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Radioandachten im November 2006 auf Radio 8

Laub rechen

Mir graust es jeden Herbst wieder davor: Wenn unsere zwei Walnussbäume ihre Blätter abwerfen und wir wochenlang mit dem Laub im Hof zu kämpfen haben. Immer wieder fällt was runter und es nimmt kein Ende. Da kehrst du früh das Laub zusammen und schon 3 Stunden später ist wieder alles voll.
Eine endlose, irgendwie auch frustrierende Beschäftigung... Wie so vieles im Leben.
- Und manchmal gehts es mir mit mir selber so. Ich will mich ändern, versuche etwas, aber schon nach kurzer Zeit merke ich: Mist, es ist schon wieder alles beim Alten, als hättest du nie geplant, etwas zu verändern - wie beim Laub meiner Walnussbäume. Es ist zum Verzweifeln.

Gerade da finde ich einen Spruch von Franz von Sales ganz wunderbar. Sinngemäß sagte er:
Selbst, wenn du in deinem Leben nichts anderes getan hast,
außer dein Herz zurückzubringen zu dem, was Gott will,
obwohl es dir jedes Mal wieder fortlief, nachdem du es zurückgeholt hattest,
dann hast du dein Leben wohl erfüllt.

 

Umgraben

Um Garten gehört das Umgraben zum jährlichen Herbstritual.
Ich überlege mir, ob ich mein Leben nicht auch manchmal umgraben sollte. Denn das kommt mir manchmal auch vor, wie ein Beet, bei dem im neuen Jahr alles genau so kommt wie im letzten Jahr. Fast wie genormt. Und ich weiß wann was wie oder auch nicht läuft. So ne gleichbleibende Ordnung hat seine schönen Seiten. Aber da wird eher selten etwas neues angepflanzt.
Soll ich da auch an manchen Ecken umgraben und etwas neues anfangen? Ich will ja nicht gleich mein ganzes Leben auf den Kopf stellen. Einfach mal etwas Altes, was eh nicht mehr recht gedeiht rausschmeißen, umgraben - sehen, was möglich wäre - und was neues ausprobieren.

Ich sag ihnen, was ich gemacht habe - aber lachen Sie nicht. Ich habe mir bei der Norma ein paar billige Bongotrommeln gekauft. Und jetzt gehts mit unseren drei Töchtern rund. Bongo, Gitarre, Flöte, Tamburin und Triangel. Mein lieber Herr Gesangverein - hoffentlich hört das keiner. Aber es macht uns richtig Spaß.
Ich hätte nie gedacht, dass wir einmal Hausmusik machen! So etwas ergibt sich halt, wenn man ein bisschen umgräbt - im Herbst.

 

Wurzeln überwintern

Ich muss immer schmunzeln, wenn meine Frau rechtzeitig vor dem ersten Frost im Garten die Wurzeln der Dahlien und Gladiolen ausgräbt und zum Überwintern in den Keller trägt. Das hat so was fürsorgliches.  Dabei hat sie ja recht - diese Pflanzen gehören ja zu den Sorten, deren Wurzeln sehr empfindlich sind und denen ein starker Frost durchaus den gar aus machen kann.

Seine Wurzeln zu schützen. Seine Eigenen! Darauf zu achten, was die eigentliche Basis des eigenen Lebens ist. Bei den Pflanzen schauen wir oft ziemlich genau drauf; bei uns selber sind wird da eher etwas lockerer drauf.
Da setzt so mancher nach der Konfirmation oder Firmung seinen Glauben, mit dem er groß geworden ist, einige Jahre lang recht strengen Frösten aus. Da wird sich nicht groß drum geschert. “Der wird das schon aushalten, des wird schon wieder” -

Und was wenn es nicht klappt? - Wo kriegt man neue Wurzeln fürs eigene Leben her?  Beim Gärtner gibts die nicht ....

 

Die Vögel unter dem Himmel

Die Obsternte im Herbst ist ja manchmal eine rechte Plage. So ein Glück, dass ich einen Kirschbaum habe, der sich von ganz alleine aberntet.
Und das geht so. Im Sommer, wenn die Kirschen schön reif und weich sind, sind sie anscheinend in den Augen aller Vögel in 4 km Umkreis die absolute Delikatesse . Und aus heiterem Himmel wimmelt es plötzlich von Vögeln .... und 3 Stunden später hängen da nur noch 600 abgeknabberte Kirschkerne. - Unglaublich.
Soll ich deshalb ein Netz drüber hängen oder Vogelscheuchen aufstellen?
Bei dem Baum muss ich immer an Jesu Bergpredigt denken: “Seht euch die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch.”

Naja, dann bin ich mit meinem Baum einer mit mithilft, dass die Vögel von Gott ernährt werden. Da kann ich ja nicht anfangen Netze zu spannen. Ich bin ja selber froh, dass Gott sich um mich kümmert, mich versorgt - und dass ihn dabei keiner dazwischen kommt. Da wäre ich nämlich auch recht enttäuscht.

Dann werde ich den Vögeln wohl auch im Nächsten Jahr die Mahlzeit an meinem Bergpredigt-Baum gönnen.

 

Das Gras

Herbst in Franken- bewölkt- 4 Grad - Bodenfrost. Endlich kann der Rasenmäher in der Garage bleiben. Das Gras hat endlich eingesehen, dass es nichts bringt, wöchentlich um 5 Zentimeter zu wachsen, bloß damit ich am Wochenende mit Rasenmäher und Motorsense ihm wieder zu Halme rücke.

Der Herbst bedeutet für die schönste Rasenmischung: Schluss mit Wuchern. Jetzt schauen mich gerupfte, schlappe Halme kraftlos an.
Da muss ich an einen Psalm aus der Bibel denken, den ich als Pfarrer oft bei Beerdigungen vorlese:
Wir Menschen sind  wie ein Gras, das am Morgen noch sprosst, das am Morgen blüht und sprosst und des Abends welkt und verdorrt.

Und da spüre, ich, wie mir mein lockerer Spruch über den abgehalfterten Grashalm im Hals stecken bleibt - was ist, wenn mir mal genauso schnell der Lebenssaft ausgeht?
Und so langsam verstehe ich, weshalb es der Rasen im Sommer immer so notwendig hat - und frage mich: Wohin will ich eigentlich hinwachsen?

 

 

 

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