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Predigt am 1. Dezember 2002:
Lied-Predigt zu EG 11: "Wie soll ich dich empfangen?"

Pfarrer Alexander Seidel - Gollhofen

Liebe Gemeinde.
 Die heutige Predigt soll über das Lied „wie soll ich dich empfangen gehen. Darum singen wir die ersten beiden Verse.


## Verse 1+2 ##
1. Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich dir,
o aller Welt Verlangen, o meiner Seelen Zier?
O Jesu, Jesu, setze mir selbst die Fackel bei,
damit, was dich ergötze, mir kund und wissend sei.
2. Dein Zion streut dir Palmen und grüne Zweige hin,
und ich will dir in Psalmen ermuntern meinen Sinn.
Mein Herze soll dir grünen in stetem Lob und Preis
und deinem Namen dienen, so gut es kann und weiß.

Liebe Gemeinde,

Wenn wir hohen Besuch empfangen, dann rollen wir einen roten Teppich aus. Unser Gast hat dann die Ehre, auf diesem roten Teppich zu laufen. Eine besondere Ehre. Den roten Teppich nehme ich nur dann, wenn ein ganz besonderer Gast sich angemeldet hat. Für die übrigen Gäste tut es die üblichen Auslegware.

Wir haben Advent - auf deutsch: die Ankunft Gottes.
Welchen Teppich sollen wir denn für die Ankunft Gottes ausrollen? Welcher ist da passend?

Diese Frage stellt sich unser Lied in den ersten beiden Versen. " Wie soll ich dich empfangen?" - welcher Teppich heißt Gott passend willkommen?
Zion, also Jerusalem und seine Menschen, hat damals beim Einzug Jesu in Jerusalem Palmen und grüne Zweige genommen ; davon haben wir im Evangelium gehört.

Die Verse von Paul Gerhardt verraten uns die Lösung: Mit Psalmen statt Palmen! Das Lob Gottes, der Dank an Gott, das ist der Teppich, den Gott sich von uns wünscht. Ein dankbares Willkommenslied ist der rechte Empfang für unserem Gott.

Das Lob Gottes, des gehört nicht nur in der Adventzeit zu unserm Leben dazu. Übers ganze Jahr kann in ganz verschiedenen Situationen unser Gotteslob hörbar werden.

- Unsere Lieder im Gottesdienst und unsere Gebete, in denen wir Gott danken. Die sind Gotteslob; ganz ohne Zweifel. Natürlich sind sie so eine Art "organisiertes Gotteslob", weil die Lieder uns ja quasi durch die Liedtafel vorgeschrieben sind. Aber trotzdem kann und soll unser Singen am Sonntag ein Lob Gottes sein.

- Aber auch daheim in den vier Wänden kann man Gott loben. Sei es durch die Tradition des Abendsegens, durch das Lied, das man auf den Weg durch den Garten vor sich hin singt, oder durch ein persönliches Abendgebet. Das alles sind Gelegenheiten, an denen wir Gott loben, ihm „danke" sagen, für das Gute, das er für uns tut.
- Eine Art des Lobs Gottes ist in einem mittlerweile ganz profanen Ausdruck versteckt: "Gott sei Dank" - das sagen viele Menschen, wenn sie einem Unglück entronnen sind. Oft genug werden diese drei Worte ohne einen Gedanken, an ihre wörtliche Bedeutung gebraucht. Aber ich weiß, dass es doch viele Menschen gibt, die "Gott sei Dank" sehr bewusst in den Mund nehmen; die sich sehr genau überlegen, wann sie so etwas sagen, und was sie damit für sich selbst verbinden.
"Gott sei Dank" heißt dann eben nicht " Glück gehabt", sondern: "Gott, ich danke dir, dass du mir geholfen hast".

In diesen Worten entdecke ich dann auch den roten Teppich, den jemand ausgerollt hat, weil er gespürt hat, dass der lebendige Gott gerade seinen Weg gekreuzt hat.

