Symbolpredigt: Gewickelt in Windeln (3. Advent 2020)

Windeln

So ein Stück Windel in der Hand regt zum gemeinsamen Nachdenken an: Über den Gottessohn, über Verletzungen, Gottes seltsame Schachzüge und die eigene Taufe.

Teil 1: Der Menschensohn und Gottessohn

Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge. (Lk 2,7)

Liebe Gemeinde,
Die Windel war eines der ersten Dinge in der Lebens-Geschichte von Jesus – noch lange vor Gold, Weihrauch und Myrrhe. Aber die  Windel ist so alltäglich, dass man ihr kaum Beachtung schenken mag. Kaum vorstellbar, dass sie es einmal als Thema in eine Adventspredigt schafft.

Eigentlich schade. Denn wenn wir uns ein bisschen Zeit für dieses bisschen Stoff nehmen, wenn wir in unserer Hand ein bisschen damit spielen, kann sie uns mache Einsichten schenken, auf die wir ohne Windel gar nicht gekommen wären.

Fangen wir einmal damit an – mit dem Spielen! Und denken wir an das Naheliegendste: An das Kind in der Krippe … also strecke ich mal meinen linken Zeigefinger aus. So dass sie Fingerkuppe zu mir zeigt … und schlage diesen Finger wie ein Baby in eine kuschelige Decke ein. Mein Finger, in Windeln gewickelt, am liebsten möchte ich da noch zwei Augen und einen lachenden Mund drauf malen! Und im Handumdrehen entsteht mein selbstgestaltetes Jesuskind in der Windel.

Vielleicht kommt ihnen das jetzt auch seltsam vor. Passt das zusammen? Ich schaue erwartungsvoll auf das, was da in Windeln gewickelt ist – erwarte mir großes – und dann ist es doch nur mein eigener menschlicher Finger! Nichts ist daran heilig oder gar göttlich. Meinem Finger fehlt jeglicher himmlische Glanz, der doch zu dem Kind in der Krippe dazugehört! Oder?

Aber ist es nicht so, dass dieser Jesus, der da geboren war, ganz einfach Mensch geworden ist? Die Engel singen “Gloria”, ein Stern geht auf – und dann ist es doch nur ein ganz einfaches menschliches Wackerla in der Krippe.

“Jesus ist wahrer Gott und wahrer Mensch”, so heißt es in einem alten Bekenntnis. Beides ist wahr!

Manchmal erbitte ich mir Hilfe von diesem mächtigen Gottessohn. Dass er meine Probleme löst … und ich schaue mich nach ihm um … und entdecke in der Krippe meine Finger – Finger, die er mir gegeben hat, damit ich im Vertrauen auf ihn selber tätig werde. 

Und ein anderes Mal, wenn meine Kräfte zu Ende sind, und ich mir gar nichts mehr zu erhoffen wagte: Da geschehen Dinge, die ich mir nicht zu träumen gewagt hätte. Und ich merke – er ist ein ganz und gar menschliches Kind, und doch viel viel mehr.

So wie es Jesaja lange zuvor angekündigt hat: Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst (Jes 9,5)

Das Jesuskind – ein Gottessohn mit ganz menschlichen Fingern.

Wir hören jetzt “zu Bethlehem geboren” – und im Text dieses Liedes enteckt man auch das geheimnisvollen ineinander von Gott und Mensch: Dich wahren Gott ich finde in meinem Fleisch und Blut;
darum ich fest mich binde an dich, mein höchstes Gut.

Musik: Zu Bethlehem geboren

Ansprache 2: Der Heiland, der meine Wunden verbindet (Psalm 147, 1-3)

Spielen wir ein bisschen weiter mit der Windel. Das Material kenne ich ja, es ist anscheinend das Gleiche, wie das von so einem Wundverband. Und tatsächlich lässt sich mit dem Stückchen Windel ein Finger ganz ordentlich verbinden.
Wunden verbinden.
Verletzungen heilen.

