{"id":1781,"date":"2001-05-13T22:13:34","date_gmt":"2001-05-13T20:13:34","guid":{"rendered":"http:\/\/pastors-home.de\/?p=1781"},"modified":"2014-06-05T22:15:25","modified_gmt":"2014-06-05T20:15:25","slug":"predigt-beten-mit-dem-handy-im-funkloch-symbolpredigt-13-mai-2001","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pastors-home.de\/?p=1781","title":{"rendered":"Predigt: Beten &#8230; mit dem Handy im Funkloch? (Symbolpredigt) 13. Mai 2001"},"content":{"rendered":"<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>Ich bin noch nicht lange in Gollhofen Pfarrer. Und ich hatte nat\u00fcrlich einen Vorg\u00e4nger, und einen Vorvorg\u00e4nger und davor gabs noch mal einen und und und.<\/p>\n<p>Ich stelle mir vor, der Pfarrer von 1730 kommt bei mir vorbei: Im schwarzen Lutherrock steht er vor meiner T\u00fcr. Er klopft mit wuchtigen Fausthieben an die Pforte. Von einer elektrischen Klingel wei\u00df er ja nichts, die gabs vor fast 300 Jahren noch nicht.<\/p>\n<p>Er stellt sich vor, Johann Christoph Hartung, Pfarrherr von 1705 bis 1749. Er schaut mich ein bisschen verwundert an &#8230; ein blaues Beinkleid .. Herr Pfarrer &#8230; wie albern sehen Sie denn aus .. und er streicht \u00fcber sein makellos schwarzes Gewand.<\/p>\n<p>Er schaut sich unser Haus an: Das kennt er, das wurde w\u00e4hrend seiner Amtszeit gebaut.\u00a0 Den Garten erkennt er auch\u00a0 auf Anhieb wieder, der H\u00fchnerstall sah damals anders aus&#8230;, aber das Unkraut ist das gleiche wie damals.<!--more--><\/p>\n<p>Mein Amtszimmer zeige ich ihm, auf dem Schreibtisch verwundert er sich : Der Computer, eine Maschine zum Schreiben ohne Papier &#8230; er ist begeistert, w\u00fcrde ihn am liebesten mitnehmen &#8230;f\u00fcr mich ist diese Sensation etwas ganz normales.<\/p>\n<p>Wir gehen auf die Dorfstra\u00dfe, da f\u00e4hrt ein Traktor vorbei und ein Auto. Er zuckt f\u00f6rmlich zusammen .. ja, erkl\u00e4re ich ihm: das sind Fahrzeuge, die haben schon seit l\u00e4ngerem eure Pferde abgel\u00f6st. Er schaut verwirrt und begeistert zugleich den Benzinkutschen hinterher &#8230; naja, f\u00fcr mich ganz normal.<\/p>\n<p>Irgendwann taucht ein Hubschrauber \u00fcber uns auf, mein Kollege sieht anscheinend das Ende der Welt nahen, ich kann ihn beruhigen, erz\u00e4hle ihm, dass sein Zeitgenosse Galileo Galilei ja auch schon \u00fcber Flugapparate nachgedacht hatte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>DA klingelt mein Handy in der Tasche. Ich stelle mich stolz aufrecht hin, angle das Ding aus der Jackentasche heraus .. und denke: Mein lieber Kollege, das wirst du schauen &#8211; das haut dich um. \u201eSeidel, gr\u00fc\u00df Gott,&#8220; melde ich mich, es ist ein Freund, der einen Termin verschieben wollte. Danach schalte ich das Handy aus, und blicke mein Gegen\u00fcber erwartungsvoll und stolz an: Stille. \u201eNa da sind sie erstaunt, gelle! Ein Mobiltelefon. Der neueste Schrei. Ich kann mit jemanden sprechen, auch wenn ich ihn nicht sehe. Der andere ist da, jederzeit kann ich ihn erreichen. &#8211; Das ist doch der Hammer! Oder?&#8220; &#8211; Mein Urahn schaut mich ganz gelassen an: Ja und? Das kenne ich doch, mit jemanden reden, ohne dass er direkt da ist &#8230; beim Beten ist das doch genauso&#8230;.