Liedpredigt: EG 504 Himmel, Erde, Luft und Meer von Joachim Neander, 24. Juli 2022

Mit Joachim Neanders Lied „Himmel, Erde, Luft und Meer“ bewundern wir die Schönheit des blauschimmernden Planeten Erde und entdecken im gluckernden Bach den eigenen Lebenslauf.

Predigt Teil 1: Das Leben von Joachim Neander

Ein Lied von Joachim Neander möchte ich mit Ihnen heute ein bisschen genauer ansehen und natürlich auch singen.

Sein Name Neander erinnert ein bisschen an „Neandertaler“. Und mit dieser Assoziation ist man näher dran, als man glauben mag. Denn der sogenannte „Neandertaler“, also dieser urzeitliche Mensch, dessen Knochen man vor über 150 Jahren gefunden hat, der hat seinen Namen von dem Tal, in dem er gefunden wurde: Das Neandertal in der Nähe von Düsseldorf

Und diesen Namen hat das Tal tatsächlich von Joachim Neander. Denn er hat dieses Tal geliebt. Ein enges, verwinkeltes Tal, kühl, weitgehend von Menschen unberührt. Dorthin ist er gerne gewandert und hat im Schatten dieses Tals viele seiner Lieder komponiert. Immer wieder hat er auch seine Gemeinde dorthin mitgenommen und mit ihnen in der romantischen Schlucht Gottesdienste gefeiert. Bei den aktuellen Temperaturen eigentlich eine schöne Vorstellung.

350 Jahre ist das her. Joachim Neander war selbst Pfarrersohn, ist in Bremen aufgewachsen und hat dort reformierte Theologie studiert. Während des Studiums kam er mit dem frühen Pietismus in Berührung. Das hat ihn geprägt. Ihm wurde wichtig, dass es im Glauben vorrangig nicht darum geht, immer alles genau zu erklären und möglichst viel zu wissen. Viel wichtiger war ihm, dass Glaube etwas persönliches ist, dass man die eigene Frömmigkeit, die innere Beziehung zu Jesus pflegt.

Nach Abschluss seines Studiums hat er aber nicht den Beruf des Pfarrers ergriffen, sondern ging zunächst als Privatlehrer nach Heidelberg. Da war er gerade mal 20 Jahre alt. Für heutige Ausbildungsgänge kaum vorstellbar. Aber tatsächlich hat Neander mit 16 Jahren das Studium begonnen, war mit 20 Privatlehrer und wurde mit 24 Jahren in Düsseldorf Rektor einer Lateinschule, die zur dortigen reformierten Gemeinde gehörte. Nebenher war er auch „Hilfsprediger“ in dieser Gemeinde.

In dieser Zeit begann er Gedichte zu schreiben und insgesamt etwa 60 Kirchenlieder zu komponieren. Dabei spielte das Tal der Düssel – das spätere Neandertal – eine große Rolle. Es waren sehr fromme, erbauliche Gottesdienste und Andachten, die er damals dort abgehalten hat, und darüber waren die einflussreichen Persönlichkeiten der dortigen reformierten Kirche nicht immer glücklich. Wenn der eigene Schulrektor den offiziellen Sonntagsgottesdienst schwänzt, und stattdessen mit einer Gruppe Gleichgesinnter in die freie Natur loszieht, ist das kein besonders glückliches Bild. So gab es immer wieder Streitigkeiten.

Neanders Selbstbewusstsein und seiner Kreaktivität hat das ganze keinen Abbruch getan. Erst nach 5 Jahren als Schulrektor hat er sich nach etwas Neuem umgesehen und kam zurück nach Bremen – dort erhielt er eine Anstellung als Frühprediger. In Bremen brachte er dann bald eine Sammlung seiner Lieder heraus. Der Titel: „Bundes-Lieder und Dank-Psalmen –  zu singen auf Reisen, zu Hause oder bei Christenergötzungen im Grünen“. Wenig später ist er mit nur 30 Jahren wahrscheinlich an Tuberkulose gestorben

Vier seiner Lieder finden wir auch in unserem Gesangbuch. Eines dieser Lieder ist „Himmel, Erde, Luft und Meer“ – singen wir einmal die ersten drei Verse.

504 Himmel, Erde, Luft und Meer
1. Himmel, Erde, Luft und Meer zeugen von des Schöpfers Ehr; meine Seele, singe du, bring auch jetzt dein Lob herzu.
2. Seht das große Sonnenlicht, wie es durch die Wolken bricht; auch der Mond, der Sterne Pracht jauchzen Gott bei stiller Nacht.
3. Seht, wie Gott der Erde Ball hat gezieret überall. Wälder, Felder, jedes Tier zeigen Gottes Finger hier.

Teil 2 – (V 1-3) Die Erde, ein Geschenk und Kundwerk

Himmel, Erde, Luft und Meer zeugen von des Schöpfers Ehr … im Gedanken sehe ich da jemanden im Freien stehen, der den Blick über diese Welt schweifen lässt. Er sieht die Weite des Himmels, atmet tief die feuchtkühle Luft ein, und freut sich einfach an diesem Planeten.

Himmel, Erde, Luft und Meer … ein bisschen erinnert das an die antike Vorstellung von den 4 Elementen, aus denen die Welt besteht: Feuer, Erde Wasser, Luft. Die Frage: Woraus besteht denn diese Welt, wo kommt das alles her? Joachim Neander schaut diese Erde an und versteht sie als einen einzigen großen Hinweis auf einen Schöpfer, der diesen Planeten mit viel Liebe zum Detail geschaffen hat.