Singen wir die nächsten drei Verse.

## V 3+4+5 ##
3. Was hast du unterlassen zu meinem Trost und Freud,
als Leib und Seele saßen in ihrem größten Leid?
Als mir das Reich genommen, da Fried und Freude lacht,
da bist du, mein Heil, kommen und hast mich froh gemacht.
4. Ich lag in schweren Banden, du kommst und machst mich los;
ich stand in Spott und Schanden, du kommst und machst mich groß
und hebst mich hoch zu Ehren und schenkst mir großes Gut,
das sich nicht läßt verzehren, wie irdisch Reichtum tut.
5. Nichts, nichts hat dich getrieben zu mir vom Himmelszelt
als das geliebte Lieben, damit du alle Welt
in ihren tausend Plagen und großen Jammerlast,
die kein Mund kann aussagen, so fest umfangen hast.



In den ersten beiden Versen hat der Liederdichter Paul Gerhardt über das Lob Gottes geschrieben. In den Versen, die wir gerade gesungen haben, hat er das dann ganz praktisch getan: Er lobt Gott, er dankt ihm für das, was er an Hilfe durch Jesus Christus in seinem Leben erfahren hat.

Er schreibt über sich selbst:
Buchstäblich ganz unten war ich mit meinem Leben, im tiefsten meiner Seele betrübt und auch körperlich niedergeschlagen. Aber du, mein Gott, hast es geschafft, mich wieder froh und zuversichtlich zu machen.

"Ich lag in schweren Banden", gefesselt war ich, war nicht mehr Herr über mich selbst. Hilflos, abhängig von anderen Menschen oder Dingen. Aber du bist hergekommen und hast meine Fesseln gelöst und damit mir die Freiheit wiedergegeben.

"Ich stand in Spott und Schanden", wurde von anderen nur noch verächtlich angesehen, habe mir sogar selbst nichts mehr zugetraut. Fühlte mich minderwertig, und war depressiv. Aber du hast mich hochgehoben, hast mir wieder Selbstbewusstsein gegeben, hast mir die Ehre wiedergegeben, die ich als Ebenbild Gottes habe.
Und du hast mich ausgestattet mit einem großen Reichtum, der nicht wieder vergeht. Nämlich dem inneren, geistlichen Reichtum, dem Vertrauen auf dich.


Liebe Gemeinde,
Paul Gerhard hat hier aus seiner eigenen Erfahrung geschrieben. Sein Leben hat ihn durch viele Schwierigkeiten, persönliche Niederlagen und Verluste geführt.
Vielleicht geben diese Zeilen auch das Auf-und-Ab im Leben des Dichters wieder. Er hat es nicht nur einmal erfahren, dass ihm die Hilfe Gottes begegnet ist. Es ging manchmal eben auch nach den guten Erfahrungen mit Gott irgendwann wieder bergab. Gottes Hilfe in schwierigen Situationen bewahrt nicht davor, in Zukunft wieder einmal in ein tiefes Tal zu stürzen. Aber zumindest weiß ich, dass Gott mir wieder aufhelfen kann.


Eigentlich könnte man sich schon fragen: Warum macht sich unser Herr im Himmel soviel Mühe um uns Menschen?
Im 5. Vers lesen und singen wir:
Nichts, nichts hat dich getrieben zu mir vom Himmelszelt als das geliebte Lieben, damit du alle Welt in ihren tausend Plagen und großen Jammerlast, die kein Mund kann aussagen, so fest umfangen hast.

Bei diesen Zeilen entsteht in mir ein Bild: Ich sehe unseren runden Planeten, verletzt von Ungerechtigkeit und Jammer, er ist richtiggehend lädiert. Unsere Welt eben. Und diese verschrammte Kugel nimmt Jesus Christus ganz ganz liebevoll in seine Arme und drückt sie an seine Brust.
Die Liebe ist es, die uns das zuteil werden lässt - dass Gott in Jesus Christus zu uns gekommen ist.

