{"id":1758,"date":"2001-11-29T21:38:48","date_gmt":"2001-11-29T19:38:48","guid":{"rendered":"http:\/\/pastors-home.de\/?p=1758"},"modified":"2014-06-05T21:41:33","modified_gmt":"2014-06-05T19:41:33","slug":"predigt-zum-kirchweihmontag-gollhoefer-kirchengeschichte-1799-1808-kirchweihmontag-29-10-2001","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pastors-home.de\/?p=1758","title":{"rendered":"Predigt zum Kirchweihmontag: Gollh\u00f6fer Kirchengeschichte 1799-1808, Kirchweihmontag , 29.10.2001"},"content":{"rendered":"<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>\u201eam Kirchweihmontag hat man immer aus der Geschichte der Gemeinde gelesen.&#8220; So hat man mir gesagt. Und diese Tradition hat schon etwas f\u00fcr sich. Wenn man entdeckt, dass man als Ortsgemeinde eine Geschichte hat. Mit H\u00f6hen und Tiefen. Mit Schicksalen; Ereignissen zum Freuen, zum Erschrecken oder zum Schmunzeln.<\/p>\n<p>In Gollhofen haben wird den gro\u00dfen Schatz eines gut erhaltenen Archivs. Man wei\u00df etwas von der Geschichte, kann nachlesen und nachforschen.<\/p>\n<p>Wo f\u00e4ngt man an, wenn man noch so wenig wei\u00df?<br \/>\nZum Beispiel an einer Stelle, bei der einem etwas ins Auge f\u00e4llt.<br \/>\nMein Blick ist auf das Jahr 1799 gefallen. Denn die einzige Notiz zu diesem Jahr betrifft den Kirchweihmontag vor 202 Jahren.<!--more--><\/p>\n<p>Dort m\u00f6chte ich einsteigen und die Ereignisse der dann folgenden 10 Jahre ihnen verlesen &#8211; aus der Pfarrbeschreibung, die einst Pfarrer Schmerl verfasst hat.<br \/>\nDamit sie wissen, was auf sie zukommt: Dieser Abschnitt ist etwas so lang wie eine halbe Predigt.<\/p>\n<p>1799<br \/>\nAm Kirchweih-Montag wurde hier der letzte so genannte Kirchweih-Plan aufgef\u00fchrt. Damit verhielt es sich folgenderma\u00dfen: M\u00e4dchen und J\u00fcnglinge aus dem Dorf wurden durch das Los bestimmt und durften dann unter der Rathaus-Linde \u00f6ffentlich tanzen. Bei diesem Volksfest wurden Gewehrsalven gegeben, Vivats gebracht, und zum Kirchweihschutz von dem Gerichtsschreiber das so genannte Friedensgebot abgelesen. Zu dieser Feier versammelten sich am Montagnachmittag die ganze Gemeinde um diese Linde. Nach Beendigung des Kirchweihplans ging erst das Tanzen in den Wirtsh\u00e4usern an.<br \/>\nDie kriegerischen nun folgenden Zeiten lie\u00dfen diesen alten Kirchweihbrauch in Vergessenheit geraten. W\u00e4hrend damals an der Kirchweih erst mit dem Kirchweihplan der \u00f6ffentliche Tanz begann, f\u00e4ngt er nunmehr schon am Kirchweihsonntag nach der Nachmittagskirche an.<\/p>\n<p>1800<br \/>\nGro\u00dfe D\u00fcrre in der Gegend. Versiegende Brunnen und Bachl\u00e4ufe. Stillstehende M\u00fchlen, Mehlmangel, Waldbr\u00e4nde in Steigerwald, auch in Gollhofen sichtbar.<br \/>\nAm 9. November kurzer aber furchtbarer Orkan, der an D\u00e4chern und W\u00e4ldern gro\u00dfen Schaden anrichtete<br \/>\nDie Blasb\u00e4lge der Orgel wurden von oben nach unten verlegt und hinter dem Altar angebracht. Zugleich wurde von dem Orgelbauer Voit in Schweinfurt das Werk gestimmt und gereinigt.