{"id":1650,"date":"2003-04-18T22:16:15","date_gmt":"2003-04-18T20:16:15","guid":{"rendered":"http:\/\/pastors-home.de\/?p=1650"},"modified":"2014-06-03T22:19:33","modified_gmt":"2014-06-03T20:19:33","slug":"predigt-die-zweite-wirklichkeit-sehen-johannes-19-16-30-18-april-2003-karfreitag-2003","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pastors-home.de\/?p=1650","title":{"rendered":"Predigt: Die zweite Wirklichkeit sehen (Johannes 19, 16-30) 18. April 2003 , Karfreitag 2003"},"content":{"rendered":"<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>Die Kreuzigung Jesu &#8211; eine Erz\u00e4hlung, die uns sehr bekannt erscheint. An Karfreitag wird traditionell dar\u00fcber gepredigt. Man k\u00f6nnte meinen: Alle Jahre m\u00fcsste die gleiche Predigt kommen. Aber sie wissen als Gottesdienstbesucher aus jahrelanger Erfahrung: Es gibt immer etwas Neues zu entdecken.<\/p>\n<p>Den Bericht des Johannesevangeliums haben sie eben bereits in der Lesung geh\u00f6rt. Der Evangelist Johannes hat diese Kreuzigung in vielen kleinen Szenen dargestellt:\u00a0 Zun\u00e4chst die Kreuzigung selbst, dann der Streit \u00fcber die Inschrift &#8222;K\u00f6nig der Juden&#8220;, die Soldaten, die um Jesu Gewand w\u00fcrfeln, das Gespr\u00e4ch des Gekreuzigten mit Maria und am Schlu\u00df Jesu Tod.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte mit ihnen diese f\u00fcnf Szenen mit offenen Augen entlanggehen, und schauen was wir da entdecken k\u00f6nnen.<!--more--><br \/>\n<i><b>Erste Szene: Kreuzigung<br \/>\n<\/b><\/i><br \/>\n<i>Sie nahmen ihn aber, und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur St\u00e4tte, die da hei\u00dft Sch\u00e4delst\u00e4tte, auf hebr\u00e4isch Golgatha.<br \/>\nDort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte.<br \/>\n<\/i><br \/>\nK\u00fcrzer als in diesen Zeilen kann man die Kreuzigung Jesu wohl kaum beschreiben. Der Evangelist erw\u00e4hnt den Weg vom Palast des Pilatus bis nach Golgatha nur nebenbei. Kein Wort \u00fcber Simon von Kyrene, der Jesu Kreuz getragen hat, kein Detail \u00fcber die Menschen am Stra\u00dfenrand.<br \/>\nJohannes beschreibt unglaublich sparsam, ohne gro\u00dfe Dramatik.<br \/>\nIhm ist das Drama der Kreuzigung, die Tumulte und das Geschrei weniger wichtig als etwas Anderes: Er m\u00f6chte unser Augenmerk auf etwas Bedeutenderes richten: Auf eine Wirklichkeit, die hinter dem Geschehen liegt, welche das Auge sieht.<br \/>\nDas Tragische der Kreuzigung, die menschliche Katastrophe die sich hier ereignet; das kennt Johannes zur Gen\u00fcge &#8211; und er geht davon aus, dass wir als Leser des Evangeliums das alles auch kenen.<br \/>\nEr m\u00f6chte in seiner Darstellung, in den folgenden Szenen, unsere Augen f\u00fcr etwas anderes \u00f6ffnen: F\u00fcr die zweite Wirklichkeit hinter dem Sichtbaren.<\/p>\n<p><i><b>Zweite Szene: Titulatur<\/b><\/i><\/p>\n<p><i>Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der K\u00f6nig der Juden.<br \/>\n20 Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die St\u00e4tte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebr\u00e4ischer, lateinischer und griechischer Sprache.<br \/>\n21 Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreib nicht: Der K\u00f6nig der Juden, sondern, da\u00df er gesagt hat: Ich bin der K\u00f6nig der Juden.