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Predigt zu Epheser 4, 1-6 :
Sind wir eine Armee von gleichfarbigen christlichen Gummibärchen?
22. September 2002 - Pfr Alexander Seidel - Gollhofen
Der Predigttext steht im Epheserbrief im 4. Kapitel.
1 So ermahne ich euch nun, ich, der Gefangene in dem Herrn, daß ihr
der Berufung würdig lebt, mit der ihr berufen seid,
2 in aller Demut und Sanftmut, in Geduld. Ertragt einer den andern
in Liebe,
3 und seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch
das Band des Friedens:
4 EIN Leib und EIN Geist, wie ihr auch berufen seid zu EINER Hoffnung
eurer Berufung;
5 EIN Herr, EIN Glaube, EINE Taufe;
6 EIN Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und
in allen.
Liebe Gemeinde,
worum geht es in unserem Predigttext?
Manchmal ist diese Frage auf Anhieb nicht so auf Anhieb zu beantworten; in
diesem Fall ist es aber ganz einfach: Es geht um die Einheit!
Ich glaube, es gibt unter den über 400 Predigttexten unsere Kirche kaum
einen, in dem so oft die Zahl eins vorkommt. Siebenmal innerhalb von drei
Versen!
Die Einheit der Gemeinde, die Einheit der Christen wird da beschworen. Der
Apostel Paulus schreibt der Gemeinde in Ephesus: "Ihr seid eine Einheit,
ihr gehört zusammen, lasst euch nicht auseinander dividieren!".
Und wie zum Beweis listet er das alles auf, was alle Christen gemeinsam haben:
einen Gott - Ihr habt einen Gott und Vater im Himmel
eine Taufe - ihr seid alle mit der gleichen Taufe getauft
ein Glaube - ihr sprecht das gleiche Glaubensbekenntnis
ein Herr - ihr habt den selben Herrn Jesus Christus angenommen
eine Hoffnung - ihr seid von der gleichen Hoffnung getrieben
auf Auferstehung der Toten und Vergebung der Sünden
ein Geist - es ist der gleiche Heilige Geist, der euch
beseelt und euch in eurem Christsein antreibt
und ein Leib - ihr seid Glieder der einen christlichen
Gemeinde!
Was will man da anderes tun, als bestätigend den Kopf zu nicken und
sagen: „Ja Paulus, du hast Recht, wir Christen sind eine Einheit, wir gehören
zusammen. Wir lassen uns nicht auseinander dividieren. Wir stehen wie ein
Mann zusammen! Fest versprochen!"
Aber stimmt's wirklich? Die Fakten sehen doch eigentlich ganz anders aus:
Konfessionen
Schon ganz offiziell haben wir hier im Dorf die evangelischen und die katholischen
Christen. Zerteilt durch ihre Mitgliedschaft in verschiedenen christlichen
Konfessionen, mit unterschiedlichen Traditionen in der Auslegung der Bibel,
mit großen Problemen, sich offiziell gegenseitig als gleichwertige
Kirchen anzuerkennen.
Auch wenn wir, wie im August, junge Menschen dieser beiden Konfessionen miteinander
verheiraten und damit ein Stück weit Einheit schaffen: Die kirchenrechtlichen
Probleme und bürokratischen Hindernisse, die so ein Brautpaar vor einer
ökumenischen Trauung bewältigen muss, zeigt deutlich: Bei aller
Rede von Ökumene - eine Kirche sind wir noch lange nicht.
Frömmigkeit
Aber auch die Evangelischen unter sich sind sich nicht immer einig. Da gibt
es die Frommen und die Liberalen. Die einen wollen ihre Bibel Wort für
Wort ernst nehmen und ihr Leben genau daran orientieren. Die anderen sprechen
davon, dass man viele der alten Texte nicht wörtlich nehmen darf, sondern
herausfinden muss, was sie heute, zwei-oder dreitausend Jahre später,
für uns bedeuten können.
Wir haben in Gollhofen Menschen, die das Läuten der Glocken am Abend
als Ruf zum Gebet ernst nehmen, und andere, für die das Abendläuten
eher folkloristische Bedeutung hat.
Irgendwo in diesem Spektrum zwischen ganz fromm und ganz liberal liegen unsere
530 evangelischen Gollhöfer.
