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Predigt am Ostersonntag (27. März 2005) zu Psalm 91,11f
mit Taufe von David N.
“Glaube ist Erfahrungssache”
Pfr. Alexander Seidel - Gollhofen
Liebe Familie N. , liebe Paten, liebe Gemeinde,
den Taufspruch für ihren haben Sie aus den 91. Psalm gewählt.
Da heißt es: “Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten
auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen
Fuß nicht an einen Stein stoßest.”. Ein schöner Spruch,
der viel Geborgenheit ausstrahlt.
Und manchmal sind solche Sätze so einfach und klar, dass man gar nicht
weiß, was man dazu noch sagen soll. Schließlich ist mit diesen
31 Wörtern schon alles an Gutem gesagt.
Aber so ganz einfach ist es doch nicht. Denn wenn man den gesamten Psalm
91 betrachtet, wird man über so viele nette Worte zwangsläufig
nachdenklich. Darum lese ich einmal den gesamten Psalm vor:
1 Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt,
2 der spricht zu dem HERRN:
Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.
3 Denn er errettet dich vom Strick des Jägers und von der verderblichen Pest.
4 Er wird dich mit seinen Fittichen decken, und Zuflucht wirst du haben unter
seinen Flügeln. Seine Wahrheit ist Schirm und Schild,
5 dass du nicht erschrecken musst vor dem Grauen der Nacht, vor den Pfeilen, die des Tages fliegen,
6 vor der Pest, die im Finstern schleicht, vor der Seuche, die am Mittag Verderben bringt.
7 Wenn auch tausend fallen zu deiner Seite und zehntausend zu deiner Rechten, so wird es doch dich nicht treffen.
8 Ja, du wirst es mit eigenen Augen sehen und schauen, wie den Gottlosen vergolten wird.
9 Denn der HERR ist deine Zuversicht, der Höchste ist deine Zuflucht.
10 Es wird dir kein Übel begegnen, und keine Plage wird sich deinem Hause nahen.
11 Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen,
12 dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.
13 Über Löwen und Ottern wirst du gehen und junge Löwen und Drachen niedertreten.
14 »Er liebt mich, darum will ich ihn erretten; er kennt meinen Namen, darum will ich ihn schützen.
15 Er ruft mich an, darum will ich ihn erhören; ich bin bei ihm in der
Not, ich will ihn herausreißen und zu Ehren bringen.
16 Ich will ihn sättigen mit langem Leben und will ihm zeigen mein Heil.«
Liebe Gemeinde, lieb Familie N.,
das ist ein Psalm, da wird einem fast schwindelig, so viel Gutes wird dem Frommen da verheißen.
Ehrlich gesagt: Mir kommt das ein bisschen sehr vollmundig vor. Da wird einem
ja ein Rundum-Sorglos-Paket für das eigene Leben zugesagt. Das kommt
mir vor wie eine Vollkasko-Versicherung mit allem Schikanen. Ich habe mir
den Psalm mal dahingehend angesehen und überlegt, was das im Versicherungsdeutsch
heißen würde:
1. Sicherheit vor Gefangenschaft und Verhaftung
2. Asylrecht in allen Lebenslagen
3. Schusssichere Weste gegen feindliche Pfeile
4. Immunität gegen Pest und andere Seuchen
5. Überlebens-Garantie bei Kriegshandlungen
6. Recht auf umgehende Bestrafung der Gottlosen
7. 24-Stunden Schutzengel-Eskorte
8. ISO-zertifizierter Umgang mit Raubtieren ohne Verletzungsrisiko
9. Bereitschafts-Hotline für Gebete in Notlagen
10. Sicherstellung der Rehabilitation bei Ehrverletzungen
11. Anspruch auf eine Lebensdauer weit über dem gegenwärtigen Durchschnitt.
Ich denke, wenn ihnen das ein Versicherungsvertreter verkaufen wollte, würden
sie ihn hochkant rausschmeißen. Denn so etwas kann einem Niemand versprechen.
So eine Vollkasko-Versicherung für Leben gibt es nicht ... und kann
es wohl auch niemals geben.
Und während Sie den Vertreter zur Türe bringen sagt er Ihnen noch:
“Herr Pfadler, ich erzähle ihnen da keinen Quatsch. In der Bibel steht
es doch drin! Schauen sie nach ... die Garantie gibt es!”.
Dann sagen Sie ihm bitte, er soll auch das Kleingedruckte lesen. Und das
steht in dem Psalm nicht irgendwo versteckt hintendran, sondern gleich in
den ersten Versen. Und das lautet:
“Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des
Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem HERRN ...” und dann geht es
weiter.
Mit anderen Worten, was wir im Psalm 91 lesen ist erst einmal nicht eine
rechtsverbindliche Aussage Gottes, sondern das, was ein Mensch empfindet,
der unter dem Schirm des Höchsten sitzt.
Dieser Psalm ist das Lied eines Menschen, der sich von Gott rundum behütet
und beschützt fühlt. Dieser Psalm ist ein Spiegel der Erfahrungen
eines Mannes oder einer Frau, die wir nicht kennen. Aber wir können
aufgrund dieser Zeilen spüren: Wer das geschrieben hat, her hat anscheinend
Einiges mitgemacht, aber er wurde immer wieder inmitten von lebensgefährlichen
Situationen von Gott bewahrt. Wahrscheinlich war da ein Krieg dabei und auch
eine Begegnung mit gefährlichen Raubtieren.
