{"id":1627,"date":"2003-10-27T22:20:32","date_gmt":"2003-10-27T20:20:32","guid":{"rendered":"http:\/\/pastors-home.de\/?p=1627"},"modified":"2014-06-02T22:24:06","modified_gmt":"2014-06-02T20:24:06","slug":"historienpredigt-zum-kirchweihmontag-aufzeichnungen-ueber-die-zeit-von-1693-bis-1713-27-oktober-2003","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pastors-home.de\/?p=1627","title":{"rendered":"Historienpredigt zum Kirchweihmontag:  (Aufzeichnungen \u00fcber die Zeit von 1693 bis 1713) 27. Oktober 2003"},"content":{"rendered":"<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>der Gollh\u00f6fer Tradition gem\u00e4\u00df m\u00f6chte ich am Kirchweihmontag wieder mit Ihnen einen Blick in die Geschichte unserer Kirchengemeinde werfen.<br \/>\nIch werde etwa 300 Jahre in der Geschichte zur\u00fcckgehen. Und berichte ihnen aus den Aufzeichunungen \u00fcber die Zeit von 1693 bis 1713.<\/p>\n<p>1693<br \/>\nin diesem Jahr wurde nach Aufzeichnungen von Pfarrer Hahn\u00a0 das innere der Kirche deutlich ver\u00e4ndert. Ein Schreiner aus Uffenheim baute eine neue Kanzel.<br \/>\nSie wurde an der linken Seite des Chorbogens befestigt &#8211; also genau gegen\u00fcber der jetzigen Kanzel. Noch heute sind links die Eisenanker im Chorbogen zu sehen.<br \/>\nWahrscheinlich wurde auch zur gleichen Zeit das Lesepult durch ein Neues ersetzt.<!--more--><\/p>\n<p>1694<br \/>\nvom 6. bis 14. August wurde eine neue Orgel aufgestellt.<br \/>\nIm September fand eine Kirchenvisitation statt. Hofprediger Frie\u00df mit seinen Consulenten Miltenberger kamen dazu aus Markt Einersheim angereist. Die hohen Herren kamen im Auftrag der Obrigkeit, um die Amtsf\u00fchrung des Pfarrers und den Zustand der Gemeinde zu \u00fcberpr\u00fcfen, und gingen mit einem f\u00fcr damalige Zeiten ungew\u00f6hnlich hohen Geldbetrag in der Spendenb\u00fcchse wieder nach Hause.<\/p>\n<p>1695<br \/>\nDer Instrumentenbauer Heinrich G\u00f6tz aus Neunkirchen im Vogtland lieferte am 1. Oktober einen Bass und zwei Diskant-Geigen f\u00fcr die Kirche. Dieser Eintrag zeigt, dass in der evangelischen Kirche des 17. Jahrhunderts auch jenseits der Orgel die Instrumentalmusik gepflegt wurde.<br \/>\nEbenfalls ist f\u00fcr dieses Jahr vermerkt, dass die drei neuen Blaseb\u00e4lge der Orgel sehr schwer zu bedienen waren. Darum erhielt laut herrschaftlichem Dekret der Gotteshausmeister &#8211; das w\u00e4re heutzutage unser KIrchenpfleger Fritz Schmidt &#8211; sozusagen eine Erschwerniszulage von 4 Taler pro Jahr. Ein Taler davon waren sein Lohn f\u00fcr das Klingelbeuteltragen.<br \/>\nDer B\u00fcrgermeister wandte sich im Sommer an die Kirchengemeinde und nahm einen Kredit von 200 fr\u00e4nkischen Gulden auf, um unter anderem dem Gollh\u00f6fer Anteil an den Kriegsausgaben nach Heilbronn zu liefern.<\/p>\n<p>1696<br \/>\nAm Trinitatisfest wurde in Markt Einersheim ein zum evangelischen Glauben bekehrter T\u00fcrke getauft. Alle Limpurgischen Pfarrer mussten zu dieser Feierlichkeit erscheinen, Darum predigte in Gollhofen vertretungsweise der Pfarrer von Ippesheim.<br \/>\nDer Kunstmaler Matth\u00e4us Jahn aus Sommerhausen wurde beauftragt die neue Orgel braun anzustreichen, sie mit \u201egutem Gold&#8220; zu vergolden und dann verschiedene Bilder mit lebendigen Farben anzubringen.<\/p>\n<p>1697<br \/>\nAm 25. Juni zitierte der Oberschulthei\u00df der Gemeinde den Kantor wegen seiner schlecht gef\u00fchrten Haushaltung ins Pfarrhaus um ihm dort die Leviten zu lesen. \u00dcber dieses Treffen wurde festgehalten, dass dabei Lebensmittelausgaben \u00fcber zwei Gulden der Gemeinde in Rechnung gestellt worden.