Predigt: Die Welt auf den Kopf gestellt (Matthäus 5, 1-10) Reformationsfest, 4. November 2018


Luthers Reformation hat vieles in der damaligen Kirche und Gesellschaft auf den Kopf gestellt. So, wie schon Jesus in den Seligpreisungen der Bergpredigt von einer Welt gesprochen hat, die Kopf steht. Wie könnten sonst gerade sie Sanftmütigen die Erde besitzen?

Reformation statt nur Reformen

Reformation … es ist und bleibt ein komisches Wort, das dem 31. Oktober, dem „Reformationstag“ den Namen gibt. Vielleicht, weil wir ja so oft von Reformen hören. Die dann auch noch häufig als „Reförmchen” enden und letztlich gefühlt gar nichts ändern.
Davon haben ja viele Menschen die Nase gestrichen voll: Dass etwas verändert werden soll, sich aber dann unterm Strich gar nichts verbessert. Reförmchen als Beruhigungspille der Mächtigen fürs Volk.

Die Reformation, die Luther angestoßen hat, war aber etwas ganz anderes. Denn die kam von unten, da haben die kleinen Leute angefangen, einmal nachzudenken, wie das denn ist, mit dem Glauben, mit dem gerechten Gott und auch mit der Macht in Kirche und Staat.

Das hatte in einigen Phasen auch etwas von einer Revolution. Das hatte Luther sich nicht gewünscht, aber das kann schon mal passieren, wenn man Dinge anstößt, die dann ihre eigene Dynamik entfalten.

Martin Luther löste mit seinem Thesenanschlag nicht irgendeine Reform aus, sondern einen Prozess der vieles in der damaligen Welt völlig veränderte.

Ich denke an den Zugang zum Wort Gottes für jeden Christen, weil Luther die Bibel in die deutsche Sprache übersetzte. Man konnte genau nachlesen, ob das, was der Priester predigte, mit dem Wort Gottes übereinstimmte.

Oder die Berufung auf das Gewissen des Einzelnen. Sie kennen den berühmten Satz Luthers vor dem Reichstag in Worms: „Ich stehe hier und kann nicht anders, Gott helfe mir. Amen“. Das heißt: Niemand – auch keine Obrigkeit – kann mir meine Entscheidung des Gewissens abnehmen.

Und vor allem hat Martin Luther den wichtigen biblischen Gedanken, den wir vorhin in der biblischen Lesung (Röm 3, 21-28) gehört haben, wieder stark gemacht: Dass es nicht auf die Leistung eines Menschen ankommt, wenn es um das Heil vor Gott geht. Der Glaube an Jesus Christus ist es, der mich vor Gott gut dastehen lässt.

Luthers Lebensweg

Liebe Gemeinde,
wir haben gerade das Lied „Nun freut euch, liebe Christen g’mein” gesungen. Das ist von Martin Luther, und in ihm kann man auch entdecken, dass Martin Luther sich nicht als der große Reformator verstand, sondern als Mensch, der aus der Verzweiflung kam, und dann die Liebe Gottes entdeckte – und das dann weitergeben wollte.

Das erkennen wir ja auch in seinem Lebenslauf:
Von einem schlimmen Gewitter mitten auf seinem Weg nach Hause überrascht und zu Tode erschreckt, schwört er, ins Kloster zu gehen, falls er überleben würde.
Dann, im Kloster, sucht er diesen Gott, de ihn annimmt und liebt. Aber er sieht überall einen himmlischen Richter, der ihm Angst macht, weil man vor ihm immer wieder auf die Nase fällt und schuldig wird.
Die Frage nach dem liebenden Gott quält ihn und ist schließlich der Antrieb sich noch viel mehr in die biblischen Schriften zu vertiefen, zu forschen, eine Antwort auf seine Fragen zu finden.

Und erst als er dann die Botschaft von der Vergebung liest, dass wir vor Gott gerecht sind, allein, weil wir auf Jesus Christus vertrauen – erst da entsteht in ihm der Mut und die Kraft, dies dann auch weiterzutragen. Gegen alle Widerstände.

Es kommt zum Anschlag der 95 Thesen an die Kirchentür zu Wittenberg – damals so etwas wie ein schwarzes Brett für den Ort. Luther geht es darum, die Missstände abzustellen, die sich eingeschlichen haben. Er argumentiert, er will überzeugen.
Er will Veränderungen, vielleicht tatsächlich nur ein bisschen eine Reform. Aber dann wurde doch etwas daraus, was die damalige Welt mächtig auf den Kopf gestellt hat.

