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Predigt zum Erntedankfest am 6. Oktober 2002
Hebr 13, 15-16: Von Opfern und Spenden
Pfarrer Alexander Seidel, Gollhofen
Liebe Gemeinde,
Zum Erntedankfest werden landauf landab die Kirchen richtig schön voll:
Nicht nur mit Gottesdienstbesuchern, sondern auch mit vielen vielen verschiedenen
Erntegaben. Viel können wir da entdecken: Kartoffeln, Zuckerrüben,
Tomaten und Äpfel, Getreide und die großen Kürbisse. Das alles
haben Sie, die Gollhöfer Gemeindeglieder, hier hergebracht, in die Kirche
als ein Dankeschön Gott gegenüber.
Unser Predigttext von heute ist nur ganz kurz, zwei kleine Verse aus dem
Ende des Hebräerbriefs. Darin ist die Rede von anderen Dingen, die wir
eigentlich auch am Erntedankfest zu Gott bringen könnten:
15 So laßt uns nun durch ihn (Jesus Christus) Gott allezeit
das Lobopfer darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen
Namen bekennen.
16 Gutes zu tun und mit andern zu teilen, vergeßt nicht; denn solche
Opfer gefallen Gott.
Von einem Lobopfer, guten Taten und dem miteinander Teilen, als Opfern,
die Gott gefallen, ist hier die Rede. Über diese drei Dinge möchte
ich heute zum Erntedankfest sprechen.
Das Opfer
Aber ich merke, dass mich die Rede vom Opfer hier ein wenig irritiert.
Opfer - irgendwie hat dieses Wort einen unangenehmen Klang. Vielleicht kommt
es davon, dass ich es tagtäglich im einen ganz anderen Zusammenhang höre:
In den Nachrichten ist die Rede von Unfallopfern und Verbrechensopfern. Und
im religiösen Zusammenhang fällt mein Blick auch auf blutige Opferrituale
in fernen Ländern oder in lange vergangenen Zeiten. Opfer - das klingt
erst einmal gar nicht positiv.
Da ist es dann für manche Menschen auch schwierig, wenn wir Pfarrer
in der Kirche am Sonntag davon reden, dass das Dankopfer heute für die
Weltmission bestimmt ist und die Konfirmanden und Präparanden herumgehen
und das Notopfer einsammeln.
Wie viel einfacher wäre es, wenn wir das Wort "Opefer" aus unserem
Sprachgebrauch streichen und durch "Spenden" ersetzen würden! Am Ausgang
stehen die Spendenbüchsen und unsere Jugendlichen sammeln demnächst
die Oktober-Spenden.
Aber es gibt einen gewichtigen Grund, der mich zur Vorsicht mahnt: Opfer
und Spende sind nämlich nicht unbedingt das gleiche:
Die Opfer, die Noah und Abraham für Gott auf steinernen Altären
dargebracht haben waren Opfer - aber keine Spenden.
In Opfer gebe ich etwas von dem, was ich von Gott geschenkt bekommen habe,
als Dankeschön an Gott zurück.
In der Spende gebe ich anderen Menschen etwas, weil die es brauchen.
Natürlich kann auch beides zusammenkommen: Wenn ich aus Dankbarkeit
Gott gegenüber anderen Menschen materiell unter die Arme greife; dann
ist das für mich ein Opfer vor Gott und zugleich natürlich eine
Spende von Mensch zu Mensch.
Vielleicht unterscheidet das uns als Kirche von anderen - karitativen oder
auch politischen - Unternehmen, die ebenfalls mit Spendengeldern umgehen:
Wir versuchen es in uns bewusst zu halten, dass das Geld, welches uns anvertraut
wird oft mehr als eine finanzielle Unterstützung ist ; nämlich oft
ein Ausdruck des Dankes Gott gegenüber - eben ein Dankopfer.
Das Lobopfer
Von diesen Gedanken her kann ich unsern Predigttext schon ein bisschen besser
verstehen: Dort ist im ersten Vers die Rede von einem Lobopfer. Dieses Lobopfer
ist die Frucht unserer Lippen.
Es gibt also mehr Möglichkeiten, Gott "danke" zu sagen für das,
was man erhalten hat. Nicht nur das materielle Opfer; die Früchte des
Bodens auf dem Feld oder im Garten, sondern auch das Lob aus unserem Mund
kann ein Opfer, ein würdiges Dankeschön, für Gott sein.
In einem schönen sprachlichen Bild steht es da: Das Lobopfer, das sind
die Früchte unserer Lippen, die Gott bekennen.
"Gott bekennen" - das hat viel mit einem Glaubensbekenntnis zu tun. Mit
einem innerlichen Bekenntnis dazu, dass das, was wir als Menschen haben,
aus Gottes Hand kommt.
Manchmal gehört zu diesem Bekenntnis auch Mut.
Der Mut, zu seinem Glauben zu stehen. Auch entgegen der Meinung der anderen.
