{"id":1707,"date":"2003-04-07T23:13:31","date_gmt":"2003-04-07T22:13:31","guid":{"rendered":"http:\/\/pastors-home.de\/?p=1707"},"modified":"2017-10-24T19:28:06","modified_gmt":"2017-10-24T18:28:06","slug":"predigt-aufbruch-ist-mehr-als-kopf-hoch-jesaja-40-26-31-7-april-2002","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pastors-home.de\/?p=1707","title":{"rendered":"Predigt: Aufbruch ist mehr als \u201eKopf hoch&#8220; (Jesaja 40, 26-31) 7. April 2002"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Predigt zur\u00a0 Erinnerung an die Zerst\u00f6rung des Dorfes am 6. April 1945<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<br \/>\nUnser heutiger Predigttext steht beim Propheten Jesaja im 40. Kapitel.<\/p>\n<p><i>26 Hebet eure Augen in die H\u00f6he und seht! Wer hat dies geschaffen? Er f\u00fchrt ihr Heer vollz\u00e4hlig heraus und\u00a0 ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so gro\u00df, da\u00df nicht eins von ihnen fehlt. <\/i><i><br \/>\n<\/i><i>27 Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: \u00bbMein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vor\u00fcber\u00ab?<\/i><i><br \/>\n<\/i><i>28 Wei\u00dft du nicht? Hast du nicht geh\u00f6rt? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht m\u00fcde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.<\/i><i><br \/>\n<\/i><i>29 Er gibt dem M\u00fcden Kraft, und St\u00e4rke genug dem Unverm\u00f6genden.<\/i><i><br \/>\n<\/i><i>30 M\u00e4nner werden m\u00fcde und matt, und J\u00fcnglinge straucheln und fallen;<\/i><i><br \/>\n<\/i><i>31 aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, da\u00df sie auffahren mit Fl\u00fcgeln\u00a0 wie Adler, da\u00df sie laufen und nicht matt werden, da\u00df sie wandeln und nicht m\u00fcde werden.<\/i><br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Diese Worte spricht der Prophet zu einem Volk, das einen verlorenen Krieg hinter sich hat.<br \/>\nJerusalem ist zerst\u00f6rt, der Tempel dem Erdboden gleichgemacht, die Felder niedergebrannt. Und viele Frauen und M\u00e4nner aus Jerusalem wurden verschleppt &#8230; nach Babylon&#8230; und dort f\u00fcr Jahrzehnte festgehalten.<\/p>\n<p>Dieser milit\u00e4rische Vernichtungsschlag des K\u00f6nigs Nebukadnezar hat Menschenleben gekostet und eine Spur der Verw\u00fcstung in den St\u00e4dten hinterlassen. Aber da war noch etwas: Das Gottvertrauen der Israeliten war zerschlagen.<br \/>\nBisher hat man sich als Gottes auserw\u00e4hltes Volk verstanden.<br \/>\nBisher hatte man erlebt, dass Gott buchst\u00e4blich in der letzten Minute rettend eingreift.<br \/>\nAber diesmal war es anders gewesen. Kein Wunder hatte sie gerettet, kein Schilfmeer hatte die feindlichen Truppen ertr\u00e4nkt.<br \/>\nGott hatte es zugelassen, dass sein Volk von den Feinden besiegt wird.<\/p>\n<p>Viele unter denen, die das \u00fcberlebten, verstanden ihre Welt und ihren Gott nicht mehr. Da wird die Klage oft zu h\u00f6ren gewesen sein: &#8222;Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vor\u00fcber!&#8220;.<\/p>\n<p>Ganz verschiedene Fragen kann ich da heraush\u00f6ren:<br \/>\n&#8211; Warum hat Gott diese Katastrophe zugelassen?<br \/>\n&#8211; Weshalb muss ich als kleiner Jerusalemer B\u00fcrger f\u00fcr das politische Versagen meiner Regierung bluten. Was habe denn \u00fcberhaupt ich damit zu tun?<br \/>\n&#8211; War das jetzt Gottes K\u00fcndigung? Sind wir als Volk Gottes f\u00fcr ihn nicht mehr tragbar?