|
Predigt zu Apg 6, 1-7:
„Tu das, was du kannst"
25. August 2002
Pfr. Alexander Seidel - Gollhofen
Liebe Gemeinde,
von der Urgemeinde schwärmen viele Christen. - Die Urgemeinde, die ersten
Christen, unter der Führung der Jünger Jesu, kurz nach seiner Auferstehung.
Begeisterte Jünger, engagierte Christen, jeder half dem andern wo er
gebraucht wurde. Menschen wurden von Krankheiten geheilt; ja, das ist die
gute alte Zeit, davon darf man schon einmal schwärmen.
Aber die Urgemeinde damals in Jerusalem war keine Insel der Seligen. Unser
heutiger Predigttext zeigt, dass es damals auch ordentlich Schwierigkeiten,
richtiggehend Streit gab.
Predigttext
In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein
Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen,
weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung.
2 Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen:
Es ist nicht recht, daß wir für die Mahlzeiten sorgen und darüber
das Wort Gottes vernachlässigen.
3 Darum, ihr lieben Brüder, seht euch um nach sieben Männern in
eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll heiligen Geistes und
Weisheit sind, die wir bestellen wollen zu diesem Dienst.
4 Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben.
5 Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus,
einen Mann voll Glaubens und heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus
und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Judengenossen aus Antiochia.
6 Diese Männer stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten
die Hände auf sie.
7 Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde
sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.
Das Problem der Urgemeinde und seine Lösung
Liebe Gemeinde,
die Gemeinde in Jerusalem, die man gerne Urgemeinde nennt, erlebte zu dieser
Zeit offenbar einen enormen Zuspruch. Viele Juden aus Jerusalem und den umliegenden
Dörfern hörten die Botschaft der Jünger und wurden zu Christen.
Darunter waren nicht nur die alteingesessenen Bewohner Israels. Auch viele
Juden, die aus dem Mittelmeerraum zugereist waren, kamen zur christlichen
Gemeinde. Da gab es Händler und Gelehrte, aber durchaus auch alte Menschen,
die ihr Leben lang in Kleinasien oder Griechenland als Juden gelebt hatten,
aber jetzt in das Land ihrer Vorfahren zurückkehren wollten, um in dem
Land begraben zu werden, das Gott dem Abraham einst verheißen hatte.
Die unterschieden sich vor allem durch ihre griechische Muttersprache von
denen, die in Jerusalem aufgewachsen waren. Und außerdem waren sie
halt irgendwie anders, hatten andere Umgangsformen, waren manchmal anders
angezogen und verstanden manches in diesem Städtchen Jerusalem einfach
nicht - Sie waren halt doch irgendwie Ausländer.
In der jungen, wachsenden christlichen Gemeinde sah man eigentlich kein Problem
in dem Miteinander von griechisch sprechenden und hebräisch sprechenden
Juden. Als Christen gehörten sie alle einfach zusammen. Sie feierten
Gottesdienste, manche arbeiteten sogar zusammen, und gemeinsam sorgten sie
sich auch um die Armen. So auch um die Witwen in Jerusalem - die manchmal
niemanden hatten der sich um sie kümmerte.
Lange Zeit funktionierte das auch ganz wunderbar, bis die Größe
und Unübersichtlichkeit der Gemeinde zu manchen Problemen führte.
Und so kam es dazu, das bei der Versorgung der Witwen die griechisch sprechenden
alten Frauen manchmal glatt vergessen wurden.
Unser Predigttext beschreibt das mit vorsichtigen Worten. Vielleicht gab
es sogar richtig Streit in der Gemeinde, in dem die griechischen Mitglieder
deutlich ihren Unmut Luft machten: "Ist das Zufall, dass gerade unsere Witwen
übersehen werden? Oder wollt ihr uns Griechen gar nicht mehr in der
Gemeinde haben?"
Man beschloss das Problem in einer großen Gemeindeversammlung anzugehen.
