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Predigt zur Kirchweih in Gollhofen - 27. Oktober 2002
1. Joh 2, 7-17: Wie machst du deinen Weg?
Pfarrer Alexander Seidel - Gollhofen
Liebe Gemeinde,
unser heutiger Predigttext steht im Ersten Johannesbrief. Drei Johannesbriefe
finden wir in unserer Bibel.
In ihnen schreibt der alte Apostel an „seine" Gemeinde. Anders als bei Paulus
sind das keine Briefe an Gemeinden, die hunderte von Kilometern entfernt
waren, und ihren Gründer nur ganz selten sahen oder von ihm hörten.
Die Johannesbriefe gehen an eine Gemeinde, die der Schreiber sehr gut kennt.
Man ist miteinander vertraut, und das merkt man bisweilen auch an den Formulierungen.
Allerdings schreibt Johannes gerne etwas weitschweifig und mit einem eigenen
Stil.
Um diesen Text ihnen vorzulesen, habe ich eine neuere Übersetzung gewählt.
(Hoffnung für alle)
7 Was ich euch jetzt schreibe, meine Lieben, ist für euch nicht neu.
Es ist kein neues Gebot, sondern die Botschaft Gottes, die ihr von Anfang
an gehört habt.
8 Und trotzdem ist dieses Gebot neu, weil Christus es verwirklicht
hat und ihr jetzt danach lebt. Denn die Finsternis schwindet, weil das wahre
Licht - Jesus Christus - für uns leuchtet.
9 Nun kann freilich jeder behaupten, daß er in diesem Licht
lebt. Wenn er aber seinen Bruder haßt, dann beweist er damit nur, daß
er immer noch in der Finsternis ist.
l0 Nur wer seinen Nächsten liebt, der lebt wirklich im Licht.
An ihm läßt sich nichts Anstößiges finden.
11 Wer da gegen seinen Nächsten haßt, der lebt ganz und
gar in der Finsternis und weiß nicht, wohin er geht. Er ist wie ein
Blinder, der nichts sehen kann in all der Dunkelheit, die ihn umgibt.
12 Ihr aber, meine geliebten Kinder, müßt nicht hilflos
in der Finsternis umherirren; denn durch Jesus Christus ist eure Schuld vergeben.
13 Euch Väter soll mein Brief im Glauben ermutigen; ihr kennt
ja Christus, der schon immer, von aller Ewigkeit her, da ist. Ich schreibe
aber auch euch, ihr jungen Leute; denn ihr habt den Bösen besiegt.
14 Euch Kindern schreibe ich, weil ihr den Vater kennt. Ebenso habe
ich euch Vätern geschrieben, weil ihr den kennt, der von allem Anfang
an da war. Und euch, ihr jungen Leute, habe ich geschrieben, weil ihr in
euerm Glauben stark geworden seid. Gottes Wort ist in euch lebendig, und
ihr habt den Bösen besiegt.
15 Liebt nicht diese Welt, die von Gott nichts wissen will. Hängt
euer Herz nicht an sie, auch nicht an irgend etwas, das zu dieser Welt gehört.
Denn wer die Welt liebt, kann nicht zugleich Gott, den Vater, lieben.
16Was gehört nun zum Wesen dieser Welt? Menschliche Leidenschaften,
die Gier nach Besitz und Macht, überhaupt ein Leben voller Selbstgefälligkeit
und Hochmut. All dies kommt nicht von Gott, unserem Vater, sondern gehört
zur Welt.
17 Die Welt aber mit ihren Verführungen und Verlockungen wird
vergehen. Nur wer den Willen Gottes tut, wird bleiben und ewig leben.
Liebe Gemeinde,
viel steckt drin, in diesen Worten, und in dieser Vielfalt wird es auch leicht
unübersichtlich.
Man kann aber auch ein gemeinsames Thema entdecken: „Der Lebensweg des Christen
- und wie man ihn führt". Und dabei stellt Johannes zwei Fragen an seine
Leser - und die dürfen wir als Christen auch gerne an uns selber stellen:
Die erste Frage: „Wie gehst du auf deinem Weg mit deinen Nächsten um?"
Die zweite Frage: „Wie findest du deinen Weg zwischen Gott und der Welt?"
„Wie gehst du auf deinem Weg mit deinen Nächsten
um?"
Zur ersten Frage: „Wie gehst du auf deinem Weg mit deinen Nächsten um?"
Für Johannes ist es ganz klar: Als Christen gehen wir den Weg des Lichtes
- nicht den Weg der Dunkelheit. Denn schließlich haben wir in Christus
denjenigen, der uns das Licht ist. Von ihm her wird unser Lebensweg ausgeleuchtet.
