{"id":1677,"date":"2002-10-28T22:37:14","date_gmt":"2002-10-28T20:37:14","guid":{"rendered":"http:\/\/pastors-home.de\/?p=1677"},"modified":"2014-06-04T22:38:58","modified_gmt":"2014-06-04T20:38:58","slug":"predigt-zum-kirchweihmontag-in-gollhofen-die-jahre-1552-bis-1595-28-oktober-2002","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pastors-home.de\/?p=1677","title":{"rendered":"Predigt zum Kirchweihmontag in Gollhofen: Die Jahre 1552 bis 1595, 28. Oktober 2002"},"content":{"rendered":"<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>der Gollh\u00f6fer Tradition gem\u00e4\u00df. m\u00f6chte ich am Kirchweihmontag wieder mit Ihnen einen Blick in die Geschichte unserer Kirchengemeinde werfen.<\/p>\n<p>Ein Jahr bietet sich in besonderer Weise heuer an: Die Reformation in Gollhofen anno 1552 &#8211; also vor 450 Jahren<br \/>\nDarum m\u00f6chte ich heute aus der Chronik, die Pfarrer Schmerl ums Jahr 1912 verfasst hat, vorlesen.<\/p>\n<p>An einigen Stellen verlasse ich den Text Schmerls, und werde ihnen einige zus\u00e4tzliche Informationen geben.<!--more--><\/p>\n<p><b>Lesung aus der Geschichte Gollhofens<\/b><\/p>\n<p>1552<br \/>\nF\u00fcr die Reformation\u00a0 der Gemeinde Gollhofen war ein Ereignis von h\u00f6chster Bedeutung, das im Jahre 1552 unerwartet eintrat. Da pl\u00fcnderten hessische Reiter bei einem Einfall in Gollhofen den hiesigen katholischen Pfarrer Kaspar Spankuch. Der Landesherr Schenk Karl meldet das in einem Brief vom 28. April nach W\u00fcrzburg. Er gibt der Besorgnis Ausdruck: &#8222;Wenn wir einen andern p\u00e4pstlichen -also katholischen &#8211; Priester hierher bekommen, k\u00f6nnten die Reiter vielleicht mit ihm ebenso umgehen.&#8220; Darum bat er, einen der Pfarrer aus dem evangelischen Uffenheim nach Gollhofen zu senden.<\/p>\n<p>Nebenan in Uffenheim hatte w\u00e4hrend dessen Pfarrer Christoph Zeller erhebliche Auseinandersetzungen mit verschiedenen Pers\u00f6nlichkeiten am Ort. So willigte er gerne ein, in die Dienste von Schenk Karl zu treten und nach Gollhofen zu kommen.<br \/>\nHiervon wird am Samstag, den 7. Mai 1552 dem Amt in Uffenheim Mitteilung gemacht.<br \/>\nUm den Uffenheimern den Verlust nicht zu schwer werden zu lassen, wird ihnen alsbald ein neuer Pfarrer zugesagt.<\/p>\n<p>Es ist also gut m\u00f6glich, dass schon am Sonntag, dem 15. Mai 1552 der erste evangelische Gottesdienst in Gollhofen gehalten wurde. Jedenfalls kann mit Sicherheit davon ausgegangen werden dass im Sommer dieses Jahres in Gollhofen durch Pfarrer Christoph Zeller die Reformation eingef\u00fchrt wurde.<\/p>\n<p>1558<br \/>\nAm 12. Juni schreibt Schenk Karl an den Markgrafen Friedrich von Ansbach-Bayreuth, dass er sich dem Frankfurter Rezess anschlie\u00dfe.<\/p>\n<table border=\"1\" width=\"70%\" cellspacing=\"2\" cellpadding=\"2\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>Mit dieser Notiz geraten wir direkt in eine der gro\u00dfen Streitigkeiten der Protestanten in jener Zeit. Damals hatten sich zwei verschiedene Lager gebildet, die sich in wenigen Punkten erbittert stritten. Die einen folgten einer strengen lutherischen Linie, die anderen schlossen sich Philip Melanchthon an, der gegen\u00fcber der katholischen Lehre kompromissbereiter war.<br \/>\nEin Beispiel: Die Anh\u00e4nger Melanchthons waren der Meinung, das gute Werke grunds\u00e4tzlich zum christlichen Heil dazugeh\u00f6ren. Die andere Gruppe, sie nannten sich &#8222;Gnesiolutheraner&#8220; vertraten den Position, dass gute Werke eigentlich sch\u00e4dlich sind f\u00fcr das eigene Heil, weil man sich vor Gott seiner guten Taten nicht r\u00fchmen sollte.