{"id":1513,"date":"2006-11-05T20:51:15","date_gmt":"2006-11-05T18:51:15","guid":{"rendered":"http:\/\/pastors-home.de\/?p=1513"},"modified":"2014-06-01T21:55:32","modified_gmt":"2014-06-01T19:55:32","slug":"predigt-die-kraft-der-symbole-5-november-2006","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pastors-home.de\/?p=1513","title":{"rendered":"Predigt: Die Kraft der Symbole, 5. November 2006"},"content":{"rendered":"<p>Liebe Gemeinde<\/p>\n<p>wir sind umgeben von Symbolen.<br \/>\nVorne an der Ringstra\u00dfe zeigt ein auf dem Kopf stehendes Dreieck an, dass wir warten m\u00fcssen, bis kein anderes Auto kommt. Die drei Streifen auf dem Turnschuh erinnern mich, dass der Hersteller Adidas hei\u00dft. Der Totenkopf auf den Spritzmittel warnt den Bauern vor der Giftigkeit dieser Substanz. In der Wirtschaft und im Gemeindehaus signalisieren mir ein H und D wo M\u00e4nner und Frauen hind\u00fcrfen, wenn sie mal m\u00fcssen. &#8211; Symbole.<!--more--><\/p>\n<p>Sind Symbole also Informations-Bildchen? Kleine \u201cBl\u00e4pperle\u201d, die sagen, was hier los ist? Ich glaube nicht. Da steckt noch viel viel mehr drin!<\/p>\n<p>Ein Beispiel. Wenn nach der Pfarrkonferenz mein Kollege in ein neues Auto der Marke Ferrari steigt, dann wirft dieses fahrbare Status-Symbol mit dem Pferdchen auf der Motorhaube ganz naheliegende Fragen auf, wie er als Pfarrer sich so was leisten kann. Ich wundere mich; und in seinem Dorf wird man sich das Maul \u00fcber den Pfarrer zerrei\u00dfen, und er wird zun\u00e4chst mal keinen leichten Stand haben. Ist das Symbol dann wirklich nur ein Bl\u00e4pperle?<\/p>\n<p>Ein anderes Beispiel: Wer \u00fcber die Hauptstra\u00dfe von Uffenheim her ins Dorf f\u00e4hrt, passiert das Vorfahrtsstra\u00dfenschild; und er wei\u00df: Ich habe Vorfahrt und die anderen m\u00fcssen warten. Da kann ich der Landrat sein oder ein 12-j\u00e4hriger mit zerrissener Hose auf seinem Fahrrad: Ich in der, der Vorfahrt hat. Das Schild macht mich zu jemandem, der hier ein besonderes Recht hat. Ich habe es nicht verdient, aber das Symbol wirkt auch mich, alleine indem ich daran vorbei fahre. &#8211; Symbole!<\/p>\n<p><b><i>Kirche und ihre Symbole<\/i><\/b><\/p>\n<p>Bei Symbolen sind wir in einem Thema, das bei uns in der Kirche von Anfang an mit dabei war. Denn schlie\u00dflich erkennt man uns von jeher an einem Symbol: Dem Kreuz. Das ist f\u00fcr uns so selbstverst\u00e4ndlich, dass wir es oft kaum mehr bewusst wahrnehmen. Das Kreuz, der Ort, an dem Jesus f\u00fcr uns gestorben ist, ist unser zentrales Symbol.<br \/>\nUnser Markenzeichen &#8230; ein Bl\u00e4pperle &#8230; oder doch mehr?<\/p>\n<p>Unsere Landeskirche hat sich vor einigen Jahren ein neues Logo, ein neues Markenzeichen ausgedacht. Man wollte erg\u00e4nzend zum Kreuz ein Markenzeichen, das grafisch ansprechend, unverwechselbar und universell einsetzbar ist. Auf der Umschlagseite Ihres Gesangbuches k\u00f6nnen Sie es sehen. Diese 3 K\u00e4stchen, die in ihrem Zwischenraum sozusagen Platz f\u00fcr ein Kreuz lassen. Auf vielen Briefk\u00f6pfen k\u00f6nnen sie es in gestreckter Form wiedererkennen. In Hessen und Hannover hat man sich etwas anderes ausgedacht. Dort gibt es das sogenannte Facettenkreuz als Logo. Da erkennt man nur noch mit viel gutem Willen das Kreuz, an dem Jesus gestorben ist.<br \/>\nSo haben wir jetzt ein Logo und das alte Symbol. Die Sache wird damit nicht \u00fcbersichtlicher.<\/p>\n<p><b><i>Das Kreuz &#8211; unser st\u00e4rkstes Symbol <\/i><\/b><\/p>\n<p>Ob es f\u00fcr uns nur ein Bl\u00e4pperle oder doch mehr ist, kann man recht leicht erkennen, wenn man damit herumspielt, oder gar Schindluder treibt. Ein Gesangbuchlogo in rosa oder auf dem Kopf gestellt st\u00f6rt keinen Menschen. Aber stellen Sie sich vor, wir stellen unser Kreuz in der Kirche auf den Kopf oder wickeln es zum Spa\u00df in Alufolie ein. Graust es Ihnen auch bei dem Gedanken?