<br \/>\n22 Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.<\/i><\/p>\n<p>Eine seltsame Begebenheit. Was steckt da dahinter?<br \/>\nPilatus wollte Jesus urspr\u00fcnglich nicht zum Tode verurteilen. Die Anklage, Jesus w\u00fcrde sich als Sohn Gottes bezeichnen, erschien ihm viel zu unbedeutend. &#8222;Ich finde keine Schuld an ihm&#8220; hat Pilatus gesagt. Er bietet die Freilassung an, aber stattdessen wollen die j\u00fcdischen Oberen den R\u00e4uber Barrabas frei bekommen. Und Jesus wollen sie gekreuzigt sehen. Letztlich haben sie sich mit ihrem Geschrei durchgesetzt.<\/p>\n<p>War diese Schrift am Kreuz vielleicht eine kleine Rache des Pilatus gegen\u00fcber den Hohepriestern. Wollte er sie dadurch vielleicht \u00e4rgern? Denn wer nun vor dem Kreuz stand konnte lesen: Hier h\u00e4ngt der K\u00f6nig der Juden am Kreuz. Das hatten sie nicht beabsichtigt.<\/p>\n<p>Diese Episode mit dem Hick-Hack zwischen Pilatus und den Hohepriestern w\u00e4re dem Evangelisten Johannes wohl keine Zeile wert gewesen &#8230; wenn er nicht entdeckt h\u00e4tte, das darin eine tiefere Wahrheit schlummert.<\/p>\n<p>Der Messias, derjenige den Gott zur Erl\u00f6sung seines Volkes schickt, den hat man als K\u00f6nig erwartet. Der Messias konnte kein anderer sein als ein K\u00f6nig der Juden. So sah die die Erwartung der Menschen in Israel aus.<br \/>\nDarum ist dieser Titel am Kreuz so etwas wie eine versteckte Botschaft: Jesus ist der von Gott gesandte K\u00f6nig der Juden, nur eben in anderer Weise, als es das Volk damals erwartet hat.<\/p>\n<p>Und diese Botschaft gilt der ganzen Welt: Nicht nur in hebr\u00e4isch ist dieses Schild am Kreuz zu lesen, sondern auch in den beiden damaligen Weltsprachen Latein und Griechisch. Jesu Tod hat eine Bedeutung \u00fcber Jerusalem und Israel hinaus. Jesus hat Bedeutung in Berlin, New York, Bagdad und Gollhofen.<\/p>\n<p><i><b>Dritte Szene: die Soldaten<\/b><\/i><\/p>\n<p><i>Als aber die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile, f\u00fcr jeden Soldaten einen Teil, dazu auch das Gewand. Das war aber ungen\u00e4ht, von oben an gewebt in einem St\u00fcck.<br \/>\n24 Da sprachen sie untereinander: La\u00dft uns das nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es geh\u00f6ren soll. So sollte die Schrift erf\u00fcllt werden, die sagt (Psalm 22,19): \u00bbSie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben \u00fcber mein Gewand das Los geworfen.\u00ab <\/i><\/p>\n<p>Es ist immer wieder erschreckend wenn man sieht, wie Menschen miteinander umgehen. Damals hatte man demjenigen, der gekreuzigt wurde seine Kleider weggenommen und seinen Henkern als Lohn gegeben. Vor den Augen des Gekreuzigten wird sozusagen die Beute geteilt. Enteignung schon vor den Tod.<\/p>\n<p>Ein seltsames Detail: Jesu Untergewand war aus einem ganzen St\u00fcck gewebt. Das war den Soldaten zu wertvoll um es mit dem Messer auseinander zu schneiden um es untereinander zu teilen. Darum losen sie lieber darum, wer es im Ganzen bekommen soll. Verkehrte Welt: die M\u00e4nner, die dieses St\u00fcckchen Stoff so sorgf\u00e4ltig und umsichtig behandeln haben kurz vorher mit Routine Eisenn\u00e4gel durch die Handgelenke und die Fu\u00dfr\u00fccken von drei Menschen gebohrt. Sie haben Das Leben von Menschen zerst\u00f6rt, und sorgen sich um zwei Quadratmeter Leinen.