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Predigt am 7. April 2002
Jesaja 40, 26-31: Aufbruch, ist mehr als „Kopf hoch"
Mit Erinnerung an die Zerstörung des Dorfes am 6. April 1945
Gehalten von:
Pfr. Alexander Seidel
Liebe Gemeinde,
Unser heutiger Predigttext steht beim Propheten Jesaja im 40. Kapitel.
26 Hebet eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat dies geschaffen?
Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit
Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, daß nicht eins
von ihnen fehlt.
27 Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein
Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber«?
28 Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR,
der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde
noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.
29 Er gibt dem Müden Kraft, und Stärke genug dem
Unvermögenden.
30 Männer werden müde und matt, und Jünglinge
straucheln und fallen;
31 aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, daß
sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und
nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden.
Diese Worte spricht der Prophet zu einem Volk, das einen verlorenen Krieg
hinter sich hat.
Jerusalem ist zerstört, der Tempel dem Erdboden gleichgemacht, die Felder
niedergebrannt. Und viele Frauen und Männer aus Jerusalem wurden verschleppt
... nach Babylon... und dort für Jahrzehnte festgehalten.
Dieser militärische Vernichtungsschlag des Königs Nebukadnezar
hat Menschenleben gekostet und eine Spur der Verwüstung in den Städten
hinterlassen. Aber da war noch etwas: Das Gottvertrauen der Israeliten war
zerschlagen.
Bisher hat man sich als Gottes auserwähltes Volk verstanden.
Bisher hatte man erlebt, dass Gott buchstäblich in der letzten Minute
rettend eingreift.
Aber diesmal war es anders gewesen. Kein Wunder hatte sie gerettet, kein
Schilfmeer hatte die feindlichen Truppen ertränkt.
Gott hatte es zugelassen, dass sein Volk von den Feinden besiegt wird.
Viele unter denen, die das überlebten, verstanden ihre Welt und ihren
Gott nicht mehr. Da wird die Klage oft zu hören gewesen sein: "Mein
Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber!".
Ganz verschiedene Fragen kann ich da heraushören:
- Warum hat Gott diese Katastrophe zugelassen?
- Weshalb muss ich als kleiner Jerusalemer Bürger für das politische
Versagen meiner Regierung bluten. Was habe denn überhaupt ich damit
zu tun?
- War das jetzt Gottes Kündigung? Sind wir als Volk Gottes für
ihn nicht mehr tragbar?
- Und wie soll es denn überhaupt weitergehen – oder ist das jetzt unser
endgültiges Ende?
Diese Fragen und das damit verbundene Lebensgefühl haben durch die Jahrhunderte
Menschen immer wieder ähnlich erlebt. - Nicht nur damals die Verschleppten
in Babylon.
Wer herbe persönliche Rückschläge und Niederlagen erleiden
muss und nicht mehr weiter weiß, dem ist dieses Gefühl wahrscheinlich
bekannt.
Diese Fragen von eben sind wahrscheinlich manchem Gollhöfer in den Apriltagen
1945 durch den Kopf gegangen. Denn die Zerstörung von Gollhofen durch
den Beschuss der Alliierten hat letztlich alle ins Herz getroffen.
So etwas kann man nicht in Worte fassen. Aber der folgende Ausschnitt aus
dem Bericht einer Gollhöferin kann uns eine Ahnung davon vermitteln.
Erinnerungen A
Etwa 2 Tage vor der völligen Zerstörung von Gollhofen brannten
schon einige Scheunen, die von Granaten getroffen wurden. Ich weiß
noch, dass in unserem Haus alle Fenster kaputt waren und die Vorhänge
zum Teil verbrannt. Auch der Fußboden hatte an einigen Stellen Feuer
gefangen. Unter einem der Fenster stand mein Puppenwägelchen mit Puppe.
Das ist auch verbrannt. Das war mein größter Jammer. Meine Eltern
konnten das Feuer löschen.
Wir Kinder waren mit der bettlägerigen Großmutter im Scheunenkeller
von Georg Trabert.
