
Numeri 6, 22-27
„Der Herr segne dich und behüte dich..“ so beginnt der Aaronitische Segen. Blicken wir auf die Bilder dieses alten Segenswortes und schauen, was „Segen“ in uns bewirkt.
Predigttext
22 Und der HERR redete mit Mose und sprach: 23 Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: 24 Der HERR segne dich und behüte dich; 25 der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; 26 der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. 27 So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.
Der altbekannte und doch fremde Freund am Gottesdienstende
Liebe Gemeinde, kann es sein, dass der heutige Predigttext uns allen ziemlich bekannt vorkommt? „Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir …“ Ja, das sind die Worte des Segens, den wir sehr oft am Ende des Gottesdienstes hören.
Eigentlich sehr vertraute Worte. Aber gleichzeitig sind sie auch sehr ungewöhnlich formuliert: Vom „leuchtenden Angesicht Gottes“ ist die Rede; und dass er es „über dich erhebt“ … wenn man da nicht viel Routine beim Zuhören hat, können da im Kopf schon komische Bilder entstehen.
Da ist es bestimmt nicht verkehrt, wenn wir da mal ein bisschen genauer darauf schauen, auf diese so oft verwendeten Sätze. Los geht es eigentlich mit einer Art „Betriebsanleitung“:
„Und der HERR redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet:“ So wird dieser Segen eingeleitet. Gott gibt den Israeliten in der Wüste am Sinai nicht nur die 10 Gebote, sondern auch jede Menge Anweisungen für ihr Leben als Gemeinschaft. Es geht um zwischenmenschliche Regelungen, aber auch um religiöse Fragen: Wie soll unser Gottesdienst aussehen, wie soll die Stiftshütte gestaltet werden?
Und da findet sich auch diese Anweisung: So sollen Aaron und seine Nachkommen das Volk segnen. Aaron, er war der älteste Bruder des Mose, er hatte damals die Aufgabe des Priesters übernommen, seine Söhne sollten das später übernehmen. Von daher hat dieser Segen auch den Namen „Aaronitischer Segen“ erhalten.
Er behüte dich
Drei Zeilen hat dieser Segen – schauen wir einmal darauf, was da so alles drin verborgen ist:
„Der HERR segne dich und behüte dich;“ – eigentlich fühlt es sich so an, als wäre das allein schon ein Segen für sich. Von Gott behütet sein, ja das wünsch ich mir und allen anderen Menschen.
Dass da einer auf mich achtet.
Mich beschützt vor allem, was mir Angst macht und mich bedroht.
Ein Gott bei dem ich mich geborgen fühlen kann wie in einer Höhle oder einer festen Burg.
Vielleicht wie ein Adler mit seinen weiten Flügeln, unter denen ich als Küken mich bergen kann, wenn diese Welt und mein Leben mir zu viel wird und ich dort mich anlehnen kann, kuscheln, und sich in mir das Gefühl breit macht: Alles wird gut. Er behütet mich ja.
Dieser Teil des Segens tut einfach gut, da muss man eigentlich nicht viel erklären.
Es werde hell
„Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.“ Hat Gott ein leuchtendes Gesicht? Oft malt man sich bei so Formulierungen ja tatsächlich Bilder im Kopf – und da merke ich, dass das eher seltsam aussieht.
Vielleicht hilft es, wenn man das Bild von der anderen Seite her aufrollt: Von der Vorstellung eines dunklen Gottes. Das gibt s ja auch. Dass Gott für mich dunkel und unverständlich erscheint.
Wenn die Frage „warum lässt Gott das zu“ so schrecklich unbeantwortet in der Luft hängt. Das lässt einen ja schon mal an Allem zweifeln. Da steht dann Gott in einer dunklen Ecke meiner Welt, ich verstehe ihn nicht und das macht uns Christen ja wirklich zu schaffen. Luther hat ihn den „verborgenen Gott“ genannt. Gott, der im Dunklen steht. Diese Erfahrung gehört zum Glauben dazu.
Genau dann sehne ich mich danach, dass da mal Licht angeschaltet wird. Dass es hell wird. Dass ich diesen Gott verstehe! Dass mein Glaube und meine Lebenswelt wieder zusammenpassen.
„Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig“
Ja, wenn ich Gott verstehen kann,
wenn er nicht undurchschaubar im Dunkel steht.
Wenn ich erkennen kann, wie gut er es mit uns meint.
Wenn ich auch in den Schweren meines Lebens seine liebevolle Handschrift erkennen kann.
Wenn ich fröhlich Loblieder singen mag.
Dann ist das auch ein Segen.
Schalom
Kommen wir zum dritten Teil: „Der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden“.
Schon wieder ist von Gottes Angesicht, die Rede. Jetzt ist nicht hell/dunkel das Thema, sondern ich finde in diesen Zeilen den Gott, der sich mir zuwendet. Der liebevoll auf mich und mein Leben schaut. Zuwendung ist für mich das Schlüsselwort.