<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Auf dem Reichstag zu Frankfurt 1558 schlossen sich mit dem Frankfurter Rezess sechs gro\u00dfe F\u00fcrsten zusammen, die sich auf die Seite Melanchthons stellten.<br \/>\nOffensichtlich war Schenk Karl dieser Theologie zugetan und schloss sich diesen Reze\u00df an.<\/p>\n<p>Im gleichen Jahr noch starb Schenk Karl. Er wurde in der Gruft zu Einsersheim begraben.<br \/>\nSein Tod bedeutete f\u00fcr die Grafschaft einen schweren Verlust. Dass man aber in limpurgischen Landen auf der durch den Frankfurter Rezess bezeichneten Linie auch nach dem Tode Schenk Karls weiter ging, d\u00fcrfte damit zur Gen\u00fcge bewiesen sein, dass man unter den Unterzeichnern der Konkordienformel die Namen der Limpurgischen Herrn und Pfarrer vergeblich sucht.<\/p>\n<table border=\"1\" width=\"70%\" cellspacing=\"2\" cellpadding=\"2\">\n<tbody>\n<tr>\n<td valign=\"Top\">Mit anderen Worten: Etliche Jahre sp\u00e4ter, 1577, hatte man im deutschen Protestantismus nach z\u00e4hen Verhandlungen eine gemeinsame theologische Linie zwischen den vorhin genannten extremen Positionen gefunden und in einen dicken Buch, der so genannten Konkordienformel, die theologischen Grunds\u00e4tze festgelegt. &#8211; man k\u00f6nnte es eine Art Koalitionsvertrag nennen. &#8211; Kirchengeschichtlich war es f\u00fcr die Protestanten ein Meilenstein.<br \/>\nPfarrer Schmerl stellt fest, dass die Limpurger Herren offensichtlich von diesen Ergebnissen wenig hielten, und darum diese Konkordienformel nicht unterzeichneten.<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Die Einf\u00fchrung der Reformation ging in Gollhofen bei dem wohl damals schon sehr konservativen Zuge der Bev\u00f6lkerung nicht im Sturme vor sich. Wohl war man schon mit den Gedanken der neuen Lehre in Ber\u00fchrung gekommen, lag doch Gollhofen rings umgeben von Markgr\u00e4flichen Landen, in denen die Reformation schon seit 1528 im Gange war. Auch muss man gewusst haben, dass die Landesherren dem neuen Glauben schon seit geraumer Zeit zugetan waren.<br \/>\nAber dennoch hat man &#8211; wohl in absichtlicher Schonung &#8211; auch nach dem Jahre 1552 das Alte nicht r\u00fccksichtslos, sondern allm\u00e4hlich vom Schauplatz abtreten lassen. Wenn aus Nacht Tage wird, so k\u00e4mpft erst eine Zeit lang licht und dunkel miteinander in der Zeit der D\u00e4mmerung. Dieses D\u00e4mmerlicht konfessionellen \u00dcbergangs scheint in Gollhofen geraume Zeit geherrscht zu haben. Ein sehr interessantes Dokument ist ein Predigtentwurf f\u00fcr einen Marientag, den wir durch gl\u00fccklichen Zufall genau auf den 22. M\u00e4rz 1566 datieren k\u00f6nnen. Dieses kleine Zettelchen fand sich in der Kirche in einem Summarium eingelegt.<br \/>\nDiesem Zettel ist anzumerken, dass noch deutliche Reminiszenzen aus der katholischen Zeit durchschimmern. Vor allem in der verschiedentlichen Wiederholung lateinischer Worte zu deutscher \u00dcbersetzung und umgekehrt. Luther wird als Autorit\u00e4t angef\u00fchrt, friedlich neben dem Papst Leo. Maria wird, der Bedeutung des Tages angemessen, in den Mittelpunkt der Betrachtung gestellt. Aber schlie\u00dflich endet die Predigt mit evangelischen T\u00f6nen, die das Verdienst Christi nennen und preisen.<\/p>\n<p>Der Zettel, der da aufgefunden wurde, ist zwar nur ein Predigtentwurf, aber doch immerhin so formuliert, dass man ihn heute eigentlich so predigten k\u00f6nnte. Ich m\u00f6chte dies einmal versuchen:<\/p>\n<table border=\"1\" width=\"70%\" cellspacing=\"2\" cellpadding=\"2\">\n<tbody>\n<tr>\n<td valign=\"Top\" bgcolor=\"#ffffcc\">Liebe Gemeinde,<br \/>\nauf diesem Fest zelebrieren und begehen wir heute das Fest des Tages, an dem Adam geschaffen sein soll, und die Israeliten aus \u00c4gypten erl\u00f6st, und der ewige Sohn Gottes heute vor 1566 Jahren Mensch geworden sei, in dem jungfr\u00e4ulichen Leib Marien. Diesen Tag w\u00fcrden wir mit 3 Namen bezeichnen.