{"id":1660,"date":"2003-01-26T22:33:32","date_gmt":"2003-01-26T20:33:32","guid":{"rendered":"http:\/\/pastors-home.de\/?p=1660"},"modified":"2014-06-03T22:36:08","modified_gmt":"2014-06-03T20:36:08","slug":"dialogpredigt-zur-jahreslosung-2003-gott-als-richter-oder-kardiologe-1-samuel-167-26-januar-2003","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pastors-home.de\/?p=1660","title":{"rendered":"Dialogpredigt zur Jahreslosung 2003: Gott als Richter oder Kardiologe? (1. Samuel 16,7) 26. Januar 2003"},"content":{"rendered":"<blockquote><p><span style=\"color: #ff6666;\"><b>Jahreslosung: Der Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an. (1. Sam 16,7)<\/b><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><em>Diese Predigt ist ein Dialog zwischen dem Kirchenvorsteher W. Ott und dem Pfarrer A. Seidel<\/em><\/p>\n<p><b>OTT<br \/>\n<\/b>Die Jahreslosung f\u00fcr 2003 ist nicht einfach ein Sinnspruch ohne weiteren Zusammenhang. Unsere Jahreslosung hat eine Geschichte, in die sie eingebettet ist.<br \/>\nDavon m\u00f6chte ich Ihnen erz\u00e4hlen:<\/p>\n<p>Es war zur Zeit des K\u00f6nigs Saul. Er herrschte in Israel souver\u00e4n und unangefochten, aber Gott hatte bereits vor, einen Nachfolger f\u00fcr ihn zu benennen. Der Prophet Samuel wird darum im Auftrag Gottes losgeschickt. &#8211; mit einem Fl\u00e4schen Salb\u00f6l in der Hand zieht er los. Gott hatte ihn zur Familie des Isai in Bethlehem gesandt, denn aus dieser Familie sollte der neue junge K\u00f6nig stammen.<br \/>\nSo kommt es dazu, dass Isai dem Samuel seinen Erstgeborenen Sohn vorstellt: Eliab &#8211; ein gro\u00df gewachsener und kr\u00e4ftiger Mann. Ein Traum von K\u00f6nig.<br \/>\nAber noch bevor Samuel das \u00d6l-Fl\u00e4schen \u00f6ffnen kann, um diesen Mann zum K\u00f6nigsnachfolger zu k\u00fcren, h\u00f6rt er Gottes Stimme:<br \/>\n&#8222;Samuel, sieh nicht auf sein Aussehen und seine Gr\u00f6\u00dfe. Dieser ist nicht der K\u00f6nig, den ich bestimmt habe. Er ist nicht der richtige. Denn ein Mensch sieht, was vor Augen ist ; der Herr aber sieht das Herz an.&#8220; <!--more--><\/p>\n<p>Darum m\u00fcssen auch die anderen S\u00f6hne des Isai vor Samuel antreten. Und erst beim j\u00fcngsten Spross gibt Gott dem Samuel ein Zeichen: Dieser, David, ist es, der der k\u00fcnftige K\u00f6nig sein soll.<\/p>\n<p><b>SEIDEL<\/b><br \/>\nDa sehen wir es wieder einmal: wir Menschen sehen oft nur auf die \u00c4u\u00dferlichkeiten. Damals, bei dieser Entscheidung um den K\u00f6nig hat sich Samuel von \u00c4u\u00dferlichkeiten beeindrucken lassen. Der gro\u00dfe, k\u00f6niglich anmutende Eliab war f\u00fcr ihn der ideale neue Herrscher.<\/p>\n<p>Und wir machen das oft genug auch ao.<br \/>\nVon dem \u00e4u\u00dferen Eindruck eines Menschen, von seinem Aussehen, der Gr\u00f6\u00dfe seines Autos und seinen Dialekt schlie\u00dfen wir manchmal direkt auf den ganzen Menschen zur\u00fcck. Und das gelegentlich sogar ziemlich pauschal:<br \/>\nsch\u00f6n &#8211; h\u00e4\u00dflich<br \/>\narm &#8211; reich<br \/>\ndumm &#8211; gescheit<br \/>\nsympathisch &#8211; widerlich<br \/>\nAn oft nur zuf\u00e4lligen \u00c4u\u00dferlichkeiten machen wir das fest.