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Radioandachten im August 2002 auf Radio 8

Wer ist da noch im Zimmer?

Mitten in der Nacht bin ich aufgewacht. Irgendwas stimmte nicht. Ich spitzte die Ohren. Links neben mir das leise regelmäßige Atmen meiner Frau. Und rechts? Da atmet auch etwas! Aber da kann doch niemand sein! Ist etwa jemand durchs offene Fenster ...? Ganz durcheinander bin ich und knipse das Licht an. Es ist dann doch niemand da gewesen, in unserem Schlafzimmer. Anscheinend hat draußen im Garten ein Tier solche Geräusche gemacht, die sich wie menschliches Atmen anhörten. Da kann man schon erschrecken, wenn man denkt, da ist plötzlich noch jemand mit im Raum.

Hm... Aber eigentlich glaube ich das ja, das da einer steht, den ich nicht sehe! Wenn ich davon rede, dass Gott immer bei uns ist. Dann ist er doch auch irgendwie anwesend.  Anders als bei diesem Schrecken in der Nacht hat das für mich etwas beruhigendes und nichts unheimliches. Was bin ich froh, dass Gott uns Tag und Nacht nahe sein kann, ohne, dass man ihn atmen hört.

 

Elia als Marathonläufer

Der erste biblische Marathonläufer war der Prophet Elia. Von ihm wird erzählt, er sei 40 Tage und 40 Nächte durchmarschiert um aus der Wüste zum Berg Horeb zu gelangen. Eine unglaubliche Leistung. Ganz ohne Doping, Wasserträger oder Mannschaftswagen. Was noch dazu kommt: Kurz vor seinem Lauf war Elia körperlich und geistig am Ende gewesen. Ausgebrannt. Er hatte die Nase voll vom Leben, den Menschen um ihn herum -  und auch von seinem Gott hat er sich nicht mehr viel erhofft.

Über Nacht kam bei ihm die Veränderung:  Wie ein junger Spund machte sich der Prophet auf die Socken und marschierte stramm drauflos. Die Frustration, die Schlaffheit waren wie weggeblasen. Was war passiert? Ein Engel war aufgetaucht, hat ihm ein einfaches Brot und Wasser gebracht.

Die Kohlehydrate waren es wohl nicht, die aus Elia einen Marathonläufer gemacht haben. Wohl eher die Erfahrung, dass sich einer um ihn kümmert, für ihn da ist. Auch wenn er nicht mehr mitbringen kann als einen Brotkanten und ein Krug frisches Wasser. Mehr als diese liebevolle Kleinigkeit hat er anscheinend gar nicht gebraucht.

 

Lieder für den Himmel

Herr Pfarrer, wieviele Lieder müssen wir bis zur Konfirmation auswendig lernen? - Sowas fragen mich Konfirmanden manchmal. Mich hat aber noch keiner gefragt: „Wieviele Lieder und Bibelverse muss ich auswendig können, um in den Himmel zu kommen?“ Zehn oder Hundert? - Und wie ist das, wenn ich mal beim Aufsagen an der Himmelstür stecken bleibe? Gibts einen zweiten Versuch?

Vielleicht ist ihnen die Frage zu albern. Und sie wissen: Gott fordert von uns Menschen keine Verse zum auswendig lernen. Sondern er will, dass wir Glauben haben - Auf ihn vertrauen. Uns nach seinen Worten richten. Wenn ichs mir so überlege: Das ist manchmal eine enorme Herausforderung. Sich auf Gott zu verlassen - ohne wenn und aber - das ist viel anspruchsvoller, als innerhalb eines Lebens 100 Bibelverse zu lernen.

100 Verse, das wäre schön übersichtlich, das könnte ich gut planen und ich wüsste genau, was auf mich zukommt. Eigentlich ein gutes Geschäft. Aber Gott will anscheinend keine aufgesagten Verse hören.

 

Am Sonntag hat Johanna Flügel

Am Sonntag hat unsere Tochter Johanna Flügel. Das hat sie mir beim Puzzlespielen erzählt. Mit ihren drei Jahren weiß sie, dass sie eigentlich keine Flügel hat  ... aber am Sonntag dann eben schon. Überhaupt: Alles was toll und außergewöhnlich ist, worauf sie sich freut, was sie sich wünscht, das legt Johanna zur Zeit auf den geheimnisvollen Termin „Sonntag“. - Unserer Kleinen ist gar nicht bewusst, das der Sonntag halt einer von sieben Wochentagen ist.

Sonntag, das bedeutet für sie: Da ist was besonderes los, da ist alles wunderschön, da habe ich Flügel und brauche auch keinen Schnuller mehr. Vielleicht schafft es Johanna ja noch, dass ich es lerne: Der Sonntag ist ein besonderer Tag. - Ein Geschenk Gottes an seine Menschenkinder -

Darum ist er eigentlich viel zu schade, um an den Dingen weiterzuarbeiten, die an den Werktagen liegen geblieben sind.  Wenn ich den Sonntag frei halte, ihn hoch halte, dann klappt es ja vielleicht auch bei mir: Dass ich am Sonntag Flügel habe.

 

Das Auge ist das Fenster zur Seele

Ich mag nicht mit Sonnenbrillen reden. Ich finde das furchtbar, gerade jetzt im Sommer passierts mir aber immer wieder: Ich rede mit jemanden, der eine Sonnebrille auf der Nase hat - so eine ganz dunkle.  Ich fühle mich dabei einfach nicht wohl. Da spreche ich mit jemandem, und sehe seine Augen nicht. - Da kann ich gleich mit einer Stubenfliege plaudern: Da sehe ich auch nur zwei schwarze Kreise - Aber keine Augen, die fröhlich funkeln können, die nervös den Raum absuchen, die traurig oder entspannt aussehen.

Wenn der andere die Augen hinter seiner Brille versteckt, wenn ich nicht das Spiel seiner Augen sehe, verstehe ich ihn vielleicht nicht richtig. Und letztlich bleibt mir der Andere fremd. Die Augen sind eben die Fenster der Seele. Wenn ich mit Menschen rede, möchte ich seine Augen sehen, und er soll meine sehen können.

Die Augen verstecken, den Rolladen runterlassen, das kann ich zu anderen Zeiten. Zum Beispiel dann, wenn ich im Fernsehen mal wieder bloß reingucke, weils bunt und hektisch ist. Dummerweise habe ich immer wieder trotzdem die Sonnenbrille zur falschen Zeit auf.

 

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