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Predigt zum Kirchweihmontag in Gollhofen - 28. Oktober 2002
Die Jahre 1552 bis 1595
Pfarrer Alexander Seidel - Gollhofen
Liebe Gemeinde,
der Gollhöfer Tradition gemäß. möchte ich am Kirchweihmontag
wieder mit Ihnen einen Blick in die Geschichte unserer Kirchengemeinde werfen.
Ein Jahr bietet sich in besonderer Weise heuer an: Die Reformation in Gollhofen
anno 1552 - also vor 450 Jahren
Darum möchte ich heute aus der Chronik, die Pfarrer Schmerl ums Jahr
1912 verfasst hat, vorlesen.
An einigen Stellen verlasse ich den Text Schmerls, und werde ihnen einige
zusätzliche Informationen geben.
Lesung aus der Geschichte Gollhofens
1552
Für die Reformation der Gemeinde Gollhofen war ein Ereignis von
höchster Bedeutung, das im Jahre 1552 unerwartet eintrat. Da plünderten
hessische Reiter bei einem Einfall in Gollhofen den hiesigen katholischen
Pfarrer Kaspar Spankuch. Der Landesherr Schenk Karl meldet das in einem Brief
vom 28. April nach Würzburg. Er gibt der Besorgnis Ausdruck: "Wenn wir
einen andern päpstlichen -also katholischen - Priester hierher bekommen,
könnten die Reiter vielleicht mit ihm ebenso umgehen." Darum bat er,
einen der Pfarrer aus dem evangelischen Uffenheim nach Gollhofen zu senden.
Nebenan in Uffenheim hatte während dessen Pfarrer Christoph Zeller erhebliche
Auseinandersetzungen mit verschiedenen Persönlichkeiten am Ort. So willigte
er gerne ein, in die Dienste von Schenk Karl zu treten und nach Gollhofen
zu kommen.
Hiervon wird am Samstag, den 7. Mai 1552 dem Amt in Uffenheim Mitteilung
gemacht.
Um den Uffenheimern den Verlust nicht zu schwer werden zu lassen, wird ihnen
alsbald ein neuer Pfarrer zugesagt.
Es ist also gut möglich, dass schon am Sonntag, dem 15. Mai 1552 der
erste evangelische Gottesdienst in Gollhofen gehalten wurde. Jedenfalls kann
mit Sicherheit davon ausgegangen werden dass im Sommer dieses Jahres in Gollhofen
durch Pfarrer Christoph Zeller die Reformation eingeführt wurde.
1558
Am 12. Juni schreibt Schenk Karl an den Markgrafen Friedrich von Ansbach-Bayreuth,
dass er sich dem Frankfurter Rezess anschließe.
Mit dieser Notiz geraten wir direkt in eine der großen Streitigkeiten
der Protestanten in jener Zeit. Damals hatten sich zwei verschiedene Lager
gebildet, die sich in wenigen Punkten erbittert stritten. Die einen folgten
einer strengen lutherischen Linie, die anderen schlossen sich Philip Melanchthon
an, der gegenüber der katholischen Lehre kompromissbereiter war.
Ein Beispiel: Die Anhänger Melanchthons waren der Meinung, das gute
Werke grundsätzlich zum christlichen Heil dazugehören. Die andere
Gruppe, sie nannten sich "Gnesiolutheraner" vertraten den Position, dass
gute Werke eigentlich schädlich sind für das eigene Heil, weil
man sich vor Gott seiner guten Taten nicht rühmen sollte.
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Auf dem Reichstag zu Frankfurt 1558 schlossen sich mit dem Frankfurter
Rezess sechs große Fürsten zusammen, die sich auf die Seite Melanchthons
stellten.
Offensichtlich war Schenk Karl dieser Theologie zugetan und schloss sich
diesen Rezeß an.
Im gleichen Jahr noch starb Schenk Karl. Er wurde in der Gruft zu Einsersheim
begraben.
Sein Tod bedeutete für die Grafschaft einen schweren Verlust. Dass man
aber in limpurgischen Landen auf der durch den Frankfurter Rezess bezeichneten
Linie auch nach dem Tode Schenk Karls weiter ging, dürfte damit zur
Genüge bewiesen sein, dass man unter den Unterzeichnern der Konkordienformel
die Namen der Limpurgischen Herrn und Pfarrer vergeblich sucht.
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Mit anderen Worten: Etliche Jahre später, 1577, hatte man im
deutschen Protestantismus nach zähen Verhandlungen eine gemeinsame theologische
Linie zwischen den vorhin genannten extremen Positionen gefunden und in einen
dicken Buch, der so genannten Konkordienformel, die theologischen Grundsätze
festgelegt. - man könnte es eine Art Koalitionsvertrag nennen. - Kirchengeschichtlich
war es für die Protestanten ein Meilenstein.