Und irgendwo in diesem Feld sind dann auch Gräben zu finden, wo man
eben merkt, dass man unterschiedlich ist und den anderen manchmal nicht wirklich
versteht.
Wenn es da dann um wichtige Fragen geht, die man diskutieren will, wird manchmal
schnell deutlich: Wir werden uns nicht einig! Wo bleibt sie bloß, diese
Einheit der Christen, von der Paulus schreibt.
Typfragen
Manchmal scheitert die Einigkeit auch an unseren Charaktereigenschaften.
Der eine ist bedächtig, vorsichtig mit seinen Entscheidungen und überlegt
genau - möchte nicht einfach unbedacht handeln. Auf der anderen Seite
ein charismatischer Macher-Typ, dem alles viel zu langsam vorwärts geht,
der Veränderungen hervorrufen will, möglichst schnell und möglichst
umfassend - auch in der Kirchengemeinde.
Wenn dieser beiden aufeinander treffen, werden sie sich schnell uneins, selbst
wenn sie doch eigentlich das gleiche Ziel verfolgen.
Einheit vs. Uniformität
Liebe Gemeinde,
Paulus schreibt: "Seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist
durch das Band des Friedens". Ihm geht es um die Einheit im Geist. - Was
ist das eigentlich? Wann sind wir als Christen "einig im Geist"?
- Wenn wir die katholische und evangelische Kirche zu einer zusammengeschlossen
haben?
- Wenn wir alle einheitlich-konservativ, oder einheitlich-liberal sind?
- Wenn wir die engagiert-charismatischen sooft auflaufen haben lassen, dass
sie nur noch mittelmäßig motiviert sind und nicht mehr nach vorne
preschen?
Mit anderen Worten: soll die Einheit im Geist etwa bedeuten, dass wir alle
innerlich gleichgeschaltet sind? Gleiche Frömmigkeit, gleiches Temperament,
gleiche Konfession? - Eine Armee von gleichfarbigen christlichen Gummibärchen.
Eines wie das andere.
(Ich gebe zu, für einen Pfarrer ist das eine sehr reizvolle Vision.
Das klingt nach einer sehr pflegeleichten problemlosen Kirchengemeinde.)
Wenn ich mir aber überlege, was in der Bibel über die ersten Christen
- allein schon über die zwölf Apostel - zu lesen steht ... was
für unterschiedliche Typen das waren ... und wie sehr sie sich auch
inhaltlich manchmal nicht einig waren.
Die "Einheit im Geist", die Paulus uns wünscht, sie hat anscheinend
nichts mit einer Gummibärchen-Uniformität aller Christenmenschen
zu tun, sondern mit einer Einheit, die auch in der Vielfalt funktionieren
kann.
Eine Einheit, die darauf fußt, dass man eine gemeinsame Hoffnung hat,
einen Herrn einen Glauben, eine Taufe und einen Gott und Vater.
Eine Einheit, die Unterschiedlichkeiten zulässt, wenn die Basis die
Gleiche ist.
Wie gehen wir mit Unterschiedlichkeiten um?
Kann es sein, dass es eigentlich nicht die Unterschiedlichkeit ist, die unsere
Einheit gefährdet, sondern unsere Weise, mit ihr umzugehen?
Ich kann den anderen trotz seiner Unterschiedlichkeit ins Herz schließen,
oder ich kann ihm immer wieder unter die Nase halten, dass er mir nicht recht
ist.
Paulus ermahnt die Gemeinde in Ephesus wahrscheinlich nicht ohne Grund zur
Einheit. Damals ging ist der Gemeinde wahrscheinlich, wie es uns Menschen
heute immer noch ergeht: Ganz schnell erkenne ich, wo jemand " anders" ist,
wo er sich von mir unterscheidet, mir seltsam vorkommt. Und dabei vergesse
ich ganz schnell, dass er mit mir so viele Gemeinsamkeiten hat.
Der Apostel, der unseren Predigttext geschrieben hat, gibt seinen Lesern
und uns in zwei halben Sätzen eine Hilfe mit: " Lebt eurer Berufung
gemäß in aller Demut und Sanftmut, in Geduld. Ertragt einer den
andern in Liebe."