Genau dafür ist Jesus doch bekannt. Seit unserer Kindheit kennen wir diese Heilungsgeschichten. Wo er Kranke geheilt hat: Aussätzige, Blinde, Lahme, Menschen mit Wahnvorstellungen. In Scharen sind sie zu ihm gekommen, weil sie wussten: Bei ihm sind sie richtig mit ihren Leiden und Lasten.

In unseren Advents- und Weihnachtsliedern ist so oft vom “Heiland” die Rede. Ein altes Wort. Es bedeutet: Der, der andere heilt. Und da ist auch klar, dass es nicht einfach um eine medizinische Dienstleistung geht. Sondern um eine Heilung, die viel umfassender ist.

Im Psalm 147 finde ich diese Zeilen: Lobet den HERRN!  Denn unsern Gott loben, das ist ein köstlich Ding, ihn loben ist lieblich und schön. Der HERR baut Jerusalem auf und bringt zusammen die Verstreuten Israels. Er heilt, die zerbrochenen Herzens sind, und verbindet ihre Wunden. Er zählt die Sterne und nennt sie alle mit Namen. (Ps 147,1-3)

So ein schönes Bild.
Unser Herr kümmert sich um mein gebrochenes Herz, und anschließend schaut er, ob alle Millionen Sterne des Kosmos noch da sind, wo sie hingehören.
Es schaut auf die Verletzungen meines Lebens, und sorgt sich um die Millionen Menschen, die gerade nicht wissen, wo ihre Heimat ist.

Ein Gott, dem das Schicksal des Einzelnen nicht egal ist.
Ich gehe bei ihm nicht unter in der Zahl der Tausenden, denen es viel schlechter geht als mir.


Da heißt auch: Ich muss Gott nicht erst um Hilfe bitten, wenn alles schon zu spät ist. Auch mit den ganzen Kleinigkeiten des Lebens zu ihm zu kommen.
Die kleinen Sorgen.
Die nicht ganz so großen Fragen und Zweifel.
Die kleine Kränkung, die ich mit mir herumtrage.
Der Heiland hat immer Sprechstunde – auch abend kurz vor dem Einschlafen kann ich ihm anvertrauen, wo es gerade in mir weh tut.

Als nächstes hören wir eine Interpretation vom fünften Vers vom “Macht hoch die Tür” – da heißt es: Komm, o mein Heiland Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist.

Musik Macht hoch die Tür

Ansprache 3: Das Schachbrett: Der Gott mit geheimen Plänen (Apg 2,22-23)

Wenn ich nun meine Windel wieder vom Finger abwickle und schön glatt streiche, fällt mir auf: Die hat ein eigentümliches Muster – eine Struktur, die mich irgendie an ein Schachbrett erinnert. Und wenn ich genau hinsehe, ist jedes dieser Kästchen ja durch die einzelnen Fäden auch wieder wie ein eigenes Schachbrett.

Ich gebe zu: ich weiß zwar, wie Schach grundsätzlich geht, aber ich habe es nie ernsthaft gespielt. Das hat mich irgendwie überfordert. Weil bei diesem Spiel ja jeder seinen Plan haben muss. Seine Strategie.
Und ich sitze da am Brett und verstehe nicht, was der af der anderen Seite da gerade für einen Zug macht.
Hey, was machst du da?
Was hast du da vor?
Ich sehe, was du tust, aber ich keine Ahnung, wohin dieser Schachzug führen soll, das erscheint mir so sinnlos. Wozu soll das gut sein?

