{"id":1284,"date":"2010-10-31T21:44:54","date_gmt":"2010-10-31T19:44:54","guid":{"rendered":"http:\/\/pastors-home.de\/?p=1284"},"modified":"2014-05-25T21:49:44","modified_gmt":"2014-05-25T19:49:44","slug":"predigt-durch-die-jahrhunderte-suender-und-gerechtfertigte-roemer-323-f-31-oktober-2010","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pastors-home.de\/?p=1284","title":{"rendered":"Predigt: Durch die Jahrhunderte: S\u00fcnder und Gerechtfertigte (R\u00f6mer 3,23 f) 31. Oktober 2010"},"content":{"rendered":"<blockquote><p><span style=\"color: #800080;\">In diesem Jahr fallen Reformationstag und Gollh\u00f6fer Kirchweih zusammen. So gehts zur Kirchweih um eine biblische Kernstelle reformatorischer Theologie.<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><b><i>Szene 1494 &#8211; Angst und Ablass<\/i><\/b><\/p>\n<p>Sommer 1494, erst vor wenigen Monaten war die neue Gollh\u00f6fer Kirche eingeweiht worden. \u00dcber einige Jahre hinweg hatte man daran gebaut, alle haben mitgeholfen. Besser gesagt: hatben mithelfen m\u00fcssen, denn die strenge Obrigkeit, der Erbschenk aus Einersheim achtete darauf, dass jeder seine Pflicht an Frondiensten ableistete. Sonntags sitzen sie dicht gedr\u00e4ngt auf den rohen Holzb\u00e4nken. Es ist kalt, vorn im weiten Altarraum steht ein einfacher Tisch mit einem Kreuz. F\u00fcr mehr hatten die Spenden und Gaben der Gl\u00e4ubigen und des F\u00fcrsten nicht gereicht.<br \/>\nEhrf\u00fcrchtig folgen sie dem Gottesdienst, auf Latein wird er gehalten. Die meisten verstehen kein Wort, und doch vertrauen sie: Das, was da geschieht, soll sie retten vor dem Zorn Gottes, der mit scharfen Augen jede Schandtat, jede b\u00f6se Begierde, jeden ungeh\u00f6rigen Gedanken erkennt und bestraft. Hier in der Kirche gibt es Hoffnung, dass Gott nicht ganz so unnachsichtig die S\u00fcnden bestraft, dass das Fegefeuer nicht ganz so lange dauern wird, wie es der Priester ihnen androht. Dass man vielleicht doch in den Himmel eingelassen wird. <!--more--><\/p>\n<p>An diesem Tag hat der Gottesmann eine gute Nachricht, die er nach dem Abschluss des Gottesdienstes auf deutsch bekanntgibt: Liebe Gollh\u00f6fer M\u00e4nner und Frauen, unser allerheiligster Papst Alexander VI hat verf\u00fcgt: Ab sofort k\u00f6nnt ihr Ablass von euren S\u00fcndenstrafen erhalten. Wer an Mariae Empf\u00e4ngnis, St. Katharina, St. Barbara, Ottilia oder an unserer Kirchweih in unsere Kirche kommt, der kann f\u00fcr wenig Geld einen Ablass erhalten, der f\u00fcr 100 Tage von allen S\u00fcndenstrafen befreit. Das Geld, das ihr daf\u00fcr bezahlt, wird unserer Johanniskirche zugute kommen, damit wir sie w\u00fcrdevoll ausstatten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><b><i>1560: Reformation bricht sich Bahn<\/i><\/b><\/p>\n<p>Mehr als ein halbes Jahrhundert sp\u00e4ter: Die Reformation hat auch in Gollhofen Fu\u00df gefasst Die Kirche, ist die gleiche, die Bibel auf dem Altar auch, der Gott, zu dem sie beten ebenso. Aber doch ist manches anders geworden. Der Pfarrer tr\u00e4gt nicht mehr den pr\u00e4chtigen Chorrock wie seine Vorg\u00e4nger, ein schlichter schwarzer Talar, wie ihn die Gelehrten tragen, ist sein Gewand. Deutsch redet er im Gottesdienst, er predigt von Vergebung, weil Jesus f\u00fcr die S\u00fcnden der Menschen gestorben ist. Und wenn er davon spricht, dass Gott nicht auf unsere Taten sieht, sondern nur ein gl\u00e4ubiges Herz sehen will, da h\u00f6rt man so manchen erleichterten Seufzer in den Kirchenb\u00e4nken. Nicht die Angst treibt die Leute hierher, sondern die Hoffnung.