Pfarrer Schmerl stellt fest, dass die Limpurger Herren offensichtlich von
diesen Ergebnissen wenig hielten, und darum diese Konkordienformel nicht unterzeichneten.
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Die Einführung der Reformation ging in Gollhofen bei dem wohl damals
schon sehr konservativen Zuge der Bevölkerung nicht im Sturme vor sich.
Wohl war man schon mit den Gedanken der neuen Lehre in Berührung gekommen,
lag doch Gollhofen rings umgeben von Markgräflichen Landen, in denen
die Reformation schon seit 1528 im Gange war. Auch muss man gewusst haben,
dass die Landesherren dem neuen Glauben schon seit geraumer Zeit zugetan
waren.
Aber dennoch hat man - wohl in absichtlicher Schonung - auch nach dem Jahre
1552 das Alte nicht rücksichtslos, sondern allmählich vom Schauplatz
abtreten lassen. Wenn aus Nacht Tage wird, so kämpft erst eine Zeit
lang licht und dunkel miteinander in der Zeit der Dämmerung. Dieses
Dämmerlicht konfessionellen Übergangs scheint in Gollhofen geraume
Zeit geherrscht zu haben. Ein sehr interessantes Dokument ist ein Predigtentwurf
für einen Marientag, den wir durch glücklichen Zufall genau auf
den 22. März 1566 datieren können. Dieses kleine Zettelchen fand
sich in der Kirche in einem Summarium eingelegt.
Diesem Zettel ist anzumerken, dass noch deutliche Reminiszenzen aus der katholischen
Zeit durchschimmern. Vor allem in der verschiedentlichen Wiederholung lateinischer
Worte zu deutscher Übersetzung und umgekehrt. Luther wird als Autorität
angeführt, friedlich neben dem Papst Leo. Maria wird, der Bedeutung
des Tages angemessen, in den Mittelpunkt der Betrachtung gestellt. Aber schließlich
endet die Predigt mit evangelischen Tönen, die das Verdienst Christi
nennen und preisen.
Der Zettel, der da aufgefunden wurde, ist zwar nur ein Predigtentwurf, aber
doch immerhin so formuliert, dass man ihn heute eigentlich so predigten könnte.
Ich möchte dies einmal versuchen:
Liebe Gemeinde,
auf diesem Fest zelebrieren und begehen wir heute das Fest des Tages, an
dem Adam geschaffen sein soll, und die Israeliten aus Ägypten erlöst,
und der ewige Sohn Gottes heute vor 1566 Jahren Mensch geworden sei, in dem
jungfräulichen Leib Marien. Diesen Tag würden wir mit 3 Namen bezeichnen.
Ecclesia, die Kirche, aber nennt diesen Tag Verkündigung Mariae. Als
Lutherische aber nennen wir das Fest die Menschwerdung Christi, denn durch
die Empfängnis ist Christus gekommen.
Es hat aber Christus auch ohne menschlichen Samen a spiritus sancto, das
heißt durch den Heiligen Geist sollen empfangen werden,concipi debuit,
auf dass angezeigt würde, Christus würde Gott und Mensch sein.
De genua causa, Leo in epistalua Flavianum, von welcher Sache Papst Leo in
der Epistel an Flavianum also geschrieben hatte: Die Geburt des Fleisches
ist eine Offenbarung der menschlichen Natur, die Geburt der Jungfrau ist
eine göttliche Natur.
Zum ersten die Botschaft, die der Engel Gabriel der Jungfrau Maria bringt.
Zum andern von der Jungfrau Maria, die sich ob solcher Botschaft entsetzt.
Zum dritten und letzten reprecatio angelino Gabrielis, dass ist die Antwort,
die der Engel Gabriel auf die Frage der Jungfrau Maria gibt.
Darum soll uns seine Menscherdung, die uns der Anfang unseres Heiles ist,
freuen. Und wir entgegen allen Anfechtungen des diaboli, des Teufels, frei
würden in alle Ewigkeit.
Wir sagen Gott dem Vater aller Gnade und Barmherzigkeit Lob und Dank, weil
er uns seinen eingeborenen Sohn geschenkt hat, und bitten er wolle seine Heilige
Menschwerdung und seinen vollkommenen Gehorsam im Leiden und Opfer an uns
armen Sündern nicht lassen verloren sein.
Amen
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1577
Durch die gräfliche Herrschaft wird die Herrenmühle neu erbaut
1581
Schenk Gottfried stirbt und wird in der Kirche zu Einersheim begraben.
Im selben Jahr werden auch die in Gollhofen und anderen speckfeldischen Kirchen
noch üblichen lateinischen Gesänge, die Lichter, dass Kreuz machen
und andere Gebräuche abgeschafft.
1588
Es wurde befohlen, die Kinder bei der Taufe nichtmehr aufzuwickeln, sondern
in Kissen auf die Stirne zu taufen
1584
300 morgen Äcker und Wiesen ringsum Gollhofen, bisheriges Eigentum des
Domkapitels zu Bamberg wurden gegen ein jährliches Getreidegeld gewissen
Einwohnern in Gollhofen käuflich überlassen. Die Kaufsumme ist
unbekannt.