Dann ist auch der Frieden da ein passendes Thema. Denn wo wir Frieden lesen, da steht im hebräischen „Schalom“. Und das ist viel mehr als die Abwesenheit von Krieg. Schalom hat mein Leben dann, wenn es in Ordnung ist, wenn ich mich sicher fühle, wenn es keine offenen Baustellen oder Konflikte gibt. Mein Leben ist im Gleichgewicht – ich kann ruhig schlafen – kein Unrecht treibt mich um. Weder erlittenes Unrecht, noch eines, das ich verursacht habe.
Ein sehr umfassender Begriff des Wohlbefindens, dieser Schalom-Friede.
Drei – Einigkeit
Das sind sie, die drei Teile des Aaronitischen Segens:
Der behütende Gott.
Der Gott, der aus dem Dunkel ins Licht tritt.
Der Gott, dem wichtig ist, dass mein Leben in Ordnung kommt, Schalom erlebt.
Und jetzt kommts! Wir haben ja heute „Trinitatis“, das Fest des dreieinigen Gottes. Wenn man mag, könnte man diesen Segen auch trinitarisch lesen:
Also Gott unser himmlischer Vater und Schöpfer – der mich beschützt und bei dem ich Zuflucht finden kann.
Gott, der das Licht anschaltet: Der mir freundlich entgegenkommt und seine Wege verstehen lässt. Der Mensch und Gott versöhnt. Da finde ich viel von Jesus Christus wieder – Gottes Sohn.
Und Gott, der in mir wirksam ist, für mein Leben und für unser Miteinander – da entdecke ich den Heiligen Geist.
Ein Jude würde sagen: Na, da habt ihr aber ganz schön wild was reininterpretiert. Ja, es ist eine christliche Deutung dieses jüdischen Segens, aber es ist halt so: Diesen Gott erleben wir eben mit diesen verschiedenen Facetten – und im Christentum haben wir da die Tradition, uns damit zu behelfen, von Gott als Vater, Sohn und Heiligem Geist zu sprechen.
Was passiert beim Segnen?
Ja, liebe Gemeinde, jetzt haben wir diese Aspekte von dem, was Segen ist, betrachtet. Aber welche Rolle spielen wir als Segnende?
Nachher werde ich da vorne stehen und diesen Segen sprechen. Und was passiert da eigentlich genau?
Unser Predigttext sagt: „Mach es einfach“ – und nehme dich nicht so wichtig! Einer muss den Job ja machen!
Ich spreche den Segen, weil es meine Aufgabe ist, den Gottesdienst zu leiten. Ich bin deshalb nicht heiliger als jemand anderes.
Wenn Konfis oder Prädikanten eine Gottesdienst leiten, dann ist das deren Aufgabe.
Und wenn jemand daheim seinen Kindern, Eltern seiner Familie einen Segen zusprechen will: Perfekt! Wir brauchen halt jemanden, der diese Worte sagt, damit man sie hören kann.
Letztlich sind die ein Wunsch. Segen schenken, Schützen, es hell werden lassen, Schalom verleihen, das kann nur Gott selbst.
Diese Worte sind kein Zauberspruch, der die Welt verändert ….
Stopp! Ja, sie sind kein Zauberspruch. Aber sie können etwas verändern, weil sie mich an die Kraft Gottes erinnern.
Was alles passieren kann
Vor ein paar Jahren hatten wir einen Abend-Gottesdienst mit Konfirmanden und deren Familien in Brunn. Da gab dann auch eine Zeit mit Stationen: Manche mit viel Action, aber auch eine Gebetsecke und eine Station, wo man sich einzeln segnen lassen konnte.
Ich war da oben mit meiner Segensstation auf meiner Empore, und eigentlich habe ich nichts Besonderes erwartet. Geplant hatte ich, jeden zu fragen, ob es ein besonderes Anliegen gibt, um dann auch den Segen passend zu formulieren. Jeder einzeln, so dass es auch persönlich bleibt. Konfis, wie auch Eltern konnten vorbeikommen.
Aber dann kam es ein bisschen anders. Denn auf die Frage nach dem, was gerade auf dem Herzen liegt, kamen sehr private Themen, Ängste, Hoffnungen. Da gabs Tränen, ich hab auch ein paar mal mitheulen müssen.
Es war berührend, die Offenheit der Menschen zu erleben, und damit auch die Sehnsucht, dass man damit nicht alleine ist.
Und da war der Segen der Anker:
Du bist mit deinen Sorgen, Belastungen und Hoffnungen nicht allein. Es gibt Menschen, die mit dir mitfühlen. Und du hast einen Gott, der es gut mit dir meint.
Das, ja das ist Segen.
Amen