haben. Aber ich weiß schon jetzt: Mensche Menschen werden das erkennen, andere werden ihre Augen davor verschließen.
In den Jahrzehnten danach hat sie viel getan: Nach Jesu Tod und Auferstehung entsteht eine Bewegung, die diese Welt verändern wird. Menschen, die ihr Leben auf Jesus gründen. Seinen Worten folgen, von ihm weitererzählen und Gottes Liebe zu den Menschen weitertragen.
Es entstehen keine blühenden Landschaften und kein Schlaraffenland … aber eine neue Art zu leben – mit Liebe, Vertrauen, Hoffnung, auch über den eigenen Tod hinaus. Und nach und nach veränderte sich das Gesicht dieser Welt.
Text-Heimat Nummer 3 – heute
Ja, jetzt ist der Koffer hier.
Am Anfang des Jahres 2026.
In einer Welt, die ich immer weniger verstehe, die das Potential hat, mir Angst zu machen wie noch nie.
Da habe ich mich mein Leben lang an eine an Frieden und Vernunft orientierte politische Weltordnung gewöhnt, die innerhalb weniger Jahre sowas von in Frage gestellt wird.
Wie vor 2000 Jahren spüre ich, wie Menschen heute in der Krise eher auseinanderdriften, statt zusammenzuhalten.
Und ich musste lernen, wie zerbrechlich das eigene Leben ist.
Was soll da der Koffer?
Der Buzzer, den man drückt und alles wird gut, der liegt da nicht drin.
Aber die alte Verheißung, in der Gott sagt:
Das werdet ihr schaffen. Ihr werdet lernen mit euren Ängsten umzugehen und auf mich, euren Gott, zu vertrauen. Ich werde euch bei der Hand nehmen, und will ich eure Augen leiten, dass sie das Gute sehen und das Gelingende wertschätzen. Ihr werdet manche Ruine wieder aufbauen und Zerrissenes reparieren. Mit eurer Liebe und eurer Zuversicht. Als Jünger Jesu und Gottes Kinder werdet ihr ein Leuchtturm sein für diese Welt, egal wie sehr sie in Trümmern zu liegen scheint.
Habt keine Sorge, ich werde weiter meine Finger im Spiel haben. Manchmal werdet ihr es spüren, und manchmal dürft ihr euch auch mal einbilden, ihr hättet es selber so gut hinbekommen.
Amen
Danke! Eine wunderbare Mutmach-Predigt! Sie sind ein wirklich gesegneter Mensch, lieber Herr Seidel, dass Sie das ungeachtet Ihrer persönlichen gesundheitlichen Lage so predigen können. Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen weiter Mut, Kraft und Gottes Hilfe. So wird es dann ein wirklich GUTES neues Jahr!