<br \/>\nDurch den Waffenstillstand vom 16. Juli kam das linke Mainufer an die Franzosen. In den benachbarten Orten Ochsenfurt und Marktbreit lag alles voll von ihnen. Vom 29. September bis 16. November lagen auch in Gollhofen selbst Franzosen. Da Gollhofen ohne Schutz war, musste es au\u00dfer den Quartieren auch viele Lieferungen machen. Nach Ablauf des Waffenstillstandes besetzte das verb\u00fcndete franz\u00f6sische und holl\u00e4ndische Armeekorps die Stadt in W\u00fcrzburg und drang bis in unsere Gegend vor. In Gollhofen lag im Dezember 1800 eine ziemliche Anzahl holl\u00e4ndische Reiterei. Zum Teil hatte sie bei tiefem Schnee und strenger K\u00e4lte ihr Lager in den G\u00e4rten zwischen den Sternenwirtshaus und der Schie\u00dfmauer; die Pferde waren an die B\u00e4ume gebunden, die Mannschaften lagen um riesige Holzfeuer, f\u00fcr die das Dorf das Material liefern musste. Die Mannschaft bestand aus gro\u00dfem und starken Leuten.<br \/>\nBei der nun folgenden Belagerung der Feste Marienberg in W\u00fcrzburg h\u00f6rte man die Kannonade bis nach Gollhofen.<\/p>\n<p>1801<br \/>\nIm Mai Durchzug von kaiserlichen Gefangenen. Es m\u00f6gen nach Hahns Mitteilung im ganzen 24000 Mann durch Gollhofen gezogen sein. Gleichzeitig herrschen in unserer Gegend sehr b\u00f6sartige Blattern, an denen sie er viele Kinder verstarben. In diesem Jahr gab es eine mittelm\u00e4\u00dfige Ernte und viel M\u00e4usefra\u00df.<\/p>\n<p>1805<br \/>\n&#8230; hatte Gollhofen viele Einquartierungen von Franzosen. Der hier liegende franz\u00f6sische Kommiss\u00e4r forderte Getreide und bestellte nach gefertigter Rechnung den Schulthei\u00df von Gollhofen nach Uffenheim zur Bezahlung. Als derselbe nach Uffenheim kam, war der Kommiss\u00e4r schon nach Bergel weiter marschiert; und als man ihn dorthin folgte, wollte er von einer Forderung nichts mehr wissen. Das war f\u00fcr die Gemeinde ein Verlust von 700 Gulden.<\/p>\n<p>1806<br \/>\n&#8230; durch eine Verordnung vom 24. April wird das Wetterl\u00e4uten abgeschafft und ebenso um das so genannte &#8222;Zeichen zum Gebet&#8220; bei den Gewittern.<br \/>\nDie Grafschaft Limpburg wird mediatisiert und auch das Dorf Gollhofen kommt unter die Krone Bayerns. Dem bisherigen Landesherren blieben nur noch die niedere und mittlere Gerichtsbarkeit, das Patronatsrecht, das Recht der Forsten.<br \/>\nDas Besitzergreifungspatent war \u00f6ffentlich am Rathaus angeschlagen.<\/p>\n<p>1807<br \/>\n&#8230; wurde das neue, heute noch stehende Schulhaus erbaut. Das alte sehr hohe Schulhaus war durch starke Vermehrung der Schuljugend zu klein geworden. Im Jahre 1803-1804 wurde es wegen gro\u00dfer Bauf\u00e4lligkeit abgebrochen. Nun wurde &#8211; zum Teil an dem alten Platz, aber den Eingang gegen Mittag &#8211; das neue Schulhaus erbaut.<br \/>\nDie Kosten des Baues beliefern sich auf etwa 3500 Gulden und wurden aus der Kirchenstiftung bestritten. Hand-und Spanndienste leistete die Gemeinde unentgeltlich.