<\/p>\n<p>Im selben Jahr wurde auch die mittlere Glocke repariert, die im Jahr zuvor gesprungen war. Ein W\u00fcrzburger Glockengie\u00dfer war damals zwar angereist, hat den Auftrag allerdings nach eingehender Betrachtung und nach Auflauf einiger Spesen doch nicht angenommen.<br \/>\nIm Jahr 1697 hat sich dann ein Glockengieser aus Lothringen daran gemacht, in der alten Kapelle &#8211; dem jetzigen Rathaus &#8211; eine Glocke neu zu gie\u00dfen. Dazu musste eigens ein Brennofen aus 1800 Backsteinen errichtet werden, der mit drei Klaftern Holz beschickt werden musste.<br \/>\nDie fertige Glocke wog 15 Zentner. Am 3. April wurde sie dann mitv ereinten Kr\u00e4ften \u00fcber einen Seilzug in den Turm gehoben. Die 30 Helfer erhielten jeweils einen Eimer Bier und einen Weck als Dankesch\u00f6n.<br \/>\nZu diesem Zeitpunkt wusste noch niemand, dass diese sch\u00f6ne neue Glocke nur zehn Jahre lang halten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>1702<br \/>\nAusgesprochen spendabel beginnt das neue Jahrhundert:<br \/>\nF\u00fcr die Pfarrfrau wird ein eigenes Gest\u00fchl eingebaut. M\u00f6glicherweise jenes, das wir noch jetzt hinten in der Kirche stehen haben.<br \/>\nDie Gemeinde gibt eine gro\u00dfz\u00fcgige Spende f\u00fcr den Kirchenbau in Wallmersbach.<br \/>\nEin Buchbinder in Sommerhausen wird beauftragt, 109 Katechismus-Exemplare f\u00fcr Gollhofen herzustellen. Ziel der Aktion: Jedes Haus bekommt kostenlos ein Exemplar des Katechismus von der Gemeinde \u00fcberreicht.<br \/>\nZwei Maurer aus der Tirol pflastern einen Weg vom Pfarrhaus zur Kirche.<\/p>\n<p>1704<br \/>\nAm 12. April stirbt der langj\u00e4hrige Pfarrer Georg Philipp Winkler im Alter von 71 Jahren\u00a0 und wird in der Kirche vor dem Altar begraben. Er zeichnete sich dadurch aus, dass er in vielen Dingen kein Blatt vor den Mund nahm und bei Trauungen und Beerdigungen h\u00e4ufig deutlicher seine Meinung sagte, als es den Beteiligten lieb war.<br \/>\nInsgesamt war er 39 Jahre als Pfarrer in Gollhofen t\u00e4tig und war der einzige, der in der Kirche vor dem Altar beerdigt wurde.<\/p>\n<p>1705<br \/>\nAls Nachfolger zieht Johann Christof Hartung ins Pfarrhaus ein, zuvor war er in Lindelbach t\u00e4tig.<br \/>\nIm gleichen Jahr l\u00f6st sich w\u00e4hrend des L\u00e4utens die kleine Glocke aus denen Glockenstuhl und st\u00fcrzt vom Turm aus in die Tiefe. Offensichtlich blieb sie dabei unbesch\u00e4digt\u00a0 und konnte von einem Uffenheimer Zimmermann wieder befestigt werden.<\/p>\n<p>1706<br \/>\nNach nicht einmal zehn Jahren zerspringt erneut die mittlere Glocke und wird neu gegossen.<\/p>\n<p>1708<br \/>\nZwei Jahre sp\u00e4ter, 1708, erh\u00e4lt der Kirchturm einen neuen Glockenstuhl, der aus 16 Eichenst\u00e4mmen gezimmert wird, die aus dem Krassolzheimer Forst stammen.<\/p>\n<p>1709<br \/>\nIm April l\u00e4sst Kantor Pfeiffer den v\u00f6llig mit Gestr\u00fcpp zugewachsenen Kirchgraben s\u00e4ubern und mit Obstb\u00e4umen anpflanzen.<\/p>\n<p>1711<br \/>\nIm\u00a0 August wurde der schadhafte Kirchturm durch einen Turmdecker aus Ansbach neu gedeckt. Der Turmknopf &#8211; also die Hohlkugel in der Spitze &#8211; wurde abgenommen und repariert. An seiner Innenseite fand man die Jahreszahl 1567 und eine Inschrift des Pfarrers Winkler von 1670. au\u00dferdem wurden zahlreiche alte M\u00fcnzen darin gefunden.