<br \/>\n&#8211; Und wie soll es denn \u00fcberhaupt weitergehen \u2013 oder ist das jetzt unser endg\u00fcltiges Ende?<\/p>\n<p>Diese Fragen und das damit verbundene Lebensgef\u00fchl haben durch die Jahrhunderte Menschen immer wieder \u00e4hnlich erlebt. &#8211; Nicht nur damals die Verschleppten in Babylon.<br \/>\nWer herbe pers\u00f6nliche R\u00fcckschl\u00e4ge und Niederlagen erleiden muss und nicht mehr weiter wei\u00df, dem ist dieses Gef\u00fchl wahrscheinlich bekannt.<\/p>\n<p>Diese Fragen von eben sind wahrscheinlich manchem Gollh\u00f6fer in den Apriltagen 1945 durch den Kopf gegangen. Denn die Zerst\u00f6rung von Gollhofen durch den Beschuss der Alliierten hat letztlich alle ins Herz getroffen.<\/p>\n<p>So etwas kann man nicht in Worte fassen. Aber der folgende Ausschnitt aus dem Bericht einer Gollh\u00f6ferin kann uns eine Ahnung davon vermitteln.<\/p>\n<table border=\"1\" width=\"90%\" cellspacing=\"2\" cellpadding=\"2\">\n<tbody>\n<tr>\n<td valign=\"Top\" bgcolor=\"#ffcc99\"><b>Erinnerungen A <\/b><br \/>\nEtwa 2 Tage vor der v\u00f6lligen Zerst\u00f6rung von Gollhofen brannten schon einige Scheunen, die von Granaten getroffen wurden. Ich wei\u00df noch, dass in unserem Haus alle Fenster kaputt waren und die Vorh\u00e4nge zum Teil verbrannt. Auch der Fu\u00dfboden hatte an einigen Stellen Feuer gefangen. Unter einem der Fenster stand mein Puppenw\u00e4gelchen mit Puppe. Das ist auch verbrannt. Das war mein gr\u00f6\u00dfter Jammer. Meine Eltern konnten das Feuer l\u00f6schen.<br \/>\nWir Kinder waren mit der bettl\u00e4gerigen Gro\u00dfmutter im Scheunenkeller von Georg Trabert.<br \/>\nAm 6. April brachte um die Mittagszeit ein deutscher Soldat Fleisch und sagte zu meiner Mutter, sie solle das St\u00fcck kochen. Er war noch nicht aus dem Haus, da kamen die Tiefflieger und die Zerst\u00f6rung begann.<br \/>\nWir fl\u00fcchteten in den Hofkeller, der Soldat in die Waschk\u00fcche. W\u00e4ren wir in den Hauskeller, h\u00e4tten wir sicher nicht \u00fcberlebt, denn eine Bombe schlug in unseren Hausgiebel und es war ein riesengro\u00dfer Bombentrichter. Der Keller brannte v\u00f6llig aus.<br \/>\nNach dem Angriff, als es etwas ruhig war, schaute mein Vater heraus und sah, dass der Hof lichterloh brannte. Er sagte, wir m\u00fcssten schnell raus, sonst ersticken wir. Jeder von uns bekam ein nasses Bettuch umgeh\u00e4ngt und ein kleines K\u00f6fferlein in die Hand, das war alles, was wir retteten. Die schwerkranke Gro\u00dfmutter musste gef\u00fchrt werden. Im Hof lagen \u00fcberall brennende Balken, da mussten wir dr\u00fcber steigen. Wir sind durch das brennende Dorf gelaufen und suchten Zuflucht bei meinem Onkel. Da stand dann auch noch alles und die Gro\u00dfmutter konnte dort im Keller wieder ein Bett finden; und wir uns vom Schrecken ein wenig erholen<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Der Keller hatte in diesen Tagen in Gollhofen eine wichtige Rolle. Dort hat man sich versteckt und war halbwegs gesch\u00fctzt. Es scheint ein menschlicher Reflex zu sein, sich bei Bedrohung zu verkriechen. Nicht nur dann, wenn man mit Bomben angegriffen wird.<br \/>\nUnd es kostet auch Mut, dann wieder nach oben zu kommen, die Deckung zu verlassen. Nicht nur, weil man Angst hat, getroffen zu werden ; sondern auch weil man ahnt, welche Bilder der Verw\u00fcstung oben auf einen warten.