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Predigt zum Karfreitag 2002
Schwäche ist eine Stärke höherer Ordnung
Gehalten von: Alexander
Seidel
Datum: 29. März
2002
Liebe Gemeinde,
Wie wird es wohl den Jüngern Jesu ergangen sein - nachdem ihr Herr gekreuzigt
worden war?
Ich stelle mir da zum Beispiel Matthäus vor. Er war Zolleinnehmer gewesen
bis er Jesus begegnet ist. Diese Begegnung hat sein Leben völlig verändert:
Er hat seinen sehr lukrativen aber auch anrüchigen Job aufgegeben und
ist mit Jesus durch das Land Israel gezogen.
Er hat erlebt, wie Jesus handelte, wie er Kranke heilte, wie er anders mit
den Menschen umging als die Schriftgelehrten, und wie überzeugend er
seine Botschaft vom kommenden Reich Gottes verkündigte. In Matthäus
reifte die Erkenntnis: Jesus muss der Messias sein.
Und er hat mitbekommen, wie sich eine Gegnerschaft gegen Jesus bildete, wie
immer deutlicher wurde, dass diese Botschaft manche begeisterte und andere
ihr ganz ablehnend gegenüberstanden.
Dann die Woche vor der Kreuzigung. Alles war sehr schnell gegangen... Jesus
scheint es gespürt zu haben, was da auf ihm zukam, denn er redete immer
wieder von seinem kommenden Leiden. Dann das letzte Mahl am Donnerstag, gleich
darauf die Festnahme und am Morgen danach die Kreuzigung.
Wie die anderen Jünger auch, war sicher auch Matthäus bis ins Mark
erschüttert. Schließlich hatten sie alle ihre Hoffnung auf Jesus
gesetzt - und jetzt war er tot. Alle Hoffnungen waren dahin. Matthäus
hatte vom Reich Gottes geträumt und sich vorgestellt wie es sein würde
an der Seite Jesu.
Für die Gegner war die Sache mit der Kreuzigung erledigt. Sie gingen
wieder ihrer Wege, und an ihren Augen konnte Matthäus ablesen was sie
dachten: "Da seht ihr es, was passiert wenn sich jemand einbildet, von Gott
geschickt zu sein. Keinen Finger hat Gott für diesen Jesus krumm gemacht.
Der ist dort genauso elend gestorben wie die beiden anderen Verbrecher links
und rechts neben ihm."
Solche Worte bleiben nicht ohne Folgen. Matthäus kommt ins Grübeln:
vielleicht bin ich wirklich in die Irre gegangen und einem Verführer
nachgelaufen? Und der Tod am Kreuz... ist der vielleicht eine Strafe Gottes,
weil Jesus sich selbst zum Heiland erklärt hat?
Liebe Gemeinde,
ganz verschiedene Gedanken könnten den Jüngern damals durch den
Kopf gegangen sein. Aber eine Überlegung lag ihnen wahrscheinlich ganz
und gar fern: Die Vorstellung dass dieser Tod Jesu am Kreuz irgend etwas
Positives bedeuten könnte.
Und damit kämpfen viele von uns eigentlich auch heute noch. Wir tun
uns mit dem Karfreitag schwer, fragen nach dem "warum" des Sterbens Jesu.
Hätte es nicht auch irgendwie anders gehen können? Will Gott denn
wirklich unbedingt Blut sehen?
Unser heutiger Predigttext kann uns eine Hilfe sein, diesen Weg Jesu Christi
zu verstehen. Er steht beim Propheten Jesaja, im 53. Kapitel. Darin wird
nicht direkt von Jesus gesprochen; von einem Knecht Gottes ist dort die Rede.
Predigttext Teil 1
Er schoß auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus
dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber
da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte.
3 Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller
Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, daß man das Angesicht
vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet.
4 Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich
unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott
geschlagen und gemartert wäre.
5 Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und
um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm,
auf daß wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.
6 Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah
auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn.
7 Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat
seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt
wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen
Mund nicht auf.
8 Er ist aus Angst und Gericht hinweggenommen. Wer aber kann
sein Geschick ermessen? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen,
da er für die Missetat meines Volks geplagt war.
9 Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern,
als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein
Betrug in seinem Munde gewesen ist.
So weit der erste Teil des Predigttextes.
Der Prophet spricht aus der Sicht des Volkes über diesen Knecht Gottes:
"Er war voller Schmerzen und Krankheit. Wir haben ihn verachtet und gedacht
dass Gott ihm geschlagen hätte."