<br \/>\nEcclesia, die Kirche, aber nennt diesen Tag Verk\u00fcndigung Mariae. Als Lutherische aber nennen wir das Fest die Menschwerdung Christi, denn durch die Empf\u00e4ngnis ist Christus gekommen.<br \/>\nEs hat aber Christus auch ohne menschlichen Samen a spiritus sancto, das hei\u00dft durch den Heiligen Geist sollen empfangen werden,concipi debuit, auf dass angezeigt w\u00fcrde, Christus w\u00fcrde Gott und Mensch sein. De genua causa, Leo in epistalua Flavianum, von welcher Sache Papst Leo in der Epistel an Flavianum also geschrieben hatte: Die Geburt des Fleisches ist eine Offenbarung der menschlichen Natur, die Geburt der Jungfrau ist eine g\u00f6ttliche Natur.<br \/>\nZum ersten die Botschaft, die der Engel Gabriel der Jungfrau Maria bringt. Zum andern von der Jungfrau Maria, die sich ob solcher Botschaft entsetzt. Zum dritten und letzten reprecatio angelino Gabrielis, dass ist die Antwort, die der Engel Gabriel auf die Frage der Jungfrau Maria gibt.<br \/>\nDarum soll uns seine Menscherdung, die uns der Anfang unseres Heiles ist, freuen. Und wir entgegen allen Anfechtungen des diaboli, des Teufels, frei w\u00fcrden in alle Ewigkeit.<br \/>\nWir sagen Gott dem Vater aller Gnade und Barmherzigkeit Lob und Dank, weil er uns seinen eingeborenen Sohn geschenkt hat, und bitten er wolle seine Heilige Menschwerdung und seinen vollkommenen Gehorsam im Leiden und Opfer an uns armen S\u00fcndern nicht lassen verloren sein.<br \/>\nAmen<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>1577<br \/>\nDurch die gr\u00e4fliche Herrschaft wird die Herrenm\u00fchle neu erbaut<\/p>\n<p>1581<br \/>\nSchenk Gottfried stirbt und wird in der Kirche zu Einersheim begraben.<br \/>\nIm selben Jahr werden auch die in Gollhofen und anderen speckfeldischen Kirchen noch \u00fcblichen lateinischen Ges\u00e4nge, die Lichter, dass Kreuz machen und andere Gebr\u00e4uche abgeschafft.<\/p>\n<p>1588<br \/>\nEs wurde befohlen, die Kinder bei der Taufe nichtmehr aufzuwickeln, sondern in Kissen auf die Stirne zu taufen<\/p>\n<p>1584<br \/>\n300 morgen \u00c4cker und Wiesen ringsum Gollhofen, bisheriges Eigentum des Domkapitels zu Bamberg wurden gegen ein j\u00e4hrliches Getreidegeld gewissen Einwohnern in Gollhofen k\u00e4uflich \u00fcberlassen. Die Kaufsumme ist unbekannt.<\/p>\n<p>1586<br \/>\nAnlegung des \u00e4ltesten Kirchenbuches von Gollhofen durch Pfarrer Pankratius M\u00fcller.<\/p>\n<p>1588<br \/>\nKaspar Lederer, Limpurgischer Richter, Schulheis und Gotteshausmeister in Gollhofen, wie auf der Inschrift der unter ihm1588 gegossenen gro\u00dfen Glocke im hiesigen Kirchturm steht, wird als Gefangener auf das Bergschloss Speckfeld abgef\u00fchrt und da selbst enthauptet, der er nicht recht Haus gehalten hat.<\/p>\n<p>1590<br \/>\nIn der\u00a0 damaligen Zeit wurden solche Personen, wie sich gegen das 6. Gebot vergangen hatten, in das Gef\u00e4ngnis geworfen (die alte Pforte mit unterirdischen Gew\u00f6lben), sie mussten einander ehelichen oder wurden sogar aus der Herrschaft verwiesen.