<\/p>\n<p>Auch im \u00fcbertragenen Sinn gibt es dieses Ph\u00e4nomen. Wer sich vom Schicksal gebeutelt in sein Schneckenhaus zur\u00fcckzieht, der braucht viel Mut, \u00dcberwindung, um sich wieder der Wirklichkeit zu stellen. Das kennen Psychologen, und das haben auch die Israeliten erlebt. Wenn ich nicht mehr wei\u00df, ob ich mir von der Zukunft noch etwas erwarten kann, dann habe ich auch kaum einen Antrieb, mein Schneckenhaus zu verlassen, aufzustehen und nach vorne zu gehen.<\/p>\n<p>An dieser Stelle treibt mich unser Predigttext an: Hebet eure Augen in die H\u00f6he und seht! Wer hat dies geschaffen? Wei\u00dft du nicht? Hast du nicht geh\u00f6rt? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht m\u00fcde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.<\/p>\n<p>Mir kommt das vor, als wenn da jemand an meinem Schneckenhaus klopft und sagt: &#8222;Schau dich doch mal um! Schau nicht nur auf das, was dir Schlechtes zugesto\u00dfen ist. Schau auf die Sch\u00f6pfung, die Gott so gut geordnet hat. Er hat die Planeten auf ihre Bahn geschickt, er hat diese Welt in der Hand, dann wird dieser Gott doch auch Macht haben, dir zu helfen!&#8220;<\/p>\n<p>Das ist mehr als nur der Slogan &#8220; Kopf hoch&#8220;. Denn &#8220; Kopf hoch&#8220; l\u00e4sst mich letztlich doch mit meinem Problem allein. Aber der Satz des Propheten verweist auf einen starken Partner, mit dessen Hilfe ich versuchen kann, wieder auf die Beine zu kommen.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<br \/>\nsolche S\u00e4tze tun nat\u00fcrlich gut. Aber ganz so einfach ist die Welt ja doch nicht. Ich w\u00fcrde da schon mal gerne fragen, wo denn der Sinn darin liegen soll: Warum soll uns Gott durch das gro\u00dfe Elend jagen und anschlie\u00dfend als Retter und Helfer auftreten? Das bekomme ich in meinem Kopf nicht zusammen. Warum erspart er mir nicht diese H\u00f6llenfahrt durch sinnloses Leid?<br \/>\nIch kann Ihnen darauf keine Antwort geben. Denn schon unser Predigttext sagt, dass Gottes Verstand unausforschlich ist. Wir k\u00f6nnen ihm nicht in die Karten gucken. Die Verf\u00fchrung ist schon da, schnelle und einfache Antworten zu finden.<br \/>\nManchmal k\u00f6nnen unsere menschlichen Erkl\u00e4rungs-Versuche ein wenig helfen, das Unverstehbare ein bisschen in den Griff zu bekommen.<br \/>\nAber manchmal k\u00f6nnen fromme Erkl\u00e4rungs-Versuche Menschen sogar noch zus\u00e4tzlich Leid zuf\u00fcgen. Zum Beispiel dann, wenn man einem leidgeplagten Menschen erkl\u00e4rt, dass er f\u00fcr irgend eine bisherige S\u00fcnde b\u00fc\u00dfen m\u00fcsse.<br \/>\nNein &#8211; wir k\u00f6nnen nicht so einfach L\u00f6sungen pr\u00e4sentieren. Gottes Verstand &#8211; die Logik seines Handelns &#8211; ist eben f\u00fcr uns Menschen unausforschlich.<br \/>\nDa bleibt die Hoffnung, das wir sp\u00e4ter, vielleicht erst am Ende der Zeiten was warum von Gott erfahren k\u00f6nnen.<br \/>\nLeider.<\/p>\n<p>Bevor ich ihnen noch einmal die letzten Verse des Predigttextes vorlese, h\u00f6ren sie einen Ausschnitt aus dem Bericht eines Gollh\u00f6fers \u00fcber die ersten Tage nach dem Beschuss Gollhofens:<\/p>\n<table border=\"1\" width=\"90%\" cellspacing=\"2\" cellpadding=\"2\">\n<tbody>\n<tr>\n<td valign=\"Top\" bgcolor=\"#ffcc66\"><b>Erinnerungen B<\/b><br \/>\nEin paar Tage sp\u00e4ter, an einem Nachmittag auf den Abend zu kamen dann die Amerikaner.