Das war Luther.
Gehen wir aber noch ein Schritt weiter zurück – zu Jesus, der nicht weniger die Welt auf den Kopf gestellt hat.
Zum Beispiel in seiner Bergpredigt – dazu lese ich aus den ersten Zeilen – die wir als „Seligpreisungen” kennen:

(Matthäus 5, 1-10)
Als Jesus aber das Volk sah, ging er auf einen Berg. Und er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm.
2 Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach:
3 Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.
4 Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.
5 Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.
6 Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.
7 Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
8 Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.
9 Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.
10 Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.

Soweit die Worte Jesu.
Diese Seligpreisungen wurden zu Luthers Zeit gerne als Anweisung für ein wahrhaft christliches Leben, für ein Mönchsleben gesehen. Wer all die Forderungen erfüllen würde, die da gestellt werden, der hat sich den Himmel ganz sicher verdient – so dachte man damals.

Auf den Kopf gestellt

Aber wenn man genau hinsieht drücken sie ja auch aus, dass Jesus gerade unsere Welt auf den Kopf stellt.

Selig sind, die da geistlich arm sind.
Wie bitte? Jetzt sollen gerade diejenigen, die sich schwer tun, Glaubensthemen zu verstehen, Gott besonders nahe sein? Denjenigen, die mehr Fragen und Zweifel als Antworten haben, soll das Himmelreich gehören?

Selig sind, die da Leid tragen.
Wer will denn das schon wirklich?

Den Sanftmütigen soll das Erdreich gehören? Erleben wir nicht genau das Gegenteil? Nur mit Macht, Gewalt und Strategie kommst du an die einflussreichen Posten auf der Welt.

Glücklich die sich nach Gerechtigkeit sehnen? Hier in der Welt jedenfalls scheint sich dieser Hunger und Durst, diese Sehnsucht nicht stillen zu lassen.

Selig sind die Barmherzigen?! Heute würde man wohl eher sagen: Die Barmherzigen, die immer wieder Gnade vor Recht walten lassen, die sind am Ende doch immer die Dummen.

Die Seligpreisungen, mit anderen Worten: die Glücklichpreisungen – Sie stellen unsere Welt und ihre Werte auf den Kopf.

Nicht der Starke, der Mächtige, der Reiche, der Gescheite, der Satte, der Gnadenlose, der Schnelle, Schöne, Gewiefte, nicht der, der alles im Griff hat, nicht die, die sich am besten durchsetzen kann, nicht der, der die besseren Noten in der Schule schreibt, nicht die, die es geschafft hat, durch harte Arbeit und Leistungen – all diese werden hier nicht erwähnt!

Wirklich glücklich nennt Jesus die, die sich ohne Rücksicht auf ihr persönliches Glück und Fortkommen auf Jesu Wegen gehen.

Die Welt auf den Kopf gestellt!
Es geht nicht darum, was du erreichst und besitzt, sondern was du bist.
Die Menschen, die hier glücklich gepriesen werden, haben keine Leistungen vorzuweisen, sondern Wesenseigenschaften, Herzensbewegungen, innere Gesinnungen.
Da geht es um eine Lebenshaltung, die man ein bischen einüben kann … aber irgendwie muss sie einem auch geschenkt werden. Man wird nicht so einfach von heute auf morgen vom Heißsporn zum Sanftmütigen.

Diese Worte von Jesus wollen ja auch nicht einfach eine neuen To-Do-Liste fürs Leben sein.
Sie sind ja eine Zusage:
„Ihr denkt vielleicht, dass ihr zu kurz gekommen seid, weil ihr im Wettlauf in der Welt ganz hinten steht, aber das ist keineswegs der Fall. Gottes Zukunft gilt gerade und genau Euch, ihr habt Gott auf Eurer Seite und seine Zukunft im Rücken. Ihr sollt getröstet, satt und mit Leben in Fülle belohnt werden.“
Und darum braucht ihr gar nicht die Tollen, die Mächtigen und die Schönsten sein. Schau dir doch die Machtbesessenen dieser Welt an: Ein Leben lang gieren sie nach mehr Einfluss, gejagt von der Angst, dass ein anderer an ihrem Stuhl sägt. Sie laufen ein Rennen bei dem sich da Ziel immer weiter nach vorne von ihnen weg entfernt.

Liebe Gemeinde,
da sehen wir, wie Luther die Worte von Jesus 1500 Jahre später wieder neu belebt:
Das, was wir wirklich brauchen, bekommen wir von Gott geschenkt.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

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