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Predigt zu Joh 14, 15-19
Jesus hinterlässt keine Waisenkinder
Gehalten von: Alexander
Seidel
Datum: 27. Mai 2001
Liebe Gemeinde,
wir haben den Sonntag nach Himmelfahrt. Ich weiß
nicht, wie es den Jüngern wenige Tage nach der Himmelfahrt Jesu gegangen
ist. Ich kann es nur vermuten.
Sie haben einen Abschied der ganz seltsamen Art
hinter sich. Jesus hat sich vor ihnen und von ihnen verabschiedet, und
ist davongegangen, weg aus ihrer Welt, zurück zum Vater. Damit war
er weg. Vor wenigen Wochen war da dieser erste Abschied bei der Kreuzigung.
Nach Ostern waren sie froh, dass Jesus auferstanden war. - Und jetzt erneut
ein Abschied.
Nur wenige von uns sind Freunde von Abschieden.
Die Aussicht, dass jemand weggeht macht oft traurig. Da sucht man dann
oft nach irgendwas, was den Abschied weniger einschneidend erscheinen lässt.
Man sagt: „Ich besuche euch ja im nächsten Jahr wieder". Oder man
erinnert sich dessen dass wir ja in einer modernen Welt leben, im globalen
Dorf: Da kann man sagen: „wir telefonieren mal wieder, ich bin ja nicht
aus der Welt".
Das hat den Jüngern damals nicht geholfen:
Nicht nur, dass sie nicht telefonieren konnten: Jesus war nun ja wirklich
aus der Welt verschwunden. Sie müssen damit auskommen, dass Jesus
für sie nicht mehr unmittelbar zu Verfügung steht; sie müssen
sich darauf einrichten nun als Jesu Nachfolger auf eigenen Beinen zu stehen.
Im Johannesevangelium finden wir sehr ausführlich
geschrieben, was Jesus noch vor seiner Kreuzigung ihnen mit auf den Weg
gegeben hat ... für die Zeit nach seinem Weggang. Schon am am Himmelfahrtstag
war ein Teil dieser Reden Thema der Predigt. Heute noch einmal:
Joh 14, 15-19
Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote
halten.
Und ich will den Vater bitten, und er wird
euch einen andern Tröster geben, daß er bei euch sei in
Ewigkeit: den Geist der Wahrheit,
den die Welt nicht empfangen kann, denn
sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt
bei euch und wird in euch sein.
Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen;
ich komme zu euch.
Es ist noch eine kleine Zeit, dann wird
mich die Welt nicht mehr sehen. Ihr aber sollt mich sehen, denn ich
lebe, und ihr sollt auch leben.
Liebe Gollhöfer:
um ein Abschiedsgeschenk geht es in dieser Abschiedsrede
Jesu. Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen. Jesus lässt
seine Jünger - und in ihrer Nachfolge ja auch uns - nicht mit leeren
Händen stehen. Nein, er sagt nicht: „ich rufe mal wieder an". Er sagt
auch nicht: „wenns brenzlig wird, kann ich schon mal wider vorbeikommen".
Aber er verspricht ihnen den Geist der Wahrheit. Den wird Gott senden.
Auch in der Evangelienlesung war davon die Rede.
Der Geist, den Jesus verheißt, ist ein großes
Thema im Johannesevangelium. Vom Geist der Wahrheit, vom Tröster,
vom heiligen Geist ist da die Rede. Aber wie soll man sich ihn vorstellen?
Jesus äußert sich da für uns unbefriedigend knapp. Er gibt
uns kaum eine Hilfe, den Heiligen Geist uns vorzustellen. Vielmehr erklärt
er, was dieser Heilige Geist soll, wie er wirkt, wozu er da ist. - Und
das ist ja auch das, was für die Jünger wichtig ist; nicht das
was da zu diesem Begriff in unseren Köpfen herumgeistert.
Ich möchte mit ihnen die drei Eigenschaften
oder Wirkweisen dieses Geistes betrachten, die im heutigen Predigttext
genannt sind:
Der Geist der Wahrheit:
Der Geist der Wahrheit - so nennt Jesus diesen
Geist. Der Geist Jesu Christi führt in die Wahrheit. Bei Geist assoziieren
wir ja oft etwas unbestimmtes, nebulöses, weder Fisch noch Fleisch.
Etwas, was unvorhersehbar ist, vielleicht auch beängstigend - auf
jeden Fall etwas, was nicht allzusehr vertrauenswürdig erscheint.
Aber der Geist, von dem Jesus spricht heißt:
Der Geist der Wahrheit.
Dieser Geist ist durch die Wahrheit Jesu festgelegt
- sozusagen geeicht auf Gott hin. Also nichts mit diffusen Wabbern: Wenn
vom Geist Gottes die Rede ist, dann gehts um den unmittelbaren Brückenschlag
Gottes zu den Menschen.
Wenn es heißt: Der Geist weht wo er will,
dann steckt da die Erfahrung drin, dass wir Menschen nicht beliebig die
Erfahrung mit dem Geist Gottes produzieren können. Aber derjenige,
der am anderen Ende des Brückenschlages steht ist immer der eine Gott.
Die Versuchung liegt schon nahe, dass wir vom
„Geist Jesu" so reden wie vom „Geist von Olympia" oder vom „Geist von Woodstock"
oder im „Geiste unser Gollhöfer Vorfahren". Aber das ist etwas anderes.
