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Radioandachten im November 2003 auf Radio 8

Die Geduld der Glucke

Eines unserer Hühner im Pfarrgarten hat beschlossen, seine Eier nicht nur zu legen, sondern auch auszubrüten. Ich erkenne sie nicht mehr wieder! Zuvor war sie immer auf Achse, hat im hennentypischen Stechschritt unseren Garten nach Fressbaren abgesucht. Aber jetzt: Seelenruhig hockt sie auf ihren 5 Eiern und rührt sich nicht vom Fleck. Da kann ich noch so sehr mit leckerem Futter daherkommen: Ihre Brut lässt sie nicht im Stich - da ist sie eisern.

Meine Henne ist eine starke Frau. Sie ist überzeugt davon:  „Das, was ich da ausbrüte, wird sicher ein Erfolg. Auch wenn ich 4 Wochen lang keinen Fortschritt sehe. Auch wenn jeden Tag die Eier unverändert weiß und regungslos im Nest liegen.“ Da lässt sie sich nicht irre machen. Erst wirklich ganz am Schluss hört mańs durch die Schale piepsen. Dann ist auch der skeptische Hühnerhalter überzeugt.

An einer Sache mit Geduld dranzubleiben, auch wenn sich nicht gleich was tut. Da könnte ich manchmal was von meiner Henne lernen.

 

Goldene Konfirmation

Eine Goldene Konfirmation ist ein besonderes Fest; das macht mir als Pfarrer richtig Spaß.  Da habe ich mehr als ein dutzend Frauen und Männer im gestandenen Alter - so grade an der Grenze zum Ruhestand. Es ist interessant, mit denen auf ihren 50 Jahre langen Lebensweg seit der Konfirmation zurückzublicken. - Eine lange Zeit mit Höhen und Tiefen.

Im Rückblick verklärt mancher Jubilar auch so manche Krise: Was ihn damals schier an Gott und Menschen verzweifeln ließ, sieht er heute nicht mehr in der Schärfe und Dramatik wie einst. Vielleicht heilt die Zeit ja doch einige Wunden.

Dieser - ich nenne es mal „gnädiger Rückblick“ - auf das eigene Leben macht den Charme von solchen Jubiläen aus.  Man betrachtet die Jahre in der Summe und zieht Bilanz. Gott sei Dank können viele Menschen dann feststellen: Es war ein guter Weg - auch wenn vielleicht Irrwege und Sackgassen dabei waren. Letztlich bin ich doch gut in der Gegenwart angekommen.

Es ist wohl was dran gewesen am Konfirmationssegen von damals, als der Pfarrer sagte:  „Gott gebe dir Schutz und Schirm vor allem Bösen, Stärke und Hilfe zu allem Guten“.

 

Hände falten

Frauen beten anders als Männer!  Ja, das hat mir jemand ganz überzeugend erklärt. Er hat zu unserer Gruppe gesagt: Faltet mal eure Hände, einfach so, und schaut nach, welcher Finger bei den gefalteten Händen der oberste ist.  Wir haben entdeckt: Die meisten Männer haben den linken Daumen oben, bei den Frauen wars der rechte! - Komisch! Erklärung haben wir keine gefunden - schade eigentlich.

Rund ums Beten gibts sowieso oft keine Erklärung.  Zum Beispiel würde ich gerne erklärt bekommen, weshalb mache Gebete erhört werden, und andere wieder nicht. Na gut: umgekehrt erkläre ich meinem Gott ja manchmal auch nicht, weshalb ich etwas von ihm erbitte.

Aber das könnte ich ja ändern: öfter im Gebet wirklich erkären, was mir wichtig ist. So, wie wenn ich meinen Nachbarn überzeugen müsste. Das wäre mal einen Versuch wert. Manchmal wird dabei auch für mich selber mache Sache klarer.

Bloß das mit den Daumen ... das bleibt wohl doch ungeklärt.

 

Null Rasenwachstum

Ich weiß gar nicht mehr, wieviele Wochen es her ist, dass ich zum letzten Mal meinen Rasen gemäht habe. Komisch, seit es so heiß und trocken ist, wächst der nicht mehr. - Stillstand, Nullwachstum. Obwohl doch so wunderbares Wetter ist.

Ich habe immer gedacht: Je wärmer, umso besser ... aber da habe ich mich getäuscht. Die Bauern im Dorf habens mir dann erklärt:  Jenseits einer gewissen Temperatur legen bestimmte Pflanzen eine Pause ein. 

Naja, wie bei mir manchmal auch: Wenns mir zu gut geht, wenn ich mich beruflich und privat wie im Schlaraffenland fühle, dann, gefalle ich mir in der Situation, bin zufrieden und werde träge.  Dann ist der Stillstand nicht weit. - Hängemattenzeit. - Mir gehts einfach zu gut. Schade drum!

Dann bleibt zu hoffen, dass ein Tiefdruckgebiet mit kühlerer Witterung mich wieder in die nicht immer so beschauliche Realität zurückholt. Dass ich Lust bekomme, etwas zu bewegen: Nämlich mich selber und die Dinge um mich herum.

 

Ruf doch mal an

Ich rufe täglich ein dutzend Leute an. Beruflich und privat; manche sogar mehrfach täglich. Und es gibt Menschen, die habe ich schon seit über einem Jahr nicht mehr angerufen. Das sind eigentlich gute Freunde von früher, aber dann ist der Kontakt ein bischen eingeschlafen.  Und jetzt komme ich mir komisch vor, da wieder anzurufen ... wo wir uns jetzt schon so lange nicht mehr gerührt haben. Vermutlich ist da auch ein bischen schlechtes Gewissen dabei.

Meine Frau hat sich jetzt ein Herz genommen, und so eine alte Bekannte angerufen. Einfch so. - Über eine Stunde haben die miteinander telefoniert ... Der Freundin gehts grade nicht so gut - und da kam dieser Anruf meiner Frau wie eine Befreiung. Die beiden haben gleich ausgemacht, dass wir sie jetzt am Wochenende besuchen.

Mensch, denk ich mir da. Hinz und Kunz rufst du an wegen irgendwelcher Lappalien.  Und vor lauter Geschäftigkeit vergisst du Kontakt mit denen zu halten, die dich manchmal dringend brauchen würden, oder die du für deinen inneren Menschen einfach mal benötigst.

 

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