<br \/>\nDa der Turmdecker die M\u00fcnzen f\u00fcr sich beanspruchte, einigte man sich, ihm als Ersatz 15 Kreuzer zu zahlen. Die M\u00fcnzen legte man in die reparierte Hohlkugel; zusammen mit einem Pergament, worauf Nachrichten \u00fcber die damalige Zeit und \u00fcber Korn- und Weinpreise verzeichnet standen.<\/p>\n<p>1713<br \/>\nAm 19. August starb der Erbschenk von Limpurg, Graf Vollrath.<br \/>\nEr galt als gutes und treues Glied der evangelischen Kirche. In seinem Testament hatte er bestimmt, dass keiner seiner Nachkommen das Recht h\u00e4tte, Ver\u00e4nderungen an der evangelischen Lehre im Bereich der Kirche und der Schule vorzunehmen, sonst w\u00fcrden die mit dem Amt verbundenen Rechte auf die n\u00e4chsten Verwandten \u00fcbergehen.<\/p>\n<p>Auch in Gollhofen wurde ein Totenged\u00e4chtnis abgehalten. In einer feierlichen Prozession zog man von der Kirche aus zum Rathaus und zog dann unter Glockengel\u00e4ut wieder hinauf zur Kirche, wo dann die Traueransprache gehalten wurde.<\/p>\n<p>Soweit unser R\u00fcckblick auf 20 Jahre Gollh\u00f6fer Geschichte.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>vieles in dieser kleinen R\u00fcckschau reizt zum Kommentieren.<br \/>\nIch habe mir \u00fcberlegt: Gibt es in diesen Jahren ein \u201eThema&#8220;, ein Ph\u00e4nomen, das aus der heutigen Perspektive diese Zeit pr\u00e4gt. Und dabei ist mir folgendes aufgefallen:<\/p>\n<p>Da wird eine neue Kanzel und eine neue Orgel angeschafft. F\u00fcr die damalige Gemeinde sicher eine gro\u00dfe finanzielle Herausforderung und auch eine deutliche Ver\u00e4nderung ihrer Kirche. Wahrscheinlich hat man sich damals gesagt: Jetzt haben wir was geschafft, etwas Neues und Sch\u00f6nes &#8230; und das wird sicher ewig halten.<br \/>\nUnd der Blick in die Geschichte verr\u00e4t uns: Zum Jahr 1765 ist das alles wieder weggekommen, als man den jetzigen Altar von Johann Auwera eingebaut hat.<br \/>\n&#8211; Nichts wars mit dem Bauen f\u00fcr die Ewigkeit.<\/p>\n<p>Oder die Glocke, die mit gro\u00dfem Aufwand neu gegossen wurde. Die alte Kapelle wurde dazu extra umgebaut, damit der Brennofen darin Platz hatte. Und fast w\u00e4re sie wegen der Hitze beim Glockenguss abgebrannt. Eine riesige Aktion unter Beiligung vieler Menschen aus dem Dorf.<br \/>\nUnd dann muss man 10 Jahre sp\u00e4ter feststellen, dass diese Glocke kein ewiges Meisterwerk war, sondern schon wieder in Tr\u00fcmmern lag. Einfach kaputt gegangen.<\/p>\n<p>Unsere Kirchengemeinde, ihr Planen und Handeln ist genauso vorl\u00e4ufig und verg\u00e4nglich wie jedes menschliche Tun. Was wir damals wie heute planen, bauen, ver\u00e4ndern, finanzieren oder abrei\u00dfen hat seine Zeit, f\u00fcr die es gilt und auch seine Zeit, in der es hinf\u00e4llig uns bedeutungslos wird.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber k\u00f6nnte man verzweifeln:<br \/>\nNicht mal in der Kirche haben die Dinge Bestand! Auch das, was man in der Kirche macht,\u00a0 geht \u00fcber kurz oder lang den Bach runter.<\/p>\n<p>Aber man kann es auch positiv sehen:<br \/>\nViele Entwicklungen in unserer Kirche haben ihre Zeit des Werdens und ihre Zeit des Vergehens.<br \/>\n~ Ein neues Gesangbuch wird mit Begeisterung angenommen und wir freuen uns. Und irgendwann wird es auch wieder veraltet sein und kann ersetzt werden.<\/p>\n<p>~ Ein neuer Pfarrer kommt, da freut man sich. Und nach ein paar Jahren geht er wieder. Vielleicht l\u00e4sst man ihn mit Wehmut gehen, oder man ist auch froh, weil man in den letzten Jahren nicht mehr so viel Engagement gesp\u00fcrt hat, wie am Anfang.