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Predigt zu Lukas 18, 1-8
Ist Gott wie ein ungerechter Richter?
Gehalten von: Alexander
Seidel
Datum: 11. November
2001
Liebe Gemeinde,
aus irgend einem Fernsehkrimi habe ich folgende Szene in Erinnerung:
Heimtückisch wurde ein Mann von seinem Feind niedergeschlagen.
Das Opfer liegt schwerverletzt da, im Sterben. Der Täter ist bereits
davongelaufen. Da kriecht das Opfer mit letzter Kraft an den Schreibtisch,
zieht ein Blatt Papier und einen Kugelschreiber zu sich herunter und kritzelt
den Namen des Täters auf den Zettel. Dann bricht er tot in sich zusammen.
Warum? Wieso schreibt der Ermordete noch den Namen seines Mörders
auf? Er hat ja nichts mehr davon. Er ist tot, egal ob später der Mörder
gefasst wird oder nicht. Lebendig wird er davon nicht mehr.
Aber trotzdem verlangt der Ermordete mit seinem Zettel nach Gerechtigkeit.
Ihm ist wichtig, dass die Tat an ihm gesühnt wird. Dass der Mörder
gefasst wird. Erst dann ist die Welt wieder im Gleichgewicht, dann hat
der Tote auch seine Ruhe, wie man so sagt.
Liebe Gollhöfer, ich denke, wir Menschen brauchen das Gefühl
der Gerechtigkeit, damit die Welt für uns im Gleichgewicht ist. Zwar
ziehen weiterhin die Planeten in Sonnensystemen die immer gleichen Bahnen,
aber dennoch: die Welt ist nicht in Ordnung, wenn Unrecht zum Himmel schreit.
Um Unrecht geht es auch in unserem Predigttext. Er steht im Lukasevangelium,
im 18. Kapitel.
Jesus sagte ihnen aber ein Gleichnis darüber, dass sie
allezeit beten und nicht nachlassen sollten,
2 und sprach: Es war ein Richter in einer Stadt, der fürchtete
sich nicht vor Gott und scheute sich vor keinem Menschen.
3 Es war aber eine Witwe in derselben Stadt, die kam zu ihm und
sprach: Schaffe mir Recht gegen meinen Widersacher!
4 Und er wollte lange nicht. Danach aber dachte er bei sich selbst:
Wenn ich mich schon vor Gott nicht fürchte noch vor keinem Menschen
scheue,
5 will ich doch dieser Witwe, weil sie mir soviel Mühe
macht, Recht schaffen, damit sie nicht zuletzt komme und mir ins Gesicht
schlage.
6 Da sprach der Herr: Hört, was der ungerechte Richter sagt!
7 Sollte Gott nicht auch Recht schaffen seinen Auserwählten,
die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte er's bei ihnen lange hinziehen?
8 Ich sage euch: Er wird ihnen Recht schaffen in Kürze?
Liebe Gemeinde,
in der Geschichte die Jesus hier erzählt geht es um eine Witwe.
So genau wissen wir nicht, weshalb sie einen Richter brauchte. Vielleicht
war erst vor kurzem ihr Ehemann gestorben und jemand aus der Verwandtschaft
hatte sich einfach so aus dem Erbe bedient. Und sie, als Frau mit nur wenig
Ansehen in der damaligen Gesellschaft, musste nun zuschauen wie sie ihr
Erbe bekommt, dass ihr doch eigentlich zustand. Wahrscheinlich war sie
dringend darauf angewiesen - in einer Zeit ohne Rente geschweige denn Witwenrente.
Und dann ist da dieser Richter. Darf man ihn eigentlich Richter nennen?
Denn mit der Rechtsprechung hatte er es ja nicht so sehr. Vielleicht war
er ein recht bequemer Zeitgenosse; und er hatte einfach keine Lust in dieser
lästigen Erbstreitigkeit tätig zu werden: Die streitenden Parteien
anzuhören, Zeugen herbei zu holen und ein Urteil zu sprechen. Das
alles war ihm wahrscheinlich zu viel Arbeit. Darum vertröstete er
die Witwe immer wieder auf später. Er, der doch eigentlich für
das Recht zuständig war, kümmerte sich anscheinend herzlich wenig
darum. Ein „ungerechter Richter".
