{"id":1559,"date":"2005-10-30T23:15:53","date_gmt":"2005-10-30T21:15:53","guid":{"rendered":"http:\/\/pastors-home.de\/?p=1559"},"modified":"2014-06-01T23:18:14","modified_gmt":"2014-06-01T21:18:14","slug":"predigt-von-der-kunst-dem-anderen-unangenehme-wahrheiten-zu-sagen-galater-6-1-4-kirchweihsonntag-30-oktober-2005","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pastors-home.de\/?p=1559","title":{"rendered":"Predigt: Von der Kunst, dem Anderen unangenehme Wahrheiten zu sagen (Galater 6, 1-4)  Kirchweihsonntag, 30. Oktober 2005"},"content":{"rendered":"<p><em>Predigttext: Gal 6, 1-4:<br \/>\n<\/em>1 Liebe Br\u00fcder,\u00a0 wenn ein Mensch etwa von einer Verfehlung ereilt wird, so helft ihm wieder zurecht mit sanftm\u00fctigem Geist, ihr, die ihr geistlich seid; und sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest. 2 Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erf\u00fcllen.3 Denn wenn jemand meint, er sei etwas, obwohl er doch nichts ist, der betr\u00fcgt sich selbst. 4 Ein jeder aber\u00a0 pr\u00fcfe sein eigenes Werk; und dann wird er seinen Ruhm bei sich selbst haben und nicht gegen\u00fcber einem andern.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<br \/>\nan die \u201clieben Br\u00fcder\u201d schreibt der Apostel Paulus. &#8211; Die Schwestern m\u00fcssen wir uns mal wieder selbst dazudenken. Ich gehe aber davon aus, dass er auch an sie gedacht hat, wenn er hier an die Gemeinde in Galatien &#8211; einem Teil der heutigen T\u00fcrkei &#8211; schreibt. Schlie\u00dflich hat er gerade auch den Frauen in den Gemeinden viel zu verdanken. Und oft genug gr\u00fc\u00dft er sie ja an den Enden seiner Briefe pers\u00f6nlich mit Namen. Von daher k\u00f6nnte man wohl auch ganz gut \u201cGeschwister\u201d \u00fcbersetzen. <!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Problem mit den lieben Geschwistern<\/p>\n<p>Also, \u201cliebe Geschwister\u201d schreibt er &#8211; und an dieser Stelle ist es wohl mehr als eine freundlich-fromm-salbungsvolle Anrede. Es scheint viel mehr eine Mitteilung oder Diagnose zu sein: Ihr seid Geschwister; schlie\u00dflich hab ihr den gleichen himmlischen Vater. Und das verbindet euch.<\/p>\n<p>Auch wenn es manchmal in eurer Gemeinde zugeht wie im Irrenhaus. Ihr seid Br\u00fcder und Schwestern &#8211; ihr geh\u00f6rt zusammen &#8211; ohne wenn und aber. Auch wenn es euch nicht immer leicht f\u00e4llt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So etwas h\u00f6re ich aus diesen Zeilen heraus, mit denen Paulus offenbar auf verschiedene Auseinandersetzungen in den Gemeinden Galatiens reagiert. Ein Problem scheint obenaufzuliegen: \u201cWie gehe ich als Christ damit um, wenn ein Mitglied der Gemeinde sich daneben benimmt?\u201d Worum es genau geht, wissen wir nicht. Aber man braucht nicht viel Phantasie um einige der damaligen M\u00f6glichkeiten aufzureihen:<\/p>\n<p>&#8211; Vielleicht ist da einer, der als Choleriker immer wieder andere zur Schnecke macht.<\/p>\n<p>&#8211; Oder da gibt es einen, der verpr\u00fcgelt t\u00e4glich Frau und Kinder.<\/p>\n<p>&#8211; Es k\u00f6nnte sein, dass eine christliche Sklavin im Haushalt ihres Herrn stiehlt, um besser \u00fcber die Runden zu kommen.<\/p>\n<p>&#8211; Es w\u00e4re auch denkbar, dass hier jemand fremd geht oder ein notorischer L\u00fcgner ist.<\/p>\n<p>&#8211; Aber auch Geldgier, Hochn\u00e4sigkeit oder Aberglaube k\u00f6nnten in Frage kommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was kann man da machen? Wenn mich jemand aus der Gemeinde verletzt oder wenn ich sehe, wie jemand durch sein Verhalten auf Dauer sich selbst oder seiner Familie schadet?<\/p>\n<p>Da kommen wir auf ein ganz heikles Gebiet. Damals wie heute. Paulus hat einen Ratschlag, der gut gemeint ist: Wenn ein Mensch etwa von einer Verfehlung ereilt wird, so helft ihm wieder zurecht mit sanftm\u00fctigem Geist, ihr, die ihr geistlich seid.