<\/p>\n<p>Wir scheinen es immer wieder zu vergessen: &#8222;Das Wesentliche ist f\u00fcr die Augen unsichtbar. Man sieht nur mit dem Herzen gut&#8220; &#8211; dieser Spruch aus dem &#8222;kleinen Prinzen&#8220; des Antoine de Saint Exup\u00e9ri bringt es auf den Punkt. Es gibt wohl kaum einen Pfarrer, der diesen Spruch noch nie zitiert hat: &#8222;Das Wesentliche ist f\u00fcr die Augen unsichtbar.&#8220; Vielleicht wird der kleine Prinz deshalb irgendwann einmal offizieller Teil des Anhangs unserer Lutherbibel&#8230;<\/p>\n<p>Wir verlassen uns zu sehr auf die \u00c4u\u00dferlichkeiten, die wir mit den Augen erfassen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><b>OTT<\/b><br \/>\nLieber Pfarrer, machen Sie mir bitte unsere Augen nicht schlechter als sie es sind. Wir k\u00f6nnen mit unseren Augen sehr viel wahrnehmen &#8211; nicht nur \u00c4u\u00dferlichkeiten.<br \/>\nMit meinen Augen sehe ich n\u00e4mlich nicht nur, wie jemand aussieht, und wie er sich kleidet. Ich bekomme auch mit, wie sich jemand verh\u00e4lt; wie er mit seiner Familie, seinen Nachbarn und mit sich selbst umgeht.<\/p>\n<p>Mit wachen Augen kann ich sehr gut merken, welches Sorgen der andere hat; kann beobachten, dass er Konflikte in der Familie hat. Meine Augen helfen mir zu sehen, wenn jemand traurig ist und getr\u00f6stet werden muss.<\/p>\n<p>Ich sehe ein ganz anderes Problem: Wir schauen oft nicht genau genug hin. Wir \u00fcbersehen vieles einfach; leider manchmal gerade dann, wenn wir sehen, dass wir gebraucht werden.<br \/>\nWenn ich an die Geschichte dieses rum\u00e4nischen Au-Pair-M\u00e4dchens denke, das sich kurz vor Weihnachten selbst umgebracht hat! Vielleicht h\u00e4tte es da geholfen, wenn einer der Nachbarn genauer mit seinen Augen hingeschaut h\u00e4tte, und nicht weggeguckt. Vielelicht h\u00e4tte er da auch etwas entdecken k\u00f6nnen, was dem M\u00e4dchen geholfen h\u00e4tte.<br \/>\nDas war sicher nicht der einzige Fall, wo wir Menschen schon allein mit den Augen viel h\u00e4tten sehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><b>SEIDEL<\/b><br \/>\nJa, Herr Ott, da haben sie zwar schon recht. Aber genau bei diesem Beispiel, das wir aus der Zeitung kennen, erkenne ich aber wieder unser ganz grunds\u00e4tzliches Problem.<br \/>\nDer Augenschein, die wenigen Fakten, die wir dar\u00fcber erfahren haben haben mich auch mit meinen Gef\u00fchlen von Sympathie und Abneigung gleich am Schopf gepackt. Die Schuldfrage habe ich beim Lesen am Fr\u00fchst\u00fcckstisch ganz schnell f\u00fcr mich gekl\u00e4rt gehabt. &#8211; Und eigentlich muss sich zugeben: Ich habe mir ein Urteil \u00fcber etwas erlaubt, obwohl ich \u00fcber den Augenschein ein bisschen wusste, und \u00fcber die Herzen der Menschen dort gar nichts.<\/p>\n<p>Wenn wir anfangen w\u00fcrden den Nachbarn und der Gastfamilie Vorw\u00fcrfe zu machen, dann gehen wir schon wieder unseren Augen auf den Leim. Wir sehen auch nur, was vor Augen des Reporters ist. In die Herzen der Menschen k\u00f6nnen wir nicht sehen.