<br \/>\nWir haben sie im Hof und dann im Haus geh\u00f6rt. Zwei kamen in den Keller. Wir waren alle misstrauisch, auch unsere Zivilpolen, und haben sie nicht als Befreier angesehen. Abends kochten sie auf unserem Herd Spiegeleier und Kartoffeln. Die Kartoffeln haben sie mit der Schale gegessen, das wei\u00df ich noch ganz genau.Wir waren nun hinter der Front und wir Buben schauten zu, wie die amerikanischen Panzer am Welbh\u00e4user Weg in Richtung S\u00fcden schossen. Nun begann auch der gro\u00dfe Fl\u00fcchtlingsstrom, zu Fu\u00df in alle Richtungen. Viele haben bei uns gen\u00e4chtigt und wollten was zu essen, sie waren v\u00f6llig ausgehungert.Langsam begannen die Aufr\u00e4umungsarbeiten. Praktisch wurden nur Asche und zerbrochene Ziegel hinaus gefahren. Jeder Backstein, auch die halben und die Bruchsteine, wurden abgeklopft und wieder verwendet. Da mussten auch wir Kinder dazu helfen. Alle verbrannten N\u00e4gel und angekohlten Balken wurden aufgesammelt, denn es gab ja nichts.<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><i><b>Er gibt dem M\u00fcden Kraft, und St\u00e4rke genug dem Unverm\u00f6genden.<\/b><\/i><i><b><br \/>\n<\/b><\/i><i><b>\u00a0M\u00e4nner werden m\u00fcde und matt, und J\u00fcnglinge straucheln und fallen;<\/b><\/i><i><b><br \/>\n<\/b><\/i><i><b>aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, da\u00df sie auffahren mit Fl\u00fcgeln\u00a0 wie Adler, da\u00df sie laufen und nicht matt werden, da\u00df sie wandeln und nicht m\u00fcde werden.<\/b><\/i><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<br \/>\nich empfinde zwischen dieser Beschreibung eben und diesen Versen eine Spannung und zugleich eine \u00dcbereinstimmung.<\/p>\n<p>Die Worte des Propheten erscheinen auf den ersten Blick wie eine grandiose Verhei\u00dfung von Aufbruch und Energie. Das trifft sicher nicht auf diese Tage in Gollhofen zu, wo man &#8211; noch gel\u00e4hmt vom Entsetzen &#8211; versucht das allernotwendigste wieder herzurichten.<\/p>\n<p>Aber auf den zweiten Blick auf die Verse im Jesajabuch merke ich, dass da Menschen auf den Herrn harren, ungeduldig warten, in dieser Spannung zwischen Verhei\u00dfung und tats\u00e4chlichem Aufbruch leben. Und ich merke, dass das von einem langen Weg gesprochen wird. Auch wenn sie laufen und nicht matt werden, der Weg bleibt lang und beschwerlich.<br \/>\nGott verspricht in diesen Versen keine L\u00f6sung aller Probleme im Schnelldurchlauf.<br \/>\nAber er verspricht etwas anderes: Er will derjenige sein, von dem die Kraft ausgeht, schwierige Situationen zu meistern.<br \/>\nUnd seine Gegenwart wird uns die Ausdauer verleihen, auch anstrengende und lange Wege durchzustehen.<\/p>\n<p>Die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, da\u00df sie auffahren mit Fl\u00fcgeln\u00a0 wie Adler, da\u00df sie laufen und nicht matt werden, da\u00df sie wandeln und nicht m\u00fcde werden.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zur\u00a0 Erinnerung an die Zerst\u00f6rung des Dorfes am 6. April 1945 Liebe Gemeinde, Unser heutiger Predigttext steht beim Propheten Jesaja im 40. Kapitel. 26 Hebet eure Augen in die H\u00f6he und seht! Wer hat dies geschaffen? Er f\u00fchrt ihr Heer vollz\u00e4hlig heraus und\u00a0 ruft sie alle mit Namen; seine\u2026 <a class=\"continue-reading-link\" href=\"https:\/\/www.pastors-home.de\/?p=1707\">ich will weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"Predigt: Aufbruch, ist mehr als \u201eKopf hoch\" (Jesaja 40, 26-31) 7. 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