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Predigt zu Mt 25,31- 46 - „Mit sechs Handgriffen in den Himmel?"
16. November 2003 - Gollhofen
Pfr. Alexander Seidel
Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit, und
alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit,
32 und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und
er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken
scheidet,
33 und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken.
34 Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her,
ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von
Anbeginn der Welt!
35 Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir zu essen gegeben.
Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein
Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen.
36 Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen,
und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen, und ihr seid
zu mir gekommen.
37 Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir
dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben, oder durstig und haben
dir zu trinken gegeben?
38 Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen, oder nackt und haben dich gekleidet?
39 Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?
40 Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage
euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern,
das habt ihr mir getan.
41 Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten,
in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln!
42 Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir nicht zu essen gegeben.
Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben.
43 Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich
bin nackt gewesen, und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im
Gefängnis gewesen, und ihr habt mich nicht besucht.
44 Dann werden sie ihm auch antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich
hungrig oder durstig gesehen oder als Fremden oder nackt oder krank oder
im Gefängnis und haben dir nicht gedient?
45 Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr
nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht
getan.
46 Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben.
Liebe Gemeinde,
- Mt 25 als Patentrezept? -
In meinem Briefkasten liegen immer wieder allerlei seltsame Werbeprospekte:
Der eine möchte mir ein Buch verkaufen, in dem 1000 ganz legale Steuertricks stehen.
Der andere verspricht mir 50 Tips für mehr Erfolg bei den Frauen.
Und noch einer machts ganz kurz: In zehn Schritten zum Millionär!
Unser Predigttext schaffts noch kürzer: Mit sechs Handgriffen in den Himmel.
Am Montag wird ein Hungriger gespeist.
Am Dienstag bekommt ein Durstiger etwas zu trinken.
Am Mittwoch lasse ich einen Fremden auf meinem Sofa übernachten.
Am Donnerstag bekommt die Altkleidersammlung einen Pullover für das nackte Negerkind.
Am Freitag schau ich kurz im Krankenhaus vorbei und besuche meinen Nachbarn
Und am Samstag zappe ich zur SAT1-Serie "hinter Gittern", und absolvierte damit meinen Besuch im Gefängnis.
Guten Mutes kann ich dann am Sonntag meinem Gott sagen: Ich habe alles getan, was im Predigttext bei Matthäus verlangt ist.
Hiermit beantrage ich den Stammplatz im Himmel.
So einfach wäre es doch wunderbar. Mit sechs sozialen Kleinigkeiten
wäre die Frage mit Himmel und Hölle, wäre die ganze Unsicherheit,
ob mein Leben vor Gott Bestand hat, elegant gelöst.
Ich merke: So eine Theorie hat sehr viel schönes und beruhigendes an sich.
Dummerweise hat sie einen Makel: Sie stimmt und vorne nicht.
- Der ent-scheidende Punkt -
Werfen wir einen Blick auf diese Szene, die Jesus hier erzählt:
Da kommen die Völker zum Gericht. Alle wissen: Jetzt ist die Stunde
der Wahrheit. Und so mancher wird sich überlegt haben, was er vor dem
Richterstuhl vortragen könnte. Vielleicht hat der Eine oder Andere auch
schon ein kurzes anwaltliches Plädoyer in der Hosentasche.
Aber dann kommt es anders: In dieser Erzählung Jesu gibt es keine Anhörung
in der ausführlich das Für und Wider, die guten und schlechten
Taten, die Spenden, die Opfer oder der Gottesdienstbesuch gezählt wird.
Vielmehr wird einfach zwischen zwei Gruppen geschieden: Die einen zur Rechten,
die anderen zur Linken. Und der Weltenrichter, der Menschensohn, blickt in
fragende Gesichter: Warum sind gerade wir auf dieser Seite gelandet und nicht
auf der anderen? Wir hätten doch gerne auch ein Wörtchen mitgeredet!
Die Antwort des Weltenrichters ist eine scheinbar banale: „Ich bin euch einmal
begegnet - In Form der Hungrigen, der Durstigen, Fremden, Nackten, Kranken
und Gefangenen. So habe ich euch besucht. Und entsprechend eures Verhaltens
habe ich euch jetzt auseinander sortiert."
So einfach geht's!
Geht es wirklich so einfach? Ist unser Evangelium von heute wirklich die Anleitung: „Mit sechs Handgriffen in den Himmel?"
Ich glaube nicht: Der springende Punkt liegt in dem kleinen Sätzchen
derer, die gerettet werden: "Wann haben wir dich denn hungrig gesehen und
dir zu essen gegeben?..." Ja: Sie haben es da nicht gemerkt! Die Geretteten
hatten keine Liste mit den sechs Handgriffen um den den Himmel zu kommen.
Sie haben einfach ihr Leben so geführt, wie sie es als Christen als
richtig und sinnvoll erachtet haben. Und darum unter anderem eben auch Hungernde
gespeist, Kranke besucht und Fremde aufgenommen.
Die Schlüsselfrage in diesem Gericht hatte keiner vorher auch nur erahnt!
-Worauf kommts an: Mein Tun oder mein Glaube ? -
Liebe Gemeinde,
wonach hat der Richter entschieden? Ich möchte behaupten: Es ist nicht
das allgemeine soziale Handeln gewesen. Sondern es war das Verhältnis
zu Jesus Christus. Denn er sagt in seinem Urteilspruch: „MIR habt ihr gegeben,
MICH habt ihr besucht. Nicht Hinz und Kunz, sondern MICH selbst habt ihr
durch euer Verhalten versorgt . Und das ist dadurch geschehen, dass ihr den
Hilfsbedürftigen zur Seite gesprungen seid."
