
Wir schauen uns an, was hinter den „Abendmahlsmünzen“ in der reformierten Tadition steckt. Sie waren Zeichen der Zugehörigkeit zur Gemeinde und spielten in der Hugenotten-Verfolgung eine wichtige Rolle.
Sollen wir auch sowas einführen? Einen Beweis unseres vobildlichen Glaubenslebens? Oder würde Jesus uns diese Münze um die Ohren hauen?
Das Kirchweih-Projekt:
Schon im Vorfeld haben wir informiert, dass es an der Kirchentüre eine Überraschung geben wird: Die „Ortsburschen und Madli“ haben am Eingang die abgebildete Münze (als 3D-Druck) an die Gemeindeglieder verteilt. Allerdings mussten sie sich durch eine Antwort auf eine (recht einfache) bibliche Frage als würde Münzbesitzer leditimieren).
Unsere Kirche ist eine Hugenottenkiche, die von reformierten Glaubensflüchtlingen aus Frankreich erbaut wurde. darum ist ein Bezug auf die Hugenotten (die auch unsere Ortsgründer waren) ein wichtiges Element bei der Kirchweih in Wilhelmsdorf,
Predigt:
Liebe Gemeinde, schön, dass Sie alle da sind. – Also dass Sie alle auch reingekommen sind, in unsere Hugenottenkirche. Und Sie alle müssten jetzt ja auch so eine Münze bekommen haben. Ein Méreau – so nennt man diese Teile.
Wenn wir die genau ansehen, entdecken wir auf der einen Seite einen Abendmahlskelch, daneben eher eckige Hostien oder wahrscheinlich so ein Kastenbrot. Also das, was man fürs Abendmahl braucht. Auf der Rückseite lesen wir vier Buchstaben:
EDLM. Das ist die Abkürzung der Gemeinde, die diese Münze geprägt hat: die „Eglise de la Mothe“. Das liegt im Westen von Frankreich, hat mit Wilhelmsdorf nichts zu tun, aber deren Münze hat sich halt auch gut reproduzieren lassen. Schon da mal ein großes Dankeschön unsere Ortsburschen und Madli, dass ihr das möglich gemacht habt!
Das waren tatsächlich mal so etwas wie „Eintrittskarten“ für den Gottesdienst – genauer gesagt zu einem Abendmahlsgottesdienst. Denn dem Reformator Johannes Calvin war es wichtig, dass die reformierten Christen auch mit dem notwendigen Ernst und auch „würdig“ zum Abendmahl gehen, das meist auch nur vier mal im Jahr stattgefunden hat.
Darum hat man sich schon Tage vorher zum Abendmahl angemeldet und dann gabs Besuch von einem Kirchenältesten – wir nennen das heute Kirchenvorstandsmitglied. Der schaut dann, ob man auch in der letzten Zeit bei der Glaubensunterweisung (so Reli für Erwachsene) war, ob man seine Kirchenbeiträge gezahlt hat, und ob der Lebenswandel stimmt. Da waren die Reformierten ziemlich streng! Wenn alles passt, bekommt man die Münze. Und mit der kann ich dann zu Abendmahl kommen, da wird die dann abgegeben – und die Pfarrers wissen dann, wie viele Leute da waren. Beim nächsten Abendmahl beginnt das Spiel von Neuem.
Seit 1561 gab es das. Nicht jede reformierte Gemeinde hat das so gemacht, aber es gab doch eine gewisse Verbreitung. Keiner weiß, wie das in Wilhelmsdorf war. Immerhin: In Erlangen hat es diese Münzen gegeben, aber seit über 100 Jahren sind sie auch dort aus der Mode.
Für unsere Wilhelmsdorfer Dorfgründer waren diese Münzen möglicherweise noch von viel größerer Bedeutung. Und zwar bevor sie hierher nach Franken kamen: Denn als die Hugenotten in Frankreich nach 1685 zunehmend verfolgt und die reformierten Gottesdienste verboten wurden, haben viele Gemeinden ihre Gottesdienste heimlich weiter gefeiert. Sie trafen sich dort, wo sie nicht leicht entdeckt werden konnten: in Wäldern, Schluchten, Grotten. Meist geschah es nachts. Die Menschen gingen nicht einfach zu einem angekündigten Gottesdienst, sondern mussten sich vorsichtig verständigen: Wann und wo treffen wir uns. Und sie mussten aufpassen, nicht von Soldaten oder Spitzeln des Königs entdeckt zu werden. Genau dafür waren diese Münzen perfekt! Wer zu einer Gemeinde gehörte und am Abendmahl teilnehmen durfte, erhielt eine solche Marke. Bei einem geheimen Gottesdienst konnte sie helfen, Gemeindeglieder von Fremden oder möglichen Spitzeln zu unterscheiden. Das war überlebenswichtig: Wer beim Gottesdienst erwischt wurde, wurde als Mann oft für Jahrzehnte als Rudersklave auf Galeeren, Frauen kamen ins Gefängnis, die Pfarrer wurden teilweise zum Tod verurteilt. Die Münze war also ein wichtiges Zeichen, das sagte: Dieser Mensch gehört zu uns, von ihm geht keine Gefahr aus.
