Predigt: Im Weinberg Gottes gibts kein Controlling (Matthäus 20, 1-16) 9. Februar 2020

Mt 20, 1-16

Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg. Wir messen für unser Leben gern: Gelaufene Schritte, verdientes Geld, besuchte Gottesdienste. Und ganz schnell basteln wir uns daraus ein Ranking: Wer verdient welche Anerkennung? Aber Jesu Gleichnis macht uns da einen fetten Strich durch die Rechnung.

Die Liebe zum Messen

Liebe Gemeinde,
haben sie auch so eine Uhr mit Schrittzähler, Pulsmesser und sonstwas? Ist schon toll, wenn man weiß, wie viele Meter man im Laufe des Tages gegangen ist, wieviel Kalorien man verbraucht hat und wie hoch der aktuelle Ruhepuls ist. Meiner liegt bei 63 Schlägen – ist Ihrer niedriger? Und schon geht es los: Wir messen, wir vergleichen und wir denken uns dann unseren Teil: “Oh, ich habe einen Puls von 60 – na, da schauste, was?”

Nicht anders ist es beim Geld: Offen spricht man ja nicht drüber, aber dann überlegt man schon: “Wie kann sich der Nachbar bloß dieses Auto leisten? – Und bei mir reichts bloß zum gebrauchten Golf.” Oder eher ein Frauenthema: “Was hast denn du beim letzten Buffet vom Singverein mitgebracht? Aha nur eine Bisquitrolle … naja …jeder wie ers kann”

Ich messe, ich vergleiche …. und … ja, dann weiß ich wer ich bin:
Ich bin der, der weniger verdient – und deshalb irgendwie ärmer.
Ich bin der, der mehr wiegt –bin ich also der Fette und Faule.
Ich bin, der der lauter seine Meinung kund tut, also bin ich der Stärkere und Wichtigere.

Wenn ich mich mit anderen messe, dann sind das eben nicht nur Zahlen – sondern diese Zahlen, das bin dann ich.
Will ich das wirklich? Mich messen lassen … mich festlegen lassen durch irgenwelche Zahlen?

Donald will nicht messen

Ach, wie beneide ich da Donald Trump: Der macht sich seine Zahlen selber:
Der beste Präsident aller Zeiten.
Das größte Wirtschaftswachstum, die niedrigste Arbeitslosigkeit, die größten Deals, die höchste Grenzmauer. Noch nie war ein Präsident so erfolgreich, noch nie waren die Vorgänger im Vergleich solche Versager.

Man kann diese maßlose Selbstbeweihräucherung natürlich widerlich finden. Aber Trump schafft damit etwas, was wir oft nicht hinbekommen: Dass er sich einfach unserem Messen und Nachprüfen entzieht. Er fühlt sich nie klein. Er stellt sich nicht in Frage. Er neidet niemanden seinen Erfolg. Er ist sich seiner eigenen Person so sicher.

Und das fuchst mich! Weil ich das so maßlos und ungerecht empfinde! Eigentlich hätte ich dieses Selbstbewusstein auch gerne. Aber dem Trump gönne ich es nicht, weil er es nicht verdient hat. – Und schon bin ich wieder beim alten Spiel: Schon wieder fange ich an zu messen, ob es denn einer verdient hat, dass er sich so aufplustert. Nur, wenn er es auch verdient hat, ist es auch gerecht, das er so herumstolziert.

Und ich ahne: Dieses Messen, Überprüfen, und Vergleichen, das steckt so tief verwurzelt in meiner menschlichen Natur drin. Und genau da packt uns Jesus mit einer Geschichte, die regelmäßig mein Gerechtigkeitsempfinden auf die Palme bringt:

Predigttext: Matthäus 20, 1-15

Ich lese aus dem Markusevangelium aus dem 20. Kapitel:

1 Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter anzuwerben für seinen Weinberg. 2 Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg. 3 Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere auf dem Markt müßig stehen 4 und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist. 5 Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe. 6 Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere stehen und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da? 7 Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand angeworben. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg. 8 Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten. 9 Da kamen, die um die elfte Stunde angeworben waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen. 10 Als aber die Ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und sie empfingen auch ein jeder seinen Silbergroschen. 11 Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn 12 und sprachen: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und die Hitze getragen haben. 13 Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen? 14 Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir. 15 Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du darum scheel, weil ich so gütig bin?

Tarif-Gerechtigkeit?