<\/p>\n<p>\u201eJa, was bin ich froh, dass wir erkannt haben dass wir aus Glauben vor Gott gerechtfertigt sind.\u201d, dieser Gedanke geht ihm durch den Kopf als er sich nach dem Gottesdienst in der Sakristei umzieht. Im Eck steht noch die h\u00f6lzerne Kasse mit den geschmiedeten Beschl\u00e4gen &#8211; darin hatte man einst die Gelder des Ablassverkaufs gesammelt. Jetzt lagerten darin die Weinflaschen f\u00fcr das Abendmahl. Zuerst hatte man nach Einf\u00fchrung der Reformation \u00fcberlegt, die Kasse einfach als normalen Spendenkasten aufzustellen. Aber dann hatten sich Pfarrer und Schulthei\u00df geeinigt: Weg mit dieser Kiste, die uns an diese Zeit der Angst und des Ablasses erinnert. Niemand soll wieder das Gef\u00fchl bekommen, dass man sich das Himmelreich durch Geld oder gute Taten verdienen kann.<\/p>\n<p><b><i>2010 &#8211; Neuer Rechtfertigungsdruck an anderer Stelle <\/i><\/b><\/p>\n<p>Ich gehe nochmal 450 Jahre weiter und bin im jetzt. Die Kirche ist immer noch die gleiche; blo\u00df nicht mehr ganz so voll wie bei ihrer Einweihung. Die Bibel ist auch noch die gleiche, nur eben neu gedruckt und sprachlich \u00fcberarbeitet. Und Gott, der hier inmitten der Gemeinde gegenw\u00e4rtig ist, der ist uns nach wie vor ein Geheimnis, aber immerhin der gleich wie damals.<br \/>\nDie Menschen &#8230; ja da hat sich viel getan. Ihnen scheinen die Gedanken der Reformation vor fast 500 Jahren in Fleisch und Blut \u00fcbergegangen zu sein. Nicht ein Hauch der Angst vor einem j\u00fcngsten Gericht. Das Fegefeuer kennt man nur aus dem Geschichtsunterricht.<br \/>\nDass Gott uns sowieso vergibt und uns so annimmt, wie wir sind; das scheint sich als eine Art neues Glaubensbekenntnis zu etablieren. Wenn du fragst, worum es im Glauben geht: Immer wieder kommt das Bild eines universell-freundlichen Gottes, der sowieso nichts anderes will, als uns gl\u00fccklich zu machen, und dem deshalb so ziemlich alles andere egal ist.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<br \/>\nerstaunlich, wie die Reformation diese Kirche durchdrungen hat. Dort wo einst Angst vor Gott, Verunsicherung, ob man denn Gottes Anforderungen gerecht wird, die Leute geplagt hat, da ist eine Freiheit gewachsen, die sich Luther nie h\u00e4tte vorstellen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Denn er kannte das aus eigener Erfahrung, den Zwang alles richtig zu machen, sich den gesetzten Normen anzupassen. Die Frage, ob man denn alles recht macht, ob man den passt, &#8211; die gibts heute nicht mehr. Oder vielleicht doch?<\/p>\n<p>Die bohrende Frage, ob man denn gut genug aussieht, ob man noch konkurrieren kann mit den mageren Models der Casting-Shows. Sind meine Beine lang genug, der Bauch flach genug, die Busen gro\u00df genug?<br \/>\nDie fragenden Augen, wenn dein Auto nicht zum Niveau der Nachbarn passt.