Predigt: Die Zungenrede von damals – und ihr junges Geschwisterchen (1. Korinther 14 1-12) 13. Juni 2021

  1. Kor 14, 1-12

Die Predigt taucht in das Leben der Gemeinde in Korinth ein. Dazu gehört auch das Problem mit der Zungenrede und die sehr kritischen Zeilen, die Paulus diesem Phänomen widmet.

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Der Apostel Paulus, das war der Denker und Missionar, der Briefeschreiber und Weichensteller des ersten christlichen Jahrhunderts.

Ein gebildeter Jude, der erst Jahre nach Jesu Auferstehung zum christlichen Glauben gekommen war. Aber man hat den Eindruck: Er, dieser „verspätete“ Apostel, hat die meisten der anderen Apostel in dem, was er getan hat, sehr zügig von hinten überholt.

Zahlreiche Gemeinden hat er damals gegründet und Menschen für den Glauben an Jesus Christus gewonnen. Dabei hat er sich mutig und engagiert gegen alle möglichen Widersacher, alle Verleumdungen und auch manchmal gegen staatliche Würdenträger durchsetzen können.

Er hat in den von ihm gegründeten Gemeinden viele Monate seine ganze Zeit investiert, um vor Ort für die Menschen da zu sein, hat Gottesdienste gefeiert, hat Netzwerke aufgebaut und geschaut, wer denn in Zukunft als Führungspersönlichkeit diese Gemeinden leiten kann.

Ja, und er hat auch den Absprung geschafft, dann weiterzuziehen, um auch in anderen Städten das Evangelium von Jesus Christus zu verkünden und zu schauen, ob auch dort eine christliche Gemeinde entstehen könnte.

Ein ruheloser Schwerarbeiter mit enormer Leistungsfähigkeit, er gehört zweifellos zum christlichen Top-Personal der Jahre zwischen 33 und 64 nach Christus.

Es lässt sich schwer einschätzen, ob er auch selbst so über sich dachte. Aber spätestens, wenn er sich mal wieder hinsetzen musste, und Briefe an die von ihm gegründeten Gemeinden schrieb, merkte er: Irgendwie bin ich auch nur ein ganz normaler Mensch.

Da war dann  nämlich nicht so viel zu spüren von der großen Autorität und dem Charisma dieses so zentralen Apostels. Denn in vielen Briefen kämpft er sich mühevoll ab, um zu schauen, dass die Gemeinden sich auf seine Kritik und Anregungen einlassen.

Und in einigen Briefen ahnt man auch so etwas wie einen Machtverlust: Auch wenn Paulus zum Beispiel die christliche Gemeinde in der griechischen Stadt Korinth einst geründet hatte: Schon bald stand sie auf eigenen Beinen, entwickelte eigene Ansichten darüber, was christlich ist – was gut und was nicht so gut ist.

Die Gemeide – die Paulus ja eigentlich auch zur Selbstständigkeit ermutigt hat – war selbstständig geworden. Und es gab auch bald Menschen in den Gemeinden, die der Auffassung waren: Bei allem, was wir Paulus verdanken, sind wir ja doch Gemeinde Jesu Christi. Wir wollen anhand der Heiligen Schrift und dem, was wir über Jesus gehört haben, uns selbst unser Urteil bilden; wollen autonom entscheiden, wie wir als Gemeinde leben wollen.

Gerade in der Gemeinde von Korinth hat sich da vieles sehr dynamisch etwickelt. Zum Beispiel die Sache mit der sogenannten Zungenrede.

Ein Phänomen, und ein Begriff, mit dem allerwenigsten von uns etwas anfangen können. Und auch damals hat es mitunter für Verwirrung gesorgt: Denn da ist es passiert, dass im Gottesdiensten beim Singen oder beim Beten Menschen plötzlich in völlig unverständlichen Sprachen geredet haben. Da steht oder sitzt jemand, ist in einem exstatischen Zustand (oder steht gerade irgendwie ein bisschen neben sich), ist lobt Gott mit Worten und Lauten, mit denen sonst niemand etwas anfangen kann.

