{"id":1697,"date":"2002-06-16T23:00:37","date_gmt":"2002-06-16T22:00:37","guid":{"rendered":"http:\/\/pastors-home.de\/?p=1697"},"modified":"2017-10-24T19:42:12","modified_gmt":"2017-10-24T18:42:12","slug":"predigt-sich-herausreden-gilt-nicht-heskiel-18-16-juni-2002","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pastors-home.de\/?p=1697","title":{"rendered":"Predigt: Sich herausreden gilt nicht! (Heskiel 18) 16. Juni 2002"},"content":{"rendered":"<p>Unser heutiger Predigttext steht beim Propheten Hesekiel im 18. Kapitel.<br \/>\n<i>Und des HERRN Wort geschah zu mir:<\/i><i><br \/>\n<\/i><i> 2 Was habt ihr unter euch im Lande Israels f\u00fcr ein Sprichwort:\u00a0 \u00bbDie V\u00e4ter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Z\u00e4hne davon stumpf geworden\u00ab?<\/i><i><br \/>\n<\/i><i> 3 So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: dies Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel.<\/i><i><br \/>\n<\/i><i> 4 Denn siehe, alle Menschen geh\u00f6ren mir; die V\u00e4ter geh\u00f6ren mir so gut wie die S\u00f6hne; jeder, der s\u00fcndigt, soll sterben.<\/i><i><br \/>\n<\/i><i> 21\u00a0 Wenn sich aber der Gottlose bekehrt von allen seinen S\u00fcnden, die er getan hat, und h\u00e4lt alle meine Gesetze und \u00fcbt Recht und Gerechtigkeit, so soll er am Leben bleiben und nicht sterben.<\/i><i><br \/>\n<\/i><i> 22 Es\u00a0 soll an alle seine \u00dcbertretungen, die er begangen hat, nicht gedacht werden, sondern er soll am Leben bleiben um der Gerechtigkeit willen, die er getan hat.<\/i><i><br \/>\n<\/i><i> 23 Meinst du, da\u00df ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen, spricht Gott der HERR, und nicht vielmehr daran, da\u00df\u00a0 er sich bekehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt?<\/i><i><br \/>\n<\/i><i> 24 Und\u00a0 wenn sich der Gerechte abkehrt von seiner Gerechtigkeit und tut Unrecht und lebt nach allen Greueln, die der Gottlose tut, sollte der am Leben bleiben? An alle seine Gerechtigkeit, die er getan hat, soll nicht gedacht werden, sondern in seiner \u00dcbertretung und S\u00fcnde, die er getan hat, soll er sterben.<\/i><i><br \/>\n<\/i><i> 30 Darum will ich euch richten, ihr vom Hause Israel, einen jeden nach seinem Weg, spricht Gott der HERR. Kehrt um und kehrt euch ab von allen euren \u00dcbertretungen, damit ihr nicht durch sie in Schuld fallt.<\/i><i><br \/>\n<\/i><i> 31 Werft von euch alle eure \u00dcbertretungen, die ihr begangen habt, und macht euch\u00a0 ein neues Herz und einen neuen Geist. Denn warum wollt ihr sterben, ihr vom Haus Israel?<\/i><i><br \/>\n<\/i><i> 32 Denn ich habe kein Gefallen am Tod des Sterbenden, spricht Gott der HERR. Darum bekehrt euch, so werdet ihr leben<\/i><br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<br \/>\n&#8222;Die V\u00e4ter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Z\u00e4hne davon stumpf geworden&#8220;. \u00dcber diesen Spruch, genauer gesagt gegen diesen Spruch, predigt der Prophet Hesekiel.<\/p>\n<p><span style=\"color: #009900;\"><i><b> Das Wahre am Spruch<\/b><\/i><\/span><\/p>\n<p>Dabei sagt doch dieses Sprichwort ganz sicher auch etwas Wahres. Nat\u00fcrlich kriegen die kleinen Kindern keine stumpfen Z\u00e4hne, nur weil ihre V\u00e4ter stundenlang auf sauren Weintrauben herum kauen. Aber dass die Kinder f\u00fcr die Fehler der Eltern einstehen m\u00fcssen, dass kannte man in fr\u00fcheren Zeiten und kennt man auch heute noch.