<\/p>\n<p>~ Liturgische Modeerscheinungen: Familiengottesdienste, Taizee-Andachten, politische Formen oder die wiederentdeckte Deutsche Messe werden in den Kirchenmauern gefeiert, k\u00f6nnen f\u00fcr Furore, Freude oder Streit sorgen.<br \/>\nAber irgendwann werden sie ihren Reiz und ihre Kraft wieder verlieren, und man wird nach neuen Wegen suchen, Gottesdienst w\u00fcrdig und angemessen zu feiern.<\/p>\n<p>~ Und ich hoffe: Nicht nur gute Ideen werden diesen Gang gehen. Auch viele Fehlentwicklungen, manche theologische Kuriosit\u00e4t in unserer Kirche wird wieder zu Staub zerfallen.\u00a0 Vielleicht nicht zum meinen Lebzeiten, aber irgendwann dann doch&#8230;<\/p>\n<p>Wir Menschen leben eben mit allem, was wir tun \u201ein der Zeit&#8220;. Dem k\u00f6nnen wir nicht einfach entfliehen.<br \/>\nSo wie der Altar hier vorne jeden Morgen einen Tag seinem Ersetzt-werden n\u00e4her r\u00fcckt, wo schreiten wir t\u00e4glich unserem Ende n\u00e4her. Das ist die ganz einfache Logik unserer Zeit, und wir werden sie nicht aufhalten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Oder doch?<br \/>\nDas Evangelium, das wir vorhin geh\u00f6rt haben, steht geschrieben: (Joh 5,24) Wer mein Wort h\u00f6rt und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.<\/p>\n<p>Dieses Wort klingt r\u00e4tselhaft. Jesus sagt: Wer auf ihn h\u00f6rt und auf Gott vertraut, der ist in diesem Moment vom Tod zum Leben hindurchgedrungen.<\/p>\n<p>Vielleicht hilft ihnen das Bild eines Zuges, der unaufhaltsam auf seine Endstation Namens \u201eTod&#8220; zuf\u00e4hrt. Da sitzen wir alle drin. Wir Menschen und auch unser kirchliches Handeln. Der Zug f\u00e4hrt, und wir werden das nicht \u00e4ndern k\u00f6nnen. (Anders als in der Anekdote von der Zugreise nach Italien, die wir gestern in der Kirchweihpredigt der Landjugend geh\u00f6rt haben, gibt es da keine Notbremse.)<\/p>\n<p>Aber es gibt da den letzten Wagon &#8211; das ist ein Kurswagen, der weiterf\u00e4hrt. Der an der Endstation an eine andere Lokomotive angeh\u00e4ngt wird.<br \/>\n\u201eVom Tod ins Leben hindurchdringen&#8220; hei\u00dft: Rechtzeitig umzusteigen in den Kurswagen.<br \/>\nDie Strecke bis zur Endstation ist die gleiche. Aber nur in diesem Wagon wird es danach f\u00fcr mich weitergehen.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte behaupten: Irgendwie ist in diesem Wagon ein anderes Klima. Da sitzen viele Menschen, die nicht die ganze Zeit auf die Uhr sehen, weil sich fragen: \u201eIst es schon soweit &#8230; kommt bald die Endstation?&#8220;<br \/>\nSie bleiben gelassener. Ihnen ist bewusst. An der Endstation wirds schon kurz ordentlich ruckeln. Aber ich brauche mich nicht schon lange vorher Sorgen machen &#8230; ich wei\u00df ja, dass es weiter geht. Dass ich nicht hinf\u00e4llig werde wie eine zerbr\u00f6selnde Glocke oder ein veraltetes Gesangbuch.<\/p>\n<p>Wer Gott vertraut, wer im Kurswagen zur Ewigkeit sitzt, der kann den Zug der Zeit gelassener zusehen. Der wei\u00df dass alles, was wir in der Geschichte unsrer Kirche tun, in den vorderen Abteilen des Zuges passiert. Ein zur Verg\u00e4nglichkeit geh\u00f6rendes Handeln, das aber in einem Punkt aber dar\u00fcber hinaus reicht:<br \/>\nIndem wir n\u00e4mlich Menschen einladen, in den letzten Wagen zum ewigen Leben einzusteigen.<br \/>\nAmen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Gemeinde, der Gollh\u00f6fer Tradition gem\u00e4\u00df m\u00f6chte ich am Kirchweihmontag wieder mit Ihnen einen Blick in die Geschichte unserer Kirchengemeinde werfen. Ich werde etwa 300 Jahre in der Geschichte zur\u00fcckgehen. 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