Irgendwann ist dieser Zustand vorbei. Der Betroffene ist noch ganz aus dem Häuschen und spürt: Das war gerade etwas ganz Besonderes, ich kann es nicht wirklich erklären, aber eben spürte ich, dass Gott mir unglaublich nahe war. Eine wunderbare, glaubensstärkende Erfahrung.

Und die anderen stehen daneben, und sind erst mal ratlos – sie verstehen irgendwie gar nicht, was sie denken sollen.

Liebe Gemeinde,

diese Phänomen der Zungenrede ist in der Bibel einige Male beschrieben. Das war also kein Ausrutscher. Und auch Paulus erwähnt diesen kurzzeitigen Zustand als Gnadengabe Gottes.

Aber – und damit nähern wir uns unserem Predigttext – diese Gabe birgt viel Sprengstoff in sich. Zumindest dann, wenn immer wieder im Gottesdienst einzelne Christen plötzlich unverständlich singen oder beten – und die anderen damit nichts anfangen können.

Und man kann das alles noch ein bisschen verschärfen: Wenn dann diejenigen, die das an sich erleben, recht selbstgefällig auf die anderen herunterschauen: „Tja, ihr seid offenbar noch nicht so weit, dass Gott euch für diese Gnadengabe auserwählt hat!“

Sie ahnen es: Da ist der Schritt zu einer 2-Klassen-Gemeinde nicht weit. Mit normalen, und mit den etwas besseren Christen.

Spätestens das ist der Punkt, an dem der Apostel Paulus eingreifen muss. Im Predigttext von heute spricht Paulus das Problem ganz konkret an. Ich lese aus dem 14. Kapitel des 1. Briefes an die Korinther.

1 Die Liebe soll also euer höchstes Ziel sein. Strebt aber auch nach den Gaben, die der Geist Gottes gibt; vor allem danach, in Gottes Auftrag prophetisch zu reden.

2 Wenn nämlich jemand in unbekannten Sprachen redet, dann spricht er nicht zu Menschen, denn niemand versteht ihn. Er spricht zu Gott, und was er durch Gottes Geist redet, bleibt ein Geheimnis.

3 Wer aber eine prophetische Botschaft von Gott empfängt, kann sie an andere Menschen weitergeben. Er hilft ihnen, er tröstet und ermutigt sie.

4 Wer in unbekannten Sprachen redet, stärkt seinen persönlichen Glauben. Wer aber in Gottes Auftrag prophetisch spricht, stärkt die ganze Gemeinde.

5 Ich will schon, dass ihr alle in unbekannten Sprachen redet. Aber noch besser wäre, ihr könntet alle in Gottes Auftrag prophetisch sprechen. Das ist wichtiger, als in unbekannten Sprachen zu reden, es sei denn, das Gesprochene wird übersetzt, damit die ganze Gemeinde einen Gewinn davon hat.

6 Stellt euch doch einmal vor, liebe Brüder und Schwestern, ich komme zu euch und rede in einer Sprache, die niemand kennt. Davon hättet ihr gar nichts. Nützen würde euch mein Besuch nur dann, wenn ich euch klar sage, was Gott mir offenbart hat. Nur wenn ich verständliche Worte gebrauche, um euch seinen Willen zu erklären, in Gottes Auftrag prophetisch zu reden oder euch zu unterweisen, hättet ihr einen Gewinn davon.

7 Es ist genauso wie bei Musikinstrumenten. Bei einer Flöte etwa oder einer Harfe muss man unterschiedliche Töne hören können, sonst erkennt keiner die Melodie.

8 Wenn der Trompeter nicht ein klares Signal gibt, wird sich kein Soldat zum Kampf bereitmachen.

9 Genauso ist es beim Reden in unbekannten Sprachen. Wenn ihr unverständlich redet, wird euch niemand verstehen. Ihr redet nur in den Wind.

10 Es gibt auf der Welt so viele Sprachen, und alle haben ihren Sinn.

11 Wenn ich aber die Sprache eines anderen Menschen nicht kenne, können wir uns nicht verständigen.

12 So ist es auch mit euch: Wenn ihr euch schon so eifrig um die Gaben bemüht, die der Heilige Geist schenkt, dann setzt auch alles daran, dass die ganze Gemeinde etwas davon hat.