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit Sanftmut dem Andern wieder in die Spur helfen &#8211; das klingt gut &#8211; ist aber wirklich nicht so ganz einfach. Die Realit\u00e4t unseres menschlichen Miteinanders sieht da viel schwieriger aus.<\/p>\n<p>Es ist nicht leicht jemand auf etwas hinzuweisen, was einem auff\u00e4llt. In der Regel wird man ja nicht um seine Stellungnahme gefragt.\u00a0 &#8211; Und einfach ungebeten zu sagen \u201cDu, mir ist bei dir aufgefallen, dass &#8230;.\u201d &#8211; dazu braucht man richtig Mut. Es k\u00f6nnte ja der letzte Tag einer bis dahin guten Freundschaft sein.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus wei\u00df ich ja selber oft nicht, ob meine Einsch\u00e4tzung einer Situation die Richtige ist. Vielleicht bin ja ich derjenige, der den Balken im eigenen Auge hat, und beim Anderen versucht am Splitter herumzudoktern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich denke, wer halbwegs sensibel ist, merkt, dass es sich hier um ein vermintes Gel\u00e4nde handelt: Die Fettn\u00e4pfe stehen bereit, damit wir darin h\u00e4ngen bleiben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Paulus\u0301 Tip 1: Der sanftm\u00fctige Geist<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und doch glaube ich, ist es der Ratschlag des Paulus wert, genauer beachtet zu werden:<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst die Sanftmut, verbunden mit dem Blick auf sich selber: ein jeder pr\u00fcfe sein eigenes Werk. Auch wenn ich sehe, was beim anderen nicht stimmt: Ich bin weiterhin selber Einer, der auch Fehler machen kann und Korrektur ben\u00f6tigt. Darum passt es nicht f\u00fcr einen Christen mit erhobenen Zeigefinger als Sitten- oder Religionspolizei dem Nachbarn zu sagen, was er falsch macht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8211; Falls sie sagen: Naja, das mache ich ja sowieso nicht &#8211; Ich glaube der Tipp gilt auch f\u00fcr die Situation, in der ich mit den einen Nachbarn \u00fcber den anderen Rede. Da ist das mit dem lieblosen Abkanzeln des Anderen eher ein Problem. Da sind wir dann schon immer ein bisschen gescheiter und wissen ziemlich genau, was wir an dem auszusetzen haben, \u00fcber den wir gerade in Abwesenheit reden.<\/p>\n<p>Also k\u00f6nnte ich den Ratschlag des Paulus vielleicht so umformulieren: Redet so klar und offen zueinander, wie ihr sonst \u00fcbereinander redet, und redet so freundlich \u00fcbereinander, wie ihr sonst miteinander redet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Paulus\u0301 Tip 2: Trenne T\u00e4ter und Tat<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Einen zweiten Tipp hat unser Apostel auch noch versteckt &#8230; haben Sie es gemerkt:<\/p>\n<p>\u201cwenn ein Mensch etwa von einer Verfehlung ereilt wird\u201d steht da. In diesem Satz ist nicht der Mensch, sondern die Verfehlung die Handelnde. Die Verfehlung schnappt sich den eigentlich ordentlichen Menschen und dann haben wir den Salat!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich finde, das ist eine ganz bedenkenwerte Perspektive: Nicht der Eine ist so b\u00f6se und gemein, dass er L\u00fcgen verbreitet &#8211; sondern umgekehrt: Das L\u00fcgen hat sich ihn geschnappt. Das ist ein kleiner aber feiner Unterschied, auf den uns der Apostel da st\u00f6\u00dft. Ihm ist wichtig, dass wir nicht den Mitchristen gleich zum schlechten Menschen abqualifizieren, weil er Fehler macht. Auch der L\u00fcgner ist ein Gotteskind &#8211; auch wenn es uns nicht leicht f\u00e4llt, das so zu sehen.<\/p>\n<p>Aber denentsprechend sollten wir dann auch miteinander umgehen. Die Basis des Gespr\u00e4chs ist eben nicht: \u201cdu vers\u00e4ufst Haus und Hof\u201d, sondern \u201cdu bist wie ich ein getaufter Christ, aber eben einer, der ein gro\u00dfes Problem hat.