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Predigt zum Karfreitag 2003: Joh 19, 16-30
"Die Zweite Wirklichkeit sehen"
18. April 2003
Pfarrer Alexander Seidel
Liebe Gemeinde,
Die Kreuzigung Jesu - eine Erzählung, die uns sehr bekannt erscheint.
An Karfreitag wird traditionell darüber gepredigt. Man könnte meinen:
Alle Jahre müsste die gleiche Predigt kommen. Aber sie wissen als Gottesdienstbesucher
aus jahrelanger Erfahrung: Es gibt immer etwas Neues zu entdecken.
Den Bericht des Johannesevangeliums haben sie eben bereits in der Lesung
gehört. Der Evangelist Johannes hat diese Kreuzigung in vielen kleinen
Szenen dargestellt: Zunächst die Kreuzigung selbst, dann der Streit
über die Inschrift "König der Juden", die Soldaten, die um Jesu
Gewand würfeln, das Gespräch des Gekreuzigten mit Maria und am
Schluß Jesu Tod.
Ich möchte mit ihnen diese fünf Szenen mit offenen Augen entlanggehen, und schauen was wir da entdecken können.
Erste Szene: Kreuzigung
Sie nahmen ihn aber, und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte,
die da heißt Schädelstätte, auf hebräisch Golgatha.
Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte.
Kürzer als in diesen Zeilen kann man die Kreuzigung Jesu wohl kaum beschreiben.
Der Evangelist erwähnt den Weg vom Palast des Pilatus bis nach Golgatha
nur nebenbei. Kein Wort über Simon von Kyrene, der Jesu Kreuz getragen
hat, kein Detail über die Menschen am Straßenrand.
Johannes beschreibt unglaublich sparsam, ohne große Dramatik.
Ihm ist das Drama der Kreuzigung, die Tumulte und das Geschrei weniger wichtig
als etwas Anderes: Er möchte unser Augenmerk auf etwas Bedeutenderes
richten: Auf eine Wirklichkeit, die hinter dem Geschehen liegt, welche das
Auge sieht.
Das Tragische der Kreuzigung, die menschliche Katastrophe die sich hier ereignet;
das kennt Johannes zur Genüge - und er geht davon aus, dass wir als
Leser des Evangeliums das alles auch kenen.
Er möchte in seiner Darstellung, in den folgenden Szenen, unsere Augen
für etwas anderes öffnen: Für die zweite Wirklichkeit hinter
dem Sichtbaren.
Zweite Szene: Titulatur
Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und
es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der König der Juden.
20 Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt
wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer,
lateinischer und griechischer Sprache.
21 Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreib nicht: Der
König der Juden, sondern, daß er gesagt hat: Ich bin der König
der Juden.
22 Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.
Eine seltsame Begebenheit. Was steckt da dahinter?
Pilatus wollte Jesus ursprünglich nicht zum Tode verurteilen. Die Anklage,
Jesus würde sich als Sohn Gottes bezeichnen, erschien ihm viel zu unbedeutend.
"Ich finde keine Schuld an ihm" hat Pilatus gesagt. Er bietet die Freilassung
an, aber stattdessen wollen die jüdischen Oberen den Räuber Barrabas
frei bekommen. Und Jesus wollen sie gekreuzigt sehen. Letztlich haben sie
sich mit ihrem Geschrei durchgesetzt.
War diese Schrift am Kreuz vielleicht eine kleine Rache des Pilatus gegenüber
den Hohepriestern. Wollte er sie dadurch vielleicht ärgern? Denn wer
nun vor dem Kreuz stand konnte lesen: Hier hängt der König der
Juden am Kreuz. Das hatten sie nicht beabsichtigt.
Diese Episode mit dem Hick-Hack zwischen Pilatus und den Hohepriestern wäre
dem Evangelisten Johannes wohl keine Zeile wert gewesen ... wenn er nicht
entdeckt hätte, das darin eine tiefere Wahrheit schlummert.