<br \/>\nDie schwei\u00dfnassen H\u00e4nde beim kalkulieren des Hausbaus: K\u00f6nnen wir es uns denn leisten, die Doppelgarage, den extra-Erker, die Badewanne mit Whirpool-Funktion? Aber was hilfts, die andern habens ja auch! Das muss dan halt irgendwie gehn.<br \/>\nDie seltsamen Anspielungen des jungen Kollegen, der so beil\u00e4ufig erw\u00e4hnt, dass du dies oder jenes in deinem Alter halt nicht mehr hinbekommst, da m\u00fcssen halt die Jungen, die fitten Leute ran. Und du \u00fcberlegst, ob du f\u00fcr die Firma bald nur noch als \u00fcberfl\u00fcssige Kostenstelle angesehen wirst.<\/p>\n<p><b><i>S\u00fcnder und Gerechtfertigter im Laufe der Jahrhunderte<\/i><\/b><\/p>\n<p>Liebe Gollh\u00f6fer,<\/p>\n<p>Rechtfertigung des S\u00fcnders ist das Thema der Reformation.\u00a0 Und pl\u00f6tzlich merke ich, dass diese alte Fragestellung in ganz anderen Lebensbereichen wieder neu aufgeworfen wird. Schauen wir doch mal darauf, ob die zentrale Bibelstelle zum Thema auch heute noch was dazu beitragen kann. Paulus hat es im R\u00f6merbrief eigentlich klar auf den Punkt gebracht: \u201eDenn alle haben ges\u00fcndigt und erlangen nicht die Herrlichkeit Gottes\u00a0 und werden umsonst gerechtfertigt durch seine Gnade, durch die Erl\u00f6sung, die in Christus Jesus ist.\u201d (R\u00f6m 3, 23-24)<\/p>\n<p>Oder mit anderen Worten:<\/p>\n<p>Wir alle haben Fehler,<br \/>\nwir alle haben Schw\u00e4chen<br \/>\nwir alle haben unsere Macken, wir wissen, dass es \u201eanders\u201d besser, sch\u00f6ner und idealer w\u00e4re, aber wir kriegen es eben nicht hin.<\/p>\n<p>Und genau denen sagt Paulus: Wenn du dich Jesus anvertraust, dann erlebst du, dass Gott dir sagt:\u00a0 Es ist in Ordnung, dass nicht alles in Ordnung ist. S\u00fcnder sein und Rechtfertigung, Vergebung zu erleben. Das geh\u00f6rt zusammen.<br \/>\nUnd so entfaltet diese Botschaft durch die Jahrhunderte ihre eigene Auspr\u00e4gung. Sie sagt dem Gollh\u00f6fer des Mittelalters: Du bist Gottes Kind, er hat dich bei der Taufe angenommen, und der wird dich auch dann mit offenen Armen empfangen, wenn du verdreckt und l\u00e4diert wie der verlorene Sohn zur\u00fcckkommst. Du brauchst keine Angst haben.<br \/>\nGott sagt zu den Gollh\u00f6fern zur Zeit der Reformation: Ich freue mich, wenn ihr euch mit allen euren Fehlern ohne Furcht mir anvertraut. In meinen liebevollen Augen seid ihr gerecht, weil ihr glaubt. Und ich werde euch Kraft geben, euer Leben in Zukunft dem Glauben entsprechend zu gestalten.<br \/>\nEr sagt zu den Gollh\u00f6fern 2010 &#8230;\u00a0 ja, was wird er denn zu uns Menschen heute sagen?<\/p>\n<p>Vielleicht w\u00fcrde er uns erstmal wachr\u00fctteln: Hey, ihr Menschen habt da was durcheinandergebracht, ihr habt anscheinend nicht richtig zugeh\u00f6rt! Was hat Paulus gesagt: Ihr seid S\u00fcnder und durch den Glauben Gerechtgesprochene? Beides!!<br \/>\nAlso ihr S\u00fcnder&#8230;<br \/>\nAlso tut nicht so, als w\u00e4re alles in bester Ordnung. Schaut nur drauf, was ihr tagt\u00e4glich so alles verbrecht! Gesteht es euch doch ein, dann kann man auch was dran \u00e4ndern! Wenn ihr euch selber alles sch\u00f6nredet, dann ist euch n\u00e4mlich nicht zu helfen.