Die gleichen Fragen stelle ich mir manchmal bei diesem Jesuskind in der Krippe.
Dass der unsichbare Gott Mensch wird.
Das der, der über allem steht, es riskiert und sich seinen eigenen Geschöpfen ausliefert.
Dass er es zulässt dass sie ihn missverstehen, auslachen und umbringen.
Gott spielt manchmal seltsame Schachzüge.
Das hat auch Petrus in seiner Pfingstpredigt gesagt: Jesus von Nazareth, von Gott unter euch ausgewiesen durch mächtige Taten und Wunder und Zeichen, die Gott durch ihn in eurer Mitte getan hat, wie ihr selbst wisst – diesen Mann, der durch Gottes Ratschluss und Vorsehung dahingegeben war, habt ihr durch die Hand der Ungerechten ans Kreuz geschlagen und umgebracht. Den hat Gott auferweckt. (Apg 2, 22-24)

Jesu Geburt, sein Leben und auch sein Tod sind Strategie Gottes gewesen. Keine Pannem sondern sein Plan. Das sind Gottes Schachzüge, die ich als Mensch oft nicht verstehe. Aber im Nachhinein kann ich erkennen, dass es richtig war; dass dieser Weg ein gutes Ziel hatte. Zumindest im Leben von Jesus.

Wenn ich auf mein Leben schaue, oder darauf, was anderswo geschieht, frage ich mich manchmal auch:

Was wird denn da gespielt?
Wozu soll das alles gut sein?
Soll das Gottes Ernst sein, dass er so etwas zulässt?
Sind das seine Schachzüge? Oder ist das Spiel außer Kontrolle geraten?

Ich weiß es nicht – ich weiß es wirklich nicht.

Und dann schaue ich auf das Muster der Windel. Auf die Muster im Leben von Jesus. Und will dann einfach hoffen und vertrauen, dass diese mir unverständlichen Wege dann doch einmal zu einem guten Ende führen.

Wir hören dazu “Weil Gott in tiefster Nacht erschienen,kann unsre Nacht nicht traurig sein!”
Im zweiten Vers geht es auch um die Rätsel, vor denen wir manchmal stehen:
Bist du der eignen Rätsel müd? Es kommt, der alles kennt und sieht! : Weil Gott in tiefster Nacht erschienen,kann unsre Nacht nicht traurig sein.

Musik: Weil Gott in tiefster Nacht erschienen

Ansprache 4: Knoten in der Windel: Vergiss ihn nie (Matthäus 28,20)

Ein letztes Mal werde ich mit meiner Windel aktiv. Wie wäre es, wenn ich da einfach mal einen Knoten hineinbinde?

So, wie der sprichwörtliche Knoten im Taschentuch. Ich weiß nicht, wer es erfunden hat: Sich einen Knoten ins Taschentuch zu machen, um sich später wegen des Knotens an das zu erinnern, was man keinesfalls vergessen wollte.

Ich weiß auch nicht, ob das mit dem Taschentuch klappt. Aber ich bin mir sicher, dass Erinnerungs-Stücke manchmal Gold wert sind.
Der Ehering, das metallgewordene Versprechen, in guten und bösen Tagen zusammenzuhalten und einander beizustehen.
Der Siegerurkunde aus der Schulzeit, die daran erinnert, wie oft man schon stolz auf das Geleistete war.
Die Fotos vom ersten Urlaub im Süden …

Sich erinnern an das Gute. An das, was einem geschenkt ist. An Träume, die im Alltag zu kurz kommen.

Sich erinnern, dass mir als Kind bei meiner Taufe die Nähe Gottes zugesagt worden ist. Damals als ich in den Windeln lag, hat jemand die letzten Worte Jesu aus dem Matthäusevangelium vorgelesen: “Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende” (Mt 28,20)

Da lohnt es sich, einen Knoten in seine Windel zu machen. Damit wir es nicht vergessen: Das Kind in der Krippe ist nicht nur eine Episode der Vergangenheit. Sondern dieser Jesus ist Gottes Versprechen für die Gegenwart und für die Zukunft.

Unser letzter Liedbeitrag dazu: – Kein Adventslied – sondern eines, da an unsere Taufe erinnert:

Ich bin getauft auf deinen Namen, Gott Vater, Sohn und Heilger Geist;
ich bin gezählt zu deinem Samen, zum Volk, das dir geheiligt heißt.
Ich bin in Christus eingesenkt, ich bin mit seinem Geist beschenkt
.

Amen

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