<\/p>\n<p>In alledem entdeckt Johannes einen ihm wichtigen Zusammenhang: Im Psalm 22 ist doch genau diese Szene beschrieben; sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben \u00fcber mein Gewand das Los geworfen. F\u00fcr Johannes ist das kein Zufall. F\u00fcr ihn bedeutet das: Die Kreuzigung Jesu ist keine katastrophale Panne, und auch dieser Frevel mit den Kleidern ist eigentlich keine zus\u00e4tzliche Dem\u00fctigung Jesu: Sondern umgekehrt merkt er genau daran, dass dies alles so kommen musste.<br \/>\nJesus hat sich auf Gottes Plan eingelassen und ist deshalb diesen Weg gegangen.<\/p>\n<p><i><b>Vierte Szene: Maria und der Lieblingsj\u00fcnger<br \/>\n<\/b><\/i><br \/>\n<i>\u00a0Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala.<br \/>\n26 Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den J\u00fcnger, den er liebhatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn!<br \/>\n27 Danach spricht er zu dem J\u00fcnger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der J\u00fcnger zu sich.<\/i><\/p>\n<p>Diese Szene, liebe Gemeinde, finden wir nur bei Johannes. Er ist auch der einzige, der an mehreren Stellen von diesem Lieblingsj\u00fcnger schreibt. Jesus verweist die beiden aneinander. Maria erh\u00e4lt quasi einen neuen Sohn hinzu.<br \/>\nViel k\u00f6nnen wir da hinein deuten.<br \/>\n&#8211; War es ein letztes sozusagen testamentarisches Ordnen, durch das Jesus sicherstellen wollte, dass seine Mutter auch nach seinem Tod jemanden hatte, der sie versorgen sollte &#8211; denn schlie\u00dflich war das ja die Aufgabe der S\u00f6hne gegen\u00fcber ihren Eltern.<br \/>\n&#8211; Oder schl\u00e4gt da ein schlechtes Gewissen durch; wollte Jesus seine Mutter nicht alleine zur\u00fccklassen, die so vieles seinetwegen durchgemacht hatte? &#8211; Die unerwartete Schwangerschaft ohne Zutun des Vaters, die b\u00f6sen Worte von Nachbarn, die sich dar\u00fcber beklagten, das sich Marias Sohn doch wohl viel zu wichtig nehmen w\u00fcrde, wenn er J\u00fcnger sammelt und durch die Lande zieht. Und nun der Schmerz angesichts des fr\u00fchen schmachvollen Todes des Sohnes. Wollte Jesus ihr eine verst\u00e4ndnisvolle Person an die Seite stellen?<\/p>\n<p>Alle diese \u00dcberlegungen geh\u00f6ren zum Bereich der sichtbaren Wirklichkeit. Und welche davon stimmt wissen wir nicht.<br \/>\nDahinter entdecke ich noch etwas anderes: Der Tod Jesu am Kreuz stiftet Gemeinschaft zwischen diesen beiden.<br \/>\nOhne Jesu Tod w\u00e4ren die beiden einander fremd geblieben.<br \/>\nDer Tod Jesu stiftet Gemeinschaft! Normalerweise zerst\u00f6rt ja der Tod menschliche Gemeinschaft, aber in diesem Fall scheint es anders zu sein. Und daf\u00fcr ist diese kleine Szene wohl ein Hinweis.<\/p>\n<p>In Abendmahl, dass wir auch heute feiern werden, denken wir an diesen Tod Jesu und erfahren zugleich Gemeinschaft bei Brot und Wein, den Symbolen f\u00fcr Jesu Leben und Sterben.<br \/>\nZu uns Menschen sagt der Gekreuzigte: \u201eDu Gollh\u00f6fer, der neben dir, &#8211; den Du\u00a0 vielleicht heute zum ersten Mal siehst &#8211; das ist dein Bruder, und die andere ist deine Schwester.&#8220; Sein Tod verweist uns Christen aneinander, weil wir im Abendmahl Anteil an diesem Sterben haben.<\/p>\n<p><b><i>F\u00fcnfte Szene: Jesus stirbt<\/i><\/b><\/p>\n<p><i>Danach, als Jesus wu\u00dfte, da\u00df schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erf\u00fcllt w\u00fcrde: Mich d\u00fcrstet.