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Predigt zu 1. Kor 8 - „Stell dich nicht so an!"
9. Juni 2002
Pfr. Alexander Seidel
Liebe Gemeinde,
DIE SITUATION
Achaikus, einer der Gemeindeleiter in Korinth machte sich ernsthafte Sorgen.
Wieder einmal gab es einen großen Streit unter den Christen in der jungen
aufstrebenden Gemeinde. Er erinnerte sich noch gut an den Beginn der Streitigkeiten.
Ganz aufgeregt war ein Gemeindeglied abends zu ihm gekommen und hatte ihm
eine haarsträubende Geschichte erzählt:
" Stell dir vor, als ich vorhin an einem griechischen Tempel vorbeigegangen
bin, kamen gerade zwei unserer christlichen Brüder aus diesen Gebäude
heraus. Aus einem heidnischen Tempel! Ich habe natürlich beide sofort
zur Rede gestellt. Sie haben mir gesagt, dass sie bei einem Festmahl zu Ehren
der Götter waren. Da gehen sie immer wieder einmal hin, weil man dort
günstig essen kann. Es scheint den beiden völlig egal zu sein, dass
die Tiere den heidnischen Göttern zu Ehren geschlachtet wurden. Sie
haben mir gesagt komm, stell dich doch nicht so an! Es gibt doch nur
unseren Gott, die Götter in diesem Tempel sind doch sowieso nur menschliche
Hirngespinste. Achaikus, ich bin erschüttert ".
In den Tagen darauf besuchte Achaikus die besagten Gemeindeglieder, um mit
ihnen zu reden. Die beiden erklärten ihm, dass sie überhaupt keine
Probleme damit hätten, einen heidnischen Tempel zu besuchen, oder am
Markt das Fleisch zu kaufen und zu essen, das in diesem Tempeln den Göttern
zu Ehren geschlachtet worden war. "Es sind doch nur Götzen, keine echten
Götter - denn es gibt doch nur den einen Gott, den Vater unseres Herrn
Jesus Christus. Darum sind diese Götter eigentlich gar nichts. Sie haben
keine Macht über uns. Weshalb sollten wir dann nicht das preisgünstige
Götzenopferfleisch essen? Außerdem hat auch Jesus selbst gesagt:
Das, was durch den Mund in den Menschen hineingeht, und ihn auch wieder verlässt,
das macht ihn nicht unrein".
Irgendwie leuchtete dem Achaikus diese Argumentation schon ein. Aber ein
dummes Gefühl im Bauch blieb schon zurück, als er den Heimweg antrat.
In den Tagen darauf wurde dann aber deutlich, dass das alles doch nicht
zu einfach war.
Immer öfter musste er von Mitchristen bittere Klagen hören. Oft
hörte er folgendes: "Ich habe mich erst vor wenigen Wochen taufen lassen,
zuvor habe ich ganz verschiedene heidnische Götter verehrt. Und kaum
habe ich mich von diesem Gräuel abgewandt, kommen meine neuen Glaubensgeschwister
und marschieren in die Tempel, denen ich den Rücken gekehrt habe. Ich
verstehe die Welt nicht mehr. Wozu bin ich denn dann Christ geworden?"
Und andere Stimmen kamen von denen, die als Juden Christus angenommen hatten.
Solche sagten: "Von Kindesbeinen an habe ich gelernt, dass wir uns von den
Göttern fernhalten sollen, damit wir nicht unrein werden. Fleisch, das
diesen Götzen geopfert worden ist, haben wir nicht einmal gewagt zu berühren,
denn schließlich sind wir Gottes Volk. Ich meine: Auch als Christen
müssen wir uns von solchem heidnischen Dingen fernhalten."
Schließlich war es abzusehen, dass in der Gemeinde zwei Gruppen entstanden
waren:
- Diejenigen, die sagten: Das Götzenopferfleisch ist ein Fleisch wie
jedes andere auch, weil nämlich die Götter nichtig sind. Und das
sollten wir Christen deutlich machen, indem wir das Fleisch ohne Bedenken
essen.
- Und solche, die größte Bedenken hatten und das Verhalten der
anderen nicht verstehen konnten, und überlegten ob das überhaupt
noch christlich sei.
Zwei Positionen standen sich unversöhnlich gegenüber.
Schließlich beschlossen die versammelten Gemeindeleiter, den Achaikus
mit zwei Begleitern loszuschicken um den Apostel Paulus um Rat zu fragen und
von ihm eine schriftliche Antwort in dieser und manch anderen Frage zu erbitten.