<br \/>\nWie schnell verurteilen wir da jemanden, ohne wirklich zu wissen was geschehen ist.<\/p>\n<p>Und das passiert mir immer wieder einmal. Da sind ein paar Dinge, die mir ins Auge fallen, und schon habe ich mein Bild \u00fcber einen Menschen fertig gezimmert.<\/p>\n<p><b>OTT<\/b><br \/>\nWirklich, da liegt ein ganz gro\u00dfes Problem. Denn wir kennen dieses Spiel ja: Dass da ein Unterschied ist zwischen dem, wie ich bin und dem, was Andere auf Grund ihres Eindrucks von mir denken.<br \/>\nIm schlimmsten Fall fragen ich dann bei jedem Schritt, den ich tue: &#8220; Was werden denn die Leute dazu sagen?&#8220;.<br \/>\nDie Entscheidung f\u00fcr mein Handeln liegt er nicht mehr bei der Frage: &#8220; Was ist richtig oder was ist falsch? Was sagt mein Herz und was sagt Gott dazu?&#8220; Sondern ich pr\u00fcfe nur noch, inwieweit die Leute vielleicht ein falsches Bild von mir bekommen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Man wird sozusagen zum permanenten eigenen Imageberater.<br \/>\nDabei k\u00f6nnte alles so einfach sein, wenn man w\u00fcsste: Die anderen beurteilen mich nicht auf Grund dieser Kleinigkeiten, sondern sehen mein Herz an.<br \/>\nAber das k\u00f6nnen sie halt nicht&#8230;.<\/p>\n<p><b>SEIDEL<\/b><br \/>\nWas soll&#8217;s? Eigentlich k\u00f6nnte es mir egal sein!<br \/>\nDenn das Urteil Gottes ist das eigentlich wichtige Urteil \u00fcber mein Leben. Und er sieht ja mein Herz an. Was die Leute meinen &#8230; das k\u00f6nnte mir eigentlich ganz egal sein.<\/p>\n<p><b>OTT<\/b><br \/>\nHaben sie gemerkt, was Sie da brisantes sagen?<br \/>\nGott sieht Ihr Herz an &#8211; sein R\u00f6ntgenblick sieht alles!<\/p>\n<p><b>SEIDEL<\/b><br \/>\nStimmt, das kann einem schon auch m\u00e4chtig Angst machen.<\/p>\n<p><b>OTT<\/b><br \/>\nGott als der Oberpolizist und Richter in einer Person. Ihm entgeht nichts!<br \/>\nDa kann sich schon ein bisschen Unbehagen breit machen. Ein Kollege von ihnen hat einmal den Begriff der &#8222;Gottesvergiftung&#8220; gepr\u00e4gt.<br \/>\nEr hat damals gesagt: Wenn wir den Kindern Gott immer nur als den strafenden Aufpasser zeigen, wird das dazu f\u00fchren, dass sie diesem Gott nicht lieben k\u00f6nnen. Die Kinder leiden dann unter einer Gottesvergiftung.<\/p>\n<p>SEIDEL<br \/>\nWie gut, dass die meisten Kinder nicht darunter leiden. Wie zum Beispiel die Lausbuben, die beim Pfarrer immer die \u00c4pfel vom Baum geklaut haben. Irgendwann hat der Pfarrer n\u00e4mlich einen Zettel an den Stamm des Baumes geheftet: &#8222;Gott sieht alles!!&#8220; Mit ganz dicken Buchstaben. Und der Pfarrer hat gedacht, damit w\u00e4re dem Apfel-Klau ein Ende bereitet. Am n\u00e4chsten Morgen kommt er zu seinem Baum: Kein einziger Apfel ist mehr dran. Und dann schaut er auf seinem Zettel &#8220; Gott sieht alles&#8220; steht immer noch da, aber mit kleiner Handschrift steht darunter &#8222;Aber petzt nicht!&#8220;.