Predigt: An zwei Orten ein Zuhause haben (2. Korinther 5, 1-10) 14. November 2021

photo of teepee under a starry sky

2. Kor 5, 1-10

Je größer die Unzufriedenheit mit dem jetzigen Leben ist, umso größer scheint die Sehnsucht nach Gottes neuer Welt.
Paulus hält uns im Jetzt, und erklärt das Ringen mit den täglichen Widigkeiten zur Ehrensache.


„Das Ende ist nah!“ – zumindest gefühlt

Liebe Gemeinde,

manchmal hat man einfach die Nase gestrichen voll. Weil alles hinten und vorne nicht mehr passt. Weil man mehr Probleme als Lösungen sieht. Gedanken, die recht depressiv und frustriert klingen. Klar, die Coronasituation und die Klimakrise sind gerade Faktoren, die die Stimmung runterziehen. Aber die Gedanken, die ich gerade so entwickelt habe, haben eigentlich gar nichts mit herbstlichen Corona-Klima-Frust zu tun, sondern stammen vom Apostel Paulus und spiegeln die Stimmung unseres heutigen Predigttextes.

Aber es geht dabei um viel mehr, als melancholischen Wertschmerz. Am besten, ich lese ihnen mal ein bisschen daraus vor:

Bibeltext 2. Kor 5, 1-10 (Basisbibel – BasisBibel © 2021 Deutsche Bibelgesellschaft )

Hier finden Sie den Bibeltext:
https://www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln/lesen/BB/2CO.5/2.-Korinther-5
Bitte beachten: Die Lutherübersetzung 2017 verwendet „Haus“ und „Hütte“ für „οἰκία τοῦ σκήνους“. Die Predigt rückt aber das Bild des Zeltes in den Mittelpunkt. Darum ist Luther 2017 hier ungünstig zu verwenden.

Im wackeligen Zelt meines Lebens

Liebe Gemeinde,

man merkt: Paulus war von Beruf Zeltmacher, und darum beschreibt er seine Gedanken mit der Vorstellung, unser Leben ist ein Zelt in dieser Welt.

Darin sind wir daheim. Geboren, aufgewachsen. Irgendwann haben wir entdeckt, dass es auch andere Menschen um uns herum gibt, haben unseren Horizont erweitert. Unser Lebens-Zelt ist uns Heimat geworden. Abends kuscheln wir uns in unsere Decken, fühlen uns geborgen, geschützt. Hören draußen vor dem Zelt die Grillen zirpen und das Rascheln im Gras, wenn ein Tier vorbeiläuft.

Ja, eigentlich ist das Leben in dieser Welt gar nicht so übel. Zumindest, wenn alles glatt läuft. Aber wir wissen, das ist nur die idyllische Seite. Unser Lebens-Zelt ist halt keine wirklich stabile Sache.

Ein heftiger Sturm und ein Regenguss können es schon sehr ungemütlich werden lassen. Und gegenüber noch wilderen Gefahren bietet so ein Zelt ehrlich gesagt gar keinen Schutz: Die dünne Zelthaut und ein unstürzender Baum sind ungleiche Gegner. Und eine besoffene Herde von Menschen, die Ärger suchen, hält mein Zelt auch nicht ab.

Genau diese Erfahrung greift der Zeltmacher Paulus auf: Unser Dasein auf der Erde ist eher etwas provisorisches. Das ist nicht perfekt. Meine Lebensumstände sind nicht optimal, und ich selber bin es auch nicht! Ich bin jemand mit Fehlern und Schwächen. Je älter ich werde, umso genauer lerne ich mich selber kennen, meine hausgemachten Probleme, wo meine Zeltplane Löcher hat, also man auch sagen könnte: „Du bist nicht ganz dicht“. Zelten unter diesen Umständen macht manchmal gar keinen Spaß.

Die neue Heimat

Das alles ist gar nicht für die Ewigkeit angelegt, meint Paulus. Gott sagt: „Ich habe da noch etwas anderes mit euch Menschen vor. Das was du hier hast, ist schon nicht so toll – aber ich hab da was für dich hergerichtet, das wirst du schauen! Eine ganz neue Wohnung, wie du sie dir selbst in deiner wildesten Phantasie nicht vorstellen kannst.“

Bei so einer Verheißung liegt es nicht fern, zu sagen: na, dann zieh ich da doch lieber heute als morgen um! Und auch Paulus greift das Problem auf, dass – je schlechter es einem gerade geht, umso eher das eigene Sterben eine attraktive Option ist. Er schreibt „Am liebsten würden wir unseren Körper verlassen und beim Herrn leben.“ Und so direkt er es an dieser Stelle formuliert, kann man überlegen, ob es zu seiner Zeit vielleicht tatsächlich unter Christen so eine Sehnsucht gab: Lieber jetzt sterben, und Gottes neue Wohnung in seiner Welt beziehen. Das ganze Elend hinter sich lassen – was soll ich hier noch?

Das Denken ist uns Menschen auch heute nicht so ganz fremd. Wir kennen es aus der Diskussion um die Sterbehilfe: Den Wunsch, lieber jetzt zeitig diese brüchige Hütte zu verlassen, als sich hier herumzuärgern oder gar schlimme Schmerzen erleiden.

Das Beste daraus machen: Ehrensache!

Aber Paulus bremst uns. Unser Platz ist erst einmal hier. Das ist unser aktueller Wohnsitz. Wir sollen unser Leben auf der Erde, in dem mittelmäßigen Zelt unseres Lebens, annehmen und leben.  Nicht perfekt, aber … ja irgendwie packt Paulus da bei unserem Ehrgeiz:

„Deswegen ist es für uns eine Ehrensache, Gott zu gefallen. Das gilt, ob wir schon zu Hause bei ihm sind oder noch hier in der Fremde leben.“ Mit anderen Worten: Gott stellt uns vor die Aufgabe, das Beste aus diesen Lebensumständen zu machen. Und als seine Kinder werden wir uns gescheit anstrengen, das möglichst gut hinzubekommen. Ich stelle mir das vor, dass dieser himmlische Vater einmal sagen kann:

„Hey, gut hast du es gemacht! Auch wenn du selber nicht wirklich damit zufrieden bist, wie dein Leben gelaufen ist: Ich weiß ja, mit welchen Begabungen und Fähigkeiten ich dich ausgestattet habe. Ich weiß, welche Schwächen, Krankheiten, Sorgen und Schicksalschläge dir vor die Füße gefallen sind. Ich habe das alles gesehen. Und ich bin stolz auf dich, dass du das alles so gut gewältigt hast.“

Liebe Gemeinde,

Paulus macht in seinem Predigttext Mut! Mut zum Leben. Mut, das eigene Leben mit all seinen Seiten als Geschenk und Aufgabe anzunehmen. Damit auch unser irdisches, vergängliches und klappriges Lebenszelt ein Ort werden kann, an dem Leben gelingt.

Glaube bedeutet: Das Leben zu ergreifen, das Gott uns schenkt – und gleichzeitig gewiss zu sein, dass man noch eine zweite zukünftige Heimat hat.

Im irdischen Zelt, schon so zu leben, als wenn das Licht der himmlischen Zukunft duch die Zeltplane schimmert.

 Ich weiß nicht, ob wir das auch immer schaffen – denn manchmal ist das Leben eine ungeheuer schwere Last. Aber versuchen sollen wir es eben doch. „Das ist Ehrensache“ sagt Paulus, und ich hoffe darauf, – dass Gott uns dabei nicht alleine lässt!

Amen

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