Sonne, Mond, Sterne – Neanders Blickwinkel ist groß. Gedanklich geht er weit  über sein romantisches Tal hinaus. Damals hatte man sich nicht vorstellen können, einmal von einer Raumstation wie der ISS auf die Erde herunterschauen zu können. Aber was wir da singen, klingt doch fast so: Der Blick auf die Erde. Einer von endlos vielen Planeten im Universum. Diese wunderschöne blaue Murmel – unsere Erde: Die Kontinente, manche leuchtend grün, andere eher in Brauntönen, die blauen Meere, die zwei weißen Polkappen, die sanften Schlieren der Wolken:

Seht, wie Gott der Erde Ball hat gezieret überall. Wälder, Felder, jedes Tier zeigen Gottes Finger hier.

Die Erde wirkt wie ein Gemälde, wie ein Kunstwerk aus den Händen Gottes. Da merke ich – wie unwichtig da die Frage nach Evolution, Urknall und sieben Schöpfungstagen ist. Zu spüren: Dieser Planet ist Gottes Geschenk an uns. Ein kunstvolles System, das es uns ermöglicht hier zu leben. Ein  Kunstwerk, an dem wir weitergestalten, weitermalen und auch Verantwortung haben für das, was wir aus diesem Kunstwerk machen.

Singen wir die nächsten drei Verse

4. Seht, wie fliegt der Vögel Schar in den Lüften Paar bei Paar. Blitz und Donner, Hagel, Wind seines Willens Diener sind.
5. Seht der Wasserwellen Lauf, wie sie steigen ab und auf; von der Quelle bis zum Meer rauschen sie des Schöpfers Ehr.
6. Ach mein Gott, wie wunderbar stellst du dich der Seele dar! Drücke stets in meinen Sinn, was du bist und was ich bin.

Teil 3 (Verse 4-6)  Von der Quelle bis zum Meer

Es ist nicht zu übersehen: Dieses Lied ist eigentlich ein Lied für draußen, für eine Kirche im Grünen. Und auch wenn wir es hier drinnen singen, schlupfen unsere Gedanken ins Freie. Im Kopf entstehen Bilder von Vögeln, die in Schwärmen über den Himmel ziehen. Beeindruckende Wolkentürme, zuckende Blitze. Erinnerungen an Wanderungen durch wildromantische Täler, in denen das Wasser am Felsen herunterfließt.

Und wenn ich so nachdenke, spüre ich auch, wie solche Bilder einen nachhaltig beeindrucken. Und vielleicht gibt’s auch das Gefühl: Eigentlich müsste man solche Momente öfter festalten. Nicht mit noch einem Handy-Foto, sondern einfach, indem man sich mehr Zeit nimmt, diese Schönheit der Schöpfung zu genießen.

Einfach dem Bach ein bischen beim Fließen zuschauen. Nicht nur für einen kurzen Moment, sondern das Wasser wahrnehmen, wie es da vorbeiläuft. Es hört nicht auf, scheinbar unerschöpflich. Der Bach fließt einfach weiter, er hat keine Angst, sich zu verschenken. Er weiß: Es ist seine Bestimmung, Wasser auf den Weg zu schicken, und er würde seine Bestimmung versäumen, wenn er versuchen würde, das Wasser für sich zu behalten.

Und wie ich so sitze, merke ich, dass ja auch meine Zeit – meine Lebenszeit – genauso weiterläuft. Auch sie fließt, ohne dass ich sie aufhalten kann.  Seht der Wasserwellen Lauf, wie sie steigen ab und auf; von der Quelle bis zum Meer rauschen sie des Schöpfers Ehr.
Schon nach wenigen hundert Metern verliere ich den Bachlauf aus den Augen. Wohin das Wasser wohl fließt? So genau weiß ich es nicht. Aber ich weiß, dass dieses Wasser, das gerade an mir vobeigeflossen ist, einen weiten Weg vor sich hat, es wird Täler befeuchten, Fischen Lebensraum geben, Schiffe tragen und irgendwann ins Meer fließen.

Meine verfließende Lebenszeit ist da gar nicht so anders. Auch da kann ich nie den ganzen Weg überblicken. Weiß nie, was nach der nächsten Biegung meines Lebensflusses kommt. Wem wird mein Leben Kraft geben, welche Turbine werde ich antreiben, welche Äcker bewässern? Und wann endet das alles im Meer von Gottes Ewigkeit? Ich weiß es nicht. Warum sollte ich mich darum hetzen? Was spricht dagegen, noch einen Moment lang diesen Bach zu betrachten ? – Von der Quelle bis zum Meer rauschen sie des Schöpfers Ehr.

Ja, wenn die Natur mich Vertrauen in meinem Gott lehrt, dann bin ich wohl dicht bei dem, was Joachim Neanders Andachten im Grünen so beeindruckend gemacht haben.

Ach ja, im gleichen Jahr hat Neander auch das nächste Lied verfasst. Eines ohne Naturromantik – aber dafür ist es wohl auch sein bekanntestes Werk: 317 Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren.

AMEN

Speichere in deinen Favoriten diesen permalink.

Ein Kommentar

  1. Retour a la Nature, deshalb auch Waldkitas, Waldkindergärten oder gleich Pfadfinder werden.., tolle Erlebniss.., schöne Predigtgedanken!

Schreibe einen Kommentar zu Wolf Schmitt Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.