<\/p>\n<p>1595<br \/>\nIn diesem Jahr wurde die ehemalige Fr\u00fchmesskapelle in Gollhofen, n\u00e4mlich die \u00dcberreste der ehemaligen Sankt Johannes Kirche in das alte Rathaus umgewandelt und der Boden zum herrschaftlichen Getreidespeicher eingerichtet der mit dickem Gew\u00f6lben versehene kleine Chor gegen morgens, in welchem man 1794 noch einen Weihkessel bemerkte, blieb stehen. \u00dcber dem selben wurde die Ratsstube f\u00fcr die 12 Gerichtsherrn oder Sch\u00f6ffen eingerichtet. Daher f\u00fchrte das alte Rathaus bis zu seinem Abbruch 1794 die Benennung &#8220; die Capell&#8220;, und der Brunnen in der Mitte den Namen Kapellbrunnen.<\/p>\n<p><big><b>Ansprache zur Geschichtslesung<\/b><\/big><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>das waren \u00fcber 50 Jahre Kirchen-Geschichte in Gollhofen.<\/p>\n<p>An einer Stelle, hat mich diese Erz\u00e4hlung ins Schleudern gebracht: Vom Frankfurter Rezess hatte ich keine Ahnung. Und ich glaube, Pfr. Schmerl musste auch erst nachschlagen, denn in seiner Kirchenchronik zitiert er ein Kirchengeschichtliches Lehrbuch seiner Zeit.<\/p>\n<p>Was sagt mir das: Die Christen hier hatten schon ihren eigenen Kopf! Sie waren \u00fcberzeugt, dass ihre von Melanchthon gepr\u00e4gte Theologie die rechte Auslegung des Evangeliums war. Darum die Unterschrift zu dem Rezess. Sie haben sich nicht beeindrucken lassen von der Mehrheit der Protestanten in Deutschland, sondern blieben ihrer spezifischen Position treu. Eine kleine, unbeugsame Minderheit &#8211; die festh\u00e4lt an dem, was sie als wahr erkannt hat.<\/p>\n<p>Wenn wir heute, mit dem Abstand von \u00fcber 400 Jahren, mit kirchengeschichtlichen Blick auf diesen Streit sehen, m\u00fcssen wir sagen: Es war letztlich ein Streit um Nuancen evangelischer Bibelauslegung. F\u00fcr uns heute kaum noch nachvollziehbar, dass man dar\u00fcber tagelang die K\u00f6pfe hei\u00dfgeredet hat.<br \/>\nLieder wissen wir nicht, ob das nur f\u00fcr die Pfarrer ein Thema war, oder ob das die Gemeindeglieder selber mitdiskutiert haben.<\/p>\n<p>Aber ganz grunds\u00e4tzlich ist da etwas passiert, was ich ganz wichtig finde: Dass hier die Gemeinden vor Ort an dem festhalten, was sie als biblische Wahrheit f\u00fcr sich erkannt haben. Da kann kommen wer will, und da kann die gro\u00dfe Mehrheit der evangelischen Landesherrn anderer Meinung sein: Die selbst erkannte Wahrheit hat man sich nicht per Mehrheitsbeschluss nehmen lassen.<\/p>\n<p>Oft genug kann ich es als Christ heute erleben, dass die \u00f6ffentliche Meinung, oder besser gesagt, die von den Medien ver\u00f6ffentlichte Meinung, mich in Bedr\u00e4ngnis, in die Defensive bringt. Da kann es passieren, dass ich in Erkl\u00e4rungsnot komme, weil ich immer noch an so alten biblischen Werten und Vorstellungen h\u00e4nge.<br \/>\nManchmal passiert das sogar innerhalb unserer Kirche. &#8211;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde in Gollhofen,<\/p>\n<p>ich m\u00f6chte nicht, dass wir an verstaubten Traditionen h\u00e4ngen bleiben, unbeweglich und tr\u00e4ge werden. Aber ich w\u00fcnsche mir, dass wir die Tradition unseres Glaubens festhalten; unser Bekenntnis nicht aufgeben und die Bibel niemals als veraltet zu den Akten legen.<\/p>\n<p>Letztlich hat Luthers Reformation genau da gleiche getan:<br \/>\nMartin Luther hat sich mit alten Traditionen und Lehrs\u00e4tzen \u00fcberworfen, die weder Gott noch den Menschen gerecht wurden.<br \/>\nUnd er hat sich gegr\u00fcndet auf die Worte der Bibel, die Botschaft des Evangeliums. Genau deshalb hei\u00dfen wir evangelisch.<\/p>\n<p>AMEN<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Gemeinde, der Gollh\u00f6fer Tradition gem\u00e4\u00df. m\u00f6chte ich am Kirchweihmontag wieder mit Ihnen einen Blick in die Geschichte unserer Kirchengemeinde werfen. 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