Der Messias, derjenige den Gott zur Erlösung seines Volkes schickt,
den hat man als König erwartet. Der Messias konnte kein anderer sein
als ein König der Juden. So sah die die Erwartung der Menschen in Israel
aus.
Darum ist dieser Titel am Kreuz so etwas wie eine versteckte Botschaft: Jesus
ist der von Gott gesandte König der Juden, nur eben in anderer Weise,
als es das Volk damals erwartet hat.
Und diese Botschaft gilt der ganzen Welt: Nicht nur in hebräisch ist
dieses Schild am Kreuz zu lesen, sondern auch in den beiden damaligen Weltsprachen
Latein und Griechisch. Jesu Tod hat eine Bedeutung über Jerusalem und
Israel hinaus. Jesus hat Bedeutung in Berlin, New York, Bagdad und Gollhofen.
Dritte Szene: die Soldaten
Als aber die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider
und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch das
Gewand. Das war aber ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück.
24 Da sprachen sie untereinander: Laßt uns das nicht zerteilen, sondern
darum losen, wem es gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt
werden, die sagt (Psalm 22,19): »Sie haben meine Kleider unter sich
geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.«
Es ist immer wieder erschreckend wenn man sieht, wie Menschen miteinander
umgehen. Damals hatte man demjenigen, der gekreuzigt wurde seine Kleider
weggenommen und seinen Henkern als Lohn gegeben. Vor den Augen des Gekreuzigten
wird sozusagen die Beute geteilt. Enteignung schon vor den Tod.
Ein seltsames Detail: Jesu Untergewand war aus einem ganzen Stück gewebt.
Das war den Soldaten zu wertvoll um es mit dem Messer auseinander zu schneiden
um es untereinander zu teilen. Darum losen sie lieber darum, wer es im Ganzen
bekommen soll. Verkehrte Welt: die Männer, die dieses Stückchen
Stoff so sorgfältig und umsichtig behandeln haben kurz vorher mit Routine
Eisennägel durch die Handgelenke und die Fußrücken von drei
Menschen gebohrt. Sie haben Das Leben von Menschen zerstört, und sorgen
sich um zwei Quadratmeter Leinen.
In alledem entdeckt Johannes einen ihm wichtigen Zusammenhang: Im Psalm 22
ist doch genau diese Szene beschrieben; sie haben meine Kleider unter sich
geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen. Für Johannes
ist das kein Zufall. Für ihn bedeutet das: Die Kreuzigung Jesu ist keine
katastrophale Panne, und auch dieser Frevel mit den Kleidern ist eigentlich
keine zusätzliche Demütigung Jesu: Sondern umgekehrt merkt er genau
daran, dass dies alles so kommen musste.
Jesus hat sich auf Gottes Plan eingelassen und ist deshalb diesen Weg gegangen.
Vierte Szene: Maria und der Lieblingsjünger
Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter
Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala.
26 Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebhatte,
spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn!
27 Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.
Diese Szene, liebe Gemeinde, finden wir nur bei Johannes. Er ist auch der
einzige, der an mehreren Stellen von diesem Lieblingsjünger schreibt.
Jesus verweist die beiden aneinander. Maria erhält quasi einen neuen
Sohn hinzu.
Viel können wir da hinein deuten.
- War es ein letztes sozusagen testamentarisches Ordnen, durch das Jesus
sicherstellen wollte, dass seine Mutter auch nach seinem Tod jemanden hatte,
der sie versorgen sollte - denn schließlich war das ja die Aufgabe
der Söhne gegenüber ihren Eltern.
- Oder schlägt da ein schlechtes Gewissen durch; wollte Jesus seine
Mutter nicht alleine zurücklassen, die so vieles seinetwegen durchgemacht
hatte? - Die unerwartete Schwangerschaft ohne Zutun des Vaters, die bösen
Worte von Nachbarn, die sich darüber beklagten, das sich Marias Sohn
doch wohl viel zu wichtig nehmen würde, wenn er Jünger sammelt
und durch die Lande zieht. Und nun der Schmerz angesichts des frühen
schmachvollen Todes des Sohnes. Wollte Jesus ihr eine verständnisvolle
Person an die Seite stellen?
