Radioandachten (Themenreihe Kastanien“) im Oktober/November 2019 auf Charivari 98,6

Kastanien sammeln

Guten Morgen
Wenn ich zurzeit an einem Kastanienbaum vorbeikomme, schaue ich immer hoch in die weite Baumkrone, ob da noch irgendwo eine Kastanie hängt. Und ich denke zurück, wie wir als Kinder in unserem Dorf unter den zwei mächtigen Kastanienbäumen die glatten braunen Früchte eingesammelt haben, als wären es Goldstücke. Immer wieder haben wir einen dicken Holzstecken hochgeworfen und gehofft: Jetzt treffe ich eine von den großen Kastanien, die da noch da oben hängen. Und dann fällt sie runter, und das ist dann eine ganz besondere. Stundenlang waren wir da draußen … und die Hausaufgaben waren egal…. auch wenns nachher Ärger mit der Mama gab.
Aber gelernt haben wir dabei doch etwas: Geduld zu haben! Immer wieder mit dem Stecken auf die scheinbar unerreichbaren Kastanien zu zielen … bis die Arme zu müde waren.
Nicht alles gleich gleich haben können … nicht aufgeben, nur weil es nicht auf Anhieb klappt … der sehnsüchtige Blick und die Hoffnung „morgen probiere ichs noch mal.“ Daran denke ich gerne … gerade weil ich spüre, dass ich mir diese Geduld und Ausdauer immer wieder neu selber in Erinnerung rufen muss.
Einen guten Tag wünsche ich Ihnen

Teenie-Kastanien

Guten Morgen,
Ich bin überzeugt: Die Kastanien, die momentan an den Bäumen hängen, sind wahrscheinlich alle in der Pubertät. Wie so ein Teenager: Eine stachelige Schale mit klarer Botschaft: Schau mich nicht an, rede mir nicht in mein Leben rein, lass mich in Ruhe – ach, ihr seid alle doof.
Und da hat man manchmal auch wirklich keine Lust, sich dieser menschlichen Kastanie zu nähern – weils dann eh bloß Stress gibt.
Da muss ich an den alten Bibelvers denken: Der Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an.
Das ermutigt mich dann doch mal näher hinzusehen. Da wo die stachelige Schale ein bisschen aufgeplatzt is erkennt man diese junge, sich entwicklende Menschenseele.
Wie so eine frische Kastanie: So glatt und verletzlich. Da hofft man, dass sie noch genügend Zeit hat, eine feste Oberfläche zu entwickeln, bevor dann doch irgendwann die ersten Schrammen kommen werden.
Der Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an. Ich glaube unsere Teenager brauchen genau diesen Blick, der liebevoll und aufmerksam hinschaut, und sich nicht an den ganz natürlichen Stacheln stört.

Kastanien rösten

Guten Morgen
In dieser Woche gibt’s bei mir in jeder Andacht etwas über Kastanien. Schon allein, weil sie so lecker sind! Stimmt doch – oder?
Wobei – ich muss sagen: Eigentlich sind geröstete Esskastanien ein Genuss. Aber wenn ich das daheim probiere wird das nie was Gescheites. Irgendwie bin ich dafür zu doof. Die schmecken einfach nicht so, wie die auf dem Weihnachtsmarkt.
Inzwischen habe ich das Selbermachen aufgegeben. Stattdessen freue ich mich auf die Zeit der Adventsmärkte, wo man sie dann kaufen kann. Und da gönne ich mir und meiner Frau eine extragroße Tüte.
Manche Dinge haben haben einen bestimmten Ort – und da passts dann auch. Weil sie da einfach hingehören.
Jedes Ding unter den Himmel hat seine Zeit – und wohl auch seinen Ort. Diese Weisheit finde ich schon in der Bibel.
Ich muss nicht immer alles überall und jederzeit – haben, machen, oder sagen.
Wie bei den Kastanien: Wenn der Ort und die Zeit nicht passt – dann sollte man es lieber lassen.