Dort signalisierten die Jünger Jesu, Petrus ganz vorne dran: "Auch die
griechischen Witwen müssen versorgt werden, aber wir als Apostel sind
damit überfordert. Unsere Aufgabe liegt woanders. Darum brauchen wir
Menschen, die sich systematisch um die Versorgung der Witwen kümmern.
Wählt unter euch fähige Menschen aus, die sich als Christen bewährt
haben und ein Talent für so eine Aufgabe haben. Die wollen wir dann
damit beauftragen".
Fokus: Gabenorientierte Delegation
So elegant wurde das Problem damals von den Aposteln aus der Welt geschafft.
Man könnte sagen: Ein gutes Beispiel für das gelungene Management
in der christlichen Gemeinde.
Was die Unternehmensberatung McKinsey vor einigen Jahren unserer Kirchenleitung
in München geraten hat, hatten die zwölf Jünger damals schon
beherzigt: "Konzentriere dich auf deine Kernkompetenzen!" Mit anderen Worten:
Tue das, was du kannst mit ganzer Kraft, und mache es gut. Aber verzettle
dich nicht in Dutzenden Aufgaben, die andere besser erledigen können
als du.
Keiner muss alles können. Gott hat jedem Menschen Talente gegeben. Und
die soll er oder sie auch einsetzen.
Und weil er den Menschen so viele verschiedene Talente gegeben hat, können
auch verschiedene Menschen verschiedene Dinge tun. Und davon können
alle profitieren.
Liebe Gemeinde,
ich möchte nun zwei dieser sieben Männer in den Blick nehmen, die
damals für die Aufgabe der Witwenversorgung ausgewählt wurden.
Den ersten, der genannt wurde, und den letzten.
Der Blick auf Stephanus
Stephanus wird als erstes in der Liste der 7 Männer genannt. Kommt ihnen
der Name bekannt vor? Es ist wahrscheinlich der Stephanus, von dem im gleichen
Kapitel noch einmal die Rede ist: Der erste Märtyrer der Christen.
Stephanus hat offensichtlich nicht nur irgendwie im Hintergrund die Versorgung
der Witwen mit Lebensmitteln organisiert. Zugleich hat er als Christ offen
in der Synagoge für den christlichen Glauben geworben. Und das mit so
gutem Erfolg, dass man ihn durch eine Intrige vor Gericht gestellt hat und
hingerichtet hat - er wurde gesteinigt.
Stephanus, der erste Märtyrer stand für seinen Glauben ein, er
hätte niemals gesagt "ich bin nur für die Witwenversorgung zuständig,
alles andere was den Glauben angeht, ist Sache der Apostel".
Auch wenn in der Urgemeinde schon die Aufgaben unterschiedlich verteilt wurden;
auch wenn die einen zum Predigen und die anderen zur Lebensmittelverteilung
beauftragt waren: Für den Glauben gab's keinen speziellen Beauftragten,
dafür war jeder selbst zuständig.
Egal ob es damals Stephanus war, der Lebensmittel organisierte, oder heute
eine Erzieherin im Kindergarten arbeitet, oder jemand als Mutter oder Vater
daheim: Als Christ bin ich dazu gerufen meine Aufgabe auch als Christ zu
tun. Und das hat natürlich Folgen für mein Tun oder Lassen.
Der Blick auf Nikolaus
Blicken wir nun zum Schluss auf den Letzten in der Reihe der 7 Mitarbeiter,
die sich um die Witwen kümmern sollten: Nikolaus. Über ihn wissen
wir nur, was die Liste in unseren Predigttext über ihn sagt: Nikolaus,
der Judengenosse aus Antiochia.
Wo so wenig über eine Person geschrieben ist, erlaube ich mir, mit ein
wenig Phantasie Nikolaus ein bisschen mit Leben zu füllen:
Nikolaus war erst seit einem Jahr in Jerusalem. Er, der kleine Beamte im
römischen Reich war hierher versetzt worden. Strafversetzt von der Metropole
Antiochia hierher- gegen seinen eigenen Willen. In Antiochia hatte er sich
in den Augen seiner Vorgesetzten falsch verhalten.