Was wir im Psalm 91 lesen ist das Bekenntnis eines Menschen. Da schreibt
einer seine Erfahrungen mit seinem Gott auf. Und dann kann ich auch gut verstehen,
warum das alles so enorm vollmundig klingt. Wenn ich knapp einem Mordanschlag
oder Unfall entkomme, und ich verstehe das als Gottes Hilfe, dann kann ich
gar nicht übertreiben! Dann lobe ich meinen Gott auf 100%, da gibt es
kein Halten mehr.
Und unsere Bibel ist durchzogen von solchen Liedern, Erzählungen und
Versen. Wo immer wir Bibel aufschlagen, begegnen uns die Erfahrungen von
Menschen mit ihren Gott.
Denn Glaube ist Erfahrungssache!
Wir reden von Gott zuallermeist mittels Erfahrungen. Zum Teil angesichts
eigener Erfahrungen oder mit Hilfe der Erfahrungen, die sich in der Bibel
niedergeschlagen haben.
Wenn der Verfasser des Psalms 91 schreibt “Denn er hat seinen Engeln befohlen,
dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den
Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.”,
dann ist das nicht einfach eine gewagte Behauptung, sondern seine persönliche
Erfahrung ... die auch viele Menschen mit ihm teilen.
Die Erfahrung, dass man in manchen Situationen das Gefühl hat: “Menschenskind,
dass diese Geschichte hier gut ausgegangen ist, das kann kein Zufall gewesen
sein, da muss ein Schutzengel seine Hände im Spiel gehabt haben.”
Und gerade Eltern von kleinen Kindern können oft ein Lied von solchen
Momenten singen, in denen etwas gerade noch mal gut ausgegangen ist.
Die einen reden von Zufall ... die anderen haben ein Gespür dafür,
dass es vielleicht mehr war, als nur Zufall. Ich persönlich vertraue
mich lieber einem Gott an, als einem Zufall.
Liebe Familie N.,
sie haben ihren Sohn David heute taufen lassen. Damit geben Sie seinem Leben
schon eine bestimmte Perspektive vor. Sie stellen ihn in die Gemeinde der
Christen hinein. Sie stellen ihn hinein in eine Gruppe von Menschen, die
eine “Erfahrungs-Gemeinschaft” sind. Wir als Kirche sind eine Gruppe, die
bestimmte Erfahrungen gemeinsam hat. Und das kann, beziehungsweise sollte
uns auch verbinden.
Ich nenne mal drei Beispiele:
- Da ist die Erfahrung, dass man von Gott geliebt wird
und das auch immer gesagt bekommt. Zum Beispiel in den Gottesdiensten.
- Da ist die Erfahrung, dass man schwierige Situationen
durchgestanden hat und dabei gespürt hat, dass der Glaube dabei geholfen
hat.
- Da ist die Erfahrung, dass Dinge passieren, die man nicht
versteht, und dass man auch seinen Gott dabei nicht versteht. Und dass man
manchmal erst nach langer Zeit mit Verletzungen, aber auch gestärkt
daraus hervorgeht.
Das sind Erfahrungen des Glaubens, die jeder für sich selbst machen muss, und die den Glauben wachsen lassen.
Ich wünsche ihren Sohn, dass auch er solche Erfahrungen mit seinen Gott
macht. Damit sein Vertrauen wächst und damit sein Glaube für ihn
auch eine Quelle der inneren Stärke werden kann.
Zum Schluss möchte ich daran erinnern, dass es noch eine zweite Form
der Erfahrung gibt. Nennen wir es überindividuelle Erfahrungen. Erlebnisse,
die man nicht selbst hat, sondern nur durch Erzählungen kennt. Solche
Erfahrungen können auch prägen. Gerade im Verhältnis zu Gott
ist das ein wichtiger Punkt.
Für die Israeliten war die Befreiung aus Ägypten und die Rettung
am Schilfmeer eine solche Erfahrung. Davon haben Menschen noch Jahrhunderte
später geschwärmt und Gott dafür gelobt.
Für uns Christen ist die Auferstehung Jesu der entscheidende Termin.
Die Erfahrung der Jünger, dass mit dem Tod Jesu am Kreuz nicht alles
aus ist, sondern dass Gott eine neue Perspektive eröffnet hat.
Und daran schließen sich wieder persönliche Erfahrungen von Christen an:
- Die Erfahrung, dass Schuld vergeben wird.
- Die Erfahrung, dass die Angst vor dem Tod schwindet, wenn man auf die Auferstehung der Toten vertraut.
- Die Erfahrung, dass es sich im alltäglichen Leben lohnt, auf Jesus Christus zu vertrauen.
Ihrem David wünsche ich so eine gute Erfahrung im Glauben. Dass er spürt:
mein Taufspruch ist nicht nur ein schöner Satz, sondern er deckt sich
mit dem, was ich immer wieder erlebe: “Denn er hat seinen Engeln befohlen,
dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den
Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.”
Amen
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