Luther und Kastanie

Guten Morgen,

wenn sie die letzten Tage auch früh vor sechs Charivari gehört haben, wissen sie: In dieser Woche dreht sich jede Andacht um Kastanien. Heute ist Reformationstag. Vor 502 Jahren hat Martin Luther seine 95 Thesen veröffentlicht.
Ja … bloß was hat das mit Kastanien zu tun? Nichts!
Fei echt: Luther und Kastanien – da gibt’s keine Verbindung.
Genausowenig wie zu Halloween. Und auch der ganze Lutherfirlefanz mit Lutherbier und Lutherkeksen geht doch eigentlich an dem vorbei, was wir heute am Reformationstag feiern.
Denn im Grunde hat Luther wieder entdeckt, dass Gottes Liebe zu uns unabhängig ist von unseren guten oder frommen Taten. Gott als himmlischer Vater möchte, dass wir ihm vertrauen – ganz einfach, wie kleine Kinder. Sie lieben ihre Eltern und vertrauen ihnen. Sie wissen recht genau, welche Regeln ihre Eltern aufgestellt haben – aber sie haben auch erfahren: Wenn sie etwas falsch machen, dann wird ihnen verziehen – weil die Beziehung stärker ist als ihre Fehler.   
Diese Erkenntnis Luthers will ich heute feiern. Und morgen früh erzähle ich ihnen wieder was über Kastanien. 

Die Kastanie kommt wieder

Guten Morgen,
Wenn man das erste Mal erlebt, wie Alex die Kastanienbäume in städtischen Friedhof stutzt, dem muss das Herz bluten. Alle paar Jahre greift er zur Motorsäge und säbelt buchstäblich alles weg. Was übrig bleibt, ist der Stamm mit zwei oder drei dicken kurzen Aststümpfen. Alex, hab ich damals gedacht: Du hast diese Bäume gekillt – die sind erledigt! Wo soll denn dann nochmal ein grüner Zweig wachsen?
Aber dann, im Frühjahr – es ist der Wahnsinn – da treiben diese toten knorrigen Stummel aus, als gäbs kein Morgen. Und Mitte Mai blühen sie, dass es eine wahre Pracht ist. Irgendwie scheinen sie mich darüber auszulachen, dass ich sie im Herbst für tot erklärt habe.
Seitdem verstehe ich, weshalb der Kastanienbaum auf dem Friedhof ein altes Symbol für die Auferstehung von den Toten ist. Wo ich denke: „Das ist vorbei“ Wo ich einem Sarg traurig ein paar Blümchen hinterher werfe, da winkt der Kastanienbaum zu mir herüber: Warte nur, sagt er … es kommt der Tag, an dem auch diesem Toten hier ein neues Leben geschenkt wird. Auch wenn du es dir momentan beim besten Willen nicht vorstellen magst.

Kastanien aus dem Feuer holen

Guten Morgen
„Die Kastanien für jemanden aus dem Feuer holen“, diese Redewendung stammt aus einer alten Fabel. In ihr überredet ein Affe einen Kater dazu, für ihn die gerösteten Kastanien aus der heißen Glut zu angeln. Damit die Katze das auch wagt, und sich dabei ordentlich die Pfoten ansengt, umschmeichelt der Affe sie mit vielen Komplimenten und gut erfundenen Argumenten.
Heute steht der Ausdruck dafür, dass man für Andere etwas schwieriges oder belastendes auf sich nimmt – obwohl die es eigentlich auch selber versuchen könnten. Die alte Fabel sagt: Wer für Andere Kastanien aus dem Feuer holt, der ist eigentlich dumm. Und da hat sie irgendwie recht.
Aber ich möchte nicht in einer Welt leben, wo keiner mehr bereit ist, für andere die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Ich möchte eine Welt, in der es barmherzige Samariter gibt. Menschen, die wissen, wie wissen, was Nächstenliebe ist, die für Andere einstehen, wenn sie Unterstützung brauchen. Und das wird nur gelingen, wenn ich auch selber bereit bin, mir für fremde Kastanien die Pfoten zu verbrennen.

Einen guten Tag wünsche ich Ihnen

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