Predigt zur Jahreslosung 2022: An der Türe zum unbekannten Zimmer 2022 (Johannes 6,37) 31. Dez 2021

Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen. ( Joh 6,37)

Nicht nur ein neues Jahr anfangen, sondern neu anfangen! Die Türe zu 2022 steht offen. Gedanken, die Mut machen, um auch nach mancher Enttäuschung an Gottes Hand ins neue Jahr zu starten. Ein Bild von Stephanie Bahlinger zur Jahreslosung 2022 liefert einige Impulse.


Wir wechseln den Raum

Silvester … Neujahr, wir wechseln vom einen Jahr ins andere. Fast so, als würden, wir in einem großen Haus von einem Raum in den nächsten hinübergehen. Wir lassen das Alte hinter uns und schauen, was im neuem Raum auf uns wartet. Ein neuer unbekannter Raum, aber immer noch das selbe Haus. Der selbe Planet. Das selbe Leben.

Vielleicht ist 2022 ja fast das gleiche Zimmer wie 2021. So dass man später im Rückblick sie kaum unterscheiden kann. Oder es kommt doch so manches gänzlich Neue auf uns zu? Veränderungen, besondere Ereignisse, ein bisher unbekanntes Lebensgefühl. Mit dem Wechsel kann ich ja auch positive Erwartungen und Hoffnungen verbinden. Ich wüsste da schon, wass ich mir so wünschen würde.

Während das neue Zimmer 2022 noch geheimnisvoll unbekannt vor mir steht, ist mir das Alte gut vertraut. 365 Tage: Helle und trübe, gute und schlechte. Und viele viele, die so unspektakulär waren, dass ich mich an sie gar nicht mehr erinnern kann.

Ein Zimmer mit viel Leben, angefüllt mit Beziehungen. Auch Gott kam drin vor. Das war auch auch nicht ganz einfach. Manchmal fühlt man sich ja als Christ geborgen in Gottes Hand. Vertraut, betet, jubelt – alles ist gut. Und manchmal ist das mit Gott so schwierig. Weil man so manches nicht versteht, mehr Fragen als Antworten hat. Und enttäuschte Hoffnungen oder unerhörtes Gebet macht das Miteinander schwierig.
Ja, es gibt Phasen, da lebt man eher neben Gott her … jaja, er ist schon da, aber mehr auch nicht.

Bibeltext um die Jahreslosung

Wir betreten ein neues Zimmer – die Nummer 2022. Es ist nicht leer. Da wartet ja so manches auf uns, was im Laufe der Monate entdeckt werden will. Und es ist auch einer da, den wir kennen und der uns schon erwartet. Ich lese dazu einige Zeilen aus dem Johannesevangelium:

(Johannes 6, 35-39)

Jesus sagt: Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben. 36 Aber ich habe euch gesagt: Ihr habt gesehen und doch glaubt ihr nicht. 37 Alles, was der Vater mir gibt, wird zu mir kommen, und wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen; 38 denn ich bin nicht vom Himmel herabgekommen, um meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat. 39 Das aber ist der Wille dessen, der mich gesandt hat, dass ich keinen von denen, die er mir gegeben hat, zugrunde gehen lasse, sondern dass ich sie auferwecke am Jüngsten Tag.

Verlag am Birnbach – Motiv von Stefanie Bahlinger, Mössingen

Die offene Türe

“Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.” Einladende Worte. Es ist die Jahreslosung für 2022. Das Bild, das die Künstlerin Stefanie Bahlinger gestaltet hat, wirkt auch wie eine Einladung. Die Türe steht offen. Warmes Licht strahlt mir entgegen. Fast so, als würde ein kuscheliger Kaminofen den Raum in so eine gelb-orange Farbe tauchen. Ich sehe einen Tisch: Brot und Wein.

Das erscheint mir so ganz anders als der Raum, in den mich die Malerin hineinversetzt hat. Ins kühle Blau. Da bin ich gerade noch, und ich bekomme Lust, die Schwelle zu diesem Raum zu überschreiten. Mich da einfach hineinzusetzen. Mal durchatmen. Zur Ruhe kommen in diesem hellen, warmen Licht. Endlich mal nicht dauernd getrieben sein von Anforderungem Problemen, Stress, Ängsten, Sorgen.
Brot und Wein: Mal mit weniger zufrieden sein. Die Hälfte meines “Ich” in mir, die mich immer so verrückt macht, einfach mal ausknipsen.