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>\u201eBeten&#8220; ist wie \u201emit dem Handy telefonieren&#8220; &#8211; was man nicht alles lernen kann, wenn so ein Pfarrerskollege eine Zeitreise zu uns unternimmt.<\/p>\n<p>Das Handy &#8211; oder vornehm \u201eMobiltelefon&#8220; genannt erlebt seit einiger Zeit einen richtigen Boom. Man kann dr\u00fcber streiten, ob mann sie wirklich immer braucht, aber praktisch sind die Dinger schon.<\/p>\n<p>Und vielleicht hat so manche Mutti heute vom Papa so ein Handy verehrt bekommen .. wer wei\u00df&#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit dem Handy bekomme ich zu jemanden eine Verbindung, den ich nicht sehen kann, der irgendwo ist, fern oder nah. Wenn wir beide mit Handy ausgestattet sind, haben wird jederzeit die M\u00f6glichkeit miteinander in Kontakt zu kommen. Tag oder Nacht, an jedem beliebigen Ort.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und das ist auch noch wunderbar einfach. Ich muss nicht erst eine Telefonzelle suchen, warten bis die 4 anderen Leute vor mir auch telefoniert haben, brauche nicht nach Kleingeld oder einer Telefonkarte kramen. In Nullkommanix steht die Leitung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Meine These, \u00fcber die ich heute sprechen m\u00f6chte, ist: Der Glaube ist wie ein Handy zu Gott.<\/p>\n<p>Ich meine: Durch den Glauben habe ich auch so einen hei\u00dfen Draht zu Gott. Wann immer ich ihn brauche &#8211; er ist erreichbar.<\/p>\n<p>Ich brauche nicht erst ein Himmelstelefon aufsuchen. Muss nicht in eine Kirche gehen, um mit Gott zu reden. &#8211; In katholischen Gegenden gibts h\u00e4ufig alle Kilometer in der freien Landschaft eine kleine Kapelle. Man k\u00f6nnte fast denken, das w\u00e4ren die Telefonzellen oder Notrufs\u00e4ulen f\u00fcr den lieben Gott &#8211; Nein, daf\u00fcr brauchen wir sie nicht. Als Christen haben wir eine mobile Verbindung zum Vater im Himmel. Und das schon seit 2000 Jahren &#8211; da wusste man noch nicht mal was wie man D1 und E-Plus schreiben k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Apropos E-Plus: Das mit dem Handy-Vertrag mit Gott, das ist auch eine eigene Sache. Ich kenne viele junge Leute, die haben diese Handies, bei denen muss man zahlen, bevor man \u00fcberhaupt telefonieren kann. Die m\u00fcssen sich sozusagen einen Geb\u00fchren-Vorrat anlegen. Und wenn der weg ist, dann funktioniert das Handy nicht mehr.<\/p>\n<p>Und das ist auch die Krux: Oft genug habe ich im letzten Jahr mitbekommen: Junge Leute haben zwar so ein Handy, aber ihr Geb\u00fchrenvorrat ist ersch\u00f6pft gewesen. Dann konnten sie mit dem ganzen schicken Ding nichts mehr anfangen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Handy zu Gott sieht da ganz anders aus. Erstens: Gott will von uns keinen Vorschuss. Wir m\u00fcssen nicht aufweisen, soundsoviele gute Taten vollbracht zu haben, damit er uns erh\u00f6rt. Es kommt aber auch keine dicke Rechnung hinterher. Ein Gebetserh\u00f6rung kostet auch keine 3 Wallfahrten.<\/p>\n<p>Die Rechnung zahlt Gott selber. Gott will, dass mir mit ihm in Kontakt stehen, Er m\u00f6chte eine Beziehung zu uns haben. Das ist ihm etwas wert. Darum kam auch Jesus Christus zu uns, er hat mit seinen Leben den Handyvertrag besiegelt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir d\u00fcrfen immer zu diesem Gott kommen, spontan und ohne Brimborium, das ist sein Geschenk an uns. So unkompliziert, wie ein Anruf mit einem Handy.