Predigt: Juden und Christen – Wenn Gott Extrawürste brät (Röm 11, 28 -33) – Israelsonntag

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Röm 11, 28-33

Zum Israelsonntag folge ich an der Seite von Paulus dem Prozess des Entfremdung von Juden, Judenchristen und Heidenchristen.
Und wir entdecken die Liebe Gottes, der für uns Menschen immer wieder „Extrawürste“ brät.

Liebe Gemeinde, am Israelsonntag fällt unser Blick traditionell auf das Verhältnis von Juden und Christen. Da geht’s um Religion. Nicht um Politik. Aber auch so ist es kompliziert genug. Wir haben 2000 Jahre Gegeneinander, Miteinander und Nebeneinander von Judentum und Christentum hinter uns.

Unser biblischer Predigttext, der erst am Ende der Predigt kommt, ist so ein wichtiger Markstein dieses Verhältnisses. Der ist nicht ganz unkompliziert geschrieben. Darum möchte ich Ihnen heute mehr erzählen, als dass ich Ihnen predigen möchte.
Gehen wir ein bisschen neben Paulus von Tarsus her – er hat den Römerbrief mit unserem Predigttext geschrieben. Und gedanklich springen wir weit zurück, nur wenige Monate oder Jahre nach Jesu Tod und Auferstehung:

Damaskus ändert alles

Paulus ist eigentlich ein ganz frommer und ernsthafter Jude gewesen. Einer der mit großer Leidenschaft seinen Glauben lebte. Er war mit den Heiligen Schriften bestens vertraut und nahm sie ungeheuer ernst. Die Regeln seines Glaubens waren ihm in Fleisch und Blut übergegangen und es gab für ihn überhaupt keinen Zweifel, dass das genau der richtige Weg ist, Gott gefällig zu leben.

So war es für ihn als damals jungen Mann ganz logisch, dass man diese neu aufgekommene Sekte der Christen bekämpfen muss. Diese Anhänger eines hingerichteten Predigers mit Namen Jesus. Denn der hatte der so vieles, was Paulus wichtig war, in Zweifel gezogen hatte. Genau in dieser Funktion als Gegner und Verfolger der Christen taucht Paulus dann ja auch zum ersten Mal in unserer Bibel auf: Als der Mann, der Christen in Damaskus gefangen nehmen und nach Jerusalem überstellen lassen will.

Aber genau auf dieser Reise nach Damaskus geschieht das Ungeheuerliche: Die Bibel erzählt davon, dass Jesus ihm begegnet. Unsichtbar – Paulus hört nur seine Stimme und wird von einem unerklärlichen Licht geblendet. Diese Begegnung verändert für ihn alles!

Paulus erblindet für einige Tage. Und als er in Damaskus ankommt, schließt er sich dort sofort der Gemeinde der Christen an. Unsere Bibel ist nicht besonders auskunftsfreudig hinsichtlich der Tage, Wochen oder Monate, die dann ins Land gegangen sind. Aber es wird deutlich: Paulus setzt sich ungeheuer kritisch und reflektierend mit seiner eigenen jüdischen Tradition auseinander. Und er deutet diese im Licht der Auferstehung von Jesus neu. Für ihn, diesen brillanten Denker, war irgendwann völlig klar, dass Jesus Christus der von Gott gesandte Retter sein muss. Mit der Auferstehung wurde sein Reden und Handeln auch von Gott bestätigt. Damit wurden die ganzen für Paulus bisher herausragend wichtigen Regeln und Gebote und Verbote der Tora zur Nebensache.

Obwohl sich so viel für Paulus im Kopf verändert hatte, war es für ihn kein „neuer Glaube“. Sondern er verstand sich weiter als Jude, als Teil des von Gott erwählten Volkes Israel. Nur gehörte er zu denen, die erkannt hatten, dass Weg Gottes mit seinem Volk Israel eben nicht darin bestand, alle Gebote haarklein zu erfüllen, sondern auf Gott zu vertrauen und Jesus Christus nachzufolgen.

Judenchristen und Heidenchristen

Paulus gehörte zu den Menschen, die die Botschaft von Jesu Auferstehung sehr konsequent bis zum Ende durchgedacht haben. Für ihn war klar, dass jetzt alles anders betrachtet werden muss, weil Gottes Weg mit seinem Volk Israel eben jetzt auf komplett neuen Füßen steht.