<\/p>\n<p>Stop &#8211; Liebe Gemeinde, da muss ich diese Moralpredigt mal kurz unterbrechen. Denn ich glaube nicht, dass wir einfach eine Generation von starrsinnigen \u00dcbelt\u00e4tern sind. Ich habe da eine andere Beobachtung: Wir Menschen haben unsere Welt in den letzten Jahrzehnten immer komplexer gemacht. Wir sind umgeben vom Abh\u00e4ngigkeiten und Zw\u00e4ngen. Da ist man oft nicht mehr Herr aller seiner Entscheidungen, sondern muss reagieren, muss handeln, auch wenns einem oft anders lieber w\u00e4re. Ich w\u00fcrde meinen Hof, oder mein Pfarramt vielleicht gerne anders f\u00fchren, aber es geht nicht andres, weil die Rahmenbedingungen, Gesetze, Verordnungen, wirtschaftliche Zw\u00e4nge es anscheinend gar nicht anders zulassen.<br \/>\nAber das machts ja nicht automatisch \u201egut\u201d. Auch da sind wir Handelnde eines Systems, und machen mit. Wer wei\u00df, was in 40 Jahren unsere Enkel uns vorwerfen &#8230;<br \/>\nIhr seid S\u00fcnder &#8230; das diagnostiziert Paulus erstaunlich n\u00fcchtern . Aber er sagt ja noch mehr: Und durch den Glauben gerechtgesprochen.<br \/>\nUnd da steckt viel mehr drin als nur \u201eGott vergibt dir\u201d. Er sagt ja: Weil ich dich mit der Liebe Jesu anschaue, sage ich dir: Dein Leben ist in Ordnung! Und das k\u00f6nnte Folgen haben:<\/p>\n<p>Du brauchst kein Haus, das genauso sch\u00f6n und gro\u00df ist, wie das deiner Nachbarn. Du bist auch so etwas besonderes.<br \/>\nDein Selbstbewusstsein soll davon gepr\u00e4gt sein, dass du von Gott und Menschen geliebt wirst, da musst du dann nichts mit einem obercoolen Auto oder einem I-Phone aufmotzen.<br \/>\nDu bist eine Erfindung Gottes, und er hat dir eine Pers\u00f6nlichkeit geschenkt, die unabh\u00e4ngig vom \u00dcbergewicht, Haarausfall, Cellulite oder Pickeln ist.<br \/>\nDu mit deinen St\u00e4rken, deinen Begabungen, du sollst wissen, dass du mehr Wert bist, als je ein Arbeitgeber bezahlen k\u00f6nnte.<br \/>\n&#8211; Auch das ist Rechtfertigung, die uns befreien kann von manchen Zw\u00e4ngen, die wir uns selber auferlegen.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<br \/>\nbald sind es 500 Jahre, dass Martin Luther seine bahnbrechenden Thesen in Umlauf gebracht hat. Fast h\u00e4tte man denken k\u00f6nnen, das ist alles so lang her &#8230; das ist entweder veraltet oder eh schon l\u00e4ngst kapiert.<br \/>\nNein. Wir brauchen es immer wieder neu. Dass wir uns an die beiden H\u00e4lften unseres Menschseins erinnern:<\/p>\n<p>Wir sind nicht perfekt, und das sollten wir uns eingestehen, und sehen, was wir besser machen k\u00f6nnen. Und: Wir sind von Gott trotz unserer Fehler und Schw\u00e4chen angenommen. Und wenn der Herr der Welt mir sagt: Du bist in Ordnung. Dann kann ich auf die Urteile von Castingshows und sonstigen Besserwissern getrost pfeifen.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesem Jahr fallen Reformationstag und Gollh\u00f6fer Kirchweih zusammen. So gehts zur Kirchweih um eine biblische Kernstelle reformatorischer Theologie. Szene 1494 &#8211; Angst und Ablass Sommer 1494, erst vor wenigen Monaten war die neue Gollh\u00f6fer Kirche eingeweiht worden. \u00dcber einige Jahre hinweg hatte man daran gebaut, alle haben mitgeholfen. 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