Die Witwe lässt sich aber nicht unterkriegen. Sie kämpft mit
ihrer ganz eigenen Waffe: Sie nervt. Immer wieder spricht sie den Richter
an - mal freundlich mal eher grantig. Das ist ihre Strategie. Steter Tropfen
höhlt ja bekanntlich den Stein. Vielleicht traute sich der Richter
am Schluss gar nicht mehr auf die Straße aus Angst, dass wieder diese
Frau kommen könnte und ihm eine Szene macht.
Und damit geht ihre Rechnung auf: Der ungerechte Richter gibt auf und
nimmt sich ihrer Sache an. Sie hat gewonnen.
Durch ihre Beharrlichkeit hat diese Witwe ein Doppeltes geschafft: sie
bekommt ihr Recht und zugleich hat sie den ungerechten Richter zumindest
an diesem Tag zu einem gerechten Richter gemacht.
Das ist so ein Tag, an dem dann die Welt wieder mal im Lot war. Gerechtigkeit
war hergestellt, keine Rechnung mehr offen.
Das, was Jesus hier erzählt hat, ist ja ein Gleichnis. Das heißt:
Da gibt es etwas zum vergleichen. Und wenn ich nicht alles falsch verstanden
habe, vergleicht Jesus den ungerechten Richter mit Gott.
Das ist nicht so ganz leicht; da sträubt sich irgend etwas in
mir, wenn ich sagen will: "Gott ist wie ein ungerechter Richter".
Aber ich habe es dann doch mal probiert- so zu denken: Denn ich glaube
schon, dass Gott diese Welt in der Hand hat und er Macht hat, Dinge zu
verändern. Und ich glaube auch, dass Gott es gut mit uns meint. Wenn
ich dann aber die Welt anschaue, sehe ich überall Ungerechtigkeiten,
Lieblosigkeit, Not, Mord und Totschlag.
Also Ungerechtigkeit ohne Ende! Und wenn Gott so etwas zulässt,
dann kann ich vielleicht doch behaupten: Gott ist wie ein ungerechter Richter.
Man traut sich so etwas kaum auszusprechen denn schließlich haben
wir es ja nicht mit irgend einem pflichtvergessenen Amtsgerichtsrat in
Ansbach zu tun, sondern mit dem Herrscher der Welt.
Aber die Erfahrung kennen wahrscheinlich viele von ihnen: dass man
sich fragt warum Gottes dies oder jenes zulässt.
- Das ist doch nicht gerecht, wenn diejenigen, die sich auf krummen
Wegen durch Leben mogeln den besseren Schnitt machen, als die Ehrlichen.
- Das ist doch nicht gerecht, wenn der eine Besoffene riskant überholt,
und der zufällig entgegen kommende Familienvater dessen Dummheit mit
dem Leben bezahlt.
- Das ist doch nicht gerecht, wenn kleine Kinder in Afghanistan verhungern,
weil die Erwachsenen Krieg führen.
Da bleibt dann meist nur die Frage nach dem "Warum", die öfters
dann der Pfarrer abbekommt. Aber man könnte gerade mit diesen Gleichnis
im Hinterkopf durchaus auch sagen: Gott, dass ist doch ungerecht, schaffe
doch endlich Recht!
So. Wenn ich schon Gott mit den ungerechten Richter vergleiche, dann
kann ich mir überlegen, was wohl passieren wird, wenn dieser Richter
endlich mal Recht schafft.
Dann geht es nämlich um viel mehr als um eine Bestrafung von irgendwelchen
Übeltätern. Denn das sieht man schon an der Todesstrafe in Amerika:
Die Hinrichtung eines Mörders hinterlässt bei Vielen einen unangenehmen
Nachgeschmack und macht das Opfer auch nicht wieder lebendig. Was fehlt,
ist, dass die Opfer ins Recht gesetzt werden. Aber da sind wir Menschen
ganz schnell am Ende unserer Möglichkeiten
Die Gerechtigkeit, die Gott herstellen wird, hat eine andere Qualität.