Demut, Sanftmut und Geduld. Damit soll ich denen begegnen, mit denen ich
es nicht leicht habe. Diese drei Eigenschaften haben heutzutage ein furchtbar
schlechtes Image. Gefragt sind vielmehr Selbstbewusstsein, Durchsetzungsvermögen
und Überzeugungskraft. Wer da mit Demut, Sanftmut und Geduld daher kommt,
der kann gleich ins Kloster abwandern. Da kann er neben anderen Weicheiern
Demut üben.
Schade eigentlich, dass diese christlichen Tugenden oft nur als Karikatur
wahrgenommen werden. Denn sie sind wirklich etwas wert und nicht nur Eigenschaften
von Leisetreten. Es sind Tugenden, die uns Menschen ein gutes Miteinander
ermöglichen.
Wie oft hätte etwas mehr Sanftmut Menschen vor tiefen inneren Verletzungen
bewahrt. Jeder, der schon einmal von einem hochmütigen Menschen tief
gedemütigt worden ist weiß, wie sehr so etwas schmerzt, und wie
lange man benötigt, um darüber hinwegzukommen. - Das sind Erlebnisse,
die sind wirklich zerstörerisch und machen jede Einigkeit unter uns
Menschen unmöglich.
Was für eine Chance liegt da in einen Menschen, der innerlich die Haltung
der Demut hat. Er muss nicht wie ein Hund mit eingezogenem Schwanz herumschleichen.
Auch ein demütiger Mensch kann selbstbewusst sein. Aber er weiß,
dass er nicht als einziger das Sagen hat, und nimmt sein Gegenüber ernst
und ist bereit, vom andern etwas zu lernen.
Einem sanftmütigen Menschen höre ich lieber zu, als einem großspurigen
Rechthaber. Mit Ruhe und Geduld lasse ich mich auch von anderen Meinungen
manchmal überzeugen. Da lasse ich mich auch gerne auf die Wege der anderen
ein und merke, wie Einheit und Einigkeit dabei wachsen kann.
Demut, Sanftmut und Geduld sind die Brücken, die wir brauchen, um trotz
unserer Unterschiede zur Einheit zu finden.
Ertragt einer den andern
Zum Schluss möchte ich noch einen Blick auf den Satz in der Mitte unseres
Textes werfen: "Ertragt einer den andern in Liebe".
Ich glaube nämlich, dass das, was ich eben über die Brücken
zueinander erzählt habe auch seine Grenzen hat. Wir haben um uns herum
bestimmt Menschen, mit denen tun wir uns schwer. Mit denen hat man es nicht
leicht, zurechtzukommen; die sind anstrengend, und manchmal weiß man
gar nicht genau, woran es liegt.
Mir geht da ein Einsatz mit dem CVJM 1988 nicht aus den Kopf. Für eine
christliche Großveranstaltung habe ich mit anderen zusammen als Freiwilliger
kurz nach dem Abitur Festzelte aufgebaut. Ein paar Tage lang. Und da war
einer dabei, der hat mir und auch Anderen den letzten Nerv geraubt. Ich sage
es mal ganz ehrlich: Er war furchtbar großspurig, ungepflegt und wollte
alles besser wissen, obwohl er offensichtlich von fast nichts eine Ahnung
hatte. Und mit dem Arbeiten hatte er es auch nicht unbedingt. Wenn sich Dummheit
und Arrogan paaren, dann geht mit das Messer in der Hosentasche auf!
In diesen Tagen hat mich eine junge Frau vor schlimmeren Zusammenstößen
gerettet, indem sie mir in einer ruhige Minute sagte: "Alexander, sieh das
einfach als großartige Gelegenheit, Geduld mit deinem Nächsten
zu üben".
Diesen Satz habe nie mehr vergessen.
Liebe Gemeinde,
die Einheit unter uns Christen hat einen Grund, der ist unerschütterlich:
nämlich der Glaube an unseren gemeinsamen Gott und Vater.
Aber dieser himmlische Vater hat uns nicht als gleichfarbige Gummibärchen
geschaffen, sondern als ganz unterschiedliche Geschöpfe. Deshalb werden
wir um der Einheit willen zueinander Brücken bauen müssen durch
Sanftmut, Geduld und Demut.
Und manchmal werden wir nicht umhinkommen, dem andern vergebend zu ertragen,
und hoffentlich im Hinterkopf daran denken, was alles Jesus Christus für
uns ertragen hat.
Amen
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