Liebe Gemeinde,
was ist denn das für ein Arbeitgeber? Ein Pauschallohn – jeder kriegt das Gleiche, egal ob er zwölf Stunden geschuftet hat, oder nur ein Stünden beim Sonnenuntergang die letzten Trauben gezupft hat. Ich kann jeden verstehen, der bei dieser Ungerechtigkeit an die Decke geht.

Aber Moment mal: Das ist ja ein Gleichnis! Es geht um Gott und uns Menschen – und Gott ist nunmal kein normaler Firmenchef – und ich nicht sein Angestellter, der nach seiner geleisteten Arbeit bezahlt wird. Das weiß ich ja eigentlich. Und doch ertappe ich mich dabei, wie ich bei denen stehe, die zu rechnen anfangen: Wie sieht es denn mit der Leistung in Sachen Glaube aus?

Und ich sehe die Vollzeit-Rackerer, die gibt es ganz unterschiedlich …
… solche, bei denen es auffällt, wenn sie mal nicht in der Kirche sind
… Menschen, die viel Zeit und Kraft, in Gruppen und Kreisen investieren
… Leute, die ganz unauffällig mal eine beachtliche Summe als Spende loswerden
… Christen, denen man abspürt, dass sie für ihren Glauben mit Leidenschaft brennen.

Ja, und da gibt auch das andere Ende der Skala …
… für sie müssten wir die Kirche nur an Weihnachten heizen
… sie würden sich vielleicht ganz gerne auch mal engagieren, aber die Familiensituation lässt es grade nicht zu
… und viele erleben sich auch selber als nur kleines Glaubenslicht, weil da auch so viele offene Fragen und Zweifel im Herzen wohnen

Merken Sie etwas? Schon wieder sind wir am Messen und Vergleichen! Und vielleicht haben Sie genau jetzt grade auch sich selber überprüft: “Wo würde ich mich denn da wiederfinden, in dieser Skala der Kirchenmitglieder?”.

Eigentlich ist es ja egal! Denn im Gleichnis zählt das nicht. Was zählt: Du bist dabei als Arbeiter im Weinberg Gottes! Du gehörst dazu, du bist ein geliebtes Gotteskind, das weiß, wohin es gehört.

Liebe will nicht zählen

Geliebtes Gotteskind – das ist wohl der Schlüssel: Liebe zählt nicht. Und Liebe kann man eigentlich nicht messen. Und sie selbst kalkuliert auch nicht – sie liebt und hofft, dass sie erwidert wird. Danach fragt Gott. Allein diese Liebesbeziehung zu Gott – wir können es auch Glaube nennen – ist das, worauf er bei uns Menschen achtet. Liebe deinen Gott von ganzem Herzen – dann hast du alles, was nötig ist.   

Liebe Gemeinde
Ehrlich gesagt: Wenn ich das so formuliere, ist das ja für uns schon fast geschäftsschädigend: Eigentlich wünsche ich mir doch, dass wir hier nicht nur zu dreißigst sitzen, und erkläre gleichzeitig, dass Gott da gar nicht nachzählt. 
Das ist schon ein bisschen verrückt.

Ich kann da ja auch nicht aus meiner Haut. Ich bin schon so wie derjenige, der im Gleichnis, der sich beschweren möchte: Gott, das kannst du doch nicht machen. Du kannst die doch nicht alle gleich behandeln! So ganz unabhängig, wie viel sie für dich geleistet haben. Was sollen die, die immer im Gottesdienst da sind und sich enagieren sagen, wenn die Anderen von dir genauso ….

Aber ich weiß ja schon die Antwort:  Siehst du darum scheel, weil ich so gütig bin?
Achja, die Güte Gottes – an der will ich nun wirklich nicht rütteln – denn ich weiß: So wie ich mich selber kenne, bin bin ich auch dringend auf genau so einen gütigen Gott angewiesen.

Also werde ich versuchen, es zu lernen: Mit der übergroßen Güte und Großzügigkeit Gottes zu leben. Froh zu sein, dass er mir gibt, was ich eigentlich auch nicht wirklich verdient habe. Und mich dann umzusehen und zu erleben: Ja, wir sind vor Gott wirklich gleich, obwohl wir eigentlich so unterschiedlich sind.

Amen

Hinweis: Zum Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg gibt es eine weitere Predigt aus dem Jahr 2011: „Wer gewinnt hier eigentlich?“
https://www.pastors-home.de/?p=1237

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Ein Kommentar

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