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>das alles klang jetzt m\u00e4chtig nach Werbung. Aber nat\u00fcrlich hat alles auch seine Schattenseiten:<\/p>\n<p>Ein kleine Episode aus der Zeit, als ich in N\u00fcrnberg bei einem Lokalsender gearbeitet habe: Ein Kollege war in Stuttgart, war auf einem Konzert und sollte davon einen Stimmungsbericht abliefern. Nach dem Konzert rief er also\u00a0 im Sendestudio mit einem Handy an, das er sich extra daf\u00fcr ausgeliehen hatte. Wir nahmen in life in die Sendung rein. Er erz\u00e4hlte wie es war, und pl\u00f6tzlich wurde die Verbindung innerhalb von Sekunden schlechter und riss ab. In einer Life-Sendung nicht so toll. Die Tontechniker versuchten wieder, die Verbindung herzustellen, aber das gelang immer nur f\u00fcr wenige Sekunden, dann war wieder Schluss. &#8211; Wir mussten den H\u00f6rern dann halt sagen, dass unser Korrespondent nicht mehr erreichbar war.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter hat sich herausgestellt, woran es lag: Der gute Mann &#8211; in Handy-Fragen nicht sonderlich gut bewandert &#8211; stand nicht vor der Konzerthalle, sondern war schon mit der U-Bahn unterwegs auf dem Heimweg. Und jedesmal, wenn der Zug in der R\u00f6hre verschwand, war Schluss mit Telefonieren. In der U-Bahn-R\u00f6hre war da eben ein Funkloch, da hilft das ganze Handy nix. Die Funkverbindung ist unter der Erde nicht so einfach m\u00f6glich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gibts auch beim Handy-Netz Gottes ein Funkloch? Dass sich keiner r\u00fchrt. Dass Gott schweigt? Dass ein Gebet nur bis zur Zimmerdecke kommt &#8211; so wie mit einem Handy im U-Bahn-Tunnel?<\/p>\n<p>Gerade dann f\u00e4llt das auf, wenn man die Verbindung dringend br\u00e4uchte, wenns brennt, wenns\u00a0 mir schlecht geht. Da fragt man sich: wie gibts denn das? &#8211; ich habe gedacht, Gott geht immer ran, wenns klingelt?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte Ihnen von Hiob erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Ein Erfolgstyp, besa\u00df einen gro\u00dfen Bauernhof. War reich, das kann man sagen. Und zugleich auch ein frommer Mann. Das Geld hatte ihn nicht verdorben. Vielmehr war er einer, der ganz genau drauf schaute, wie er sein Leben f\u00fchrte &#8211; und da gab es nichts dran auszusetzen.<\/p>\n<p>Und dann kam dieser Tag, an dem sein Leben finster wurde. Durch Naturkatastrophen und \u00dcberf\u00e4lle verlor er innerhalb eines Tages\u00a0 fast alles, was er besa\u00df: Der Bauernhof, den seine Kinder bewirtschafteten st\u00fcrzte ein, seine Kinder kamen darin ums Leben. Seine Tiere auf den Weiden wurden geraubt. Und dann bekam er selbst auch noch eine schwere Hautkrankheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Abend sa\u00df er da als armer, ruinierter Mann. Alles, was ihm geblieben war: Seine Kleider auf dem Leib und seine Ehefrau.<\/p>\n<p>Achja, und seinen Glauben &#8211; sein Handy zu Gott. Und Hiob w\u00e4hlte &#8230;aber keiner ging ran:<\/p>\n<p>Er betete und es kam keine Antwort. Kein rettendes Wunder passierte, keine Erkl\u00e4rung auf das \u201ewarum&#8220;.