Andere seiner jüdischen, an Jesus glaubenden, Geschwister waren da viel zurückhaltender. Für sie war die Auferstehung Jesu ein wichtiges Signal. Auch für die eigene Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod.  Aber sie konnten sich überhaupt nicht vorstellen, dass die bisherigen Gebote in irgendeiner Weise überflüssig geworden wären: „das war doch schon immer so!“ (Das Argument kennen wir…)

Da hat es logischerweise scharfe Diskussionen innerhalb derer gegeben, die Jesus nachgefolgt sind. Auch mit einigen von den Jüngern von Jesus hat sich Paulus da auseinandersetzen müssen. Unterm Strich war es so, dass sich Paulus durchgesetzt hat. Und weil die bisherigen Regeln nun nicht mehr heils-notwendig galten, war auch eine wichtige Tür aufgestoßen: Nun konnten eigentlich auch alle Nichtjuden, also Römer und Griechen – letztlich auch wir – zu dieser Gemeinschaft gehören, ohne vorher zum Judentum überzutreten. Also ohne alle Gebote der Tora einzuhalten und sich als Mann beschneiden zu lassen.

Eigentlich könnte man denken: „Wie schön, dass Gottes Liebe allen Menschen gilt – weil Jesus in die Welt gekommen ist. Alles wird besser!“ Aber es wurde schwieriger, und gegenseitige Ablehnung kam ins Spiel:

Die traditionellen Juden – und das war die große Mehrheit in Israel – war der Meinung: Der Christusglaube hat den Boden des Judentums verlassen. Viele unserer altbekannten Glaubensgrundlagen haben diese Christen einfach über Bord geworfen: „Das ist auch unserer Sicht kein Judentum mehr! Das ist letztlich eine fremde Religion.“

Umgekehrt war es für die Christen mit jüdischer Herkunft schwierig mit ihren ehemaligen jüdischen Glaubensgeschwistern: Denn aus christlicher Sicht haben die Anderen mit der Ablehnung von Jesus die große Chance, mit Gott ins Reine zu kommen, verpasst. Sie haben Gottes Angebot zur Versöhnung durch Jesus Christus ausgeschlagen. Und damit wären sie auf dem falschen Weg unterwegs und vor Gott eigentlich verloren.  
Noch eindeutiger war die Ablehnung des Judentums durch die Christen ohne eigene jüdische Wurzeln, also der griechischen oder römischen Christen. Da entstand das Bild der uneinsichtigen gesetzesgläubigen und verblendeten Juden, die Gottes Heils-Angebot, das er mit Christus allen Menschen macht, einfach nicht akzeptieren wollen.
Die Tischdecke zwischen Juden und Christen wurde von beiden Seiten fleißig zerschnitten.

Missverständnisse bis heute

Das alles passierte innerhalb von etwa 20 Jahren nach Jesu Auferstehung. So schnell wurden die Mauern zwischen Christen und Juden hochgezogen. Sicherlich wurde der Prozess auch dadurch beschleunigt, dass die Mehrheit der sich schnell ausbreitenden Christenheit keinen Bezug zum Judentum hatte. Die Christen in den Metropolen wie Rom, Athen oder Korinth lebten in einer ganz anderen Welt. Das Phänomen kennt man: Was man nicht kennt, lehnt man auch schnell mal ab.

Und so ist es durch die Jahrhunderte geblieben. Mal mehr, mal weniger ausgeprägt. Aber die christliche Sicht machte es sich schon ziemlich einfach: „Die Juden haben Gottes Angebot in Jesus Christus abgelehnt; also sind sie für ihn verworfen und verloren. Denn ohne Glauben an Jesus Christus gibt’s kein Heil.“ – Einfache Logik. Und wir wissen, dass dieser Gedanke dann auch zu allen Zeiten ein willkommener Dünger für den immer wieder aufkeimenden Antisemitismus war. In der Antike, im Mittelalter und in der Neuzeit.

Der Blick auf die Wurzeln

Gehen wir nochmal zurück zu den Anfängen – zu Paulus. Dieser kluge Mann war sich ja bewusst: Ich, Paulus , bin ja eigentlich das Ur-Modell eines Christen:
Ich bin in meinen Wurzeln erstmal Jude:
Meine ganze Existenz,
mein Weltbild,
meine Vorstellung von Gott,
mein Umgang mit Glück und Schicksalsschlägen,
meine Wertschätzung von Gebet,
und so vieles anderes
das alles ist jüdisch. Das habe ich aus den Schriften des Judentums gelernt, und das ist auch für mein Leben als Christ absolut grundlegend.

Für ihn kann es eigentlich kein Christentum geben, das diese jüdischen Wurzeln ablehnt oder verleugnet. Es ist kein anderer Glaube, und schon gar kein anderer Gott.
Und so verwendet er in seinen Brief an die Gemeinde in Rom das Bild eines alten Baumes, bei dem bei einem Ast ein fremder Trieb aufgepfropft wurde. Der alte Baum mit seinen tiefen Wurzeln ist das Judentum. Und wir Christen – die wir keine Juden sind – sind der eingesetzte Trieb!
Wir wachsen schneller und blühen kräftiger als der Rest dieses Baums. Aber wir können es nur, weil wir aus den Wurzeln des alten Baumes unsere Kraft beziehen. Und wenn wir meinen, uns vom Judentum zu lösen, wären wir ein abgeschnittener Ast ohne geistliche Überlebenschance.