Ja, was machen wir jetzt mit der Münze? Also, jetzt wo wir sie wieder haben, könnten wir sie ja auch offiziell wieder einführen. Also ein bisschen mehr Ordnung und Disziplin bei unseren Schäfchen.
Da würden sich unsere Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher freuen: Bei den Hausbesuchen abzuschecken: Bist du fromm genug? Genug Glaube – nicht zuviel Zweifel – wie gehst du mit deinen Mitmenschen um – und wie ist das mit den Tricks, um der Kirchensteuer zu entgehen?
Klingt spannend – oder gruselig?
Ich frage mich, ob Jesus da mitgemacht hätte. Er hat es sich mit vielen Frommen ja übel verscherzt, weil er sich um unsere menschlichen Frömmigkeits-Tests nicht geschert hat. Er lädt sich beim Zöllner zum Essen ein, von dem jeder wusste, dass der Dreck am Stecken hat. Bei der Ehebrecherin, die manche gerne gesteinigt hätten, stellt er den Männern eine einzige unangenehme Frage, und plötzlich waren sie alle weg. Er trifft die Menschen und redet auch mit denen, die andere nicht mal mit der Kneifzange angefasst hätten.
Also ist Jesus eigentlich der, der als erstes so eine Münze aus dem Fenster gepfeffert hätte: Ich höre ihn schon „Glaubt ihr, ihr wärt bei Gott besser angesehen, bloß weil ihr mehr Psalmen und Liedversle auswendig könnt? Ihr werdet euch umschauen: Die ersten werden die Letzten sein, und die Letzten werden die ersten sein!“
Das klingt schon sehr danach, dass das mit der Münze keine gute Idee ist. Weil wir als Christen eben kein exklusiver Kreis sein sollen, der sich nach außen abschottet und für den bestimmte Menschen irgendwie nicht gut genug sind.
Aber Achtung! Wir sollten uns nicht zu früh freuen. Die Sache mit der Münze und dem Wunsch der Reformierten nach einer disziplinierten Christengemeinde kam ja nicht von ungefähr. Denn Jesus hat oft genug seine Jünger rund gemacht. Etliche Male finden wir Szenen, wo Jesus am Ende seine Jünger zusammenstaucht „Hab ihr denn keinen Glauben? immer mehr Zweifel als Vertrauen. Nur Bedenken … keine Hoffnung! Wie soll das mit euch noch was werden – nach Karfreitag und Ostern?“
Oder wenn er den Menschen sagt: Es ist kein Kunststück, seine Freunde und Gleichgesinnte zu lieben. Da kann jeder. Ihr aber sollt auch eure Feinde lieben. Daran wird man erkennen, dass ihr Kinder Gottes seid.
Da ist Jesus ziemlich unnachgiebig. Da gibt er keine Ruhe. Immer wieder legt er bei seinen Leuten die Finger in die Wunde: „Na, klappt es immer noch nicht, wie lange soll ich das noch mit euch aushalten!“ – aber er gibt seien Jünger nicht auf.
Da merke ich, dass man das mit der Münze eigentlich ganz anders machen müsste. Die gibt es nicht, wenn wir gezeigt haben, dass wir tüchtige Christen sind – sondern wir haben sie eigentlich von Anfang an. Seit unserer Taufe.
Schauen wir uns die Münze nochmal an. Die Seite mit dem Kelch: Da sind drei Kreise zu sehen. Sind das drei Tropfen Wasser von der Taufe? Oder stehen diese Ringe für die drei zentralen Begriffe unseres Christseins: „Glaube, Liebe Hoffnung“? Ich weiß es nicht. Aber der Gedanke gefällt mir.
Seit meiner Taufe habe ich diese Münze.
Sie sagt mir: Du gehörst dazu! Du bist ein Kind Gottes – keiner darf dich ausschließen. Aber du sollst auch keinen ausschließen.
Dir gehört Gottes Liebe – und diese Liebe sollt du auch weitergeben. An alle Menschen.
Und du wurdest damals gesegnet. Und unter diesem Segen sollst du dein Leben zuversichtlich gehen. Mit Hoffnung und Gottvertrauen, auch wenn die Wolken an deinem Himmel manchmal so düster sind, dass du dich fragst, ob für dich, deine Lieben, dieses Land oder diese Erde wirklich nochmal die Sonne aufgeht. Er sagt: Ich bin bei euch alle Tage.
Glaube – Liebe – Hoffnung. Sie sind ein Schatz und eine Aufgabe. Manchmal klappt es gut, und sie geben mir Kraft. Und manchmal fühle ich mich überfordert und merke, dass das Projekt „Jesus nachfolgen“ so gar nicht gelingen will.
Aber Gott kassiert die Münze nicht ein. Sie gehört mir mein Leben lang. Als Geschenk, als Motivation, und als Aufgabe.
Amen