<br \/>\nBeim Symbol der Kreuzes wird es deutlich: Dieses Symbol ist mehr als nur zwei Balken! Wo das Kreuz ist, ist Jesus auch irgendwie pr\u00e4sent, steht das, worum es uns im Glauben geht, automatisch mit im Raum. Ein Symbol ist nicht nur Bl\u00e4pperle, sondern bei einem echten Symbol kann man das, wof\u00fcr es steht, nicht vom Symbol trennen. Mit dem Kreuz bekommt der Altarraum eine besondere Qualit\u00e4t, etwas Heiliges wird sp\u00fcrbar, auch wenn man es nur schwer beschreiben kann.<\/p>\n<p>In einem Dorf bei Hildesheim hat der recht ber\u00fchmte K\u00fcnstler Georg Baselitz der Kirchengemeinde ein Gem\u00e4lde geschenkt. Ein gemaltes Kruzifix f\u00fcr den Altarraum. &#8211; Millionen wert! &#8211; Aber bei diesem Kunstwerk steht das Kreuz auf dem Kopf. Der K\u00fcnstler stellt n\u00e4mlich grunds\u00e4tzlich alles auf dem Kopf, das ist sein Markenzeichen. F\u00fcr ihn war das kein Problem. &#8211; Aber f\u00fcr die Kirchengemeinde. Da sp\u00fcrten viele, dass das Kreuz ihnen als Symbol zu wertvoll war als dass man es f\u00fcr k\u00fcnstlerische Experimente hernehmen kann. Es gab eine lange Kontroverse in der Gemeinde, die 300 Einwohner hatte. Letztlich sind 100 Gemeindeglieder aus der \u00f6rtlichen Gemeinde ausgetreten und haben sich in eine benachbarte eingeschrieben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein Riesenstreit mit vielen pers\u00f6nlichen Verletzungen. Weil einige Personen \u00fcbersehen haben, war es hei\u00dft, wenn etwas ein Symbol ist. Manchmal sagen wir \u201cdas ist ja nur ein Symbol f\u00fcr dies oder jenes\u201d. Nur ein Symbol? Machen Sie daheim als Verheiratete doch mal den Test: Nehmen Sie ihren Ehering, der ist auch nur ein Symbol, vor den Augen des Partners aus dem Fenster. Dann k\u00f6nnen Sie wahrscheinlich erleben, dass der Ring nicht nur Symbol war, sondern eine sehr reale Angelegenheit. Der Ring ist ihr verheiratet sein, sie haben das am Finger. Und wenn Sie den Ring wegschmei\u00dfen, dann fliegt da noch viel viel mehr mit aus dem Fenster.<\/p>\n<p>Ein Symbol ist mehr, als nur ein Verweis auf etwas anders. Das hat die Alte Kirche bis in die heutige Orthodoxie gelebt, wo man wei\u00df, dass Ikonen als Bilder immer mehr sind, als nur Kunstwerke, sonder sie die Gegenwart Gottes wiederspiegeln. Und \u00c4hnliches wird in der Neuzeit auch in der Philosophie diskutiert. Da erlaube ich mir, den Philosophen Hans-Georg Gadamer zu zitieren: \u201cDas (im Symbol) Repr\u00e4sentierte ist selber da, und so, wie es \u00fcberhaupt nur da sein kann.\u201d<\/p>\n<p>Das hei\u00dft: Mit dem Kreuz in der Kirche ist Jesus unter uns.<br \/>\nDas Kreuz im Krankenzimmer r\u00fcckt Jesu Liebe direkt ins Blickfeld des Kranken und sagt ihm: Jesus ist dir nahe und leidet mit dir.<br \/>\nDas Kreuz im Herrgottswinkel katholischer Haushalte bringt die Wirklichkeit Gottes in die Wohnung daheim, macht die eigentlich unsichtbare Gegenwart Gottes mit den Augen wahrnehmbar.<\/p>\n<p><b><i>Der Segen<\/i><\/b><\/p>\n<p>\u00c4hnlich geht es uns mit dem Segen. Eines unserer starken Symbole. Eigentlich ist es ein frommer Wunsch, bei dem der Pfarrer die H\u00e4nde symbolisch zur Handauflegung erhebt. Eine symbolische Geste &#8211; mehr nicht? DOCH!<br \/>\nEine symbolische Geste w\u00e4re keine \u201csymbolische\u201d, wenn da nicht noch viel mehr dranhinge. Vielen Menschen ist der Segen sehr wichtig. F\u00fcr sie ist das ein Moment in dem sie f\u00fcr sich etwas sp\u00fcren, was sie schlecht in Worte fassen k\u00f6nnen, aber was sie in den Tag und die kommende Woche hineintr\u00e4gt. Vielleicht scheint da wirklich das unsichtbare Licht Gottes auf diese Menschen. Ohne dass der Pfarrer etwas daf\u00fcr oder dagegen kann. Es geschieht einfach.