Predigt: Die Lieder werden nicht verstummen (Lukas 19, 37-49) 2. Mai 2021

Klagemauer Jerusalem

Lk 19, 37-49

Seit 12 Monaten ist es mit dem Singen in den Kirchengemeinden mehr als mühsam. Dabei ist der Gesang doch eine unserer größten Kraftquellen. Mit Lk 19 öffnet sich da ein Blick auf die Sprache der Steine und der Schöpfung.

Ein Jahr ohne Gesang

Genau vor einem Jahr, also auch am Sonntag Kantate, haben wir hier in Wilhelmsdorf und Brunn nach dem Oster-Lockdown zum ersten Mal wieder einen Gottesdienst gefeiert.

Mit teilweise selbstgenähten Stoffmasken saßen wir mit Abstand in den Reihen. Damals galt die Regel, das wir mit Maske singen durften, aber es war schon sehr sehr ungewohnt. Und so richtig Freude am Singen kam da auch nicht auf. Und seit Mitte Dezember war dann das Singen für die Gemeinde gar nicht mehr erlaubt.

Und viele sagen: Das fehlt total! Singen gehört doch zum Gottesdienst dazu. Ohne Gesang fühlt sich das irgendwie steril an, es ist längts nicht so viel Herz dabei. Und man spürt die Sehnsucht danach, endlich mal wieder einen der alltbekannten Choräle aus voller Brust zu schmettern. Am besten noch zusammen mit dem Posaunenchor.

Aber das ist noch lange nicht in Sicht, und das schlaucht einen gewaltig. Und ich frage mich: Hat die eigene Schlappheit manchmal auch damit zu tun, dass so ein Gottesdienst mit Gesang als seelischer Tankstelle zur Zeit nicht so richtig gut funktioniert?

Ja, Singen ist viel viel mehr als ein Lückenfüller zwischen den Texten unserer Gottesdienste. Das Singen löst so viel aus. Es dringt oft in ganz andere Schichten unserer Seele vor, als Worte es können.

Singen im ist ein eigener Gottesdienst im Gottesdienst. Kirchenvater Augustin hat gesagt: Wer singt, betet doppelt. Mit meinen Lieder führe ich ein Gespräch mit Gott. Obwohl die Worte uralt sind und eigentlich gar nicht meinem Redestil entsprechen, fühle ich mich in besonderer Weise mit Gott verbunden.

Singen in der Bibel

In der Bibel wird ja auch viel gesungen. Miriam schmettert ein Lied nach der erfolgreichen Flucht durch das Schilfmeer. In der Nacht von Jesu Geburt erscheinen die Engel bei den Hirten. Sie preisen und loben Gott: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.”

Und als der Apostel Paulus zusammen mit Silas im Gefängnis saß, haben sie Loblieder gesungen, trotz ihrer schwierigen Situation – in der Lesung haben wir davon gehört.

Unser Predigttext von heute erzählt auch von einer gesanglichen Begebenheit. Der Evangelist Lukas beschreibt, wie Jesus auf einem Esel nach Jerusalem einzieht:

Und als Jesus schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten, 38 und sprachen: Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!

39 Und einige Pharisäer in der Menge sprachen zu ihm: Meister, weise doch deine Jünger zurecht! 40 Er antwortete und sprach: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.

Soweit die Worte des Heiligen Schrift.

Die Gute Nachricht darf nicht verschwiegen werden

Es hat den einflussreichen Männern Jerusalems nicht gepasst, was die Jünger hier gesungen haben. Und tatsächlich waren die Worte eine Provokation: Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn!

Jesus vor den Stadttoren als König auszurufen, das kann nur für Ärger sorgen. Denn der bisherige König war ein anderer – das konnte nur Probleme bringen.

So dachten die Pharisäer. Sie hatten keine Ahnung davon, dass hier eine ganz andere Form von König, von Herrschaft gemeint war. Das kommende Reich Gottes hatten sie nicht im Blick. Darum war klar: Die Jünger müssen aufhören, diese Botschaft, diese revolutionäre Botschaft, die so viel Bisheriges in Frage stellt, laut hinauszuposaunen.

Aber Jesus antwortet: : Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.

Was hat er damit gemeint?
Einige Zeilen später können wir lesen, dass Jesus über Jerusalem weint. Er sieht nicht nur seinen eigenen Tod kommen, sondern auch, dass diese Stadt bald zerstört werden wird. Weil ihre Mächtigen nicht bereit sind zu erkennen was dem Frieden dient. Darum wird eine militärische Katastrophe kommen. Und tatsächlich wird etwa 40 Jahre später die Stadt erobert. “Sie werden dich, Jerusalem, dem Erdboden gleichmachen, und keinen Stein auf dem andern lassen in dir.“ sagte Jesus, und so ist es dann auch gekommen.