Seine Zuwendung zu uns macht es hell, die Hoffnung auf sein kommendes Reich
strahlt vom Horizont her. Seine Nähe macht auch düstere Passagen
licht, und weist mit seinen Strahlen einen Weg in die Zukunft. So steht hier:
Denn die Finsternis schwindet, weil das wahre Licht - Jesus Christus - für
uns leuchtet. - Als Christen haben wir es gut.
Aber Vorsicht - sagt Johannes. Ganz schnell kannst du auch im Finstern
stehen; nämlich dann, wenn du deinen Nächsten hasst und verachtest.
Wer das tut, tritt ganz schnell vom Licht in die Finsternis, wo man nichts
mehr sieht und wie blind gegen alles stößt, über alles stolpert,
was sich ihm in den Weg stellt.
Der Weg der Verachtung und des Hasses kann kein Weg im Licht sein. Nur der
Weg der Liebe zum Nächsten ist der Weg im Licht.
Eigentlich klingt das ganz einfach, und ist für uns als Christen wirklich
nichts neues. Und wenn sie jetzt eine Schulkasse wären, würde ich
erwarten, dass oben auf der Empore schon jemand demonstrativ gähnen
würde und halblaut sagen würde: „Ja, Herr Pfarrer, das kennen wir,
das haben wir doch schon x mal in den letzten Jahren durchgenommen... "
Ja! Wir kennen das alle, schon von Kind an. --- Aber dennoch ist es immer
wieder unheimlich schwer. Die Frage „Wie gehst du auf deinem Weg mit deinen
Nächsten um?" erinnert mich daran, wie ich mit Menschen umgehe, über
die ich mich ärgere. Da gibt es welche, da sehe ich, dass sie sich anders
verhalten, als ich es mir wünschen würde. Oder es ist jemand, der
nicht zu mir passt, der ganz anders ist, der wohl niemals mein Freund werden
würde, weil wir zwei einfach so unterschiedlich sind.
Da merke ich, wie das Gefühl der Abneigung entsteht. Ich merke, dass
daraus auch Feindschaft oder Verachtung werden könnte. Dann nämlich,
wenn ich innerlich immer nur mich als richtig und den Andern als falsch ansehe.
- Und dabei bin ich schon mitten dabei, mich selbst mit großen Schritten
in die Finsternis zu begeben.
Es ist nicht immer leicht, den anderen so zu achten, wie sich selber auch;
anzuerkennen, dass der Andere genauso von Gott geliebt wird, wie ich auch.
Daran zu denken, dass Jesus für dessen Fehler genauso gestorben ist
wie für meine.
„Wie gehst du auf deinem Weg mit deinen Nächsten um?" - Wie gut,
dass Johannes seine Gemeinde und auch uns wieder einmal daran erinnert.
„Wie findest du deinen Weg zwischen Gott und
der Welt?"
Da war noch eine zweite Frage: „Wie findest du deinen Weg zwischen Gott und
der Welt?"
Unser Predigttext nennt zwei Alternativen: „Wer die Welt liebt, kann nicht
zugleich Gott, den Vater, lieben."
Zwischen Welt und Gott - da müssen wir Menschen unseren Weg finden.
Auf welche Seite wollen wir uns schlagen; was liegt uns näher?
Da hilft es mir, zu wissen, was denn Johannes mit „der Welt" eigentlich meint.
Unter Welt verstehen wir heute ja eigentlich alles: Die Erdkugel, die Natur,
die Menschen, den Baum, das Fass Wein und den Wollpullover. Aber das kann
ja kaum gemeint sein! Denn das ist ja schließlich Gottes Schöpfung,
die er selbst für „gut" erklärt hat.
„Die Welt" in den Briefen des Johannes und auch im Johannesevangelium ist
etwas anderes: Das ist der Teil unserer Wirklichkeit, der Gott den
Rücken kehrt. Zur Welt ... gehört also derjenige, der beschlossen
hat, sein Leben ohne Gott zu führen. Wer Gott für sich als unbedeutend
erklärt hat, sich von ihm nichts erwartet und sich von ihm nichts sagen
lassen will, derjenige gehört zur „Welt" ... ist eben „weltlich".
„Wie findest du deinen Weg zwischen Gott und der Welt?" - Diese Frage zeigt
die Möglichkeiten:
- Ich kann Gott aus meinem Leben ausklammern. Kann sagen: „Es geht auch ohne!".
Dann werde ich mein Leben nach den Bedingungen und Eigengesetzlichkeiten
dieser Welt führen. Mit Chancen, Angenehmes und Gutes zu erleben; Spaß
zu haben. Ich begebe mich in die Dynamik einer Welt hinein, die ohne Gott
funktioniert. Ohne sein Reinreden zu ertragen, aber auch ohne seine Hilfe
zu erhoffen. Ich bin selbst mein Chef - ich bin vielleicht der einzige,
der in meinem Leben eine Rolle spielt. So ein Leben, das dem Lauf der Welt
folgt, ist auch hinsichtlich seines Endes vorhersehbar: Es endet als ein
Häufchen Staub.
