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Radioandachten im November 2002 auf Radio 8

Eine Schraube locker haben

Was meinen wir eigentlich, wenn wir sagen: „Der hat eine Schraube locker“? Wir Menschen bestehen ja überhaupt nicht aus Schrauben - jedenfalls haben wir keine aus Eisen!

Aber vielleicht haben wir ja doch da etwas Ähnliches: So eine innerliche Schraube die in uns das zusammenhält, was manchmal schnell auseinander fällt: Herz und Verstand zum Beispiel - oder Leib und Seele. Diese beiden Sachen purzeln in uns tatsächlich manchmal einfach so auseinander, als hätten sie nichts miteinander zu tun! Manchmal handle ich furchtbar herzlos, nur nach dem Verstand. Oder ich kümmere mich mit einem Wellness-Wochenende um meinen Körper - und merke gar nicht, dass meine Seele auch am Hund ist.

Wenn Herz und Verstand, oder Leib und Seele in mir nicht mehr zusammengehalten werden, dann scheint da wirklich eine Schraube locker zu sein.  Da kann ich eigentlich froh sein, wenn mir jemand sagt: Alexander, du hast eine Schraube locker, und solltest sehen, dass du zusammen bekommst, was in dir zusammengehört.

 

Etwas auf dem Kerbholz haben

Manche Leute haben ja mächtig was auf dem Kerbholz. Damit meinen wir: da hat sich jemand etwas zu Schulden kommen lassen. Früher hatte der Wirt im Gasthaus für jeden seiner Stammgäste ein Holz, in das er entsprechend der Schulden seiner Kunden kleine Kerben hinein ritzte. Je mehr Schulden man beim Wirt hatte, umso mehr hatte man also auf dem Kerbholz.

Wie wäre das, wenn Gott im Himmel auch so Kerbhölzer für uns Menschen hätte? Wenn mit jedem Fehler, den ich begehe, Gott eine Kerbe in mein Kerbholz schlagen müsste. Ich glaube, er wäre ziemlich beschäftigt und bräuchte wirklich die Weite unseres Weltalls, um unsere immer länger werdenden Kerbhölzer unterzubringen. Und ans bezahlen möchte ich da gar nicht erst denken müssen.

Ich bin heilfroh, dass Gott beschlossen hat, anders mit unserer Schuld umzugehen. Ihm haben zwei Balken gereicht. Aufgestellt vor fast 2000 Jahren an Ortsrand von Jerusalem - da hing Jesus dran. Vergebung - das bedeutet für mich das Ende der himmlischen Kerbhölzer.

 

Ein offenes Ohr füreinander haben

Ich habe ein offenes Ohr für dich - eigentlich ist dieses Versprechen sinnlos. Denn unsere Ohren wenn ihr eigentlich immer offen. Im Gegensatz zu unsern Augen oder zum Mund können wir sie nicht verschließen, die haben keine Lippen oder einem Ohrendeckel. Trotzdem sind manche Ohren wie durch ein Wunder schier zu betoniert.

Ein Wissenschaftler will festgestellt haben, dass wir Männer beim Zeitung lesen manchmal nichts hören. Da kann die Ehefrau ganze Dramen am Frühstückstisch erzählen: viele Zeitung lesen der Männer nicken zwar, bekommen aber überhaupt nichts mit. Sehr ärgerlich ist das dann, wenn die Frau ihrem Mann die Planung des kommenden Tages erzählen will. Sie glaubt sogar, dass er ihr zuhört, und weil kein Widerspruch kommt, glaubt sie, ihr Vorschlag wäre akzeptiert. Welche Szenen sich daraus ergeben können, kann sich jeder selber ausmalen.

Ein offenes Ohr füreinander haben, das ist kein medizinisches Problem, sondern das hat eher was damit zu tun, wie wir als Menschen miteinander umgehen und uns gegenseitig ernst nehmen.  Sie hat Jesus gesagt? Alles was ihr wollt, das euch die Menschen tun, das tut Ihnen auch.

 

 Ein Mann wie ein Baum

Ein Mann, wie ein Baum!  Was muss eigentlich passieren, dass ich über jemanden sage: "Das ist ein Mann wie ein Baum"?

Es liegt nicht daran, dass er aus Holz geschnitzt ist, auch die Blätter sind mir egal. Mich beeindruckt, dass er sich so schnell durch nichts erschüttern lässt. Er strahlt Ruhe und Souveränität aus ; in seiner Nähe fühle ich mich wohl... sogar ein bisschen geborgen. Und ich vermute viel Kraft bei ihm, obwohl er gar nicht der Typ ist, der wie Bud Spencer einfach wild drauflosschlägt.

Manchmal wäre ich auch gerne ein bisschen wie so ein Baum. Ich möchte in stürmischen Zeiten wie ein Baum da stehen, und nicht  wie ein leerer Joghurtbecher umher gewirbelt werden. Ich denke, es hängt viel davon ab, ob ich etwas finde, wo ich meine Wurzeln hineingraben kann.

Der Prophet Jeremia, damals selbst in großer Not, hat einmal einen schönen Satz formuliert: Gesegnet ist der Mann, der sich auf Gott verlässt, dann ist er wie ein Baum, am Ufer gepflanzt, der seine Wurzeln zum Bach hin streckt.

 

etwas an die große Glocke hängen

Wenn wir etwas an die große Glocke hängen, dann wollen wir, dass es jeder erfährt. Heutzutage geht man zur Zeitung oder ruft beim Radio an, damit eine Meldung schnell veröffentlicht wird. Aber es gab anscheinend Zeiten, da hat man die große Kirchenglocke geläutet, um die Leute auf das aufmerksam zumachen, was man zu sagen hat. 

Trotz Radio, Zeitung und Internet sind unsere Kirchenglocken nicht sprachlos geworden. Sie begrüßen jeden Morgen und verabschieden abends jeden Tag. Sie rufen zum Gottesdienst und zum Gebet.

Gerade geht die ökumenische Friedensdekade zu Ende - zehn Tage, in der unsere Kirchen in besonderer Weise versuchen, den Frieden zum Thema zu machen. Den Frieden in der weiteren Welt, um den Frieden daheim. Und das Thema haben unsere Kirchen sogar buchstäblich an die große Glocke gehängt: in fast allen Ortschaften läuten an diesen zehn Tagen die Glocken abends zehn Minuten lang. 

Vielleicht achten Sie ja morgen Abend einmal darauf, damit für den Frieden nicht das Sterbeglöckchen läutet.

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