Was schreien die Steine?

Seitdem schreien die übrig geblieben Steine von Jerusalem. Die Ruinen und manche alte Mauern sind noch heute dort zu sehen. Sie erinnern an diese Katastrophe.

So wie bei uns auch Steine schreien, wo wir Chancen verpasst, oder die Zeichen der Zeit nicht gesehen haben. Das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, das sind zum Beispiel unsere nationalen schreienden Steine. Sie erinnern an das Versagen unserer Vorfahren beim Erkennen, dessen, was damals im Gange war. Sie beklagen die Millionen von Opfer jener furchtbaren Zeit.

Der stumme Schrei der Steine ist nicht so gut zu hören, wie die Lobgesänge der Jünger am Stadttor. Aber es kann sich lohnen, da mal hinzuhören: Die Steine von Jersualem, die berühmtesten Steine, die an diese Katastrophe erinern, sind die an der sogenannten Klagemauer. Das sind die wenigen Meter des damaligen Tempel-Plateaus. Sie haben die damalige Katastrophe und die folgende Jahrhunderte überstanden . Wir alle kennen sie zumindest aus Fotos und Filmen. Und wenn man erlebt, was da heutzutage geschieht:
Da wird nicht nur geklagt. Man betet, man feiert Barmizwa – man sieht: Nach all dem Furchtbaren der letzten Jahrhunderte sind wir immer noch da! Gottes Treue hat uns nicht aufgegeben. Wir feiern, dass wir eine Zukunft haben. Der Tempelberg ist ja immer noch da.


Die Steine schreien, sie singen in verschiedenen Tonarten – auch von der Zukunft. Von Hoffnung und Zuversicht.

Ich denke, dass auch die Steine unseres Versagens nicht nur Klagelieder singen. Da ist viel Mahnung drin. Aber auch die Melodie der Erwartung, dass wir unseren Weg gut gehen können, wenn wir erkennen und beherzigen, was gut ist. Und im kann mich nicht des Eindrucks erwehren, dass Gottes Weisungen der 10 Gebote und Jesu Bergpredigt da ein ziemlich guter Wegweiser sind, um nicht in die nächste Katastrophe hineinzuschlittern.

Der Gesang der Schöpfung

Liebe Gemeinde

Nicht nur die Steine singen ihr stummes Lied. Momentan lachen mich die Blüten der Kirschbäume und vieler Sträucher an. Im Nest der Amsel höre ich die Jungvögel piepsen. Aus dem Boden ploppen die Gänseblümchen, eine Hummel summt mir um die Ohren. Schon immer singt die gesamte Schöpfung unseren Gott ihr Loblied. Alles, was Odem hat, lobe den Herrn!

Vielleicht kann dieses unspektakuläre Gotteslob der erwachenden Schöpfung auch ein Modell sein, in Corona-Zeiten nicht den Mund zu halten – nicht damit aufzuhören unsere Loblieder zu singen.

Wenn wir hier in der Kirche nicht alle miteinander singen können, dann ist das halt so. Aber vielleicht sollte ich mal andere Wege finden?
Unter der Dusche. Beim Autofahren – vielleicht irgendwo mit dem Handy “ Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren googeln und dann abspielen … und dann nach Lust und Lanue mitsingen – egal wie schräg das vielleicht klingt! Es hört ja kein Fremder!  

Und dann mal in sich hineinspüren, ob mir das gut tut. Ob es mir hilft, meine inneren Akkus aufzutanken, etwas fröhlicher durch meinen Tag zu gehen.

Oder ein anderer Gedanke: Wir sehen uns ja alle auch nicht mehr so oft. Jemanden anrufen, den man hier in der Kirche schon länger nicht mehr gesehen hat: Hallo, wie gehts dir denn so ….

Wer weiß, was man da alles hört. Vielleicht so manches Klagelied, aber es kann gut sein, dass derjenige auch Erfreuliches zu berichten hat, und das endlich mal mit jemanden teilen kann.

So, wie die Steine, die nicht nur klagen können, sondern auch von Hoffnung erzählen.

Nur zwei kleine Beispiele – Sie haben bestimmt viel bessere Ideen, um sich wieder ein bisschen – musikalisch oder auf andere Weise – mit dem vielfältigen Lob Gottes etwas Gutes zu tun.

Amen

Speichere in deinen Favoriten diesen permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.