1586
Anlegung des ältesten Kirchenbuches von Gollhofen durch Pfarrer Pankratius
Müller.
1588
Kaspar Lederer, Limpurgischer Richter, Schulheis und Gotteshausmeister in
Gollhofen, wie auf der Inschrift der unter ihm1588 gegossenen großen
Glocke im hiesigen Kirchturm steht, wird als Gefangener auf das Bergschloss
Speckfeld abgeführt und da selbst enthauptet, der er nicht recht Haus
gehalten hat.
1590
In der damaligen Zeit wurden solche Personen, wie sich gegen das 6.
Gebot vergangen hatten, in das Gefängnis geworfen (die alte Pforte mit
unterirdischen Gewölben), sie mussten einander ehelichen oder wurden
sogar aus der Herrschaft verwiesen.
1595
In diesem Jahr wurde die ehemalige Frühmesskapelle in Gollhofen, nämlich
die Überreste der ehemaligen Sankt Johannes Kirche in das alte Rathaus
umgewandelt und der Boden zum herrschaftlichen Getreidespeicher eingerichtet
der mit dickem Gewölben versehene kleine Chor gegen morgens, in welchem
man 1794 noch einen Weihkessel bemerkte, blieb stehen. Über dem selben
wurde die Ratsstube für die 12 Gerichtsherrn oder Schöffen eingerichtet.
Daher führte das alte Rathaus bis zu seinem Abbruch 1794 die Benennung
" die Capell", und der Brunnen in der Mitte den Namen Kapellbrunnen.
Ansprache zur Geschichtslesung
Liebe Gemeinde,
das waren über 50 Jahre Kirchen-Geschichte in Gollhofen.
An einer Stelle, hat mich diese Erzählung ins Schleudern gebracht: Vom
Frankfurter Rezess hatte ich keine Ahnung. Und ich glaube, Pfr. Schmerl musste
auch erst nachschlagen, denn in seiner Kirchenchronik zitiert er ein Kirchengeschichtliches
Lehrbuch seiner Zeit.
Was sagt mir das: Die Christen hier hatten schon ihren eigenen Kopf! Sie
waren überzeugt, dass ihre von Melanchthon geprägte Theologie die
rechte Auslegung des Evangeliums war. Darum die Unterschrift zu dem Rezess.
Sie haben sich nicht beeindrucken lassen von der Mehrheit der Protestanten
in Deutschland, sondern blieben ihrer spezifischen Position treu. Eine kleine,
unbeugsame Minderheit - die festhält an dem, was sie als wahr erkannt
hat.
Wenn wir heute, mit dem Abstand von über 400 Jahren, mit kirchengeschichtlichen
Blick auf diesen Streit sehen, müssen wir sagen: Es war letztlich ein
Streit um Nuancen evangelischer Bibelauslegung. Für uns heute kaum noch
nachvollziehbar, dass man darüber tagelang die Köpfe heißgeredet
hat.
Lieder wissen wir nicht, ob das nur für die Pfarrer ein Thema war, oder
ob das die Gemeindeglieder selber mitdiskutiert haben.
Aber ganz grundsätzlich ist da etwas passiert, was ich ganz wichtig
finde: Dass hier die Gemeinden vor Ort an dem festhalten, was sie als biblische
Wahrheit für sich erkannt haben. Da kann kommen wer will, und da kann
die große Mehrheit der evangelischen Landesherrn anderer Meinung sein:
Die selbst erkannte Wahrheit hat man sich nicht per Mehrheitsbeschluss nehmen
lassen.
Oft genug kann ich es als Christ heute erleben, dass die öffentliche
Meinung, oder besser gesagt, die von den Medien veröffentlichte Meinung,
mich in Bedrängnis, in die Defensive bringt. Da kann es passieren, dass
ich in Erklärungsnot komme, weil ich immer noch an so alten biblischen
Werten und Vorstellungen hänge.
Manchmal passiert das sogar innerhalb unserer Kirche. -
Liebe Gemeinde in Gollhofen,
ich möchte nicht, dass wir an verstaubten Traditionen hängen bleiben,
unbeweglich und träge werden. Aber ich wünsche mir, dass wir die
Tradition unseres Glaubens festhalten; unser Bekenntnis nicht aufgeben und
die Bibel niemals als veraltet zu den Akten legen.
Letztlich hat Luthers Reformation genau da gleiche getan:
Martin Luther hat sich mit alten Traditionen und Lehrsätzen überworfen,
die weder Gott noch den Menschen gerecht wurden.
Und er hat sich gegründet auf die Worte der Bibel, die Botschaft des
Evangeliums. Genau deshalb heißen wir evangelisch.
AMEN
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