So in etwa stelle ich mir die Situation damals in der Gemeinde in Korinth
vor. Wie es genau war, wissen wir nicht. Das einzige, was wir über diesen
Streit in der Hand haben, ist unser Predigttext. Es ist die Antwort des Apostels.
Sie steht im ersten Korintherbrief, das achte Kapitel.
PREDIGTTEXT
Was aber das Götzenopfer angeht, so wissen wir, daß
wir alle die Erkenntnis haben. Die Erkenntnis bläht auf; aber die Liebe
baut auf.
2 Wenn jemand meint, er habe etwas erkannt, der hat
noch nicht erkannt, wie man erkennen soll.
3 Wenn aber jemand Gott liebt, der ist von ihm erkannt.
4 Was nun das Essen von Götzenopferfleisch angeht, so
wissen wir, daß es keinen Götzen gibt in der Welt und keinen
Gott als den einen.
5 Und obwohl es solche gibt, die Götter genannt
werden, es sei im Himmel oder auf Erden, wie es ja viele Götter und viele
Herren gibt,
6 so haben wir doch nur einen Gott, den Vater, von dem
alle Dinge sind und wir zu ihm; und einen Herrn, Jesus Christus, durch
den alle Dinge sind und wir durch ihn.
7 Aber nicht jeder hat die Erkenntnis. Denn einige, weil sie
bisher an die Götzen gewöhnt waren, essen's als Götzenopfer;
dadurch wird ihr Gewissen, weil es schwach ist, befleckt.
8 Aber Speise wird uns nicht vor Gottes Gericht bringen. Essen
wir nicht, so werden wir darum nicht weniger gelten; essen wir, so werden
wir darum nicht besser sein.
9 Seht aber zu, daß diese eure Freiheit für die
Schwachen nicht zum Anstoß wird!
10 Denn wenn jemand dich, der du die Erkenntnis hast, im Götzentempel
zu Tisch sitzen sieht, wird dann nicht sein Gewissen, da er doch schwach ist,
verleitet, das Götzenopfer zu essen?
11 Und so wird durch deine Erkenntnis der Schwache zugrunde
gehen, der Bruder, für den doch Christus gestorben ist.
12 Wenn ihr aber so sündigt an den Brüdern und verletzt
ihr schwaches Gewissen, so sündigt ihr an Christus.
13 Darum, wenn Speise meinen Bruder zu Fall bringt, will ich
nie mehr Fleisch essen, damit ich meinen Bruder nicht zu Fall bringe.
ANTWORT DES PAULUS
Liebe Gemeinde,
in diesen Sätzen spricht Paulus diejenigen an, die das Götzenopferfleisch
ohne Bedenken essen. Er sagt ihnen " ja, aber"
- Ja, weil ihr zu Jesus Christus gehört, haben die vielen Götzen
keine Bedeutung für euch.
- Ja, weil Christus euch befreit, hängt euer Heil nicht an irgend welchen
Speisegeboten. Ihr könnt essen, was ihr wollt.
- Ja, um das aller Welt zu zeigen, könnt ihr auch Götzenopferfleisch
essen. Ihr seid offensichtlich die mit einem starken, robusten Gewissen.
-Aber: Habt ihr schon mal überlegt, wie es dabei in den Herzen
eurer Glaubensgeschwister aussieht - bei denen, die erst vor kurzem vom Heidentum
zu uns gekommen sind?
- Aber: Seid ihr euch bewusst, wie sich diejenigen fühlen, die bisher
als Zeichen ihres Glaubens bewusst Abstand gehalten haben von allem, was
mit Götzen zu tun hat?
- Aber: Nicht jeder hat so ein starkes Gewissen wie ihr ; manche haben ein
viel sensibleres Gewissen.
- Aber: Habt ihr nicht gemerkt, dass ihr damit einen Keil in die Gemeinde
treibt?
Paulus sagt zu dieser Gruppe: Eigentlich habt ihr Recht. Aber euer Rechthaben
ist noch lange nicht das einzige, was zählt. "Die Erkenntnis bläht
auf; aber die Liebe baut auf."
Ihr seid keine theologischen Einzelkämpfer, sondern ihr seid als Christen
Glieder des Leibes Jesu Christi, der Gemeinde. Und wenn ihr euch so verhaltet,
dass es den anderen schmerzt, dass sie irre werden an ihrem Glauben, dann
ist euer Verhalten falsch, auch wenn ihr eigentlich Recht habt.
DAS GEWISSEN DES ANDEREN ALS LEITLINE
Der Apostel Paulus gibt denen mit dem starken Gewissen eine bisher unbeachtete
Leitlinie mit auf den Weg: Meine Entscheidung, was sich tun soll, oder was
ich lassen soll, hängt nicht nur davon ab, ob es erlaubt ist oder verboten,
sondern auch davon, ob es dem Gewissen der anderen Schaden zufügt oder
nicht.