<\/p>\n<p>&#8211; Im Bereich des Umweltschutzes merken wir das ganz deutlich. Wo die Generationen vor uns un\u00fcberlegt Gifte verspr\u00fcht, Sonderm\u00fcll abgelagert, oder an der Natur Raubbau betrieben haben, da haben wir heute noch damit zum k\u00e4mpfen.<br \/>\nManche Fehler machen sich eben erst Jahre oder Jahrzehnte sp\u00e4ter bemerkbar und betreffen dann nicht mehr die Verursacher, sondern die nachfolgende Generation.<br \/>\n&#8211; Ein anderes Beispiel: Wo Ehen scheitern, ganz egal aus welchem Grund, da leiden eben nicht nur beide Ehepartner, sondern auch die Kinder; die sich schuldig f\u00fchlen am Zerw\u00fcrfnis ihrer Eltern. Das l\u00e4sst sich anscheinend nicht vermeiden.<br \/>\n&#8211; Als drittes denke ich an den Streit zwischen M\u00f6llemann und Friedmann. Dieser Konflikt w\u00e4re wohl nie zu einer solchen dramatischen Antisemitismusdebatte eskaliert, wenn die Geschichte unseres Landes im Dritten Reich nicht bis heute uns nachgehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Wir leben als Menschen immer auch mit den Altlasten unserer Vorfahren, unserer Eltern, unserer Vorg\u00e4nger. Offensichtlich stimmt es eben, dass die sauren Trauben der V\u00e4ter den Kindern die Z\u00e4hne stumpf werden lassen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><span style=\"color: #009900;\"><i><b> Der Fehlschluss aus dem Spruch<\/b><\/i><\/span><\/p>\n<p>Aber dieser weise Spruch birgt auch eine gewisse Gefahr. N\u00e4mlich dann, wenn er dazu benutzt wird, die eigene Verantwortung auf die Vorg\u00e4nger abzuw\u00e4lzen.<\/p>\n<p>&#8211; &#8222;Nicht ich bin schuld an der Misere, in der ich stecke! Meine Eltern waren es, die haben mich nicht richtig aufs Leben vorbereitet. Sie sind Schuld, dass ich in der Schule immer so nachl\u00e4ssig war. Darum sehe ich \u00fcberhaupt nicht ein, irgend einen schlecht bezahlten Job zu machen! Lieber bleibe ich arbeitslos&#8220;.<\/p>\n<p>&#8211; &#8222;Wir sind nicht Schuld an der Erw\u00e4rmung des Erdklimas. Die bisherigen Regierungen haben es vers\u00e4umt, die richtigen Ma\u00dfnahmen zu ergreifen. F\u00fcr uns ist es gegenw\u00e4rtig politisch gar nicht m\u00f6glich, eine Wende zu erreichen. Jetzt ist es sowieso zu sp\u00e4t, darum machen wir so weiter, wie bisher.&#8220;<\/p>\n<p>&#8211; &#8222;Nat\u00fcrlich wei\u00df ich, dass ich nicht bei jeder Kleinigkeit mit meinem Nachbarn streiten m\u00fcsste. Aber weil unsere Familien schon seit Generationen zerstritten sind, werde ich jetzt nicht anfangen mit denen Frieden zu schlie\u00dfen. Wie k\u00e4me ich mir denn da vor, wenn ich pl\u00f6tzlich da zu Kreuze kriechen w\u00fcrde&#8220;.<\/p>\n<p>Merken wir es? Es ist manchmal ganz einfach, die Schuld auf andere abzuw\u00e4lzen. Sich vor dem Eingest\u00e4ndnis eigener Fehler zu dr\u00fccken, und damit auch der Forderung nach Ver\u00e4nderung auszuweichen. &#8222;Ich kann ja nichts daf\u00fcr.&#8220; So kommt man auch zu einer kostenlosen Absolution.<\/p>\n<p>Durch den Propheten Hesekiel l\u00e4sst Gott ausrichten: Dieses Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel. &#8211; H\u00f6rt auf, euch auf die Schuld eurer Vorg\u00e4nger herauszureden. Ihr seid selbst erwachsen genug, um richtig und falsch zu unterscheiden, um Entscheidungen richtig zu f\u00e4llen. Ich will euer Gejammer nicht mehr h\u00f6ren!<\/p>\n<p>Wenn euer Verhalten euch ins Verderben st\u00fcrzt, dann m\u00fcsst ihr euch das selbst zurechnen lassen. Stellt euch nicht so an: Ihr k\u00f6nntet immer noch umkehren auf den richtigen Weg.