<\/p>\n<p>Stille &#8211; Hiob im Funkloch. Kein Netz, keine Verbindung. &#8211; Da ist guter Rat teuer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe Gollh\u00f6fer,<\/p>\n<p>sowas wie Hiob habe ich noch nicht erlebt, aber das Gef\u00fchl, dass man im Funkloch sitzt und Gott nicht versteht, das hatte ich manchmal schon.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da k\u00f6nnte man es schon machen, wie Hiobs Frau: Sie sagt: \u201eDa siehst du es ja! Wenns drauf ankommt, l\u00e4sst dich Gott doch im Stich. Vergiss es, auf den kannst du dich nicht verlassen &#8230; vielleicht gibt es ihn auch nicht &#8230;\u00a0 am besten, du schmei\u00dft das Handy auf dem M\u00fcll, werf deinen Glauben weg, hat doch keinen Zweck der Schmarrn! &#8211; Manche machen das so: Wenn es mit Gott nicht so l\u00e4uft wie sie es gerne h\u00e4tten, ist f\u00fcr manche der Glaube ein Auslaufmodell. Dann wandert der Glaube \u00fcber Bord.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da gab es noch andere. Fromme Leute. Die haben dem Hiob gesagt: Das kann nicht sein, dass Gott dich in Stich l\u00e4sst. Das muss an dir liegen! Du betest nicht richtig &#8230; oder du hast irgend etwas schlimmes getan, f\u00fcr das dich Gott jetzt straft. Aber weitergeholfen hat deren Moralpredigt\u00a0 auch nicht &#8211; Hiob hatte nichts angestellt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn man die Geschichte des Hiob in der Bibel liest, entdeckt man das Elend eines Menschen, der nicht mehr ein noch aus wei\u00df. Und man entdeckt, das Gott nicht weggeh\u00f6rt hat. Gott hat sehr wohl zugeh\u00f6rt, und auch sehr genau zugeh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Gott hat sich bei Hiob Zeit gelassen mit seiner Antwort. Lange, qu\u00e4lende Zeit.<\/p>\n<p>Und die Antwort kam anders, als Hiob oder wie wir es erwartet h\u00e4tten: Gott erkl\u00e4rt nicht das \u201ewarum&#8220; der Katastrophe.<\/p>\n<p>Seine Antwort sieht anders aus: Er schickt Hiobs Schwestern und Br\u00fcder zu ihm, die ihn tr\u00f6steten, die ihn in seiner Sorge verstehen, die ihm geholfen haben, wieder auf die Beine zu kommen.<\/p>\n<p>Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube: Manchmal haben wirs einfach zu eilig, wenn uns etwas nicht passt. Dann sollte Gott m\u00f6glichst gleich Abhilfe schaffen oder zumindest erkl\u00e4ren, warum etwas so oder so ist. Dazu ist vielleicht der ADAC da, zum schnell mal Abhilfe schaffen, wenn was schief geht.<\/p>\n<p>Aber Gott ist kein flotter Wunscherf\u00fcller.<\/p>\n<p>Er will, dass unser Leben Tiefgang bekommt, nicht nur nett und belanglos dahinpl\u00e4tschert. Vielleicht m\u00fcssen wir deshalb so manches Tal durchqueren.<\/p>\n<p>Aber: Mit dem Glauben, dem Handy zu Gott wei\u00df ich: Die Verbindung steht, auch wenn ich manchmal auf die Antwort warten muss. Das wunderbare ist: Mit diesem Gott kann ich auch Durststrecken durchstehen, etwas aushalten, nicht gleich schlappmachen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>AMEN<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Gemeinde, Ich bin noch nicht lange in Gollhofen Pfarrer. Und ich hatte nat\u00fcrlich einen Vorg\u00e4nger, und einen Vorvorg\u00e4nger und davor gabs noch mal einen und und und. Ich stelle mir vor, der Pfarrer von 1730 kommt bei mir vorbei: Im schwarzen Lutherrock steht er vor meiner T\u00fcr. 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