Am 6. April brachte um die Mittagszeit ein deutscher Soldat Fleisch und
sagte zu meiner Mutter, sie solle das Stück kochen. Er war noch nicht
aus dem Haus, da kamen die Tiefflieger und die Zerstörung begann.
Wir flüchteten in den Hofkeller, der Soldat in die Waschküche.
Wären wir in den Hauskeller, hätten wir sicher nicht überlebt,
denn eine Bombe schlug in unseren Hausgiebel und es war ein riesengroßer
Bombentrichter. Der Keller brannte völlig aus.
Nach dem Angriff, als es etwas ruhig war, schaute mein Vater heraus und
sah, dass der Hof lichterloh brannte. Er sagte, wir müssten schnell
raus, sonst ersticken wir. Jeder von uns bekam ein nasses Bettuch umgehängt
und ein kleines Köfferlein in die Hand, das war alles, was wir retteten.
Die schwerkranke Großmutter musste geführt werden. Im Hof lagen
überall brennende Balken, da mussten wir drüber steigen. Wir sind
durch das brennende Dorf gelaufen und suchten Zuflucht bei meinem Onkel.
Da stand dann auch noch alles und die Großmutter konnte dort im Keller
wieder ein Bett finden; und wir uns vom Schrecken ein wenig erholen
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Der Keller hatte in diesen Tagen in Gollhofen eine wichtige Rolle. Dort hat
man sich versteckt und war halbwegs geschützt. Es scheint ein menschlicher
Reflex zu sein, sich bei Bedrohung zu verkriechen. Nicht nur dann, wenn man
mit Bomben angegriffen wird.
Und es kostet auch Mut, dann wieder nach oben zu kommen, die Deckung zu verlassen.
Nicht nur, weil man Angst hat, getroffen zu werden ; sondern auch weil man
ahnt, welche Bilder der Verwüstung oben auf einen warten.
Auch im übertragenen Sinn gibt es dieses Phänomen. Wer sich vom
Schicksal gebeutelt in sein Schneckenhaus zurückzieht, der braucht viel
Mut, Überwindung, um sich wieder der Wirklichkeit zu stellen. Das kennen
Psychologen, und das haben auch die Israeliten erlebt. Wenn ich nicht mehr
weiß, ob ich mir von der Zukunft noch etwas erwarten kann, dann habe
ich auch kaum einen Antrieb, mein Schneckenhaus zu verlassen, aufzustehen
und nach vorne zu gehen.
An dieser Stelle treibt mich unser Predigttext an: Hebet eure Augen in die
Höhe und seht! Wer hat dies geschaffen? Weißt du nicht? Hast du
nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen
hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.
Mir kommt das vor, als wenn da jemand an meinem Schneckenhaus klopft und
sagt: "Schau dich doch mal um! Schau nicht nur auf das, was dir Schlechtes
zugestoßen ist. Schau auf die Schöpfung, die Gott so gut geordnet
hat. Er hat die Planeten auf ihre Bahn geschickt, er hat diese Welt in der
Hand, dann wird dieser Gott doch auch Macht haben, dir zu helfen!"
Das ist mehr als nur der Slogan " Kopf hoch". Denn " Kopf hoch" lässt
mich letztlich doch mit meinem Problem allein. Aber der Satz des Propheten
verweist auf einen starken Partner, mit dessen Hilfe ich versuchen kann,
wieder auf die Beine zu kommen.
Liebe Gemeinde,
solche Sätze tun natürlich gut. Aber ganz so einfach ist die Welt
ja doch nicht. Ich würde da schon mal gerne fragen, wo denn der Sinn
darin liegen soll: Warum soll uns Gott durch das große Elend jagen
und anschließend als Retter und Helfer auftreten? Das bekomme ich in
meinem Kopf nicht zusammen. Warum erspart er mir nicht diese Höllenfahrt
durch sinnloses Leid?