Der Satz "das ist der nicht mein Problem" gilt bei Paulus nicht. Wenn der
andere Christ mit meinem Verhalten Schwierigkeiten hat, dann geht es mich
durchaus etwas an.
Für Paulus bedeutet das: Wenn ich tue, was erlaubt ist, kann es dennoch
Sünde sein, wenn ich dadurch jemand anderen in seinem Gewissen, in seinem
Glauben Schaden zufüge.
Und ganz eindeutig sagt er am Ende unseres Predigttextes, wie er handeln
würde: "Darum, wenn Speise meinen Bruder zu Fall bringt, will ich nie
mehr Fleisch essen, damit ich meinen Bruder nicht zu Fall bringe." Er verzichtet
aus Rücksichtnahme auf die anderen auf gewisse eigene Freiheiten. Das
ist seine Auslegung von Jesu Liebesgebot: " Du sollst deinen Nächsten
lieben wie dich selbst".
Liebe Gemeinde in Gollhofen,
mit Götzenopfern haben wir heute keine Probleme mehr. Aber das Problem,
mit dem Paulus und Gemeinde in Korinth gekämpft haben, taucht in verschiedenen
Schattierungen auch bei uns immer wieder auf.
BEISPIEL: GOTTESDIENST
Die Form, wie wir unsere Gottesdienste feiern, ist nicht jedermanns Sache.
Manchen ist er zu bieder und zu altmodisch. Die Tatsache, dass bestimmte Altersgruppen
kaum zu sehen sind, scheinen diese Beobachtung zu bestätigen. Darum
würden mache sich ganz andere Lieder wünschen, den Introitus samt
Orgel rausschmeißen, den Pfarrer schön bunt anziehen und ihm eine
Elektrogitarre um den Hals hängen. Und zwar an jedem Sonntag.
Stellen sie sich vor, wir würden das ab nächster Woche machen.
Ich vermute, dass nicht wenige Menschen davon sehr begeistert wären
- "endlich mal ein richtig moderner Gottesdienst!" Und die sicher kommende
Kritik würden wir dann abweisen mit den Worten "komm, stell dich nicht
so an, wir brauchen eben etwas neues".
Können Sie sich vorstellen, was der Apostel Paulus uns sagen würde?
- Ja, ihr habt Recht, dass die Verkündigung des Wortes Gottes zeitgemäß
passieren soll.
- Ja, es ist eine gute Idee den Gottesdienst so zu gestalten, dass auch
jüngere Menschen da gerne hingehen.
- Aber: habt ihr auch an die gedacht, die in diesen Raum, der Musik und
der Liturgie schon ihr ganzes Leben lang ihre Heimat gefunden haben?
- Aber: habt ihr daran gedacht, dass sie durch euer Umkrempeln ihre Heimat
in diesen Gottesdienst verlieren würden?- Heimatlos, vielleicht sogar
geistlich Obdachlose würden?
Paulus würde vielleicht sogar sagen: Lieber schlafe ich einmal im Quartal
in einem langweiligen Gottesdienst ein, bevor Menschen in ihrem Glauben angefochten
werden, weil der Gottesdienst ihnen keine Heimat mehr ist.
WARNLAMPE
Spätestens an dieser Stelle sollte aber auch ein kleines Warnlämpchen
bei uns aufleuchten.
Es geht an dieser Stelle um das Gewissen, um den Glauben der anderen, die
geschützt werden sollen.
Unser Predigttext erinnert uns daran, zu fragen, ob mein Handeln das eigentlich
korrekt ist, dem Gewissen oder dem Glauben des Anderen schadet.
Aber wie oft geht es eigentlich nur um Fragen des persönlichen Geschmacks
oder der eigenen Eitelkeiten. Und die nimmt Paulus nicht in Schutz. Dann gilt
es: Tue entschlossen das, was du als richtig vor Gott erkannt hast. Und lass
dich nicht hindern von Menschen, die ihr eigenes Süppchen kochen wollen.
Dann darf man schon mal sagen: "Stell dich nicht so an, und akzeptiere meine
Entscheidung."
Manchmal ist es schon schwierig, zu unterscheiden, ob der Weg, den ich einschlage,
dem andern Gewissensnöte beschert, oder einfach nicht in den Kram passt.
Da wird es wichtig sein, dass ich wirklich dem andern genau zuhöre,
und auf den Geist Gottes hoffe, damit er mir zur rechten Entscheidung verhilft.
Amen
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