- Die Alternative: Ich führe mein Leben bewusst mit Gott - natürlich
in der Welt. Natürlich ist auch dieses Leben vielen Zwangsläufigkeiten
der Welt unterworfen. Aber die sind nicht alles für mich: Ich weiß
um Gott, der mich im Leben begleitet. Da ist einer an dem ich mich festhalten
kann und der mir Orientierung geben kann. - Und zugleich weiß ich,
dass sich nicht die ganze Welt um mich dreht; und das diese Welt nicht das
einzige ist. Ich habe eine Perspektive, die über den Tod hinaus geht.
Aus dieser Perspektive heraus, liebe Gemeinde, habe ich ein ganz anderes
Verhältnis zu der Welt, die mich umgibt. Als Christ, weiß ich
um die Begrenztheit der Welt. Ich brauche mich nicht an diese Welt
klammern. Ich brauche nicht jede Möglichkeit der Lust, des Genusses
oder des Erfolgs ausnutzen und bis zum letzten auslutschen ... den ich weiß,
dass noch etwas besseres nachkommt.
Wer im Glauben lebt, hat sich ja schon längst für die Seite Gottes
entschieden. Wie die Leser des Johannesbriefes auch. Aber manchmal ist es
doch gut, wenn man sich immer wieder die Frage stellt: „Wie findest du deinen
Weg zwischen Gott und der Welt?"
Hast du noch die Distanz? Oder hat dich die Dynamik des Welt, das Sehnen
nach Macht, Geld, und Lust doch ein bisschen am Wickel?
Nutze die Welt, aber lass dich nicht von ihr gefangennehmen.
„...das wisst ihr ja alle schon"
Liebe Gollhöfer Gemeinde,
„was ich euch jetzt schreibe, meine Lieben, ist für euch nicht neu",
so steht es im Beginn unseres Predigttextes - und ich denke, sie haben das
alles auch nicht zum ersten mal gehört.
Sie kennen den Witz:
Am ersten Sonntag nach seiner Einführung hielt der neue Pfarrer eine
zündende Predigt, von der alle begeistert waren. Am Sonntag darauf waren
die Gottesdienstbesucher schon sehr gespannt - aber der Pfarrer hielt genau
die gleiche Predigt wie am Sonntag vorher. Man wunderte sich etwas - aber
man dachte der Pfarrer hätte zu Beginn seiner Tätigkeit, so viel
Arbeit, dass er keine Zeit für eine weitere Predigt gehabt hätte.
Man war bereit, ihm dies zuzugestehen.
Als er aber am dritten, vierten und fünften Sonntag wieder die gleiche
Predigt hielt, platzte den Zuhörern der Kragen: "Warum predigen Sie
immer das Gleiche?" fragten sie ihn.
Seine Antwort lautete: "Warum lebt Ihr noch genauso wie vor sechs Wochen?
Wenn Ihr das in die Tat umsetzt, was ich bisher gesagt habe, dann sage ich
euch etwas Neues!"
Ja, es ist nicht immer alles ganz einfach mit Leben zu füllen, was unseren
Glauben ausmacht, darum brauchen immer wieder die Erinnerung und Ermutigung,
den Weg des Glaubens weiter zu gehen.
Auch die Erinnerung an die zwei Fragen von heute:
„Wie gehst du auf deinem Weg mit deinen Nächsten um?" und
„Wie findest du deinen Weg zwischen Gott und der Welt?"
Und vor allem die Erinnerung daran, dass ihr Handeln nur die Antwort
sein kann auf die Zuwendung Gottes zu ihnen, die schon zuvor da war.
So energisch, wie Johannes christliches Handeln einfordert, genauso eindeutig
sagt er:
Das wahre Licht - Jesus Christus- leuchtet ja schon für euch, und eure
Sünden sind euch ja schon vergeben.
Auch die Kirchweih ist so ein besonderer Moment der Erinnerung. Wir denken
zurück an die Gründung der Kirchengemeinde in Gollhofen. Auch wenn
wir nicht genau wissen, wann im fünften oder sechsten Jahrhundert zum
ersten Mal in diesem Dorf ein christlicher Gottesdienst gefeiert wurde, oder
wann im Jahr 1493 diese Kirche geweiht wurde.
Wir dürfen zurückblicken auf die Geschichte des Glaubens in unserem
Dorf.
Und sie dürfen auch zurückblicken auf ihre persönliche Geschichte
mit ihrem Glauben. Vielleicht ist das gerade für die unter ihnen interessant,
die nicht mehr in Gollhofen wohnen, aber zur Kirchweih zurückkommen,
zurück ins Heimatdorf, heute morgen zurück in die Kirche, wo der
Taufstein steht über dem sie getauft wurden, wo Gott „ja" zu ihnen gesagt
hat.
AMEN
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