Ich kann Ihnen darauf keine Antwort geben. Denn schon unser Predigttext sagt,
dass Gottes Verstand unausforschlich ist. Wir können ihm nicht in die
Karten gucken. Die Verführung ist schon da, schnelle und einfache Antworten
zu finden.
Manchmal können unsere menschlichen Erklärungs-Versuche ein wenig
helfen, das Unverstehbare ein bisschen in den Griff zu bekommen.
Aber manchmal können fromme Erklärungs-Versuche Menschen sogar
noch zusätzlich Leid zufügen. Zum Beispiel dann, wenn man einem
leidgeplagten Menschen erklärt, dass er für irgend eine bisherige
Sünde büßen müsse.
Nein - wir können nicht so einfach Lösungen präsentieren.
Gottes Verstand - die Logik seines Handelns - ist eben für uns Menschen
unausforschlich.
Da bleibt die Hoffnung, das wir später, vielleicht erst am Ende der
Zeiten was warum von Gott erfahren können.
Leider.
Bevor ich ihnen noch einmal die letzten Verse des Predigttextes vorlese,
hören sie einen Ausschnitt aus dem Bericht eines Gollhöfers über
die ersten Tage nach dem Beschuss Gollhofens:
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Erinnerungen B
Ein paar Tage später, an einem Nachmittag auf den Abend zu kamen dann
die Amerikaner.
Wir haben sie im Hof und dann im Haus gehört. Zwei kamen in den Keller.
Wir waren alle misstrauisch, auch unsere Zivilpolen, und haben sie nicht
als Befreier angesehen. Abends kochten sie auf unserem Herd Spiegeleier und
Kartoffeln. Die Kartoffeln haben sie mit der Schale gegessen, das weiß
ich noch ganz genau.
Wir waren nun hinter der Front und wir Buben schauten zu, wie die amerikanischen
Panzer am Welbhäuser Weg in Richtung Süden schossen. Nun begann
auch der große Flüchtlingsstrom, zu Fuß in alle Richtungen.
Viele haben bei uns genächtigt und wollten was zu essen, sie waren völlig
ausgehungert.
Langsam begannen die Aufräumungsarbeiten. Praktisch wurden nur Asche
und zerbrochene Ziegel hinaus gefahren. Jeder Backstein, auch die halben
und die Bruchsteine, wurden abgeklopft und wieder verwendet. Da mussten auch
wir Kinder dazu helfen. Alle verbrannten Nägel und angekohlten Balken
wurden aufgesammelt, denn es gab ja nichts.
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Er gibt dem Müden Kraft, und Stärke genug dem Unvermögenden.
Männer werden müde und matt, und Jünglinge
straucheln und fallen;
aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, daß
sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und
nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden.
Liebe Gemeinde,
ich empfinde zwischen dieser Beschreibung eben und diesen Versen eine Spannung
und zugleich eine Übereinstimmung.
Die Worte des Propheten erscheinen auf den ersten Blick wie eine grandiose
Verheißung von Aufbruch und Energie. Das trifft sicher nicht auf diese
Tage in Gollhofen zu, wo man - noch gelähmt vom Entsetzen - versucht
das allernotwendigste wieder herzurichten.
Aber auf den zweiten Blick auf die Verse im Jesajabuch merke ich, dass da
Menschen auf den Herrn harren, ungeduldig warten, in dieser Spannung zwischen
Verheißung und tatsächlichem Aufbruch leben. Und ich merke, dass
das von einem langen Weg gesprochen wird. Auch wenn sie laufen und nicht
matt werden, der Weg bleibt lang und beschwerlich.
Gott verspricht in diesen Versen keine Lösung aller Probleme im Schnelldurchlauf.
Aber er verspricht etwas anderes: Er will derjenige sein, von dem die Kraft
ausgeht, schwierige Situationen zu meistern.
Und seine Gegenwart wird uns die Ausdauer verleihen, auch anstrengende und
lange Wege durchzustehen.
Die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit
Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt werden,
daß sie wandeln und nicht müde werden.
Amen
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