Damit meint man ja eine Geisteshaltung, eine Einstellung, oder neudeutsch
einen „Spirit". Der Geist Gottes ist keine Kopf-mäßige Modeerscheinung
wie unsere Geistesströmungen.
Und auch nicht so, dass die Jünger sagten:
„Naja, jetzt ist Jesus weg ... jetzt machen wir halt in seinem Geist weiter".
Das würde ja letztlich heißen, wir machen es so, wie wir meinen,
dass es passt. - Das wäre aber eine furchtbare Einbahnstraße!
Jesus lässt seine Jünger einfach mal nach deren Gutdünken
machen; mal sehn ob es klappt.
Jesu spricht von einem Geist, der von Gott kommt,
der verankert ist bei Gott. Keine fromme Welle, sondern letztlich Gottes
Führung, indem er den Christen richtige Gedanken, richtige Entscheidungen
aufs Herz legt.
Geist und Welt
„Und wie soll das bitteschön gehen", fragt
mich ein kritischer Zeitgenosse.
Und wenn er auch noch ein bisschen spitzfindig
ist, würde er mich auch noch fragen, on wir Christen vielleicht nur
noch vom Heiligen Geist gesteuerte Marionetten sind.
Diesen mehr oder weniger netten Menschen würde
ich schon versuchen zu erklären, wie ich mir das vorstellen kann -
wobei ich selbst ja auch offene Fragen habe. Aber in einer Hinsicht würde
ich mir keine Illusion machen: Wirklich verstehen kann er es nicht, denn
so etwas muss man im Glauben erfahren.
Jesus spricht vom Geist der Wahrheit, den
die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht.
Vielleicht klingt dieser Satz ein bisschen arrogant und exklusiv. Im Johannesevangelium
finden wir immer wieder diese Trennung von denen, die auf Christus vertrauen,
und denen, die ihn ablehnen - der Welt also.
Aber um diese Unterscheidung kommt Jesus hier
nicht herum:
- Wer nicht im Glauben steht, kann es nicht erleben,
wie Gott in sein Leben eingreift, ihn neue Einsichten schenkt.
- Wer sich nie an Gott in seiner Not wendet,
wird auch nicht erfahren, wie es ist, wenn man von Glauben her Trost und
Mut bekommt.
- Wer sich nie etwas von Gott erbeten und erhofft
hat, wird wohl auch nie das, was er bekommt und was er hat als Geschenk
Gottes verstehen können.
Da entzieht sich das Wirken des Geistes einem
sezierenden Zugriff von Außen. Für Außenstehende sieht
es dann doch nebulös und beliebig aus, wie Christen durch den Geist
Gottes angerührt und geführt werden. Man muss die Erfahrung einfach
selbst gemacht haben.
Der Geist der Wahrheit, der Gott den Jüngern
sendet, soll sie auf dem Weg weiterführen, den sie mit Jesus
gegangen sind. Wenn Jesus ihnen sagt: Liebt ihr mich, so werdet ihr meine
Gebote halten, dann wissen sie zwar die Marschrichtung, aber bei konkreten
Problemen und Entscheidungen stehen sie - wie wir auch heute - vor der
Frage: „Was sollen wir tun, welche Entscheidung ist die im Sinne Jesu?"
Das gibt es Momente, in denen steht man wirklich zwischen zwei gleichguten
- oder meistens zwei gleichschlechten - Möglichkeiten. Da hilft dann
oft das ganze Nachdenken nichts mehr; da ist dann für mich die Bitte
um den Heiligen Geist besonders wichtig, dass durch diesen Geist der Wahrheit
dann doch die richtigen Entscheidungen gefällt werden.
Der Tröster
Ein dritter Punkt: Jesus spricht in unserem Predigttext
auch vom Tröster, den er schickt. Tröster - Als Luther
das griechische Wort „Paraklet" so übersetzt hat, war er offensichtlich
selber nicht so ganz zufrieden. Ich habe in Lutherbibel von 1545 nachgesehen:
Dort hat er an den Rand seiner Übersetzung neben das Wort Tröster
eine Erklärung geschrieben: „Paracletus heisset ein Advokat, Fürsprecher
und Beistand vor Gericht, der den Schuldigen stärkt und hilft"
Der Geist ist also auch Beistand; einer der hilft
und einfach da ist, wo man sonst allein wäre. Zuvor war Jesus für
seine Jünger da gewesen, jetzt ist der Heilige Geist derjenige, der
sie die Nähe Jesu Christi spüren lässt, damit sie merken,
dass sie nicht alleingelassen sind.
Wie das passiert kann ganz unterschiedlich sein.
Gott nutzt viele Wege, um uns seine Nähe spüren zu lassen.
- Manchmal gebraucht er andere Menschen dafür,
den er mir über den Weg schickt.
- Ein anderes mal ist es die Tageslosung, die
mir die Gewissheit gibt: Gott denkt an dich.
- oder ich spüre einmal den Rückenwind
des Geistes, der mich in meinem Glauben weiterbringt
- oder oder oder.
Manchmal ganz unauffällig, manchmal merkt
man es deutlicher. Gottes Geist ist am Wirken in seiner Gemeinde: Christus
hat uns, seine Jünger nicht als Waisen zurückgelassen.
Amen
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