Das neue Zimmer neu betreten. Nicht nur ein neues Jahr anfangen. Sondern neu anfangen. Auch mit demjenigen der da auf mich wartet und sagt: “Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen”.

Warum nicht? Die Türe steht ja offen! Vor meiner Nase baumelt im Bild golden der Schlüssel. Er hat die Form eines Kreuzes. Ja, Jesus hat aufgesperrt. Ich weiß es ja, hab ich schon in der Schule gelernt: Kreuz und Auferstehung Jesu haben uns die Tür zu Gott geöffnet. Ich muss nichts mitbringen, nur Vertrauen fassen. Das reicht.

Soll ich?

Ja, aber das ist halt nicht immer so einfach. Weil ich immer wieder in mir die Stimme höre, die mir sagt, dass es nie etwas umsonst gibt.  Ehrlich gesagt: Wenn ich mit Gott da einen fairen Deal machen könnte, würde ich mich besser fühlen, oder zumindest sicherer.

Schließlich weiß ich ja, dass zwischen ihm und mir nie alles so ideal gelaufen ist. Da könnte Gott schon auch mal einhaken und fragen, was mir einfällt, mich so einfach an seinen Tisch zu setzen, so als wäre nichts gewesen.

Was hat Jesus gesagt? “ Ihr habt gesehen und doch glaubt ihr nicht. Alles, was der Vater mir gibt, wird zu mir kommen, und wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.

Eine komische Zeile: Ein Anschiss und eine Einladung in einem! Ihr habt mich doch erlebt, gesehen, Vertrauen gefasst, und dann ist doch nichts draus geworden! Er weiß wie wir ticken. Unser typisch menschliches hin und her.

Taufe – Konfirmation – “Ja mit Gottes Hilfe”.
Und auf der anderen Seite: Die Jahre der Pubertät die alles – auch den eigenen Glauben – in Frage stellen. Lebensphasen, die uns so fordern, dass Gott ganz weit hinten in der eigenen Prioritätenliste landet. Zeiten, wo man spürt, dass der eigene Glaube sich verändert hat, weil sich plötzlich ganz andere Fragen stellen, als in der Konfirmandenzeit. Alles ist anders … ist das jetzt noch mein Glaube? Ist da noch alles in Ordnung? Und was sagt Gott zu dieser Hängepartie?

Willkommen!

“Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen”. Er kennt das alles. Auch die menschliche Scheu, einen neuen Anfang da zu wagen, wo man doch schon vorher ein paar Mal gescheitert ist.

Ein  neues Jahr bewusst mit Gottvertrauen an seiner Seite beginnen? Ja, warum nicht? Luther hat in einer Bibelauslegung einmal geschrieben:
Dieses Leben ist keine Frömmigkeit, sondern ein Fromm-Werden.
Keine Gesundheit, sondern ein Gesund-Werden.
Kein Wesen, sondern ein Werden.
Keine Ruhe, sondern ein Üben.
Wir sind es noch nicht; werden es aber.

Es ist noch nicht getan oder geschehen, es ist aber im Gang und im Schwang.
Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg.

Liebe Gemeinde,

Dann wollen wir es doch wieder frisch wagen.
Dieses Jahr neu beginnen, mit Zuversicht und Mut.

Und auch selber in uns neu beginnen. Mit Vertrauen zu Gott, der uns an seinem Herzen willkommen heißt. Wie ein guter Freund, dem man nicht groß erklären muss, weshalb man sich länger nicht gerührt hat – denn er kennt uns ja gut genug.
Platz zu nehmen bei ihm, und ihm wissen lassen: Ich will, dass du 2022 dabei bist. In allen guten und allen schwierigen Zeiten. Denn wenn du dabei bist, das sieht vieles nochmal ganz anders aus.

Amen

Hinweis: Das Motiv zur Jahreslosung ist von Stephanie Bahlinger (Mössingen): Verlag am Birnbach
Es ist in verschiedenen Ausgaben erhältlich. Mein Favorit zum Verteilen ist der (leider vergrifene) Jahreskalender.

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