Predigt: Der Geist als Gabe mit Aufgabe (4. Mose 11, 11-30) Pfingsten, 5. Juni 2022

light bird red people

Numeri 11,11 – 30

Wir sehen einen erschöpften Mose, dem alles zuviel wird. Aber Hilfe naht: 70 Älteste sind mehr als nur Krisenmanager. Gottes Geist küsst in ihnen die Hoffnung auf die verheißene Zukunft wach.

Mose ist am Ende seiner Kräfte

Mose ist müde – obwohl die Sonne noch nicht einmal aufgegangen ist. Aber es ist schon hell. Langsam erwacht das Leben im Lager der Israeliten in der Wüste. Auf einer kleinen Anhöhe am Rand des Lagers hat er sich auf einem großen Stein niedergelassen. Die Arme umfassen die angezogenen Beine.

Was wird wohl heute wieder kommen? Mit welchen Fragen und Beschwerden werden die immer gleichen Leute bei ihm vorstellig werden? Er kann sie ja verstehen. Ihm hängt das immer gleiche Manna doch auch schon vom Hals heraus. Ja, in Ägypten, da gabs Fleisch, Fisch, Melonen und frisches Wasser. Wirklich frisches Wasser.
Und die zwei langen Jahre haben auch bei ihm Spuren hinterlassen. Der Schwung, mit dem sie einst aus Ägypten weggezogen sind, ist verflogen. Die Faszination des Lagerns am Gottesberg. Das waren gute Zeiten. Aber jetzt ist so vieles nur noch schwer und mühsam. Die Sehnsucht nach dem Land, wo Milch und Honig fließt, kämpft gegen die Schwermut einer öden Wüste.

Und immer kommen sie zu mir! Als hätte ich es ihnen eingebrockt. Immer erklären sie mich für zuständig. So als wäre ich ihre Mama. Die Mama, die den kleinen verwöhnten Zwergen alles recht machen will. Die sich selbst die Schuld gibt, wenn etwas nicht klappt, wie gewünscht.

Immer bin ich der Puffer zwischen diesem Volk und unserem Gott. Das reibt mich auf, diese dauernden Erwartungen machen mich kaputt. Warum hat Gott mir diesen mörderischen Auftrag damals gegeben, am brennenden Dornbusch … warum hast du dir damals keinen Anderen ausgewählt? Lieber Gott, hätte es nicht sicher jemanden gegeben, der das alles besser hinbekommt?

Und so wurden Moses Gedanken zu einem Gebet: Ich lese aus dem 4. Buch Mose, aus dem 11 Kapitel

11 Und Mose sprach zu dem HERRN: Warum bekümmerst du deinen Knecht? Und warum finde ich keine Gnade vor deinen Augen, dass du die Last dieses ganzen Volks auf mich legst? 12 Hab ich denn all das Volk empfangen oder geboren, dass du zu mir sagen könntest: Trag es in deinen Armen, wie eine Amme ein Kind trägt, in das Land, das du ihren Vätern zugeschworen hast? (…) 14 Ich vermag all das Volk nicht allein zu tragen, denn es ist mir zu schwer. 15 Willst du aber doch so mit mir tun, so töte mich lieber, wenn anders ich Gnade vor deinen Augen gefunden habe, damit ich nicht mein Unglück sehen muss.

16 Und der HERR sprach zu Mose: Sammle mir siebzig Männer unter den Ältesten Israels, von denen du weißt, dass sie Älteste im Volk und seine Amtleute sind, und bringe sie vor die Stiftshütte und stelle sie dort vor dich, 17 so will ich herniederkommen und dort mit dir reden und von deinem Geist, der auf dir ist, nehmen und auf sie legen, damit sie mit dir die Last des Volks tragen und du nicht allein tragen musst.

24 Und Mose ging heraus und sagte dem Volk die Worte des HERRN und versammelte siebzig Männer aus den Ältesten des Volks und stellte sie rings um die Stiftshütte. 25 Da kam der HERR hernieder in der Wolke und redete mit ihm und nahm von dem Geist, der auf ihm war, und legte ihn auf die siebzig Ältesten. Und als der Geist auf ihnen ruhte, gerieten sie in Verzückung wie Propheten und hörten nicht auf.