Liebe Gemeinde,

Paulus scheint mir ein bisschen innerlich zerrissen: Zum einen will und muss er dieses Reden in unverständlichen Sprachen ja anerkennen, denn es tut dem Einzelnen offenbar auch gut.

Aber die anderen haben halt nichts davon, und mit verschiedenen Beispielen versucht er das auch deutlich zu machen: Es bringt der Gemeinde nichts, und darum sollte man sich auf diese Geistesgabe auch nichts besonderes einbilden.

Im Gegenzug schwärmt er von einer anderen Begabung: Die prophetische Rede. Gemeint ist damit: Dass Menschen es schaffen, das weiterzusagen, was Gott ihnen offenbart – ihnen mitgeteilt –  hat.

Diese Geistesgabe scheint uns auch heutzutage bisschen näher zu liegen, als das Reden in unverständlichen Sprachen. Und in den ersten Gemeinden war es ja so, dass es nicht den einen Pfarrer gab, der heute predigt, sondern da war es üblich, dass man sich untereinander ausgetauscht hat, über seinen Glauben und seine Erfahrungen und Gedanken. Und da gab es eben Momente, wo jemand sagte: Liebe Geschwister, ich spüre in mir, dass Gott will, das wir als Gemeinde auf das oder das besonders achten sollen, weil sich da etwas falsch entwickelt. Oder auch: Ich hatte letzte Woche ganz plötzlich eine Idee, wie diese eine Bibelstelle, mit der wir uns so schwer tun, wirklich zu verstehen ist.

Das verstand man unter „prophetischer Rede“. Auch eine „Gabe“, also nichts, was man einfach so kann, wie ein Handwerk. Es gibt keinen Knopf, mit dem man für Gottes Botschaften auf Empfang gehen kann.

Pfarrerinnen und Pfarrer haben ja eigentlich die Aufgabe „Wort Gottes“ weiterzugeben. Und da haben wir von jeher das Dilemma, dass wir nur hoffen und beten können, das bei dem, was wir sagen etwas Gutes und Nützliches für die Gemeinde herauskommt.

Manchmal zündet es bei uns Pfarrern selber, und man hat das Gefühl, ich hab wirklich was im Gottes Auftrag zu sagen.

Ein anderes Mal fühlt sich das Predigtschreiben wie ein gelerntes Handwerk an, bei dem ein mehr oder minder geglücktes Werkstück mit Namen Predigt rauskommt.

Ob das das letztlich bei dem einzelnen Hörer als Botschaft Gottes ankommt, das haben wir nicht in der Hand. Es ist halt ein Geschenk, eine Geistes-Gabe Gottes.

Zum Abschluss noch einmal zurück zur Gabe der Zungenrede! Ob es an der deutlichen Kritik des Paulus liegt, dass sie weitgehend ausgestorben scheint? Hat sich irgendwann niemand mehr getraut, sich beim Singen und Beten fallenzulassen und zuzulassen, dass da etwas passiert, was man nicht mehr steuern kann? Man weiß es nicht.

Und ob unseren Kirchen damit ein wichtiger Schatz verloren gegangen ist? Auch das ist Spekulation.

Das, worum es im Kern geht, gibt es bei uns immer noch, zum Beispiel in der Musik, in den Liedern die wir hören und nun auch wieder singen können. Mal nicht nur über Glaubensfragen nachdenken, logisch schlussfolgern und Urteile fällen. Einfach singen!

Gott loben.
Sich fallen lassen in bekannte Melodien.

Geborgenheit im gemeinsamen Singen empfinden.
Spüren, wie gut es tut, Glaube auf einer ganz anderen Ebene zu erleben.

Vielleicht ist ja die Kirchenmusik das jüngere Geschwisterchen der Zungenrede von damals.

Amen

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2 Kommentare

  1. Kleiner Ausrutscher: Korinth lag schon damals in Griechenland

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