<\/p>\n<p>Der Prophet Hesekiel versucht das im Zusammenhang mit unserem Predigttext mit einem Beispiel deutlich zu machen.<br \/>\nEr erz\u00e4hlt von einem Vater, der einen ungezogenen Sohn hat, der dann als Erwachsener alle m\u00f6glichen Verbrechen begeht. Und der wiederum bekommt wieder einen Sohn, der sich an seinem Vater kein Beispiel nimmt, sondern das tut, was richtig ist.<br \/>\n&#8222;Wer von ihnen wird bestraft werden?&#8220; fragt Hesekiel und liefert die selbstverst\u00e4ndliche Antwort gleich hinterher: Nur derjenige, der sich etwas zu Schulden hat kommen lassen, wird vor Gericht gestellt. Aber der Vater wird nicht f\u00fcr seinen Sohn haften, und auch nicht umgekehrt.<br \/>\nDiese Worte lenken unser Augenmerk auf die individuelle Entscheidung eines Menschen, so oder so zu handeln. Gott l\u00e4sst sich nicht durch voreilige Verweise auf die Schuld der anderen, die Rahmenbedingungen und Umst\u00e4nde der aktuellen Situation irritieren.<br \/>\nEr fragt erst einmal: Wie hast DU entschieden, wie hast DU gehandelt? Herausreden gilt nicht.<\/p>\n<p><span style=\"color: #009900;\"><i><b> Gottes Vergebungsbereitschaft<\/b><\/i><\/span><\/p>\n<p>Das klingt erschreckend unerbittlich, wie ein giftiger Staatsanwalt. Aber es scheint Gott nicht darum zu gehen, uns Menschen in die Pfanne zu hauen. Er hat keine Freude daran, uns scheitern und untergehen zu sehen: Er sagt &#8222;meinst du, dass ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen und nicht vielmehr daran, dass er sich bekehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt?&#8220;<br \/>\nNicht Strafe ist das Ziel auf das Gott hinaus will, sondern Umkehr zum rechten Leben, zur Gerechtigkeit. Dabei geht er sogar so weit, dass er dem, der Schuld auf sich geladen hat, alles vergibt, wenn er von falschen Weg umkehrt. Nicht nur Strafmilderung steht in Aussicht, sondern ein Freispruch &#8211; nicht wegen erwiesener Unschuld, sondern wegen praktizierter Vergebung!<\/p>\n<p>Wenn ich das verstanden habe, dann leuchtet mir auch ein, weshalb in unserem Predigttext so intensiv darauf gepocht wird, dass sich keiner aus der Verantwortung stiehlt.<br \/>\nWenn einer seinen falschen Weg als zwangsl\u00e4ufig vorgegeben ansieht, wenn er sagt &#8222;da sind die anderen Schuld, das liegt doch nicht an mir&#8220; &#8211; wie soll denn derjenige umkehren?<br \/>\nErst wenn er sich selber an die eigene Nase fasst, merkt er, in welche Richtung seine Nase gerade rennt, und kann sich auch korrigieren. Die Nase der anderen sind da ohne Belang.<\/p>\n<p><span style=\"color: #009900;\"><i><b> The point of no return<\/b><\/i><\/span><\/p>\n<p>Der in Pappenheim geborene Theologe Helmut Gollwitzer berichtet von seinen Erfahrungen kurz nach der Kapitulation Deutschlands 1945 an der Ostfront.<\/p>\n<table border=\"1\" width=\"80%\" cellspacing=\"2\" cellpadding=\"2\" align=\"Center\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>&#8222;Es war am 11. Mai 1945. Wir lagen auf einer b\u00f6hmischen Wiese in der Maisonne, kauten Grashalme und sprachen \u00fcber die Zukunft. Die n\u00e4here Zukunft, ob es uns wohl gelingen w\u00fcrde, noch \u00fcber die Moldau zu kommen und der Kriegsgefangenschaft zu entgehen, und die weitere Zukunft: was aus Deutschland werden w\u00fcrde &#8211; also aus uns allen. W\u00e4hrend wir so redeten, erhob sich ein Feldwebel, ein gro\u00dfer kr\u00e4ftiger Mann, der bisher schweigend dabei gesessen hatte, und ging \u00fcber die Wiese in den Wald. Gleich darauf h\u00f6rten wir einen Schuss, und als wir zu ihm liefen, fanden wir ihn schon nicht mehr lebend vor. Die Kameraden von seiner Gruppe sagten, er habe bis zuletzt unbeirrt an den F\u00fchrer geglaubt und in den Tagen nach Hitlers Selbstmord immer nur gesagt: Lieber tot, als Sklave. Hinter der Katastrophe gab es nichts mehr, was sich lohnte.