Nicht nur Lasten teilen, sondern auch gute Erfahrungen

Liebe Gemeinde,

fast könnte man meinen, unser Pfingst-Predigttext passt auch in ein Managment-Handbuch. Mose setzt 70 Personen in Leitungsfunktionen ein, um der Fülle an Beschwerden, Klagen und Änderungswünschen der unzufriedenen Kundschaft Herr zu werden.

Irgendwie ja auch logisch. Und ich brauche nicht lange, um unsere christliche Kirche der Gegenwart darin wiederzufinden:

Wenn das ganze gesellschaftliche System immer komplexer wird, wenn Wünsche immer individueller werden, wenn die Ansprüche steigen und die Quote der Unzufriedenen immer weiter wächst, da muss man etwas unternehmen. Da ist einer allein schnell überfordert. Gerade dann, wenn er zu denen gehört, die ihre Aufgabe als Berufung betrachten und bei Problemen sich selber in Frage gestellt sehen.

Da scheint eine Lösung im Delegieren zu liegen. Jetzt sind 71 Köpfe statt nur einer mit alldem befasst. Lasten werden auf viele Schultern verteilt. Ach ja, es sind ja nicht nur Lasten. So mancher der 70 wird sich freuen:

Verantwortung übernehmen zu können.
Das damit verbundene Vertrauen zu spüren.
Zu erleben: Ich bin wichtig, ich werde gebraucht, ich habe etwas, was ich der Gemeinschaft geben kann.
Ich bin ein Teil des Ganzen … bin ein Teil unserer Bewegung … fühle mich verbunden, durch ….

… ja wodurch denn eigentlich?

Die Kraft, die in den Momenten der Gottesbegegnung liegt

„Da kam der HERR hernieder in der Wolke und redete mit ihm und nahm von dem Geist, der auf ihm war, und legte ihn auf die siebzig Ältesten.“

Gott kommt den siebzig ganz nah.
Nur eine Wolke schafft den anscheinend notwendigen Abstand. Aber sie kommen Gott so nahe, wie bisher nur Mose. Sie spüren den Wind, dass da etwas so ganz anders ist. Dass die Nähe des unerklärlichen Gottes etwas ihn ihnen verändert.

Das ist der Stoff, aus dem Propheten und Jünger gemacht werden. Ein Moment im Leben, wo man Gottes Nähe so intensiv spürt, wie noch nie vorher. Der eine erlebt das in besonders fröhlichen oder faszinierenden Ereignissen. Und manchen geht es so, dass gerade Phasen der Krise einem Gott ganz nahe erscheinen lassen. Minuten, Stunden, Tage die einen Fingerabdruck Gottes auf der Seele hinterlassen: Er war da – hat etwas verändert – hat mich verändert.

Vielleicht legt sich mit der Zeit macher Staub auf diesen Fingerabdruck Gottes in mir. Aber er bleibt. Und vielleicht muss ich nur ein paar mal drüber pusten, um sie wieder freizulegen. Diese Momente, die mein Leben, meinen Glauben da geprägt haben.

Die 70 sind nicht Abteilungsleiter im Mose-Team. Es sind Zeugen. Zeugen, die nach zwei Jahren in der öden Wüste wieder etwas davon gespürt haben, was es heißt: „Gott ist mit uns“.

Und auch wenn der Wüstenstaub sich dick auf ihr Herz gelegt hat: Plötzlich waren sie wieder da: Die Erinnerungen an den letzten Abend in Ägypten, als sie nach dem Essen von ungesäuerten Brot und Lamm dem Morgen der Freiheit entgegengefiebert haben. Als sie am Schilfmeer gestaunt haben, wie die kleinen Kinder.

So bekommt nicht nur Mose 70 Menschen, die seine Arbeit und Mühe mittragen. Das Volk bekommt 70 Leute, die mit Leidenschaft für das einstehen, was sie als Volk Gottes auszeichnet. Diese Vision von Freiheit, von einem Leben im Land, das Gott ihnen versprochen hat. Das Bewusstsein, von Gott erwählt und geliebt zu sein – auch wenn  man nicht wirklich besser ist, als die anderen Völker unter seinem Himmel.

Eldad und Medad – was wäre, wenn jetzt jeder…?