Offensichtlich kann ich die Liebe zu Jesus Christus und die Liebe zu den
andern Menschen nicht trennen. Ich kann nicht zu Jesus sagen: "Komm Herr
Jesus, sei du unser Gast" und zugleich einen Hungernden eine Mahlzeit verwehren.
Denn damit hätte ich diesen Herrn Jesus eben wieder ausgeladen.
Mein Verhältnis zu Jesus und mein Verhalten gegenüber den Menschen gehören zusammen. Das wird hier ganz deutlich.
Ich könnte es auch so formulieren: Mein Handeln ist immer Ausdruck meiner
inneren Einstellung. Darum ist mein christliches, den den Nächsten liebendes
Handeln auch Ausdruck meines christlichen Glaubens. Plakativ gesagt: Wo Glaube
drin steckt, kommt Nächstenliebe heraus.
Und darum muss ich als lutherischer Theologe auch vor dieser Geschichte keine
Angst haben: Denn oft grübeln wir nach, ob in dieser Geschichte vielleicht
doch nur das soziale Handeln der Menschen beurteilt wird, und der Glaube
plötzlich gar nicht gefragt ist. Nein - der Glaube spielt eine zentrale
Rolle in dem Handeln der Menschen vor dem Richter:
Wo der Glaube an Jesus Christus die Menschen dazu angetrieben hat, sich um
die andern zu kümmern, da war auch klar, wohin ihr Weg in diesem Gericht
sie führen wird.
Unseren wichtigen - lutherischen - Glaubenssatz dürfen wir auch 14 Tage
nach dem Reformationstag festhalten: Vor Gott werden wir zu allererst nicht
wegen unsere guten Werke, sondern aus unserem Glauben an Jesus Christus heraus
gerecht gesprochen.
- Aber aber aber ! -
Aber: Ich möchte dieser biblischen Geschichte nicht den gewissen Pfiff
nehmen, den sie ohne Zweifel hat: Mehr als viele andere stupst sie mich mit
meiner Nase auf mein Verhalten. Sie regt mich an, über mein Leben
und meinen Umgang mit anderen Menschen nachzudenken, gerade vor dem Hintergrund
des Glaubens, der doch mein Leben prägen soll.
So können diese sechs Handlungen durchaus ein Spiegel sein, in dem ich
nachsehen kann, ob mein Glaube sich denn auch noch angemessen nach
außen sichtbar macht und spürbar wird.
Wie ist das mit den Hungrigen und Durstigen?
Nehme ich sie noch wahr? Oder bin ich schon abgestumpft gegenüber der
Not und dem Leid in vielen Ländern unserer Welt. Lassen mich die Berichte
über das Elend mancher Menschen schon richtig kalt? Ist es vielleicht
doch allzu abgebrüht, wenn ich manche Spendenbriefe gar nicht erst aufmache,
weil ich weiß, das mich darin Bilder von hungernden Kindern ansehen
werden?
Wie ist das mit dem Fremden?
Bin ich noch bereit, auf Menschen zuzugehen, die mir fremd sind? Weil sie
aus anderen Ländern kommen, eine andere Sprache haben oder eine andere
Lebenseinstellung besitzen als ich. Sind sie dennoch willkommen, oder lasse
ich sie links liegen, weil ich mir selbst genug bin und meine die anderen
nicht zu brauchen?
Wie ist das mit den Nackten?
Wenn da einer im Gespräch auf der Straße förmlich ausgezogen
wird, weil man über ihn herzieht. Weil er gar nicht dabei steht und
nicht weiß, was da über ihn verbreitet wird, ist er ja völlig
nackt und wehrlos in dieser Situation. Wie oft bin ich bereit, in so einem
Gespräch den Mantel der Barmherzigkeit zu ergreifen indem ich den Lästerern
Paroli biete.
Wie ist das mit den Gefangenen?
Bringe ich die Energie auf, auf Menschen zuzugehen, die in ihren Problemen
gefangen sind, die nicht von selbst auf mich zugehen können, sondern
wo ich mich mühsam zu ihnen hindurcharbeiten muss. Bin ich geduldig,
bis ich vorgelassen werde - oder sage ich vorschnell: Dann eben nicht ...
dann musst du halt selber schauen wie du zurechtkommst.
Wie ist das mit den Kranken?
Habe ich noch das Gespür, zu entdecken, wo Menschen die sonst so stark
und selbstständig sind, doch plötzlich meine Hilfe oder ein Gespräch
mit mir brauchen? Stehe ich da zur Verfügung? Bringe ich den Mut auf,
da ganz viel Energie für einen anderen Menschen zu verwenden. Energie
und Zeit, ich auch gut für mich selbst gebrauchen könnte?
Manchmal ist mein Handeln eben auch ein Spiegel meines Innersten. Darauf stoßen mich diese Fragen ganz deutlich.
Ich weiß nicht, wie es genau aussehen wird, wenn der Christus als Weltenrichter
sein Urteil fällen wird. Vielleicht wird er auch Fragen stellen, auf
die wir gar nicht gefasst sind.
Aber aus meiner Bibel ziehe ich die Gewissheit: Wenn ich als Christ mein
Leben im Glauben führe, im Vertrauen auf Jesus Christus, dann brauche
ich vor dem Gericht eigentlich keine Angst haben: Wo ich aus dem Glauben
heraus handle, da ist es eigentlich Jesus selbst, der mein Handeln bestimmt.
Da kann es doch eigentlich keine bösen Überraschungen geben.
Amen
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