Ein abschätziger Blick der Leute geht da hinüber zu diesem schwächlichen
Häuflein Elend. "Armer Hund - was muss der aushalten - wofür muss
der wohl büßen?"
Der Prophet Jesaja sagt aber etwas ganz anderes: "Er ist um unsrer Missetat
willen verwundet".
So etwas gab es anscheinend schon beim Propheten Jesaja: Menschen erkaufen
sich ihre Stärke durch das Leiden der Schwächeren. Da werden Machtpositionen
durch Unterdrückung gesichert, andere ausgebeutet, belogen, betrogen,
kurz gehalten.
Und gar nicht so selten werden diese Starken bewundert und ihre Opfer verachtet.
Das Cabrio des Anlageberaters wird bewundert - und die Oma, die er um ihre
Ersparnisse gebracht hat, wird höchstens mitleidig belächelt.
Wir trinken gesunden Orangensaft und fühlen uns dabei als gute Menschen,
dabei wird dieser gesunde Saft manchmal unter Bedingungen angebaut, die für
die Bauernfamilien in Südamerika alles andere als gesundheitsfördernd
sind.
Im kleinen und im großen kann man das beobachten: Unsere Stärke
ist oft erkauft durch die Schwäche der anderen, und da geht es manchmal
nicht ohne Schuld ab.
Eine Schwäche will sich aber kaum jemand geben. Wer Schwäche zeigt,
der hat ein Problem, nämlich fehlende Stärke.
Um es mathematisch auszudrücken: Stärke ist etwas wert; Schwäche
bedeutet Abwesenheit von Stärke und ist damit gar nichts wert.
Nun möchte ich ihnen aber die zweite Hälfte unseres Predigttextes
nicht vorenthalten:
10 So wollte ihn der HERR zerschlagen mit Krankheit. Wenn er
sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, wird er Nachkommen haben und
in die Länge leben, und des HERRN Plan wird durch seine Hand gelingen.
11 Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht
schauen und die Fülle haben. Und durch seine Erkenntnis wird er,
mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn
er trägt ihre Sünden.
12 Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben, und er soll
die Starken zum Raube haben, dafür daß er sein Leben in den Tod
gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er
die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter
gebeten.
Haben sie gemerkt, was hier passiert ist? Gott spielt unser Spiel von Stärke
und Schwäche nicht mit. Er kehrt unsere Logik um. Bei ihm ist der Schwache
derjenige, der sein Ziel erreicht, während die Starken seine Beute sind.
Gott ist auf der Seite der Schwachen. Diesen Satz haben sie sicher schon
öfter gehört. Und Jesus hat das auch vorgemacht:
Er hat die Kranken zu sich kommen lassen, sie geheilt.
Mit denen Ausgegrenzten hat er zu Tisch gesessen und sie so in menschliche
Gemeinschaft gerufen.
Der rechtlosen Ehebrecherin, auf die die Steinigung wartete, hat er zu einem
neuen Anfang verholfen.
Gott ist auf der Seite der Schwachen. Dieser Satz hat aber noch eine weiter
gehende Bedeutung: Gott streichelt und tröstet nicht nur die Schwachen,
sondern er läßt uns erfahren, dass die Schwäche auch eine
Stärke sein kann!!
Jesus hat seine Schwäche am Kreuz getragen - und zwar konsequent.
Er hat der Versuchung widerstanden, seinen Vater und die himmlischen Heerscharen
zu Hilfe zu rufen. Er hat die Schwäche, die Machtlosigkeit, ausgehalten.
Er hat zu den Vorwürfen seiner Ankläger geschwiegen, er hat sich
nicht selbst rechtfertigt.
Dazu gehört eine ganz andere Art von Stärke.
Durch die Stärke seiner Schwäche konnte er auch unsere Schuld tragen.
Dieser Weg, den Jesus gegangen ist, ist für uns ein Weg der Befreiung:
Er befreit uns von unserer Sünde, unserer Schuld, er hat unter ihr gelitten,
hat sie getragen und nicht abgeschüttelt - bis zum Tod.
Und wir dürfen uns auch von ihm befreien lassen, von dem Zwang, stark
sein zu müssen und unserer Angst, Schwäche zu zeigen.
Genau so brauchen wir auch vor Gott keine fromme Stärke zeigen, sondern
dürfen auch unsere Schwachheit im Glauben eingestehen.
Was Jesus Christus für uns getan hat, können wir nicht nachmachen.
Aber wir können an ihm lernen:
Schwäche und Leiden müssen kein Mangel eines Lebens sein, sondern
können Stärken der besonderen Art sein.
Amen
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