<br \/>\nVielleicht ist das so etwas wie mit dem Vorfahrtsschild am Anfang der Predigt, bei dem man nichts dazu getan hat, einfach die Tatsache, dass hier \u201cSegen\u201d geschieht, kann da eine Ver\u00e4nderung bewirken.<\/p>\n<p><b><i>Symbole als Tr\u00e4ger der Gegenwart Gottes<\/i><\/b><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<br \/>\nim Symbol ist das, wof\u00fcr das Symbol steht, anwesend, vergegenw\u00e4rtigt. Ein Gedanke der spannend ist, wenn man ihn konsequent weiter denkt. Wenn man sich nicht von der Frage \u201cwie das denn gehen kann\u201d abhalten l\u00e4sst, sondern einfach das Potenzial, das in diesem Gedanken steckt auslotet.<\/p>\n<p>Was kann das hei\u00dfen?<br \/>\nIch denke an das Abendmahl, Brot und Wein, die uns an Leiden und Sterben Jesu erinnern. Und ich stelle mir vor, dass Jesus durch dieses Feiern im Altarraum mitten unter uns ist. Er als der eigentliche Gastgeber, der uns hier so um sich schart, wie seine J\u00fcnger damals am letzten gemeinsamen Abend. Gegenwart Jesu im Symbol.<\/p>\n<p>Ich denke an mache Symbole unserer katholischen Glaubensgeschwister. Da haben wir manches zur\u00fcckgelassen, was uns auch gut tun w\u00fcrde. Luther selbst hat den Evangelischen die Praxis des sich Bekreuzigens empfohlen. Eine Handbewegung, die mir das Kreuz Jesu auf den Leib zeichnet, und damit ihn mir so nahe r\u00fcckt, wie sonst kaum etwas. Im sich Bekreuzigen r\u00fccke ich Gott ganz nahe zu mir, stelle mich in sein Licht, unter seinen Schutz und Segen.<\/p>\n<p>Oder das Grablicht, das gerade in der letzten Woche zu Allerseelen wieder Konjunktur hatte. Das Grablicht, ein Symbol, das das Licht der Auferstehung schon jetzt auf dem Grab andeutet. Hier geht es nicht um Schnickschnack, Halloween oder Kunstgewerbe am Grab, sondern um ein Zeichen der Hoffnung auf Auferstehung und der Verbundenheit mit den Verstorbenen. Weil mit dem Tod eben nicht alles aus ist, lasse ich auf dem Grab auch nicht das Licht ausgehen. Ein sch\u00f6nes Symbol finde ich.<\/p>\n<p><b><i>Symbole sind zerbrechlich<\/i><\/b><\/p>\n<p>Aber ich wei\u00df auch, dass sich nicht jeder davon begeistern lassen wird. Denn Symbole sind ein Angebot. Zum Hinsehen und zum Nutzen. Sie dr\u00e4ngen sich einem nicht auf. Sie sind da, still, und oft unspektakul\u00e4r.<\/p>\n<p>Und darum werden sie in unserer lauten und schnellen Zeit auch oft \u00fcbersehen und nicht ernst genommen. So bleiben sie Sch\u00e4tze, die nicht gehoben werden. Oder &#8211; ich denke an den Kruzifixstreit in Bayern vor 6 Jahren &#8211; man versucht sie als alten Ballast zu entsorgen, ohne zu wissen, was man da eigentlich tut.<\/p>\n<p>Wenn wir sie aber wahrnehmen, uns auf ihre Form der Wirklichkeit einlassen, k\u00f6nnen sie uns durch das, was sie mitbringen, beschenken lassen. Vielleicht bietet sich Ihnen ja in den kommenden Wochen einmal die M\u00f6glichkeit, ein Symbol neu zu entdecken.<br \/>\nWie ist das, wenn nach einem Streit, bei dem die Fetzen flogen und man mit unfairen Mitteln den Partner zu Schnecke gemacht hat &#8230; wenn man dann zum Abendessen gemeinsam unterm Kreuz im Esszimmer Platz nehmen will. &#8211; Sp\u00fcrt man da vielleicht, dass au\u00dfer \u201cAppetit\u201d noch ein paar andere Worte n\u00f6tig w\u00e4ren?<br \/>\nOder m\u00f6glicherweise trauen Sie sich vor der n\u00e4chsten Glatteisfahrt, ein Kreuz zu schlagen. Nicht aus Todesangst, sondern weil sie sich selber sagen wollen. Ich fahre, und vertraue, dass Gott dabei ist.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcnsche Ihnen ein bereicherndes Entdecken.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Gemeinde wir sind umgeben von Symbolen. Vorne an der Ringstra\u00dfe zeigt ein auf dem Kopf stehendes Dreieck an, dass wir warten m\u00fcssen, bis kein anderes Auto kommt. 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