Alle diese Überlegungen gehören zum Bereich der sichtbaren Wirklichkeit. Und welche davon stimmt wissen wir nicht.
Dahinter entdecke ich noch etwas anderes: Der Tod Jesu am Kreuz stiftet Gemeinschaft zwischen diesen beiden.
Ohne Jesu Tod wären die beiden einander fremd geblieben.
Der Tod Jesu stiftet Gemeinschaft! Normalerweise zerstört ja der Tod
menschliche Gemeinschaft, aber in diesem Fall scheint es anders zu sein.
Und dafür ist diese kleine Szene wohl ein Hinweis.
In Abendmahl, dass wir auch heute feiern werden, denken wir an diesen Tod
Jesu und erfahren zugleich Gemeinschaft bei Brot und Wein, den Symbolen für
Jesu Leben und Sterben.
Zu uns Menschen sagt der Gekreuzigte: „Du Gollhöfer, der neben dir,
- den Du vielleicht heute zum ersten Mal siehst - das ist dein Bruder,
und die andere ist deine Schwester." Sein Tod verweist uns Christen aneinander,
weil wir im Abendmahl Anteil an diesem Sterben haben.
Fünfte Szene: Jesus stirbt
Danach, als Jesus wußte, daß schon alles vollbracht war, spricht
er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet.
29 Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen
Schwamm mit Essig und steckten ihn auf ein Ysoprohr und hielten es ihm an
den Mund.
30 Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! und neigte das Haupt und verschied
Der Tod Jesu, wie er hier beschrieben ist, verwundert mich. Jesus Christus
erscheint hier eigentlich nicht als das gefolterte und ans Kreuz genagelte
Opfer, sondern fast schon als Herr der Lage.
Als er erkennt, dass er fast alles getan hat, was zu tun war, verlangt er
noch etwas zu trinken, nimmt vom Essig und stirbt mit den Worten: " Es ist
vollbracht".
Kein Todeskampf, kein offensichtliches Leiden oder Hadern mit dem Schicksal.
Diese zweite Wirklichkeit, von der ich gesprochen habe reicht an dieser Stelle
bis in das wahrnehmbare, in das sichtbare Geschehen hinein.
Es wird deutlich: Jesus ist seinen Weg gegangen, den er im Auftrag des Vaters
beschreiten wollte. Von Anfang bis zum Ende. Und weil der Tod am Kreuz nicht
sein Scheitern bedeutet, sondern die Erfüllung seines Auftrags, bleibt
etwas von der Souveränität Jesu als Gottes Sohn sichtbar.
Das Schild mit den Worten " Jesus von Nazareth, König der Juden" hing wohl doch zurecht an diesem Kreuz.
Schluss
Liebe Gemeinde
beim Nachdenken über diese Verse im Johannesevangelium ist mir etwas
wieder neu deutlich geworden: Vor den Augen der Öffentlichkeit damals
war Karfreitag eine Katastrophe für Jesus und seine Jünger. Erschütternd,
brutal, und scheinbar auch sinnlos. Ein Leiden, ein Tod, der nicht hätte
sein müssen.
Eher unsichtbar war dahinter aber ein Plan - ein Plan Gottes mit Jesus Christus für uns Menschen.
Ein Plan, den die Menschen erst im nachhinein verstanden haben ; nach Ostern
und Auferstehung. Erst im nachhinein konnte Johannes diese Details
ist in den letzten Stunden Jesu deuten.
Vielleicht ergeht es uns Menschen manchmal ganz ähnlich. Wir hadern
mit dem, was uns widerfährt, weil wir nicht wissen wohin unser Weg uns
führt. Manchmal wird erst im nachhinein die zweite Wirklichkeit hinter
dem offenkundigen Leiden und den offensichtlichen Schwierigkeiten sichtbar
; die zweite Wirklichkeit, die geprägt ist von der Liebe Gottes zu uns
Menschen.
AMEN
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