Man sieht es nicht gerne, wenn Bedienstete des römischen Reiches mit
fremden Religionen liebäugeln. Zu oft war er in die Synagoge von Antiochia
gegangen, hat den Predigten der jüdischen Gelehrten gelauscht, die von
einen Gott sprachen, den er als Syrer gar nicht kannte. Zuerst war es Neugier
und Faszination, aber mit der Zeit merkte er, wie ihm dieser Gott immer vertrauter
wurde.
Als sich Nikolaus dann offiziell zu Gemeinde der Juden hielt, sich beschneiden
ließ und die Gebote der Tora beachten wollte, musste sein Vorgesetzter
reagieren. Die Versetzung nach Jerusalem war beschlossene Sache.
Auch wenn es ein Abstieg in seiner Karriere war: In Jerusalem konnte er den
Tempel besuchen und in der Synagoge den Diskussionen zuhören. Selbst
mitreden, das traute er sich nicht: Denn ein richtiger Jude war er nicht,
sondern nur ein Proselyt, ein Judengenosse, ein übergetretener, noch
dazu griechisch sprechend und aus dem Ausland.
Vor einigen Monaten ist dann ein Mann namens Andreas in die Synagoge gekommen
und hat von Jesus Christus gesprochen. Dem auserwählten Gottes, der
die Menschen angenommen hat, mit denen keiner reden wollte, der Gottes Liebe
verkündigt hat und sogar nach seinem Kreuzestod wieder auferstanden
war. Von diesem Tag an zählte sich Nikolaus zu den Christen. Er ließ
sich taufen, ging in ihre Gottesdienste, feierte das Abendmahl und engagierte
sich mit seinem Besitz, so weit es ging. Er fühlte sich wohl. Nur noch
ganz selten fühlte er sich als Gläubiger zweiter Klasse.
---
Als Nikolaus hörte, dass der Apostel Petrus eine Gemeindeversammlung
einberufen hatte, weil einige griechisch sprechende Christen sich wegen ihrer
Witwen beklagt hatten, wusste er nicht so recht, ob er da hin sollte. Die
Angst kam wieder hoch, man könne ihn nicht ernst nehmen, weil er kein
echter Jude war und keiner, der gut hebräisch konnte.
Aber dann ging er doch, hörte sich die Diskussionen an, blieb aber still.
Auch als Petrus mit seiner Rede fertig war und man in der Gemeinde überlegte,
wer die Witwenversorgung organisieren sollte, sagte er nichts. Schließlich
war er ja noch nicht so lange hier, wollte nichts falsch machen, und als
Wichtigtuer wollte er schon gar nicht erscheinen.
Das schaute ihm ein Augenpaar direkt ins Gesicht - Andreas, einer der Apostel
stand vor ihm: "Lieber Nikolaus, kannst du uns helfen? Als Beamter weißt
du doch viel über eine gute Organisation!"
Sofort schoss ihm ein ganzes Bündel von Ausreden durch den Kopf:
" ich habe doch zu wenig Zeit für so eine Aufgabe"
" ich bin doch erst neu hier, und kenne mich nicht genau aus"
" außerdem kann ich doch nur schlecht hebräisch"
" das können doch andere bestimmt viel besser"
" ich möchte nicht anderen zuvorkommen"
Die Augen von Andreas waren immer noch da.
Nikolaus atmete tief durch und sagte " Ja, ich mache mit"
Als er am Ende der Versammlung mit sechs anderen Männern vor den Aposteln
stand, die ihnen die Hände auflegten und sie segneten, nutzte Nikolaus
die Stille für sein eigenes Gebet: "Danke mein Gott, dass der mir den
Mut gegeben hast, eine Aufgabe in der Gemeinde zu übernehmen. Danke
dass du mir dabei helfen wirst und ich mit anderen gemeinsam für dein
Reich arbeiten darf."
AMEN
|
|