\u201d<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Kommunikationswissenschaft gibt es einen ganz \u00e4hnlichen Ansatz, der helfen will Gespr\u00e4che \u00fcber Konflikte m\u00f6glichst erfolgreich zu f\u00fchren. In der Theorie von der \u201cIch-Botschaft\u201d geht es um einen eigentlich ganz einfachen Tipp: Sage nicht \u201cdu verpr\u00fcgelst deine Kinder&#8230;\u201d oder \u201cdu hast mich angelogen&#8230;\u201d, sondern rede von dir selbst und sage dem Anderen, wie es DIR mit dem geht, was du am Andern beobachtest. Das k\u00f6nnte hei\u00dfen: \u201cDu, ich mache mir Sorgen, weil ich sehe, wie verschreckt deine Kinder neuerdings sind\u201d oder \u201cDu, ich wei\u00df nicht mehr, ob ich mich auf dein Wort verlassen kann, weil letzte Woche alles anders kam, als du es mir versprochen hast.\u201d<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vielleicht fragen Sie sich jetzt, was das soll, das ist doch eigentlich das Gleiche.\u00a0 Nat\u00fcrlich sage ich unterm Strich das gleiche &#8211; das Problem, um das es geht, ist ja da. &#8211; Aber indem ich dem Anderen nicht gleich einen Stempel aufdr\u00fccke gegen den er sich verteidigen muss , haben wir beide vielleicht eine bessere Chance, dass ein Gespr\u00e4ch \u00fcber das Problem gelingt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es bleibt eine Last<\/p>\n<p>Trotz aller guter Ratschl\u00e4ge und Theorien: Es bleibt ein unglaublich schwieriges Unterfangen. Dem Andern zu sagen wo man verletzt worden ist, oder wo man sich Sorgen macht, das ist Schwerstarbeit. Und so mancher w\u00fcrde wohl lieber f\u00fcnf Ster Holz hacken, als einem Freud zu sagen, dass ihn dessen dummer Spruch gekr\u00e4nkt hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>\u201cEiner trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erf\u00fcllen.\u201d hat Paulus gesagt.<\/p>\n<p>Vor einer Woche habe ich gedacht, das ist ein sch\u00f6ner Text f\u00fcr die Kirchweih. Denn da geht es darum, dass man f\u00fcreinander einsteht, sich gegenseitig unterst\u00fctzt und hilft. N\u00e4chstenliebe \u00fcbt. Und das gibt es bei uns ja immer wieder auch deutlich sichtbar &#8211; und ich freue mich immer wieder, wenn ich davon etwas mitbekomme.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber je l\u00e4nger ich mit diesen Versen unterwegs war, habe ich gemerkt, wie dieser Satz zu schillern anf\u00e4ngt und wie vielf\u00e4ltig diese Lasten sein k\u00f6nnen, die wir f\u00fcr die Andern manchmal tragen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Denn es ist eine Last, dem andern etwas zu sagen, was er nicht h\u00f6ren will, was aber einmal gesagt werden muss.<\/p>\n<p>Und es ist auch eine Last, wenn die ganze M\u00fche vergeblich war, wenn der andere nicht h\u00f6rt. Weil er nicht kann oder nicht will. Und man selbst steht hilflos daneben.<\/p>\n<p>Es wird uns nicht versprochen, dass wir Erfolg haben und uns damit beliebt machen.<\/p>\n<p>Aber es wird uns gesagt, dass es eine Aufgabe ist, weil wir als Christen f\u00fcreinander da sein sollten &#8211; auch da, wo es unangenehm ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigttext: Gal 6, 1-4: 1 Liebe Br\u00fcder,\u00a0 wenn ein Mensch etwa von einer Verfehlung ereilt wird, so helft ihm wieder zurecht mit sanftm\u00fctigem Geist, ihr, die ihr geistlich seid; und sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest. 2 Einer trage des andern Last, so werdet ihr das\u2026 <a class=\"continue-reading-link\" href=\"https:\/\/www.pastors-home.de\/?p=1559\">ich will weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"Predigt: Von der Kunst, dem Anderen unangenehme Wahrheiten zu sagen galater 6, 1-4)  Kirchweihsonntag, 30. 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