<br \/>\nBei dem Graben des Kellers stie\u00df man auf das tiefliegende Gew\u00f6lbe der ehemaligen Eingangsbr\u00fccke zur Bastei, welches Gew\u00f6lbe nun wegen des eindringenden Wassers von Kirchgraben her vermauert wurde. An der tiefen Lage des Gew\u00f6lbes konnte man die ehemalige Tiefe des Kirchgrabens erkennen.<\/p>\n<p>1808<br \/>\n&#8230; wurde ein Dekanatssprengel gebildet. Der bisherige limpurgische Oberpfarrer Johann Albrecht Pfeiffer wurde durch Rescript des protestantischen Konsistoriums in Bamberg vom 1. Januar zum k\u00f6niglichen bayerischen Dekan an \u00fcber die gesamten 8 limpurgischen Pfarreien mit Einschluss der Castellschen Pfarrei Oberlaimbach ernannt.<br \/>\nNunmehr trat auch f\u00fcr limpurgische Orte, also auch Gollhofen, das am 1. Juli 1807 ergangene Generale in Betreff der Feiertage in Kraft:<br \/>\n1. Alle Feiertage, au\u00dfer dem zweiten Feiertag der hohen Feste, werden auf den folgenden Sonntag verlegt, um die Verschwendung an Geld, Zeit und Ausschweifung zu verh\u00fcten.<br \/>\n2. Au\u00dfer Sonntagen und hohen Festen werden noch gefeiert: Neujahr, Epiphanias, Karfreitag, Himmelfahrt, allgemeiner Bu\u00dftag am 1. Mai, und Erntedankfest am 1. November.<br \/>\n3. Die Texte am Bu\u00dftag und Erntedankfest werden vom Konsistorium in Bamberg ausgeschrieben. Die Predigten sind mit lateinischen Dispositionen durch das einschl\u00e4gige Dekanat einzusenden.<br \/>\n4. Bei dem K\u00f6nig wird das Namensfest und bei der K\u00f6nigin das Geburtsfest durch Predigt am Vormittag gefeiert.<br \/>\n5. Die Kirchweihen bleiben auf den darauf folgenden Sonntag verlegt<br \/>\nEinf\u00fchrung der Pocken-Schutzimpfung. Diese wurde in Gollhofen durch den Stadtphysikcus Dr. Kirchner in Uffenheim geleitet. Die im Impflisten wurden vom Pfarramt gefertigt, der Impftermin feierlich von der Kanzel verk\u00fcndigt.<\/p>\n<p>Besinnung<\/p>\n<p>10 Jahre aus der langen Geschichte unserer Gollh\u00f6fer Kirche habe ich ihnen verlesen.<br \/>\nSo einiges ist da in meinen Gedanken h\u00e4ngen geblieben:<\/p>\n<p>a) Zum einen: Gollhofen hatte es nicht leicht. Allein in den paar Jahren ist so oft \u00fcber die Gollh\u00f6fer hinweg gehandelt worden. Sind die Dinge passiert, wo sie nicht gefragt wurden:<br \/>\n~ als die Soldanten sich einquartierten und zu essen verlangten.<br \/>\n~ als sich der bayerische K\u00f6nig den Besitz der Limpurger Herren einverleibte<br \/>\n~ als das Gebetsl\u00e4uten bei Unwetter abgeschafft wurde<\/p>\n<p>b) Aber auch: Die Gollh\u00f6fer haben sich nicht unterkriegen lassen. Sie bauen in der Kirche um, stellen mit vereinten Kr\u00e4ften ein neues Schulhaus hin. Haben mit Johann Albrecht Pfeiffer (1778-1815) einen Pfarrer, der sich enorm engagiert. F\u00fcr sein Heimatdorf! Er ist als Kantorssohn in Gollhofen aufgewachsen und hat eine Gollh\u00f6ferin &#8211; Anna Margarete Ruhl &#8211; geheiratet.<\/p>\n<p>Alles sehr interessant &#8211; aber eine Sache hat mir ein bisschen gefehlt, beim lesen der Chronik: Man bekommt nur wenig mit von dem, wie die Menschen damals vor 200 Jahren ihren Glauben gelebt haben. Damals, in einer Zeit, die auch theologisch ganz spannend war.