Singen wir als nächstes die Verse 6 7 8


## Verse 6,7,8 ##
6. Das schreib dir in dein Herze, du hochbetrübtes Heer,
bei denen Gram und Schmerze sich häuft je mehr und mehr;
seid unverzagt, ihr habet die Hilfe vor der Tür;
der eure Herzen labet und tröstet, steht allhier.
7. Ihr dürft euch nicht bemühen noch sorgen Tag und Nacht,
wie ihr ihn wollet ziehen mit eures Armes Macht.
Er kommt, er kommt mit Willen, ist voller Lieb und Lust,
all Angst und Not zu stillen, die ihm an euch bewußt.
8. Auch dürft ihr nicht erschrecken vor eurer Sünden Schuld;
nein, Jesus will sie decken mit seiner Lieb und Huld.
Er kommt, er kommt den Sündern zu Trost und wahrem Heil,
schafft, daß bei Gottes Kindern verbleib ihr Erb und Teil.


Nun sind wir beim 8. Vers angekommen. Ich möchte fast meinen, das Paul Gerhardt einen ganz guten Kameramann abgegeben hätte. Im ersten Vers habe ich den großen Teppich gesehen, der für den kommenden Herren ausgerollt wird, dann kam der Kamera-Schwenk hinüber zu Paul Gerhardt, der von seinem Leben erzählt, dann die Aufnahme mit der Erdkugel, wie Jesus Christus sie in seine Arme nimmt, und jetzt sehe ich eigentlich die singende Gemeinde, der Paul Gerhard eine Predigt hält:

- Ihr, die ihr verzweifelt und betrübt seid, verzagt nicht. Denn jetzt in der Adventzeit steht nämlich nicht der Weihnachtsmann vor der Türe, sondern ein ganz anderer: "seid unverzagt, ihr habet die Hilfe vor der Tür; der eure Herzen labet und tröstet, steht allhier!"

- Darum sollt ihr auch nicht verzweifeln, und euch so in eure Sorgen hinein steigern, dass ihr nicht mehr schlafen könnt. Verlasst euch doch besser auf die Hilfe Gottes.

- Und lasst euch nicht verunsichern. Gott weiß, dass ihr Sünder seid und ihr eigentlich keinen Anspruch auf seine Hilfe hättet; aber für eure Sünde ist ja Jesus Christus gestorben. Darum habt auch Mut, Gott um etwas zu bitten, auch wenn ihr selbst nicht perfekt seid.

Paul Gerhardt als Mutmacher. Der, der so viele Niederlagen in seinem Leben erlitten hat, macht anderen - macht auch uns - Mut zu einem zuversichtlichen Leben als Christ. Seine Perspektive ist eben eine langfristige.

Er macht sich bewusst, dass letztlich Gott der Herr dieser Welt ist.
Und darum bleibt er zuversichtlich, auch wenn der Blick auf die Welt einen das fast verleiden mag.

Diese Zuversicht ist nicht jedem in die Wiege gelegt. Aber es lohnt sich, um diese Zuversicht zu ringen. Dabei kann dieses Lied kann uns hoffentlich ein wenig helfen.

Eine alte Diakonisse hat mir einmal folgenden Satz gesagt:
Loben zieht nach oben - Danken schützt vor Wanken.

AMEN

## Verse 9+10 ##
9. Was fragt ihr nach dem Schreien der Feind und ihrer Tück?
Der Herr wird sie zerstreuen in einem Augenblick.
Er kommt, er kommt, ein König, dem wahrlich alle Feind
auf Erden viel zu wenig zum Widerstande seind.
10. Er kommt zum Weltgerichte: zum Fluch dem, der ihm flucht,
mit Gnad und süßem Lichte dem, der ihn liebt und sucht.
Ach komm, ach komm, o Sonne, und hol uns allzumal
zum ewgen Licht und Wonne in deinen Freudensaal.


 

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