Auch mit dem Risiko, als Frommer abgestempelt zu werden.
Auch der Mut, als "ziemlich seltsam" angesehen zu werden, wenn man es offen
ausspricht, dass der Erfolg im Beruf, das Wachstum und der Ertrag auf dem
Feld und im Stall Gottes Geschenke sind.
Und vielleicht braucht man die allergrößte Portion Mut, wenn
man sich selber einzugestehen traut: Das, was ich erreicht habe in diesem
Jahr, das Gute in der Arbeit, das Glück in der Familie, meine Gesundheit
die ich noch habe: das alles habe ich nicht mir selber zu verdanken; das
alles habe ich nicht selber vollbringen können, sondern ich habe Gottes
Hilfe und seinen Segen gebraucht.
Ich kann das nicht selber "machen"! - Das zu sich selbst zu sagen, die eigenen
Grenzen einzugestehen, dazu braucht man Mut!
Ich glaube, aus so einer inneren Erkenntnis wächst dann auch das Bekenntnis
zu unserem Gott und Schöpfer - unser Dankeschön, unser Lobopfer.
Sei es leise im Herzen gesprochen, laut gebetet, oder in einen Danklied verpackt.
Die gute Tat
Unser Predigttext spricht noch von zwei anderen Arten des Opfers, des Dankeschöns
an Gott.
Gutes zu tun und mit andern zu teilen, vergeßt nicht; denn solche
Opfer gefallen Gott.
" Vergesst das nicht" schreibt der Verfasser des Hebräerbriefs. Anscheinend
gibt es da ein Defizit. Hat die Gemeinde damals vor 1900 Jahren etwa vor lauter
Lobpreis und Halleluja-singen vergessen, denen zu helfen die es nötig
haben? Ich weiß es nicht.
Auf jeden Fall sollten wir es uns wirklich immer wieder in Erinnerung rufen:
Auch indem wir unserem Nächsten helfen, können wir unsere Dankbarkeit
Gott gegenüber ausdrücken. Dann kommt das Geld oder die Arbeitskraft
oder meine Zeit, die Gott mir geschenkt hat, meinem Nächsten zugute.
Es gehört von jeher zu den Grundsätzen unseres christlichen Glaubens,
dass man seinem Nächsten liebt, und darum auch hilft. Und der Nächste
ist eben nicht nur der Nachbar, der im nächsten Haus wohnt, sondern
genau derjenige, der mir gerade unter die Augen kommt und meine Hilfe benötigt.
Ich freue mich immer wieder, wenn ich erzählt bekomme, dass die Gollhöfer
eben gut zusammenhalten. Dass einer dem andern hilft wenn er Unterstützung
auf dem Hof benötigt, wenn es darum geht, beim Dach-Decken zu helfen
oder dem andern die Stallarbeit abzunehmen, weil er an einem Wochenende einer
Hochzeit will.
Ich habe aber auch gehört, dass dieser Zusammenhalt in der Gefahr steht,
brüchiger zu werden. - Vielleicht ist es doch kein Zufall, dass unser
Predigttext sagt: " vergesst nicht, Gutes zu tun und mit anderen zu teilen".
Mit anderen teilen
Ach ja, das Teilen steht ja auch noch in diesem Vers. Das fällt
manchen von uns gar nicht so leicht. Es ist nicht immer einfach, von seinen
sauer verdienten Euros etwas herzugeben. Denn für das Geld könnte
man sich selber ja auch was schönes leisten.
Von daher ist es ganz logisch, wenn man das mit dem Teilen des eigenen Besitzes
skeptisch sieht.
Erst, wenn ich am Erntedank-Tag darüber nachdenke, dass letztlich alles,
was ich habe ein Geschenk Gottes ist, kann es mir leichter fallen, von dem
Geschenkten etwas weiter zu schenken.
Beim Begriff "teilen" muss ich an das Sprichwort denken: „Geteiltes Leid
ist halbes Leid, geteilte Freude ist doppelte Freude."
Das erinnert mich daran, dass es auch Freude machen kann, anderen zu helfen,
sie zu unterstützen mit meinem Geld, oder auch mit meiner Zeit.
Und es stößt mich auch auf die Idee, dass es manchmal nötig
ist, dass ich das Leid des anderen auch teile. Das heißt, dass ich nicht
geschickt das Thema wechsele, wenn der andere beginnt vor mir seinen Kummer
auszubreiten ; dass ich ein offenes Ohr habe, wenn er mir sein Leid klagt,
ihn ernst nehme und seinen Jammer nicht versuchte kleinzureden.
Wer miteinander auch schweres geteilt hat, kann sich auch leichter miteinander
über das Gute freuen, das ihm widerfährt.
15 So laßt uns nun durch ihn (Jesus Christus) Gott allezeit
das Lobopfer darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen
Namen bekennen.
16 Gutes zu tun und mit andern zu teilen, vergeßt nicht; denn solche
Opfer gefallen Gott.
AMEN
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