&#8220;<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Dieser Feldwebel hatte sich verrannt, war &#8211; wie viele andere Deutsche &#8211; auf dem falschen Weg gewesen. Und als er es merkte, wusste er nicht mehr weiter. F\u00fcr ihn war es anscheinend nicht mehr m\u00f6glich, seine Schuld einzugestehen, umzukehren, umzudenken. Der einzige Ausweg f\u00fcr ihn war die Flucht in den Tod.<\/p>\n<p>Wenn ich unserem Predigttext ernst nehme, dann gab es von Gottes Seite her durchaus noch die M\u00f6glichkeit zur Umkehr. Und auch diesem Feldwebel h\u00e4tte dieser Satz gegolten: &#8222;Es soll an alle seine \u00dcbertretungen, die er begangen hat, nicht gedacht werden, sondern er soll am Leben bleiben um der Gerechtigkeit willen die er getan hat.&#8220; &#8211; Das hei\u00dft Freispruch! Auch ihm h\u00e4tte Gott diese Chance gegeben.<\/p>\n<p>Ich denke, das passt nicht jedem. Unser Verst\u00e4ndnis von Recht und Gerechtigkeit verlangt nach Strafe, auch wenn jemand Schuld eingesteht. Einfach so vergeben und vergessen? Unser Strafgesetzbuch sieht so etwas eigentlich nicht vor.<br \/>\nGott ist da anscheinend gro\u00dfherziger als wir Menschen.<br \/>\nUnd wenn ich da innerlich im Streiten mit meinem Gott bin, und ihm vorwerfe dass er viel zu gro\u00dfz\u00fcgig mit seiner Vergebung umgeht, dann erinnere ich mich auch an das Gleichnis von dem verlorenen Sohn. Denn da gab es auch noch einen Bruder, der den Vater nicht verlassen hatte, und der war auch \u00fcber die Ma\u00dfen gekr\u00e4nkt und w\u00fctend \u00fcber diesen vergebungsbereiten Vater. &#8222;Wie kannst du nur diesen untreuen Kerl wieder aufnehmen?&#8220; Und der Vater hatte alle H\u00e4nde damit zu tun, beide S\u00f6hne wieder miteinander zu vers\u00f6hnen.<\/p>\n<p><span style=\"color: #009900;\"><i><b> Das Kleingeld<\/b><\/i><\/span><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<br \/>\nbeim Blick auf diese Erz\u00e4hlungen von dem Feldwebel oder dem verlorenen Sohn f\u00fchle ich mich auf die Seite der Gerechten versetzt. Aber eigentlich sa\u00df ich beim Lesen des Predigttextes am Anfang innerlich auf der andern Seite &#8211; bei den Angeklagten, denen gesagt wird: &#8222;kehre um zur Gerechtigkeit&#8220;.<\/p>\n<p>Ich habe zwar niemand umgebracht und ein fleckenloses F\u00fchrungszeugnis beim Staatsanwalt. Aber dennoch wei\u00df ich, dass in meinem Leben dieses oder jenes in die falsche Richtung geht. Wo ich ungerecht gehandelt habe, oder immer noch handle. Wo ich mit jemandem nicht wirklich vers\u00f6hnt bin.<br \/>\nKleinigkeiten, die aber trotzdem da sind. Die kann ich nicht wegdiskutieren. Und mein Predigttext hat mir deutlich gesagt, dass ich mich auch nicht herausreden kann.<br \/>\nVielleicht ist ihnen in den vergangenen Minuten auch manches eingefallen.<\/p>\n<p>Was bin ich froh, dass mir dieser Predigttext<br \/>\nso ohne wenn und aber<br \/>\nMut macht,<br \/>\nauch die Kleinigkeiten in meinem Leben zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>AMEN<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unser heutiger Predigttext steht beim Propheten Hesekiel im 18. Kapitel. 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