Liebe Gemeinde, das war aber noch nicht alles. Die bibliche Erzählung geht noch ein bisschen weiter:

26 Es waren aber noch zwei Männer im Lager geblieben; der eine hieß Eldad, der andere Medad. Und der Geist kam über sie, denn sie waren auch aufgeschrieben, jedoch nicht hinausgegangen zu der Stiftshütte, und sie gerieten in Verzückung im Lager. 27 Da lief ein junger Mann hin und sagte es Mose und sprach: Eldad und Medad sind in Verzückung im Lager. 28 Da antwortete Josua, der Sohn Nuns, der dem Mose diente von seiner Jugend an, und sprach: Mose, mein Herr, wehre ihnen! 29 Aber Mose sprach zu ihm: Eiferst du um meinetwillen? Wollte Gott, dass alle im Volk des HERRN Propheten wären und der HERR seinen Geist über sie kommen ließe! 30 Darauf kehrte Mose zum Lager zurück mit den Ältesten Israels.

Manchmal sind ja solche Szenen am Rande besonders aufschlussreich. Offenbar waren zwei Männer zwar auf Moses 70er Liste, sind aber nicht mit den anderen zur Stiftshütte gekommen. Und auch sie werden von Gottes Geist erfasst und beginnen ekstatisch Gott zu loben und von ihm zu erzählen. Da kommt natürlich Unruhe und Verunsicherung auf. Und schon bald schlägt Josua, Moses rechte Hand, vor: Es wäre sicher besser, da jetzt einzuschreiten – wieder für Ruhe zu sorgen. Aber Mose seufzt: Wollte Gott, dass alle im Volk des HERRN Propheten wären und der HERR seinen Geist über sie kommen ließe!

Ja, das würde alles nochmal völlig verändern, wenn der Geist Gottes als innere Kraft jede und jeden einzelnen packen würde. Wenn diese Gotteskraft in jedem Menschenherzen diese Sehnsucht nach Gottes Verheißung wach halten würde. Die Leidenschaft für den gemeinsamen Weg, das Bewusstsein, das wir ein Volk sind, das gemeinsam auf dem Weg ist.

Der Geist, der dicht bei dir ist.
Kein Mose, keine Ältester, kein Priester muss da vermitteln.
Immer wieder ist da diese Stimme, die dich spüren lässt: Gott ist nicht fern von dir.
Die Stimme, die dir sagt, was du dir meist selber sich zu sagen traust: Du bist Gottes geliebtes Kind. Und so, wie du bist, ist es gut! Denn er hat dich so geschaffen.

Der Geist, der dich aber auch in Frage stellt und dich umtreibt: Der dich auch plagen kann, wenn Leben und Glaube auseinanderklafft.

Pfingsten – Der Geist für alle als Gabe mit Aufgabe

Liebe Gemeinde,

Wollte Gott, dass alle im Volk des HERRN Propheten wären und der HERR seinen Geist über sie kommen ließe!

An Pfingsten feiern wir Gottes Antwort auf diese Sehnsucht des Mose. Die Verheißung, dass dieser Geist alle Kinder Gottes erfasst. Kein Privileg für irgendjemand. Aber auf Aufgabe für jeden.

Dass Gott mir so nahe kommt. Er mich unmittelbar als seinen Nachfolger an der Hand nimmt. Das ist Pfingsten.

Da steckt viel Kraft drin. Freude. Wertgeschätzt sein.

Manchmal lande ich dann in der Reihe der 70 Ältesten, und wir helfen zusammen, bauen Gemeinde und Kirche, sanieren Gebäude, feiern Feste, Blasen in die Trompete oder schnippeln im Kindergottesdienst Bastelvorlagen.

Und vielleicht hocke ich manchmal wie Mose ausgelaugt vom eigenen Engagement am Rand des Lagers.
Aber ich bin nie allein.

Gottes Geist bleibt bei mir, und ich habe Schwestern und Brüder die dafür da sind, dass wir Lasten auf viele Schultern verteilen.

Amen

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Ein Kommentar

  1. Ja, dieses get-organized zeigt ein praktisches Problem, auch das Verhältnis zu dem lebendigen Gott bedarf dieser Praxis, um umfassenden Segen zu erhalten. Lauheit und Laxheit ist nicht zielführend im Umgang mit der universellen Macht über und in uns.. und erfordert alle Aufmerksamkeit! Wenn früher ein Fürst rief, nahten ihm die Untertanen auch in Ehrfurcht und Demut und nahmen dessen Weisung entgegen. Vielleicht steht der Menschheit der Eigensinn im Weg, letztlich alles besser zu wissen, als der Herr über Leben und Tod, aber das ist ein Trugschluss..!! Dankbarkeit und Ehrfurcht ist die angemessene/re Haltung…!

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