<\/p>\n<p>Ich h\u00e4tte gerne gewusst, ob die Gollh\u00f6fer von der Fr\u00f6mmigkeit aus Herrnhut gepr\u00e4gt waren. Oder ob sie mit ergriffen waren von dem allgemeinen Abflauen der christliche Tradition. Die Pfarrer klagten allgemein, dass niemand mehr eine wirkliche Kenntnis der kirchlichen Lehre hatte.<br \/>\nOb sie schon etwas mitbekommen haben, von dem gro\u00dfen Umschwung damals? Nicht nur die franz\u00f6sische Revolution, und die Aufl\u00f6sung der katholischen F\u00fcrstent\u00fcmer im Reichsdeputationshauptschluss.<\/p>\n<p>Da war da noch der Pfarrer Friedrich Schleiermacher. W\u00e4hrend die Gollh\u00f6fer 1799 zum letzten mal den Kirchweihplan ablaufen lie\u00dfen, ver\u00f6ffentlichte er ein Buch, in dem er den christlichen Glauben ganz neu, f\u00fcr damalige Zeiten erschreckend undogmatisch betrachtete. F\u00fcr ihn war Religion der \u201eGeschmack f\u00fcrs Unendliche&#8220;.<\/p>\n<p>Liebe Gollh\u00f6fer,<\/p>\n<p>ich wei\u00df nicht, wie es damals war, bei Ihren Vorfahren.<br \/>\nWas aber klar ist: Damals gab es Herausforderungen, denen mussten sie sich stellen. Sie mussten Position beziehen &#8211; auch mit ihrem Glauben. Das war sicher nicht immer leicht.<\/p>\n<p>~ Was sagt man zur Franz\u00f6sischen Revolution, mit der Bibel in der Hand, mit dem Kreuz an der Wand von der Wohnstube? Erkennt man darin eine Bewegung, die ernst damit macht, dass Gott alle Menschen gleich w\u00fcrdig, gleich in ihrem Rang geschaffen hat. &#8211; Oder verurteilt man es als Aufbegehren gegen eine Gesellschaftsordnung , die Gott den Menschen verordnet hat?<\/p>\n<p>~ Wie verh\u00e4lt man sich gegen\u00fcber den feindlichen Soldaten, wenn man sieht, wie sie Unrecht tun und meinen Nachbarn drangsalieren?<\/p>\n<p>Einfache L\u00f6sungen gibts da nicht.<br \/>\nUnd heute ist das wirklich nicht einfacher geworden; wahrscheinlich schwieriger: Sich als Christ ein Urteil zu bilden zu Tendenzen und Ereignissen in unserer enorm komplizierten und verflochtenen Welt.<br \/>\nWas sage ich zur Globalisierung, zum Islam, zum technologischen Fortschritt, zur sozialen K\u00e4lte&#8230;..?<\/p>\n<p>Due Anfragen, das, was uns umgibt hat sich im Vergleich zu den letzten 200 Jahren nat\u00fcrlich ver\u00e4ndert. Aber unsere Aufgabe als Gemeinde ist geblieben: Als Christen den Weg zu finden, der unserem Glauben entspricht.<br \/>\nDie eigene Bibel ernstzunehmen, mit ihren Geboten und ihren Versprechen.<br \/>\nSich mit anderen Christen zusammenzutun, und dar\u00fcber zu reden, was einen bewegt.<br \/>\nGott im Gebet um Rat zu fragen, und hoffen, dass das eigene Gewissen eine Anwort gibt.<\/p>\n<p>Das sind die gleichen M\u00f6glichkeiten wie damals, wir haben ja auch immer noch den gleichen, treuen Gott.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Gemeinde, \u201eam Kirchweihmontag hat man immer aus der Geschichte der Gemeinde gelesen.&#8220; So hat man mir gesagt. Und diese Tradition hat schon etwas f\u00fcr sich. Wenn man entdeckt, dass man als Ortsgemeinde eine Geschichte hat. Mit H\u00f6hen und Tiefen. 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