Soweit seine klare Ansage: „Ihr Christen werdet nicht überheblich gegenüber den Juden: Nicht ihr tragt die Wurzel! Die Wurzel trägt euch.“

Die Sache mit dem Heil

Aber an einer Stelle wird Paulus dann doch das Herz schwer. Denn wenn der Glaube an Jesus Christus der Weg zu Gott ist, und er sieht, dass der Großteil seines eigenen Volkes Jesus ablehnt. Das ist ganz schwierig für ihn.

Um ihn herum hört er: „Wenn die Juden, nicht an Christus glauben, den Gott für sie geschickt hat, dann sind sie halt verloren – so einfach ist das. Weshalb sollte er für das Volk Israel eine Extrawurst braten?“

Und an der Stelle kommen wir zu unserem Predigttext von heute!
Denn in seinem Brief an die Römer, wo er auch das Beispiel mit dem Baum verwendet, schreibt Paulus, wie er sich das denkt:

Betrachtet man es aber von daher, dass Gott das Volk Israel erwählt hat, dann bleiben sie von Gott geliebt. Es waren ja ihre Vorfahren, die er einst erwählt hat. Denn was Gott aus Gnade geschenkt hat, das nimmt er nicht zurück. Und wen er einmal berufen hat, der bleibt es.

Früher habt ihr Völker Gott nicht gehorcht. Aber weil die Juden ungehorsam waren, hat Gott jetzt euch sein Erbarmen geschenkt. Genauso gehorchen sie jetzt Gott nicht, weil er euch sein Erbarmen geschenkt hat. So werden künftig auch sie sein Erbarmen finden.

(Röm 11, 28-33 Basisbibel)

Liebe Gemeinde, ich habe ihnen bis jetzt Paulus ein paar Mal als einen sehr klugen und logisch denkenden Menschen gelobt. Aber an dieser Stelle lässt er seine ultrascharfe Logik bewusst mal beiseite und bringt eine historische Perspektive herein:

Denn von Anfang an war das Volk Israel das Volk, an dem Gott einfach einen Narren gefressen hat. Abraham, Mose, die Wüstenwanderung, das Sesshaftwerden in Kanaan, die Zeit unter den König Saul und seinen Nachfolgern, Krieg und Verschleppung nach Babylon. Gott hat dieses Volk begleitet. Und ihnen immer geholfen. Er hat es ertragen, dass sie oft nicht nach ihm gefragt haben. Er hat ihnen öfter schmerzhaft ihre Grenzen aufgezeigt, manchmal hats geholfen, manchmal nicht wirklich. Aber Gott hat sie nie aufgegeben. Hat ihnen nie die Liebe gekündigt. Warum sollte er das jetzt tun?

Gott war bereit, für dieses Volk eine Extrawurst zu braten – immer und immer wieder. Da wäre es ganz schön eingebildet von uns nicht-jüdischen Menschen, wenn wir ihm vorschreiben wollten, wann es genug mit Extrawürsten für das Volk der Juden.

Denn eines dürfen wir nie vergessen, so verstehe ich seine Anspielung im Predigttext: Die allergrößte Extrawurst sind nämlich wir selbst! Dass Gottes Liebe auch uns als Nichtjuden gilt. Das hatte ja niemand so richtig auf dem Plan. Das war die große Entdeckung!

Natürlich haben uns als Christen in 2000 Jahren sehr komfortabel daran gewöhnt. So sehr, dass wir das Gefühl haben, wir wären das erwählte Volk. Nein! Wir sind die Extrawurst und dafür können wir unserem Schöpfer dankbar sein.
Und ich überlege, wie oft Gott damit umgehen musste, dass ich in meinem Leben auch nicht nach ihm gefragt habe, und er dann doch noch was Gutes daraus gemacht hat – da ist er ja auch immer am Extrawurst braten – für mich. Und da werde ich nicht der Einzige sein.

Da ist es ja nur sinnvoll, dass wir Gott nicht reinreden wollen, wem er auf welchem Wege tausendmal vergibt, ihm nachgeht und ne Extrawurst brät. Denn dieser manchmal unlogischen Liebe Gottes verdanken wir, dass es uns noch gibt. Und da ist es eigentlich selbstverständlich, dass wir Gott nicht vorschreiben können, wie viel Geduld er mit anderen Menschen hat – seien es Juden oder Christen.

Amen

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