Dann geht es darum, dass die Welt wieder ins Gleichgewicht, ins Lot, kommt.
Ohne Ungerechtigkeiten.
~ Wenn Gott Recht schafft, wenn er diese Welt ins Lot bringt, dann werden
Menschen wieder einander als Gottes Ebenbild achten. Jeder den andern höher
als sich selber.
~ Dann sind Mensch und Natur in Einklang, dann wird bebaut und bewahrt,
nicht ausgebeutet und gequält.
~ Dann werden auch wir Menschen mit unserm Gott in Einklang sein, dann
wird Gottes Wille auch unserer sein - wir seine Kinder.
Das ist dann das "Reich Gottes", das Jesus angekündigt hat.
So, wie Gott Gerechtigkeit herstellt, so wächst auch dieses Reich
Gottes unter uns.
Liebe Gemeinde, unser Predigttext sagt uns ja ziemlich unverblümt,
was unsere Aufgabe ist: Wir sollen unentwegt Gott in den Ohren liegen.
Ihn darum bitten, dass er sein Reich unter uns aufbaut und Gerechtigkeit
schafft.
So, wie diese Witwe. Sie wusste: Ich muss diesen Richter dazu bekommen,
dass er sich meiner Sache annimmt, sonst habe ich keine Chance. Darum hat
sie ja nie aufgegeben, obwohl sie lange vergeblich gebettelt hat. Und schließlich
wurde sie ja auch erhört.
Ich glaube, dass wir Menschen auch nur durch Gott die Möglichkeit
haben, diese Welt wieder im Lot zu haben. Er muss Gerechtigkeit herstellen
- sein Reich unter uns aufbauen. Unsere Aufgabe besteht offensichtlich
darin, Gott solange zu nerven, bis er es dann wirklich vollends tut.
Und auf dem Weg zu diesem großen Ziel wird Gott auch kleine Schritte
mit uns gehen und Gerechtigkeit im Kleinen unter uns herstellen. Auch,
wenn die Welt im ganzen noch nicht im Lot ist.
Unsere alltäglichen Leiden an dem, was wir für nicht gerecht
empfinden, werden wir auch weiter tragen müssen und auch vor Gott
reklamieren dürfen. Wie die Witwe - immer wieder. Schon allein deshalb
weil es eben wehtut, mir keine Ruhe lässt wenn ich mich immer wieder
fragen muss: "Warum ich, womit habe ich mein schweres Schicksal verdient?"
Der Witwe hat es sicher keinen Spaß gemacht, immer wieder den
Richter bitten zu müssen. Und zu keinem Zeitpunkt hat sie geahnt,
wann sie ihr Gegenüber endlich weich gekocht hatte. Die Erlösung
kam dann ja ganz überraschend.
Wir Christen sind im Wartestand.
Das ist eigentlich kein schöner Zustand, weil man so wenig in
der Hand hat. Aber drei Dinge, denke ich, kann man aus diesem Gleichnis
mit heimtragen.
1.: Gott zieht sich den Schuh des ungerechten Richters an und sagt uns:
Die Gerechtigkeit kommt erst noch, ihr braucht diese Welt nicht - mir zuliebe
- schöner und gerechter reden, als sie eben ist. Ich habe noch einen
Plan mit euch Menschen.
2.: Gottes verspricht uns, sein Reich, die gerechte Welt aufzurichten.
In der wird auch alle Ungerechtigkeit von heute aufgehoben sein, auch dort
wo die Mordopfer nicht mehr die Namen ihrer Täter aufschreiben konnten.
3.: Wir haben dabei eine wichtige Rolle, indem wir Gott immer wieder
in den Ohren liegen und bitten Gerechtigkeit zuschaffen, gerade da, wo
wir Unrecht sehen und eigentlich machtlos sind. Da können wir rufen:
dein Reich komme.
Amen
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