<br \/>\n29 Da stand ein Gef\u00e4\u00df voll Essig. Sie aber f\u00fcllten einen Schwamm mit Essig und steckten ihn auf ein Ysoprohr und hielten es ihm an den Mund.<br \/>\n30 Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! und neigte das Haupt und verschied<br \/>\n<\/i><br \/>\nDer Tod Jesu, wie er hier beschrieben ist, verwundert mich. Jesus Christus erscheint hier eigentlich nicht als das gefolterte und ans Kreuz genagelte Opfer, sondern fast schon als Herr der Lage.<br \/>\nAls er erkennt, dass er fast alles getan hat, was zu tun war, verlangt er noch etwas zu trinken, nimmt vom Essig und stirbt mit den Worten: &#8220; Es ist vollbracht&#8220;.<br \/>\nKein Todeskampf, kein offensichtliches Leiden oder Hadern mit dem Schicksal.<\/p>\n<p>Diese zweite Wirklichkeit, von der ich gesprochen habe reicht an dieser Stelle bis in das wahrnehmbare, in das sichtbare Geschehen hinein.<\/p>\n<p>Es wird deutlich: Jesus ist seinen Weg gegangen, den er im Auftrag des Vaters beschreiten wollte. Von Anfang bis zum Ende. Und weil der Tod am Kreuz nicht sein Scheitern bedeutet, sondern die Erf\u00fcllung seines Auftrags, bleibt etwas von der Souver\u00e4nit\u00e4t Jesu als Gottes Sohn sichtbar.<br \/>\nDas Schild mit den Worten &#8220; Jesus von Nazareth, K\u00f6nig der Juden&#8220; hing wohl doch zurecht an diesem Kreuz.<\/p>\n<p><b><i>Schluss<\/i><\/b><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde<br \/>\nbeim Nachdenken \u00fcber diese Verse im Johannesevangelium ist mir etwas wieder neu deutlich geworden: Vor den Augen der \u00d6ffentlichkeit damals war Karfreitag eine Katastrophe f\u00fcr Jesus und seine J\u00fcnger. Ersch\u00fctternd, brutal, und scheinbar auch sinnlos. Ein Leiden, ein Tod, der nicht h\u00e4tte sein m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Eher unsichtbar war dahinter aber ein Plan &#8211; ein Plan Gottes mit Jesus Christus f\u00fcr uns Menschen.<br \/>\nEin Plan, den die Menschen erst im nachhinein verstanden haben ; nach Ostern und Auferstehung. Erst im nachhinein konnte Johannes diese Details\u00a0 ist in den letzten Stunden Jesu deuten.<\/p>\n<p>Vielleicht ergeht es uns Menschen manchmal ganz \u00e4hnlich. Wir hadern mit dem, was uns widerf\u00e4hrt, weil wir nicht wissen wohin unser Weg uns f\u00fchrt. Manchmal wird erst im nachhinein die zweite Wirklichkeit hinter dem offenkundigen Leiden und den offensichtlichen Schwierigkeiten sichtbar ; die zweite Wirklichkeit, die gepr\u00e4gt ist von der Liebe Gottes zu uns Menschen.<\/p>\n<p>AMEN<!--more--><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Gemeinde, Die Kreuzigung Jesu &#8211; eine Erz\u00e4hlung, die uns sehr bekannt erscheint. An Karfreitag wird traditionell dar\u00fcber gepredigt. Man k\u00f6nnte meinen: Alle Jahre m\u00fcsste die gleiche Predigt kommen. Aber sie wissen als Gottesdienstbesucher aus jahrelanger Erfahrung: Es gibt immer etwas Neues zu entdecken. Den Bericht des Johannesevangeliums haben sie\u2026 <a class=\"continue-reading-link\" href=\"https:\/\/www.pastors-home.de\/?p=1650\">ich will weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"Predigt: Die zweite Wirklichkeit sehen (Joh 19, 16-30) 18. 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