<\/p>\n<p><b>OTT<\/b><br \/>\nUnd was hat das mit der Jahreslosung zu tun?<\/p>\n<p><b>SEIDEL<\/b><br \/>\nVielleicht ist Gott mit seinem Blick ins menschliche Herz gn\u00e4diger als wir mit unseren Blick auf das, was vor Augen ist.<br \/>\nEs k\u00f6nnte daran liegen, dass er eben unser Herz ganz genau kennt. Er braucht nicht zu spekulieren, was alles noch an Schlimmen oder Guten dahinter steckt. Er wei\u00df es eben schon vorher.<\/p>\n<p><b>OTT<\/b><br \/>\nSch\u00f6n, dass er auch das Gute sieht! Denn das \u00fcbersehen wir Menschen auch ganz gerne.<br \/>\n&#8211; Gott kennt also alle meine gut gemeinten Versuche, auch wenn sie schief gegangen sind.<br \/>\n&#8211; Er wei\u00df, was ich gut gemacht habe, obwohl ich es nicht an die gro\u00dfe Glocke geh\u00e4ngt habe.<br \/>\n&#8211; \u00dcberall, wo ich mich im Stillen abgem\u00fcht habe, was keiner je gew\u00fcrdigt hat &#8211; Gott hat es gesehen.<br \/>\nEr ist derjenige, der auch meine verborgenen guten Seiten w\u00fcrdigt.<\/p>\n<p><b>SEIDEL<\/b><br \/>\nUnd wie es das mit den negativen Seiten?<br \/>\nIst Gott vielleicht eher ein Kardiologe, eher ein Herzens-Arzt statt ein Richter?<br \/>\nZumindest wenn ich mir Jesus Christus ansehe: Er hat die Menschen freundlich, gn\u00e4dig mit Liebe angesehen.<\/p>\n<p>Zum Beispiel diese Frau am Jakobsbrunnen. Die hatte einem sehr bedenklichen Lebenswandel, da waren viele M\u00e4nner, aber keiner war der richtige. Zu dieser Frau setzt sich Jesus an den Brunnen und schaut ihr ins Herz. &#8211; Als Kardiologe stellte er eine Diagnose und zugleich nennt er eine Medizin: Er bietet ihr etwas an, womit sie ihren Durst nach Leben und Liebe stillen kann. Vom lebendigen Wasser spricht er, vom Vertrauen auf Gott &#8211; und hat ihr damit geholfen.<br \/>\nEr war kein Richter der sie verurteilt hat, sondern der Arzt f\u00fcr ihr Herz.<\/p>\n<p><b>OTT <\/b><br \/>\nEigentlich ist es eine gro\u00dfe Chance:<br \/>\nweil Gott unser Herz kennt k\u00f6nnen wir vor ihm ehrlich sein. Er wei\u00df, wie es um unser Herz steht:<br \/>\nOb es gerade verzagt in die Hose rutscht,<br \/>\nob es vor Kummer zerbricht,<br \/>\noder vor Freude h\u00fcpft.<br \/>\nAn ihn kann ich mich wenden.<\/p>\n<p>SEIDEL<br \/>\n&#8222;Denn ein Mensch sieht, was vor Augen ist ; der Herr aber sieht das Herz an.&#8220;<\/p>\n<p>Ja, manchmal ist es mir eine Warnung,<br \/>\nund manchmal macht es mich ganz frei.<\/p>\n<p>Das erinnert mich an den Psalm vom Gottesdienstbeginn. Da haben wir gemeinsam gesprochen:<\/p>\n<p>&#8222;Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz ; pr\u00fcfe mich und erkenne wie ich&#8217;s meine.<\/p>\n<p><b>OTT <\/b><br \/>\n&#8220; und sieh, ob ich auf b\u00f6sen Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege&#8220;<\/p>\n<p>AMEN<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jahreslosung: Der Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an. (1. Sam 16,7) Diese Predigt ist ein Dialog zwischen dem Kirchenvorsteher W. Ott und dem Pfarrer A. 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